Wortspiele im Poetry Slam: ein Wort, zwei Richtungen

Wortspiele im Poetry Slam: ein Wort, zwei Richtungen

Wortspiele Poetry Slam: eine Weiche, an der sich ein Gleis in zwei Richtungen teilt
bahn-slam.de

Wortspiele sind eine Geheimwaffe im Poetry Slam.

Ein gutes Wortspiel bringt den Saal in einer Sekunde zum Lachen.

Oder es lässt ihn kurz die Luft anhalten.

Weil plötzlich zwei Bedeutungen gleichzeitig da sind.

Genau das ist der Trick.

Ein Wort kann in zwei Richtungen zeigen.

Und du schickst den Zuhörer auf beide zugleich.

Wie ein Gleis, das sich an einer Weiche teilt.

Darum geht es in diesem Text.

Um die Weichen in deiner Sprache.

Wortspiele im Poetry Slam: ein Wort, zwei Richtungen

Was ist ein Wortspiel überhaupt?

Ein Wortspiel nutzt aus, dass ein Wort mehr als eine Bedeutung hat.

Oder dass zwei Wörter fast gleich klingen.

Der Zuhörer hört das Wort und denkt an die eine Bedeutung.

Und im nächsten Moment kippt es in die andere.

Dieser Sprung ist das Wortspiel.

Denk an eine Weiche im Gleis.

Ein Zug fährt auf sie zu.

Und die Weiche entscheidet, wohin er rollt.

Links oder rechts.

Ein Wortspiel ist genau so eine Weiche.

Das Wort steht da wie ein Weichenpunkt.

Und der Satz kann in zwei Richtungen weiterfahren.

Das Besondere ist: Beim Wortspiel spürst du beide Richtungen zugleich.

Du hörst die eine und ahnst die andere.

Dieser doppelte Boden macht den Reiz.

Und oft auch den Witz.

Denn das Gehirn liebt es, wenn es beide Gleise auf einmal sieht.

Es fühlt sich clever dabei.

Und Cleverness macht gute Laune.

Ein kleines Beispiel.

Das Wort Bank.

Es kann eine Sitzbank sein.

Oder ein Geldhaus.

Sagst du, jemand sitzt auf der Bank und wird trotzdem nicht reich, kippt das Bild.

Zwei Bedeutungen treffen sich in einem Wort.

Das ist ein einfaches Wortspiel.

Die Weiche steht auf dem Wort Bank.

Und der Satz fährt in zwei Richtungen.

Solche Weichen stecken überall in der Sprache.

Man muss nur lernen, sie zu sehen.

Am Anfang übersieht man sie.

Mit der Zeit fallen sie einem überall auf.

In Werbespots, in Zeitungsschlagzeilen, im Gespräch.

Plötzlich hörst du die Doppelbedeutungen heraus.

Und dein eigener Text profitiert davon.

Wie du überhaupt neue Wörter und Bilder findest, steht hier: neue Wörter erfinden.

Die wichtigsten Arten von Wortspielen

Wortspiele gibt es in vielen Formen.

Ein paar solltest du kennen.

Die erste ist die Doppeldeutigkeit.

Ein Wort hat zwei Bedeutungen, wie bei der Bank.

Du sagst das eine und meinst beides.

Das ist die klassische Weiche.

Sie ist am leichtesten zu bauen.

Und oft die stärkste.

Die zweite Art ist der Gleichklang.

Zwei Wörter klingen fast gleich, meinen aber etwas anderes.

Leere und Lehre zum Beispiel.

Ein Slammer nannte einen Text einmal „Hauswirtschaftsleere“.

Aus der Lehre wurde die Leere.

Ein einziger Buchstabe, und der Sinn springt.

Das ist eine sehr feine Weiche.

Sie liegt im Klang versteckt.

Die dritte Art ist die verdrehte Redewendung.

Du nimmst einen bekannten Spruch und biegst ihn um.

Aus „Wer anderen eine Grube gräbt“ wird etwas Neues.

Der Zuhörer kennt den Anfang und erwartet das gewohnte Ende.

