Poetry Slam für Jugendliche: der erste eigene Fahrschein

99 Hacks · für Jugendliche

Poetry Slam für Jugendliche: der erste eigene Fahrschein

Poetry Slam für Jugendliche: ein junger Waschbär hält einen Fahrschein in den Pfoten
Der erste eigene Fahrschein · bahn-slam.de

Donnerstag, 18:55 Uhr.

Jugendzentrum, Raum 2.

Fünfzig Stühle, ein Mikro, eine Lichterkette.

Heute ist U20-Slam.

Emma ist fünfzehn.

Sie steht auf der Liste, als Nummer vier.

In ihrer Jackentasche steckt ein Zettel mit einem Text über ihren kleinen Bruder.

Sie hat ihn sechsmal umgeschrieben.

Jetzt ist ihr schlecht.

Ihre beste Freundin Mo hält ihre Hand und sagt: „Du kannst immer noch gehen.“

Emma schaut zur Tür.

Dann zur Bühne.

Dann wieder zur Tür.

Was sie macht, verrate ich dir ganz am Ende.

Nach Hack Nummer 99.

Emma und Mo sind erfunden. Aber jeden Donnerstag steht irgendwo eine Emma zwischen Tür und Bühne.

Vielleicht bist du gerade diese Emma.

Du willst schreiben.

Vielleicht sogar auftreten.

Aber du weißt nicht, wie.

Oder ob du das überhaupt kannst.

Kann ich dir sagen: Du kannst.

Poetry Slam ist wahrscheinlich die Bühne, die am freundlichsten zu Anfängern ist.

Kein Casting.

Kein Vorsingen.

Keine Noten.

Du meldest dich an, und du bist dabei.

Damit du nicht ins kalte Wasser springst, gibt es heute keine sechs Tipps.

Es gibt 99.

Neun Fahrscheine mit je elf Hacks.

Vom ersten Gedanken bis zum Applaus.

Du musst nicht alle ausprobieren.

Such dir fünf aus.

Die anderen laufen dir nicht weg.

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Fahrschein 1 bis 3: der Text

Alles beginnt mit einem Thema.

Und das Thema liegt meistens direkt vor deiner Nase.

Fahrschein 1 · Themen findenGültig ab sofort
1Schreib auf, was dich heute wütend gemacht hat – Wut ist Treibstoff.
2Leg dir eine Notiz-App nur für Sätze an, die du irgendwo aufschnappst.
3Frag dich: Worüber streite ich mit meinen Eltern am häufigsten?
4Schreib einen Liebesbrief an etwas Unmögliches, zum Beispiel an dein Ladekabel.
5Nimm eine Schulregel und nimm sie wörtlich.
6Mach eine Liste mit zehn Dingen, die du nie laut sagen würdest, und nimm die harmloseste.
7Beobachte eine ganze Busfahrt lang nur Menschen.
8Schreib über den Ort, an dem du am meisten du selbst bist.
9Dreh ein Klischee um: Was, wenn der Streber der eigentliche Rebell ist?
10Frag deine Großeltern, was sie mit fünfzehn beschäftigt hat.
11Wenn dir nichts einfällt, schreib über das Nichts-Einfallen.

Nummer 1 ist mein Lieblingshack.

Denn Wut ist ehrlich.

Und Ehrlichkeit ist auf einer Slambühne das Wertvollste, was du mitbringen kannst.

Jetzt wird geschrieben.

Fahrschein 2 · SchreibenGültig ab sofort
12Fang mitten in der Szene an, nicht beim Wetter.
13Schreib die erste Fassung schnell und schlecht – niemand sieht sie.
14Ein Text, ein Gedanke: Wer drei Themen hat, hat drei Texte.
15Schreib für eine einzige Person im Publikum.
16Zeig Gegenstände statt Gefühle: die zerknüllte Kinokarte statt „Ich war traurig“.
17Plane eine Wende, eine Stelle, an der der Text kippt.
18Schreib 15 Minuten am Stück, dann mach Pause.
19Schreib so, wie du redest, nicht so, wie du Aufsätze schreibst.
20Lass Reime weg, wenn sie dich zwingen, Unsinn zu sagen.
21Schreib den letzten Satz zuerst – dann findet der Text seinen Weg.
22Schreib mit der Hand, wenn der Bildschirm dich blockiert.

Und dann kommt der Feinschliff.

