Ein Bestimmungsbuch · Natur
Poetry Slam über die Natur: das Fenster zur Landschaft

Dienstag, 8:40 Uhr, Waldparkplatz.
Die 7c steigt aus dem Bus.
Andrea wartet schon.
Försterin, 51, grüne Jacke, in der Brusttasche ein abgegriffenes Bestimmungsbuch.
Sie hat solche Vormittage schon oft erlebt.
Die Hälfte der Klasse friert, die andere Hälfte filmt.
Und ganz hinten steht einer mit Kapuze und Kopfhörern.
Noel, 13.
„Ich mach nix mit Natur“, sagt er.
Nicht laut, nicht frech.
Einfach als Feststellung.
Andrea nickt.
„Musst du auch nicht“, sagt sie.
Dann drückt sie ihm das Bestimmungsbuch in die Hand.
„Du musst nur aufschreiben, was du findest.“
Noel seufzt, als hätte er gerade eine Strafarbeit bekommen.
Andrea, Noel und die 7c gibt es so nicht. Aber so einen Waldtag kennen viele Klassen – und so einen Noel auch.
Kennst du das?
Du sollst über Natur schreiben.
Und heraus kommt: „Der Wald ist grün, die Vögel singen, die Sonne scheint.“
Klingt wie ein Kalenderblatt.
Oder wie ein Aufsatz aus der Grundschule.
Warum fühlt sich Natur draußen so groß an und auf dem Papier so klein?
Warum klingen so viele Naturtexte gleich?
Und wie schreibst du über einen Baum, ohne dass dein Publikum innerlich einschläft?
Die ehrliche Antwort: Du schreibst zu früh und schaust zu kurz.
Viele Naturbilder in Slamtexten sind keine Beobachtungen.
Es sind Erinnerungen an andere Naturtexte.
Deshalb gehen wir heute bestimmen.
Wie im Wald, nur mit Wörtern.
Jede Art in diesem Bestimmungsbuch ist eine Sorte Naturbild.
Mit Merkmalen, Vorkommen und Verwechslungsgefahr.
Und am Ende kannst du die seltenen Arten von den häufigen unterscheiden.
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Vorkommen – wo sie wächst.
Verwechslungsgefahr – womit du sie leicht verwechselst.
Ein Bestimmungsbuch macht eigentlich nur eins.
Es zwingt dich, genau hinzuschauen.
Nicht „ein Vogel“, sondern welcher.
Nicht „ein Baum“, sondern dieser hier, mit der Narbe in der Rinde.
Genau das braucht dein Text.
Andrea erklärt es der Klasse am ersten Wegweiser.
„Ihr müsst den Wald nicht lieben“, sagt sie.
„Ihr müsst ihn nur genau anschauen.“
Noel verdreht die Augen.
Aber er schlägt das Buch auf.
Seite eins.
Die häufigen Arten
Fangen wir mit der Art an, die du garantiert schon einmal geschrieben hast.
Ich auch, keine Sorge.
Der Postkarten-Sonnenuntergang wächst fast von allein.
Er braucht keine Beobachtung, nur ein Adjektiv.
Und genau das ist sein Problem.
Das Publikum kennt ihn von Kalendern, Kacheln und Werbespots.
Es nickt höflich und denkt an etwas anderes.
Die zweite häufige Art ist noch hartnäckiger.
Sie taucht meistens in der letzten Strophe auf.
Plötzlich wird aus dem Naturtext eine Predigt.
Versteh mich nicht falsch: Haltung ist gut.
Aber eine Mahnung überzeugt fast nur Leute, die schon überzeugt sind.
Ein Bild dagegen erreicht auch die anderen.
Zeig den Bach, in dem früher Kaulquappen waren, und das Publikum zieht den Schluss selbst.
Das wirkt Wunder!
Die übersehenen Arten
Um halb zehn passiert etwas.
Noel bleibt stehen.
Nicht, weil er will.
Sondern weil auf seinem weißen Turnschuh eine Schnecke sitzt.
Eine kleine, mit gestreiftem Haus.
Er hebt den Fuß ganz langsam an und flucht leise.
Dann setzt er die Schnecke auf ein Blatt.
Behutsam.
Andrea sieht es und sagt nichts.
Sie weiß: Das war gerade ein Fund.
Genau das ist die seltene Art.
Das winzige Detail, das nur jemand sieht, der zufällig stehen bleibt.
Kein Kalender druckt eine Schnecke auf einem Turnschuh.
Aber jedes Publikum sieht sie sofort vor sich.
Schon der Titel des nächsten Videos ist ein halber Satz.
Achte beim Zuhören darauf, wie der Text diesen halben Satz weiterführt.