Und dann kommt eine andere Weiche.

Die Überraschung sitzt genau an der Stelle, wo er sich sicher fühlte.

Heinz Erhardt war ein Meister genau dieser Kunst.

Die vierte Art ist das Kofferwort.

Du steckst zwei Wörter in eines.

So wie man zwei Sachen in einen Koffer packt.

Aus Jein wird ein Wort für Ja und Nein zugleich.

Das erfindet eine neue Weiche, die es vorher nicht gab.

Mit diesen vier Arten hast du schon einen vollen Werkzeugkasten.

Doppeldeutigkeit, Gleichklang, verdrehte Redewendung, Kofferwort.

Vier Weichen für deinen Text.

Julius Keinath · Hauswirtschaftsleere · Kampf der Künste TV

Warum Wortspiele im Saal so gut wirken

Warum lacht ein Saal über ein gutes Wortspiel?

Es liegt am Überraschungsmoment.

Die Weiche klickt.

Und der Zuhörer merkt es erst eine halbe Sekunde später.

Genau diese kurze Verzögerung ist der Lacher.

Das Gehirn sieht plötzlich beide Gleise.

Und freut sich, dass es den Trick durchschaut hat.

Ein Wortspiel macht den Zuhörer zum Mitwisser.

Er hat mitgedacht und wird belohnt.

Dieses Gefühl ist herrlich.

Und Wortspiele sind schnell.

Das passt perfekt zur Bühne.

Auf der Bühne hast du keine Zeit für lange Erklärungen.

Ein Wortspiel wirkt in einer einzigen Sekunde.

Es packt viel Bedeutung in wenige Worte.

Zwei Gleise in einem Wort.

Das ist Verdichtung in Reinform.

Und Verdichtung ist im Slam Gold wert.

Aber es gibt eine Bedingung.

Das Wortspiel muss beim ersten Hören verstanden werden.

Sofort.

Denn der Saal kann nicht zurückspulen.

Ein zu verstecktes Wortspiel geht ins Leere.

Die Weiche liegt dann so tief, dass keiner sie sieht.

Das beste Wortspiel ist beides.

Sofort klar und trotzdem überraschend.

Klar genug, dass alle mitkommen.

Überraschend genug, dass es kitzelt.

Diese Balance ist die eigentliche Kunst.

Ein zu leichtes Wortspiel ist langweilig.

Ein zu schweres versteht keiner.

Dazwischen liegt der süße Punkt.

Dort, wo der Saal es gerade so schnell versteht, dass es ihn überrascht.

Wie du überhaupt Pointen sauber baust und landest, steht hier: Pointen bauen.

Wortspiele Poetry Slam: Nahaufnahme des beweglichen Weichenherzens, wo sich zwei Schienen treffen
bahn-slam.de

Heinz Erhardt: der Weichensteller der Sprache

Für die Kunst des Wortspiels gibt es in Deutschland einen Namen.

Heinz Erhardt.

Du kennst ihn schon aus dem Kasten oben.

Über Jahrzehnte brachte er Millionen zum Lachen.

Nicht mit platten Witzen.

Sondern mit der reinen Freude an der Sprache.

Er verdrehte Redewendungen, bis sie neu funkelten.

Er erfand Wörter, die es vorher nicht gab.

Er schickte die Sprache immer wieder auf ein zweites Gleis.

Sein Gedicht „Die Made“ ist berühmt.

Eine kleine Geschichte über ein Madenkind.

Und sie lebt fast nur von Wortspielen.

Ein Wort, und der Sinn springt.

Man liest es und muss grinsen.

Und liest es noch einmal, weil man es kaum glauben kann.

So dicht hat er die Weichen gelegt.

Eine nach der anderen, ganz leicht und beiläufig.

Was war Erhardts Geheimnis?

Seine Wortspiele kamen nie mit Gewalt.

Sie wuchsen aus dem Text heraus.

Sie fühlten sich an, als wären sie schon immer da gewesen.

Als hätte die Sprache selbst sie versteckt, und er hätte sie nur gefunden.