Fahrschein 3 · SpracheGültig ab sofort
23Kurze Sätze wirken auf der Bühne doppelt.
24Wiederhol einen Satz dreimal, und jedes Mal bedeutet er etwas anderes.
25Tausch „sehr“ gegen ein stärkeres Wort.
26Streich „eigentlich“, „irgendwie“ und „halt“.
27Erfinde ein Wort, wenn es keins gibt.
28Nimm Zahlen: „siebzehn ungelesene Nachrichten“ ist stärker als „viele“.
29Sprich das Publikum direkt an, aber nicht ständig.
30Ein gutes Bild schlägt zehn Adjektive.
31Misch Umgangssprache mit großen Worten – der Kontrast macht es spannend.
32Leih dir den Rhythmus von Songs, die du liebst, aber keine Zeilen.
33Lies laut: Was stolpert, fliegt raus.

Du willst sehen, wie jemand aus dem Alltag einen ganzen Auftritt macht?

Aus etwas, das du vermutlich selbst jeden Tag tust?

Dann schau hier rein.

Patrick Salmen · „Mit dem Swipen sieht man besser“ · Kampf der Künste

Achte beim Zuschauen darauf, wie viele Hacks aus Fahrschein 3 du wiederfindest.

Kurze Sätze?

Direkte Ansprache?

Zahlen?

Zähl mit.

Fahrschein 4 bis 6: der Weg zur Bühne

Fahrschein 4 · ÜberarbeitenGültig ab sofort
34Lass den Text einen Tag liegen, bevor du ihn überarbeitest.
35Streich probeweise den ersten Absatz und schau, ob der Text besser anfängt.
36Markier jede Stelle, bei der du dich selbst langweilst.
37Frag eine Person nur: Welcher Satz ist hängen geblieben?
38Ersetz die schwächste Pointe durch Stille.
39Zähl die „ich“ – wenn es zu viele sind, erzähl von anderen.
40Prüf jede Übertreibung: Ist sie lustig oder nur laut?
41Kürz auf fünf Minuten, selbst wenn das Limit sieben beträgt.
42Heb eine Fassung auf, die dir peinlich ist; sie zeigt dir später, wie weit du gekommen bist.
43Mach aus Erklärungen Szenen.
44Ein Text ist nie perfekt, nur irgendwann fertig.

Nummer 44 klingt hart.

Ist aber befreiend.

Kein Text wird je perfekt.

Wenn du darauf wartest, trittst du nie auf.

Und jetzt kommt der Teil, vor dem die meisten Angst haben.

Fahrschein 5 · MutGültig ab sofort
45Lampenfieber ist Energie, kein Warnsignal.
46Alle im Publikum wollen, dass du gut bist.
47Geh zuerst einmal als Zuschauerin oder Zuschauer zu einem Slam.
48Melde dich für einen U20-Slam an – da sind alle ungefähr in deinem Alter.
49Sag der Moderation, dass es dein erster Auftritt ist; das Publikum ist dann besonders herzlich.
50Atme vor dem Auftritt länger aus als ein.
51Such dir hinten im Raum einen Punkt, an dem dein Blick ausruhen darf.
52Nimm den Zettel mit, auch wenn du auswendig kannst.
53Wenn du hängen bleibst: Pause, lächeln, weiterlesen.
54Ein Versprecher ist kein Weltuntergang, sondern der Beweis, dass du live bist.
55Nach fünf Minuten ist es vorbei, versprochen.

Kein Bullshit: Lampenfieber geht nicht weg.

Auch nicht nach hundert Auftritten.

Aber es verändert sich.

Aus Angst wird Aufregung.

Und Aufregung ist genau die Energie, die ein Publikum spürt.

Ein junger Waschbär schaut aus dem Zugfenster auf die vorbeiziehende Landschaft
Blick aus dem Zugfenster · bahn-slam.de
Fahrschein 6 · ÜbenGültig ab sofort
56Üb laut, nicht im Kopf.
57Nimm dich mit dem Handy auf und hör es dir einmal an.
58Üb die ersten drei Sätze vor dem Spiegel.
59Probier den Text in drei Tempi: langsam, normal, zu schnell.
60Markier Pausen mit Schrägstrichen.
61Üb vor jemandem, der ehrlich ist, aber nett.
62Stopp bei jedem Durchgang die Zeit.
63Üb im Stehen, so wie später auf der Bühne.
64Probier eine Stelle geflüstert.
65Lern Anfang und Ende auswendig, den Rest kennst du dann vom Üben.
66Hör nach dem fünften Durchgang auf, sonst wird es mechanisch.

Fahrschein 7 bis 9: Bühne und danach

Fahrschein 7 · BühneGültig ab sofort
67Geh ruhig ans Mikro und stell es auf deine Höhe ein.
68Warte, bis es still ist, bevor du anfängst.
69Halt das Mikro etwa eine Handbreit vor den Mund.
70Schau nach jedem Absatz einmal hoch.
71Lass Lacher ausklingen, bevor du weitersprichst.
72Wenn es still wird: gut so, nicht beeilen.
73Beweg dich nur, wenn der Text es braucht.
74Sprich den letzten Satz langsamer als alle anderen.
75Bleib nach dem letzten Satz einen Moment stehen.
76Sag „Danke“, nicht „Sorry“.
77Genieß den Applaus, du hast ihn dir verdient.

