Ein Zeitstrahl · Feminismus
Poetry Slam über Feminismus: wer den Zug fährt

Sonntagnachmittag bei Oma Ilse.
Kaffee, Streuselkuchen, die gute Tischdecke.
Greta, 16, erzählt von der Schule.
Zum Frauentag am 8. März gibt es einen Slam in der Aula.
Sie soll mitmachen.
„Aber worüber soll ich schreiben?“, sagt Greta.
„Feminismus ist doch irgendwie erledigt.“
Oma Ilse stellt ihre Tasse ab.
Dann erzählt sie von 1974.
Von ihrem ersten Tag im Büro.
Und von der Frage, die der Personalchef ihr gestellt hat.
Greta hört zu.
Und schreibt noch am selben Abend.
Was sie geschrieben hat, liest du am Ende.
Greta und Oma Ilse sind erfunden. Alle Jahreszahlen auf dem Zeitstrahl sind echt und belegt.
Feminismus.
Bei kaum einem Wort gehen die Augenbrauen so schnell hoch.
Die einen sagen: längst erledigt.
Die anderen sagen: Wir fangen gerade erst an.
Kennst du das?
Du willst über Gleichberechtigung schreiben.
Aber du hast Angst, dass es nach Predigt klingt.
Oder nach Schulbuch.
Oder dass die Hälfte des Publikums innerlich abschaltet.
Heute zeige ich dir einen Weg, der funktioniert.
Er heißt: Zeitstrahl.
Echte Daten.
Echte Menschen.
Und zu jeder Station ein Impuls für deinen eigenen Text.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenStrecke 1: die Stimme
Alles beginnt mit einer Frage.
Wer darf mitreden?
Strecke 1 · Die Stimme
1918
12. November
In Deutschland wird das Frauenwahlrecht ausgerufen.
1919
19. Januar
Frauen wählen zum ersten Mal. Über 82 Prozent der wahlberechtigten Frauen gehen hin, 37 Frauen ziehen in die Nationalversammlung ein.
Slam-Impuls · Schreib über einen ersten Moment: das erste Mal, dass du etwas durftest, was vorher nicht ging.
1919
19. Februar
Marie Juchacz hält als erste Frau eine Rede in einem deutschen Parlament. Sie beginnt mit „Meine Herren und Damen!“ – das Protokoll vermerkt Heiterkeit.
Slam-Impuls · Zwei vertauschte Wörter, und der ganze Saal versteht die Botschaft. Such die Umkehrung in deinem Thema.
Die Rede von Marie Juchacz ist für mich einer der besten Slam-Momente, bevor es Slam überhaupt gab.
Zwei Wörter vertauscht.
Und alle im Saal verstehen sofort, dass sich gerade etwas verändert.
Das ist genau das, was ein guter Slamtext kann.
Mit einem kleinen Dreh etwas Großes zeigen.
Strecke 2: das Gesetz
Wählen dürfen ist das eine.
Gleiche Rechte im Alltag sind etwas ganz anderes.
Strecke 2 · Das Gesetz
1949
23. Mai
Das Grundgesetz wird verkündet. Artikel 3, Absatz 2: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Die Juristin Elisabeth Selbert hatte hart für diesen Satz gekämpft.
Slam-Impuls · Ein einziger Satz kann ein Land verändern. Welcher Satz ist deiner?
1958
1. Juli
Das Gleichberechtigungsgesetz tritt in Kraft und soll das Familienrecht an Artikel 3 anpassen.
1977
1. Juli
Die Reform des Ehe- und Familienrechts tritt in Kraft. Vorher stand im Gesetz, dass eine Ehefrau nur arbeiten darf, soweit das mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.
Slam-Impuls · Frag die Älteren in deiner Familie, wie das für sie war. Dort liegen die Geschichten, die kein Schulbuch erzählt.
Lies die Station 1977 noch einmal.
Das ist nicht lange her.
Viele Großmütter von heute haben genau diese Zeit erlebt.
Und genau hier liegt dein Stoff.
Nicht im Schulbuch.
Am Kaffeetisch.
Strecke 3: die Freiheit

Strecke 3 · Der Körper und die Freiheit
1971
7. Februar
Die Schweiz führt das Frauenstimm- und Wahlrecht auf Bundesebene ein.