Das ist der Unterschied zwischen Kunst und Kalauer.

Der Kalauer wird an den Haaren herbeigezogen.

Das Wortspiel wird gefunden.

Sei ein Weichensteller wie Erhardt.

Einer, der die Weichen legt, die schon in der Sprache lagen.

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Wann Wortspiele nerven

So schön Wortspiele sind, sie haben eine dunkle Seite.

Zu viele davon nerven.

Wenn in jeder Zeile eine Weiche klickt, wird es anstrengend.

Der Saal kommt aus dem Stöhnen nicht mehr raus.

Ein Wortspiel überrascht.

Zwanzig hintereinander überraschen niemanden mehr.

Sie werden vorhersehbar.

Und das Gegenteil von Witz ist Vorhersehbarkeit.

Der schlimmste Fall ist der Kalauer.

Das ist das an den Haaren herbeigezogene Wortspiel.

Man merkt, dass es mit Gewalt hineingepresst wurde.

Die Weiche liegt quer und der Zug entgleist.

Der Saal stöhnt statt zu lachen.

Ein Kalauer verbiegt den Sinn, nur um clever zu wirken.

Und genau das durchschaut das Publikum sofort.

Es riecht die Absicht.

Noch ein Fehler: das Wortspiel erklären.

Erklär niemals eine Pointe.

Wenn du sagst, verstehst du, weil das Wort ja auch bedeutet, ist alles tot.

Ein Wortspiel muss für sich allein stehen.

Wer es erklärt, hat es schon verloren.

Und alte, abgenutzte Wortspiele lass ganz weg.

Wenn jeder den Witz schon kennt, ist die Weiche längst festgerostet.

Die Regel ist einfach.

Nutz Wortspiele wie Gewürz.

Nicht wie die ganze Mahlzeit.

Ein oder zwei starke Weichen schlagen zwanzig billige.

Wenn der Saal stöhnt, hast du es übertrieben.

Das Stöhnen ist ein ehrliches Signal.

Hör darauf und streich die halben Wortspiele.

Behalte nur die, die wirklich funkeln.

Wie du überhaupt abgenutzte Wendungen erkennst, steht hier: Klischees vermeiden.

Wie du gute Wortspiele findest

Wie kommst du nun an gute Wortspiele?

Sie liegen überall, du musst sie nur hören.

Der erste Weg: Achte auf Wörter mit zwei Bedeutungen.

Bank, Schloss, Blatt, Zug.

Die Sprache ist voll davon.

Führ ein kleines Heft.

Eine Weichen-Liste.

Schreib jedes doppeldeutige Wort auf, das dir begegnet.

Nach ein paar Wochen hast du einen Schatz.

Der zweite Weg: Verdreh Redewendungen.

Nimm einen bekannten Spruch und biege ihn um.

Tausch ein Wort gegen ein ähnliches.

Oder führ den Spruch anders zu Ende, als alle erwarten.

Der dritte Weg: Verhör dich mit Absicht.

Aus Lehre wird Leere.

Aus Meer wird mehr.

Solche Gleichklänge sind versteckte Weichen im Klang.

Aber der wichtigste Weg ist die Richtung.

Fang immer beim Sinn an.

Frag: Was will ich sagen?

Und dann such ein Wort, das eine zweite Ebene mitbringt.

Fang nie beim Wortspiel an und bau den Text drumherum.

Das ist der direkte Weg zum Kalauer.

Der Sinn fährt vorn, das Wortspiel steigt zu.

Nie umgekehrt.

Und teste deine Wortspiele.

Sag sie einem Freund.

Lächelt er, behalte es.

Stöhnt er, streich es.

Das ehrliche Gesicht eines Zuhörers lügt nicht.

Und schul dein Ohr.

Lies gute Wortakrobaten, hör guten Slam.

Wer viele Weichen gehört hat, findet leichter eigene.

Wie du überhaupt das treffende Wort suchst, steht hier: die richtige Wortwahl.

Quichotte · Beim Lieblingsbäcker · Kampf der Künste TV

Übung: bau deine eigene Weiche

Genug geredet, jetzt baust du selbst.

