Poetry-Slam-Moderator sein heißt führen, nicht labern
Moderieren ist wie Organhandel auf dem Schwarzmarkt
Klingt krass?
Ist es auch.
Aber lass mich erklären.
Als Poetry Slam Moderator hast du verschiedene Parteien.
Alle wollen was von dir.
Und alle hassen sich gegenseitig – zumindest ein bisschen.
Die Slammer wollen:
- Bühnenzeit
- Applaus
- Dass du sie gut ankündigst
- Dass die Technik funktioniert
- Dass das Publikum zuhört
Das Publikum will:
- Unterhalten werden
- Nicht zu lange warten
- Keine langweiligen Texte
- Keine peinlichen Moderationswitze
- Bier
Der Veranstalter will:
- Dass du pünktlich anfängst
- Dass du pünktlich aufhörst
- Dass niemand die Location zerlegt
- Dass alle zufrieden sind
- Gute Google-Bewertungen

Und du?
Du stehst in der Mitte.
Wie ein Organverkäufer, der versucht, allen das zu geben, was sie wollen – ohne dass jemand merkt, dass nicht genug Nieren für alle da sind.
Du jonglierst.
Du lügst.
Du trickst.
Du manipulierst.
Aber auf die gute Art.
Die Art, die dafür sorgt, dass am Ende alle glücklich nach Hause gehen.
Auch wenn sie nicht bekommen haben, was sie wollten.
Sondern nur das, was sie brauchten.
Das ist Moderation.
Das ist Führung.
Das ist die unsichtbare Hand, die alles zusammenhält.
Was Anthony Bourdain über Kontrolle wusste (und warum er dir jetzt das Leben rettet)
Anthony Bourdain.
Koch. Autor. Fernsehmoderator.
Totaler Badass.
Der Typ, der in die härtesten Gegenden der Welt gereist ist, um zu essen.
Der mit Straßengangs, Diktatoren und Drogenbaronen gegessen hat.
Der immer die Kontrolle hatte.
Auch wenn alles um ihn herum im Chaos versank.
In seiner Show „Parts Unknown" gab es eine Szene in Myanmar.
Er saß in einer illegalen Bar.
Um ihn herum: bewaffnete Typen.
Prostitution.
Drogen.
Korruption.
Die Kamera wackelte.
Der Ton war beschissen.
Bourdain?
Saß da. Aß sein Essen. Erzählte seine Geschichte.
Ruhig.
Gelassen.
Als wäre er im Ritz-Carlton.
Nach der Folge fragte ihn jemand:
„Hattest du keine Angst?"
Er sagte:
„Natürlich hatte ich Angst. Aber Angst darf dich nicht kontrollieren. Du musst die Angst führen."
Das ist der Punkt.
Als Poetry Slam Moderator wirst du Angst haben.
Immer.
Vor jedem Auftritt.
Auch nach 100 Veranstaltungen.
- Die Frage ist nicht: „Wie werde ich die Angst los?"
- Die Frage ist: „Wie führe ich trotz der Angst?"
Und die Antwort lautet:
Du tust so, als hättest du keine.
Fake it till you make it?
Fuck ja.
Aber nicht oberflächlich.

Sondern tief.
Du glaubst deine eigene Lüge.
Du gehst auf die Bühne und denkst: „Ich habe alles unter Kontrolle."
Auch wenn du es nicht hast.
Auch wenn hinter der Bühne die Apokalypse ausbricht.
Auch wenn der Slammer kotzt.
Auch wenn die Technik brennt.
Du bleibst ruhig.
Du bleibst bei dir.
Du führst.
Führe den Raum wie ein Tatort
Nicht wie eine Party.
Nicht wie eine Show.
Wie einen Tatort.
Du betrittst ihn.
Du siehst alles.
Du sprichst wenig.
Aber gezielt.