Nummer 76 ist wichtiger, als du denkst.

Wer nach dem Auftritt „Sorry“ sagt, entschuldigt sich für seinen Text.

Tu das nie.

Du hast dich getraut.

Dafür entschuldigt man sich nicht.

Fahrschein 8 · DanachGültig ab sofort
78Punkte sind Wetterbericht, kein Urteil.
79Sprich mit den anderen Slammern – die meisten sind ausgesprochen freundlich.
80Schreib noch am selben Abend auf, welche Stelle funktioniert hat.
81Hol dir Feedback nur von Menschen, deren Texte du magst.
82Vergleich dich nicht mit Leuten, die seit zehn Jahren auftreten.
83Lief es schlecht: Das war Training.
84Lief es gut: Das war auch Training.
85Sei auf dem Heimweg nett zu dir.
86Überarbeite den Text trotzdem, auch wenn er gewonnen hat.
87Bedank dich bei der Moderation.
88Schlaf eine Nacht drüber, bevor du deinen Text im Netz postest.

Nummer 78 solltest du dir auf die Hand schreiben.

Die Punkte hängen davon ab, wer an diesem Abend in der Jury sitzt.

Wer vor dir dran war.

Ob die Leute schon müde sind.

Sie sagen wenig über deinen Text.

Und nichts über dich.

Fahrschein 9 · WeitermachenGültig ab sofort
89Such nach Slams in deiner Nähe, oft laden Jugendzentren, Bibliotheken und Kulturvereine dazu ein.
90Frag an deiner Schule nach einer Slam-AG, oder gründe eine.
91Schau dir Auftritte im Netz an, aber schreib nicht ab.
92Probier einen Teamtext mit einer Freundin oder einem Freund.
93Tauscht Texte und gebt euch zwei Sterne und einen Wunsch.
94Lies Bücher, auch alte Gedichte – sie füllen deinen Werkzeugkasten.
95Schreib jede Woche einen Text, auch wenn es nur zehn Zeilen sind.
96Heb alte Texte auf, manchmal steckt im schlechten Text ein guter Satz.
97Fahr mal zu einem Slam in einer anderen Stadt.
98Denk dran: Die meisten Profis haben genau so angefangen wie du.
99Und der wichtigste Hack von allen: Geh einfach hin.

Nummer 92 probierst du am besten gleich aus.

Zu zweit auf der Bühne ist nämlich alles nur halb so wild.

Wie so ein Teamgedanke klingen kann, zeigt dir schon der Titel dieses Auftritts.

Felix Treder · „Tandem“ · Kampf der Künste

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Deine Auswahl

99 Hacks sind viel.

Zu viel für eine Woche.

Also such dir fünf aus.

Hier ist mein Vorschlag für den Anfang.

Deine Top 5 – kreuz an, was du diese Woche ausprobierst

Kurze Frage

Du bleibst auf der Bühne mitten im Text hängen. Was tust du?

Auflösung anzeigen

Pause, lächeln, Zettel, weiter. Das Publikum nimmt dir eine Pause nicht übel – es nimmt sie oft nicht einmal als Fehler wahr. Ein „Sorry“ dagegen macht den Hänger erst sichtbar. Und abbrechen musst du nie: Der Zettel ist genau für diesen Moment da.

Und jetzt bist du dran.

Welcher Hack fehlt hier noch?

Nichts wird gespeichert. Das hier ist nur für dich.

Und Emma?

Donnerstag, 19:40 Uhr.

Die Moderatorin ruft: „Nummer vier – Emma!“

Mo drückt noch einmal ihre Hand.

Emma steht auf.

Sie geht nach vorn.

Sie stellt das Mikro auf ihre Höhe.

Sie wartet, bis es still ist.

Dann liest sie.

Über ihren kleinen Bruder, der jede Nacht das Licht im Flur anlässt.

Nach dem dritten Satz bleibt sie hängen.

Stille.

Emma macht eine Pause.

Sie lächelt.

Sie schaut auf den Zettel.

Und liest weiter.

Keiner im Raum hat gemerkt, dass das ein Hänger war.

Alle dachten, das gehört so.

Am Ende wird sie Dritte.

Aber das Beste kommt danach.

Ein Mädchen, vielleicht zwölf, tippt ihr auf die Schulter.

„Wie hast du dich das getraut?“

Emma überlegt kurz.

Dann sagt sie: „Ich bin einfach hingegangen.“

Hack Nummer 99.

Der wichtigste von allen.

Dein Fahrschein ist gültig.

Ab sofort.

Steig ein.


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Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

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— Stephan Pinkwart —

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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