Ein Wortspiel entsteht in ein paar einfachen Schritten.

Schritt eins: Such ein Wort mit zwei Bedeutungen.

Nimm zum Beispiel das Wort Absatz.

Ein Absatz ist ein Teil eines Textes.

Ein Absatz ist auch der Teil unter dem Schuh.

Und ein Absatz ist der Verkauf einer Ware.

Drei Bedeutungen in einem Wort.

Das ist eine reiche Weiche.

Schritt zwei: Schreib zu jeder Bedeutung einen kurzen Satz.

Der Absatz war zu kurz, sagt die Lehrerin.

Der Absatz war zu hoch, sagt die Tänzerin.

Der Absatz war zu klein, sagt der Verkäufer.

Jetzt hast du drei Gleise vor dir liegen.

Schritt drei: Bau einen Satz, in dem zwei davon zusammentreffen.

Zum Beispiel über einen Dichter, der Schuhe verkauft.

Und dessen Absatz in beidem zu wünschen übrig lässt.

Schon klickt die Weiche.

Das ist die ganze Technik.

Ein Wort, zwei Bedeutungen, ein Satz, der beide trägt.

Am Anfang geht das langsam und mühsam.

Du sitzt und suchst und verwirfst.

Das ist normal.

Wortspiele fallen selten vom Himmel.

Sie werden gebaut, Weiche für Weiche.

Mit der Übung wird es schneller.

Irgendwann klicken die Weichen fast von allein.

Mach diese Übung regelmäßig.

Nimm jeden Tag ein doppeldeutiges Wort.

Und bau eine kleine Weiche daraus.

Nicht für einen großen Text.

Nur zum Training.

Wie ein Musiker, der Tonleitern übt.

Nach ein paar Wochen hörst du die Weichen überall.

Und dann kannst du sie gezielt in deine Texte legen.

Nutz dein eigenes Feld für Wortspiele

Es gibt einen Trick für originelle Wortspiele.

Nutz dein eigenes Feld.

Deine Arbeit, dein Hobby, deinen Ort.

Denn jede Welt hat ihre eigenen doppeldeutigen Wörter.

Wörter, die nur die Leute aus dieser Welt kennen.

Genau da liegen die frischen Weichen.

Nicht bei den abgenutzten Standard-Witzen.

Sondern bei den Wörtern deines eigenen Alltags.

Eine Krankenschwester hat andere Wörter als ein Automechaniker.

Ein Gärtner andere als ein Programmierer.

Jeder Beruf hat seine eigene Sprache voller Doppelbedeutungen.

Und diese Sprache kennst du besser als jeder andere im Saal.

Wenn du daraus ein Wortspiel baust, ist es neu.

Keiner hat es schon hundertmal gehört.

Das macht es originell und stark.

Nimm diese Reihe hier als Beispiel.

Sie spielt ständig mit der Sprache der Bahn.

Auf dem richtigen Gleis sein.

Einen Zahn zulegen.

Aus dem Ruder laufen, nein, aus dem Gleis.

Jede dieser Redewendungen ist eine kleine Weiche.

Und weil das Feld die Bahn ist, klingt alles zusammen.

Ein Feld gibt deinen Wortspielen einen roten Faden.

Such dir also dein Feld.

Und grab dort nach Weichen.

Du wirst überrascht sein, wie viele dort liegen.

Direkt vor deiner Nase, dein Leben lang.

Du hast sie nur nie als Wortspiele gesehen.

Jetzt siehst du sie.

Und aus deinem eigenen Alltag wird ein Steinbruch voller Sprachwitz.

Den keiner so kennt wie du.

Die Grenze: keine Wortspiele auf Kosten anderer

Bei allem Spaß gibt es eine Grenze.

Sie ist wichtig, also merk sie dir gut.

Ein Wortspiel soll nach oben zeigen.

Nicht nach unten.

Ein Witz auf Kosten eines Mächtigen ist mutig.

Ein Witz auf Kosten eines Schwachen ist billig.

Spiel mit einem Namen, einer Herkunft, einer Krankheit, und du trittst nach unten.