Regel 1: Sag weniger.
Jeder Satz ist ein Schnitt. Zu viel – und der Körper stirbt. Zu wenig – und keiner spürt etwas.
Beispiel aus der Praxis:
Ein Text über Missbrauch endet. Der Applaus ist zögerlich. Der Raum hält den Atem an.
Der falsche Moderator sagt: „Wow. Krasser Text. Gebt nochmal Applaus.“
Der richtige sagt: Nichts. Zählt innerlich bis drei. Hebt dann den Blick. Und sagt nur:
„Wir machen kurz Luft. Dann geht’s weiter.“
Der Raum folgt. Weil du geführt hast. Nicht gelabert.
Regel 2: Du bist kein Erklärbär. Du bist ein Dirigent.
Erklärungen töten Emotion.Immer.
„Kunst erklärt sich nicht. Sie passiert.“ – Walter Epp
Wenn du erklärst, nimmst du dem Publikum die Verantwortung. Wenn du führst, gibst du sie zurück.
Kurze Geschichte.
Hamburg. Kleiner Club. Eine Slammerin liest über Einsamkeit. Niemand klatscht.
Ich sage: „Das darf jetzt so bleiben.“
Boom. Der Raum atmet. Jemand nickt. Jemand wischt sich über die Augen.
Das ist Führung. Nicht Applaus-Management.
Regel 3: Timing schlägt Talent
Ein guter Moderator spürt, wann er rein muss. Und wann er die Fresse hält.
Timing ist kein Gefühl. Es ist Training.
Ich habe mir jeden Slam danach notiert: Wann habe ich zu früh gesprochen. Wann zu spät. Wann unnötig.
Das tut weh. Aber es wirkt.
Vergleich: Der Moderator als Chirurg
Ein Chirurg redet nicht während der OP über das Wetter. Er arbeitet ruhig. Präzise. Mit Verantwortung.
Du auch.
Dein Skalpell ist Sprache. Dein Patient ist der Raum. Dein Fehler blutet.

Was Barack Obama über Führung weiß
Barack Obama.
Egal, was du politisch von ihm hältst.
Der Mann ist ein Meister der Rhetorik.
Ein Meister der Motivation.
In seiner berühmten „Yes We Can"-Rede 2008 machte er etwas Geniales.
Er sagte nicht:
„Ihr müsst mich wählen."
Er sagte:
„Wir können das schaffen. Und ihr seid diejenigen, die es möglich machen."
Merkst du den Unterschied?
Er hat die Menschen nicht zu Dienern gemacht.
Sondern zu Helden.
Er hat ihnen das Gefühl gegeben:
„Ohne euch geht das nicht. Ihr seid wichtig."
Und die Menschen?
Sind ihm in Scharen gefolgt.
Das musst du auch tun.
Wenn du eine Jury brauchst, bettel nicht.
Sondern ehre sie.
Leipzig, 2019.
Ein Slam.
Ich ging auf die Bühne.
Sagte:
„Ich suche jetzt fünf Menschen. Aber nicht irgendwelche Menschen. Ich suche Menschen, die Mut haben. Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Menschen, die den Arsch in der Hose haben, eine Entscheidung zu treffen. Wenn du so jemand bist – Hand hoch."
Pause.
Dann – eine Hand.
Noch eine.
Noch eine.
Innerhalb von 20 Sekunden hatte ich fünf Juroren.
Alle nüchtern.
Alle engagiert.
Was war passiert?
Ich hatte an ihr Ego appelliert.
An ihren Stolz.
An ihr Bedürfnis, besonders zu sein.
Menschen wollen sich gut fühlen.
Sie wollen das Gefühl haben, etwas Wichtiges zu tun.
Gib ihnen das.
Und sie werden dir folgen.
Was lässt du durchgehen?
Haltung tut weh.
Meinung ist bequem.
Eine Meinung kannst du wechseln wie ein T-Shirt.
Haltung nicht.
Haltung trägt Narben.
Und genau daran scheitern die meisten, die Poetry-Slam-Moderator sein wollen.
Sie wollen niemanden verärgern.
Niemanden verlieren.
Niemanden triggern.
Herzlichen Glückwunsch.
Dann hast du auf der Bühne nichts verloren.
„Wer zu allem Ja sagt, hat nichts zu sagen.“ – Albert Camus
Die hässliche Wahrheit
Ein Poetry Slam ist kein Wellnessbereich.
Er ist ein Ort für Reibung.
Für Scham.
Für Wahrheit.
Und der Moderator entscheidet, wie viel davon erlaubt ist.
Nicht durch Regeln.
Durch Haltung.