1990
27. November
Das Bundesgericht zwingt den Kanton Appenzell Innerrhoden, Frauen auch auf kantonaler Ebene abstimmen zu lassen.
Slam-Impuls · Manche Veränderungen kommen nicht freiwillig. Wer bremst in deinem Text – und warum?
1997
Juli
In Deutschland wird Vergewaltigung in der Ehe strafbar.
2016
November
Im deutschen Sexualstrafrecht gilt „Nein heißt Nein“.
Slam-Impuls · Manches ist erst seit Kurzem selbstverständlich. Das darf in einem Text wütend machen.
Heute
Deine Station
Was soll hier in zehn Jahren stehen?
Die Schweizer Station hat eine Slammerin zum Jubiläum aufgegriffen.
Fünfzig Jahre nach 1971.
Achte darauf, wie Geschichte hier klingt.
Nicht wie eine Liste von Jahreszahlen.
Sondern wie etwas, das mit uns heute zu tun hat.
Wie du darüber schreibst
Jetzt hast du Fakten.
Aber Fakten allein machen noch keinen Text.
Hier ist, worauf es ankommt.
So schreibst du über Feminismus, ohne zu predigen
- Persönlich statt Parole. Eine Geschichte aus deiner Familie schlägt jede Forderung.
- Fakten prüfen. Ein falsches Datum und die ganze Wut wirkt unglaubwürdig.
- Humor erlaubt. Ironie entlarvt oft mehr als Empörung.
- Alle mitnehmen. Gleichberechtigung betrifft nicht nur Frauen. Schreib so, dass auch die Männer im Publikum zuhören wollen.
- Keine Opferrolle. Zeig Frauen als Handelnde, nicht nur als Betroffene.
Der vierte Punkt ist mir besonders wichtig.
Ein Text über Gleichberechtigung, bei dem die Hälfte des Publikums abschaltet, verschenkt seine Kraft.
Also merke: Gleichberechtigung ist kein Frauenthema.
Es ist ein Menschenthema.
Und Humor kann dabei Türen öffnen, die Empörung verschließt.
Wie Ironie bei diesem Thema klingen kann, zeigt dieser Titel schon.
Frag dich beim Zuschauen: Wo lacht das Publikum?
Und was genau hat es in diesem Moment verstanden?
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Bevor du auf die Bühne gehst, geh einmal durch diese Liste.
Und dann die wichtigste Frage.
Was soll in zehn Jahren auf dem Zeitstrahl stehen?
Und Greta?
8. März, Aula, halb zwölf.
Greta ist die Dritte.
In der letzten Reihe sitzt Oma Ilse, mit Hut.
Greta tritt ans Mikro.
Sie wartet, bis es ruhig ist.
Dann sagt sie ihren ersten Satz.
Aus Gretas Text
Meine Herren und Damen!
Ja, genau so.
Das hat 1919 schon mal jemand gesagt, und alle haben gelacht.
Meine Oma hat 1974 im Büro angefangen.
Der Personalchef hat gefragt, ob ihr Mann einverstanden ist.
Sie hat „Ja“ gesagt.
Er hat es nie erfahren.
Oma, du bist den Zug nicht gefahren.
Das durftest du nicht.
Aber du hast die Gleise gelegt.
Und jetzt sitze ich vorne im Führerstand.
Beim ersten Satz lacht die Aula.
Genau wie 1919.
Bei der Frage des Personalchefs wird es still.
Beim letzten Satz schaut Greta in die letzte Reihe.
Oma Ilse nimmt den Hut ab.
Und steht auf.
Dann steht die ganze Aula.
Nach dem Slam kommen drei Jungs aus der Zehnten zu Greta.
Einer sagt: „Ich wusste das mit 1977 echt nicht.“
Ein anderer fragt, ob er den Text für seine Mutter haben kann.
Das ist Feminismus im Poetry Slam.
Kein Zeigefinger.
Eine Geschichte vom Kaffeetisch, die eine ganze Aula aufstehen lässt.
Und du?
Wer in deiner Familie hat die Gleise gelegt?
Frag nach.
Heute noch.