Das ist kein Sprachwitz mehr.

Das ist nur noch gemein.

Der Unterschied ist leicht zu spüren.

Ein gutes Wortspiel lacht über eine Idee.

Über sich selbst.

Über die Großen und die Wichtigen.

Ein schlechtes Wortspiel lacht über einen einzelnen Menschen, der sich nicht wehren kann.

Die Weiche, die jemanden demütigt, ist nicht clever.

Sie ist nur roh.

Und der Saal spürt das sofort.

Denn ein gemeiner Witz kühlt einen Raum blitzschnell ab.

Eben war noch Wärme da.

Und dann tritt einer nach unten, und die Wärme ist weg.

Die Leute lachen vielleicht kurz.

Aber es bleibt ein schaler Geschmack.

Und dich nehmen sie danach anders wahr.

Nicht als klugen Kopf.

Sondern als jemanden, der auf die Schwachen zielt.

Halt deine Weichen also freundlich.

Oder richte sie zumindest nach oben.

Spiel mit der Sprache, nicht mit der Würde von Menschen.

Das ist keine Einschränkung deiner Freiheit.

Es ist der Unterschied zwischen einem Könner und einem Rüpel.

Die stärksten Wortspiele brauchen kein Opfer.

Sie leben von der Sprache selbst.

Und das ist mehr als genug.

Die Freude an der Sprache

Am Ende sind Wortspiele vor allem eins.

Eine Liebeserklärung an die Sprache.

Sie zeigen, wie reich und verspielt unsere Wörter sind.

Wie viele geheime Gleise in jedem Satz liegen.

Selbst wenn du am Ende nur wenige benutzt.

Das Suchen allein macht dich zu einem besseren Schreiber.

Denn du beginnst, jedes Wort genauer anzuschauen.

Du fragst: Was kann dieses Wort noch bedeuten?

Und diese Frage schärft deinen ganzen Blick.

Wer einmal anfängt, Weichen zu sehen, hört nicht mehr auf.

Plötzlich funkeln überall Doppelbedeutungen.

In der Zeitung, im Gespräch, auf dem Bahnsteig.

Die Welt wird ein bisschen reicher.

Ein bisschen lustiger.

Und manchmal ein bisschen tiefer.

Das ist ein Geschenk, das weit über die Bühne hinausreicht.

Wer mit Wörtern spielt, langweilt sich nie.

Sammle also deine Weichen.

Nicht nur für den nächsten Text.

Sondern aus reiner Freude an der Sache.

Führ dein kleines Heft.

Grab in deinem eigenen Feld.

Verhör dich mit Absicht und verdreh die Sprüche.

Und mit der Zeit werden deine Texte funkeln.

Fast von allein.

Weil dein Ohr die Weichen findet, bevor du überhaupt danach suchst.

Wortspiele im Titel deines Textes

Es gibt einen Ort, an dem ein Wortspiel besonders stark wirkt.

Der Titel deines Textes.

Der Titel ist das Erste, was das Publikum hört.

Oder liest, wenn er im Programm steht.

Ein gutes Wortspiel im Titel ist wie ein Haken.

Es macht neugierig, bevor der Text überhaupt beginnt.

Denk an den Slam-Titel Hauswirtschaftsleere.

Ein einziges Wort, und du willst wissen, was dahintersteckt.

Die Weiche steht schon im Titel.

Warum wirkt das so gut?

Weil der Titel wenig Platz hat.

Er muss in Sekunden packen.

Und ein Wortspiel packt in Sekunden.

Beide passen perfekt zusammen.

Der Titel verspricht schon einen doppelten Boden.

Und der Zuhörer wartet gespannt, wann die zweite Bedeutung aufgeht.

Das ist ein leiser Sog, noch bevor du das erste Wort sagst.

Aber Vorsicht, auch hier gilt die alte Regel.

Das Wortspiel im Titel muss zum Text passen.

Ein cleverer Titel, der nichts mit dem Inhalt zu tun hat, enttäuscht.

Der Titel ist ein Versprechen.

Und der Text muss es einlösen.