Und merk dir den Moment, in dem du zum ersten Mal wirklich etwas vor dir siehst.
Die zweite übersehene Art wächst nicht im Wald.
Sie wächst auf dem Weg dorthin.
Der Löwenzahn in der Ritze vor dem Supermarkt.
Das Moos auf dem Dach der Bushaltestelle.
Der Fuchs, der nachts über den leeren Parkplatz trabt, als gehöre er ihm.
Auch das ist Natur.
Und oft ist sie spannender, weil sie sich gegen den Beton behauptet.
Bonus: Wer in der Stadt wohnt, muss für einen Naturtext nicht erst in den Urlaub fahren.
Die Rückenfigur
Diese Art hat einen berühmten Entdecker.
Caspar David Friedrich wurde 1774 in Greifswald geboren und gilt als großer Maler der Romantik.
So ist es überliefert.
Auf vielen seiner Bilder stehen Menschen mit dem Rücken zu uns.
Sie schauen in die Weite, aufs Meer, in den Nebel.
Wir sehen nicht ihr Gesicht.
Wir sehen, wohin sie schauen.
Und plötzlich stehen wir selbst dort.
Das kannst du im Text genauso machen.
Schreib nicht: „Ich war tief berührt.“
Schreib: „Ich stand am Waldrand, und hinter mir wurde der Parkplatz leise.“
Das Gefühl entsteht dann im Publikum.
Nicht auf deinem Zettel.
Also merke: Die stärkste Natur im Text hat einen Menschen davor.

Der Bestimmungsschlüssel
In der Botanik arbeitet man mit Schlüsseln wie diesem.
Man beantwortet eine Frage mit Ja oder Nein und kommt zur nächsten.
Am Ende steht der Name der Art.
Du machst das jetzt mit deinem Naturbild.
Nimm den ersten Satz deines Entwurfs und schick ihn durch.
Nur was bis zur letzten Stufe kommt, darf bleiben.
Streng?
Ja.
Aber dein Publikum ist noch strenger.
Auch Noel lernt an diesem Vormittag, wie genau Bestimmen sein kann.
Er hebt einen Zapfen auf und sagt: „Tannenzapfen.“
„Fichte“, sagt Andrea.
„Tannenzapfen fallen nicht als Ganzes vom Baum.“
Noel schaut sie an, als hätte sie ihm gerade ein Geheimnis verraten.
Dann schreibt er es auf.
Noch ein Text, bei dem schon der Titel mit Sprache spielt.
Achte darauf, was das Wortspiel mit deiner Erwartung macht, bevor der erste Satz fällt.
Und ob du danach anders in den Wald schaust.
Deine Feldnotizen
Jetzt bist du dran.
Geh raus.
Park, Hinterhof, Bahndamm, Wald, ganz egal.
Nimm kein Handy mit, nur einen Stift.
Bleib zehn Minuten an einer einzigen Stelle.
Und schreib auf, was du findest.
Eine Sache, die du siehst.
Eine, die du hörst.
Eine, die du riechst.
Eine, die du anfassen kannst.
Und eine, die dich überrascht.
Fünf Funde.
Daraus baust du deinen Text, nicht aus dem, was Naturtexte angeblich brauchen.
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Jetzt Kanal folgenNoels Eintrag
Drei Wochen später veranstaltet die 7c einen kleinen Slam in der Aula.
Thema: der Waldtag.
Andrea sitzt in der Jury, eine Wertungstafel auf dem Schoß.
Die meisten Texte sind nett.
Es fallen viele Sonnenstrahlen durch viele Blätterdächer.
Dann tritt Noel auf.
Ohne Kapuze.
Sein Text heißt „Nix mit Natur“.
Er zählt auf, was ihm an diesem Dienstag alles egal war.
Die Schnecke auf dem Turnschuh.
Der Zapfen, der kein Tannenzapfen war.
Das Harz an den Fingern, das drei Tage nicht abging.
Der Specht, den er zuerst für eine Baustelle hielt.
Mit jeder Zeile wird die Liste länger.
Und das Publikum merkt, dass hier einer alles gesehen hat, obwohl er nichts sehen wollte.
Dann sein letzter Satz.
Ich mach immer noch nix mit Natur. Aber die Natur macht was mit mir.
Andrea hebt ihre Tafel.
Eine Zehn.
Am nächsten Tag hängt Noels Text im Forsthaus, direkt neben der Karte vom Revier.
Also merke: Du musst die Natur nicht lieben, um über sie zu schreiben.
Du musst nur stehen bleiben, wenn eine Schnecke auf deinem Schuh sitzt.