Sonst fühlt sich der Saal betrogen.

Die schönste Weiche im Titel taugt nichts, wenn der Zug danach woanders hinfährt.

Wie du überhaupt starke Titel findest, steht hier: den richtigen Titel finden.

Über die Bedeutung hinaus: der Klangwitz

Wortspiele leben meist von der Bedeutung.

Aber es gibt auch Spiele mit dem reinen Klang.

Da geht es gar nicht um zwei Bedeutungen.

Sondern um den bloßen Klang der Wörter.

Denk an Wörter, die sich auf der Zunge überschlagen.

Rostrotkupferbraunbronze.

Ein einziges langes Wort aus lauter Farben.

Es bedeutet nichts Doppeltes.

Aber es macht im Mund und im Ohr riesigen Spaß.

Solche Klangspiele sind eine eigene Weiche.

Sie schicken den Text nicht in eine zweite Bedeutung.

Sondern in reine Musik.

Wörter mit demselben Anfangslaut, dicht hintereinander.

Zungenbrecher, die den Saal zum Staunen bringen.

Ketten aus Klängen, die wie Räder über Schienen rattern.

Das ist Wortakrobatik im wörtlichen Sinn.

Ein Jonglieren mit dem bloßen Klang.

Auch das kannst du üben.

Sammle Wörter, die schön klingen.

Bau Ketten aus ähnlichen Lauten.

Sprich sie laut und spür, wie sie rollen.

Ein guter Klangwitz reißt den Saal mit, ganz ohne Bedeutung.

Allein durch den Rausch der Laute.

Nutz auch diese Weiche.

Sie ist seltener, aber wenn sie sitzt, unvergesslich.

Wie du den Klang unter deinen Worten überhaupt hörst, steht hier: Rhythmus im Text.

Ein paar Weichen zum Selbstprobieren

Zum Abschluss ein kleiner Startvorrat.

Ein paar Wörter mit zwei oder mehr Bedeutungen.

Nimm sie als Übung und bau Sätze daraus.

Das Wort Schloss.

Es ist ein Prachtbau und ein Türverschluss zugleich.

Das Wort Bank.

Zum Sitzen und zum Geldabheben.

Das Wort Blatt.

Am Baum, im Heft und in der Zeitung.

Das Wort Zug.

Auf der Schiene, im Schachspiel und in der Luft.

Ein besonders reiches Wort für unsere Reihe hier.

Das Wort Steuer.

Am Auto und beim Finanzamt.

Das Wort Ball.

Zum Spielen und zum Tanzen.

Das Wort Flügel.

Am Vogel, am Gebäude und im Konzertsaal.

Das Wort Bauer.

Auf dem Feld und auf dem Schachbrett.

Das Wort Hahn.

Auf dem Hof und am Waschbecken.

Das Wort Kiefer.

Der Baum und der Teil im Gesicht.

Schau dir diese Wörter an.

Und bau zu jedem einen kleinen Satz, der beide Bedeutungen streift.

Du wirst schnell merken, wie es funktioniert.

Erst zäh, dann immer leichter.

Und wenn dir dieser Vorrat ausgeht, findest du überall neue.

Denn die Sprache ist voller solcher Weichen.

Sie warten nur darauf, dass du sie stellst.

Fang mit diesen paar an.

Und bald hast du deine eigene lange Liste.

Ein ganzer Rangierbahnhof voller Weichen für deine Texte.

Wortspiele und das richtige Timing

Ein starkes Wortspiel braucht auch das richtige Timing.

Es reicht nicht, die Weiche zu legen.

Du musst dem Saal auch Zeit geben, sie zu sehen.

Sprich nicht sofort weiter.

Setz nach dem Wortspiel eine kleine Pause.

Diese Pause ist der Moment, in dem die Weiche klickt.

In dem das Gehirn beide Gleise sieht.

Und dann kommt der Lacher oder das Staunen.

Rennst du drüber hinweg, verpufft die schönste Weiche.

Auch davor lohnt sich manchmal eine kleine Pause.

Sie kündigt an: Jetzt kommt etwas.

Der Saal spitzt die Ohren.

Und dann stellst du die Weiche.

Die Stille davor macht den Sprung noch größer.

So wird aus einem guten Wortspiel ein großer Moment.

Weiche legen, kurz warten, weiterfahren.

Dieses kleine Timing entscheidet oft über Lachen oder Schweigen.

Übe es genauso wie die Weiche selbst.

Denn ein Wortspiel ist nie nur Text.

Es ist Text plus Stimme plus Pause.

Erst zusammen wird es lebendig.

Genau das ist der Unterschied zwischen Papier und Bühne.

Auf dem Papier steht das Wortspiel einfach da.

Auf der Bühne machst du es mit deiner Pause erst scharf.

Also denk beim Üben immer beides mit.

Die Weiche und den Moment, in dem sie klickt.

Die Regeln für Wortspiele auf einen Blick

Fassen wir alles Wichtige zusammen.

Damit du es beim Schreiben griffbereit hast.

Die erste Regel: Ein Wortspiel kommt aus dem Sinn.

Nie mit Gewalt hineingepresst.

Fang beim Inhalt an und such dann das Wort mit zwei Böden.

Nie umgekehrt.

Die zweite Regel: sparsam bleiben.

Wortspiele sind Gewürz, nicht die ganze Mahlzeit.

Ein oder zwei starke schlagen zwanzig billige.

Die dritte Regel: nach oben zielen.

Nie auf Kosten von Menschen, die sich nicht wehren können.

Spiel mit der Sprache, nicht mit der Würde.

Dazu ein paar kleinere Merksätze.

Ein Wortspiel muss beim ersten Hören verständlich sein.

Sonst geht es im Saal verloren.

Erklär niemals eine Pointe.

Wer sein Wortspiel erklärt, hat es schon verloren.

Und noch zwei Tipps für den Fortgeschrittenen.

Setz ein starkes Wortspiel gern in den Titel.

Dort wirkt es als Haken, der neugierig macht.

Und grab in deinem eigenen Feld.

Deine Arbeit, dein Hobby, dein Ort.

Dort liegen die frischen Weichen, die keiner kennt.

Mit diesen Regeln kann fast nichts mehr schiefgehen.

Schreib sie dir auf und schau ab und zu drauf.

Zum Schluss: die Weiche in deinem Kopf

Wortspiele sind eine Fähigkeit, die man trainieren kann.

Wie ein Muskel.

Am Anfang musst du jede Weiche mühsam bauen.

Du sitzt und suchst und verwirfst.

Doch mit der Zeit wächst in deinem Kopf eine eigene Weiche.

Sie stellt sich fast von allein.

Du hörst ein Wort und siehst sofort seine zweite Bedeutung.

Ganz ohne nachzudenken.

Das ist der Moment, in dem die Sprache zum Spielplatz wird.

Bis dahin gilt nur eins.

Üben, sammeln, ausprobieren.

Führ dein Heft mit den doppeldeutigen Wörtern.

Verdreh die Redewendungen, die dir begegnen.

Verhör dich mit Absicht.

Und leg deine Weichen sparsam und mit Freude.

Dann wird dein Text an genau den richtigen Stellen funkeln.

Nicht überladen, sondern gewürzt.

Nicht platt, sondern clever.

Und irgendwann, mitten in einem ernsten Text, kommt sie.

Die eine leise Weiche, die zwei Wahrheiten in ein Wort packt.

Der Saal wird still.

Weil er beide Gleise auf einmal sieht.

Das ist der Gipfel dieser Kunst.

Kein Lacher, sondern ein Treffer.

Stell also deine Weichen.

Und schick deine Worte in zwei Richtungen zugleich.

Ein letzter Gedanke noch, bevor du loslegst.

Hab keine Angst, dass dir die Wortspiele nicht sofort gelingen.

Auch die großen Wortakrobaten haben lange geübt.

Kein Mensch wird als Weichensteller geboren.

Man wird es durch Hören, Sammeln und Ausprobieren.

Und jeder Tag bringt dir neue Weichen vor die Füße.

Du musst nur den Blick dafür schärfen.

Dann verwandelt sich die Sprache um dich herum.

Aus grauen Wörtern werden lauter kleine Weichen.

Jede davon kann deinen nächsten Text zum Funkeln bringen.

Also fang heute an.

Hör hin, wenn Menschen sprechen.

Und du wirst überall die Gleise sehen, die sich teilen.

Wortspiele mit Ernst: nicht nur zum Lachen

Viele denken, ein Wortspiel sei nur für den Witz da.

Das ist ein Irrtum.

Eine Doppelbedeutung kann auch tief schneiden.

Sie kann traurig sein, sogar erschütternd.

Denk an ein Wort, das zwei Dinge zugleich meint.

Gehen kann heißen: den Raum verlassen.

Und gehen kann heißen: sterben.

In einem Text über einen Abschied kippt dieses eine Wort alles.

Plötzlich sind beide Bedeutungen im Raum.

Und der Saal spürt die zweite, ohne dass du sie aussprichst.

Das ist die ernste Kraft des Wortspiels.

Es hält zwei Wahrheiten in einem Wort.

Die Weiche schickt den Satz nicht in den Witz.

Sondern in die Tiefe.

In ein dunkleres Gleis.

Solche Wortspiele lachen nicht.

Sie treffen.

Und sie bleiben oft länger hängen als jeder Lacher.

Darum leg die Wortspiele nicht in die Schublade Comedy.

Sie sind ein Werkzeug für Tiefe genauso wie für Witz.

Ein ernster Text kann von einer einzigen Doppelbedeutung leben.

Von einem Wort, das mehr weiß als der Satz zugibt.

Probier das ruhig aus.

Nimm ein schweres Thema und such das eine Wort mit doppeltem Boden.

Wenn du es findest, hast du einen Moment, der sitzt.

Wie du überhaupt Gefühle in genaue Worte fasst, steht hier: Gefühle in Worte fassen.

Nürnberg, die Weiche und dein Text

Kehren wir zurück zur Weiche im Gleis.

Ein Wortspiel ist genau das.

Ein Wort, an dem sich der Satz teilt.

Ein Gleis, das plötzlich in zwei Richtungen führt.

Und du stehst am Hebel.

Du bist der Weichensteller.

Du entscheidest, wann sich der Sinn spaltet.

Und in welche zweite Richtung er fährt.

In den Witz oder in die Tiefe.

Merk dir den einen Rat aus diesem Text.

Ein Wortspiel wirkt nur, wenn es aus dem Sinn kommt.

Nie, wenn du es an den Haaren herbeiziehst.

Das ist der Unterschied zwischen Kunst und Kalauer.

Zwischen der Weiche, die schon im Gleis lag.

Und der, die du quer hineingebogen hast.

Die erste trägt den Zug sanft in eine neue Richtung.

Die zweite lässt ihn entgleisen.

Denk an Heinz Erhardt.

Er hat die Weichen nicht erfunden.

Er hat sie gefunden.

Versteckt in der Sprache, die wir alle sprechen.

Genau das kannst du auch lernen.

Hör hin, sammle, und nutz die Weichen sparsam.

Wie ein gutes Gewürz, nicht wie die ganze Suppe.

Dann funkelt dein Text an genau den richtigen Stellen.

Wortspiele sind eine der schönsten Freuden der Sprache.

Sie zeigen, dass ein Wort mehr kann, als man denkt.

Dass in jedem Satz geheime Gleise liegen.

Man muss sie nur sehen lernen.

Alle weiteren Handgriffe und Bühnen findest du hier: alle Poetry-Beiträge.

Leg deine Weichen mit Bedacht.

Und schick deine Sätze auf zwei Gleise zugleich.

Du willst lernen, wie du Wortspiele findest, die tragen statt zu stöhnen?

In meinen Büchern zeige ich dir jeden Griff an vielen Beispielen.

Damit deine Weichen am Ende ganz von selbst klicken.

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Die zweiunddreißig Bücher

Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch, das du lesen solltest
— Stephan Pinkwart —

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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