Beispiel:
Ein Slammer bringt einen Text. Sexuell. Grenzwertig. Nicht illegal. Aber unbequem.
Das Publikum lacht unsicher. Einige drehen sich weg. Andere klatschen zu laut.
Jetzt kommt der Moderator.
Variante A – der Feigling: „Ja… äh… das war jetzt mal was anderes.“
Variante B – der Führende: „Das war unbequem. Und das darf hier sein.“
Kein Urteil. Keine Rechtfertigung. Nur ein Rahmen.
Und plötzlich ist der Raum stabil. Weil du Haltung gezeigt hast.
Warum Haltung wichtiger ist als Fairness
Fairness klingt gut. Ist aber oft nur Konfliktvermeidung im Sonntagsanzug.
Haltung heißt: Du stehst zu dem Raum, den du erschaffst. Auch wenn jemand ihn scheiße findet.
„Wenn du niemandem wehtust, hast du nichts bewegt.“ – Marina Abramović
Abramović hat nie erklärt.Sie hat ausgehalten.
Das ist Moderation auf Weltklasse-Niveau.
Der universelle Tipp – jetzt schmerzhaft konkret
Definiere deine rote Linie. Vor dem Slam. Nicht währenddessen.
Nicht schriftlich.
Nicht als Regelwerk.
Sondern innerlich.
Fragen, die du dir beantworten musst, bevor du moderierst:
– Was darf hier gesagt werden?
– Was verteidige ich?
– Wo stehe ich, wenn es kippt?
Wenn du darauf keine Antwort hast,
wird der Raum sie für dich finden.
Und er wird brutal sein.
Beispiel aus der Praxis
Ein Text verharmlost Gewalt.
Nicht offen.
Aber zwischen den Zeilen.
Ich habe einmal gezögert.
Gelächelt.
Weitergeleitet.
Danach war der Abend tot.
Nicht wegen des Textes.
Wegen meiner Feigheit.
Heute sage ich in solchen Momenten:
„Das ist ein Text. Und er bleibt nicht unkommentiert.“
Mehr nicht.
Aber es reicht.
Denn Haltung heißt nicht, recht zu haben.
Haltung heißt, da zu sein.
Vergleich: Der Türsteher
Ein guter Türsteher diskutiert nicht.
Er erklärt nicht.
Er steht.
Du bist der Türsteher des Abends.
Nicht der Animateur.
VIP-Spiegel: Warum große Gastgeber unbequem sind
Schau dir Günther Jauch genau an.
Oder Harald Schmidt.
Beide sind nicht nett.
Sie sind klar.
Und genau deshalb folgen Menschen ihnen.
Die drei Warnsignale, dass dein Publikum abdriftet
Warnsignal 1: Handys leuchten auf
Wenn du mehr als drei Handys gleichzeitig siehst, ist die Energie weg.
Das Publikum ist nicht mehr bei dir.
Es ist bei Instagram.
Bei TikTok.
Bei „Schatz, wann kommst du heim?"-WhatsApp-Nachrichten.
Was tun?
Nicht: „Hey Leute, legt die Handys weg!"
Das klingt wie ein genervter Lehrer.
Sondern:
Stoppe den aktuellen Ablauf.
Mach etwas Unerwartetes.
Rufe jemanden aus dem Publikum auf die Bühne.
Stelle eine Frage.
Mach ein Spiel.
Hauptsache: Verändere die Energie.

Warnsignal 2: Gespräche im Publikum
Wenn du Leute siehst, die sich unterhalten während ein Slammer performt, ist etwas faul.
Entweder ist der Text langweilig.
Oder das Publikum ist nicht mehr fokussiert.
Was tun?
Nicht: Den Slammer unterbrechen.
Das wäre unfair.
Sondern:
Nach dem Auftritt eingreifen.
Geh auf die Bühne.
Sag:
„Okay Leute. Ich merke, die Luft ist raus. Kurze Pause. Holt euch was zu trinken. In fünf Minuten geht's weiter."
Dann nutze die Pause, um die Reihenfolge anzupassen.
Bring einen stärkeren Slammer als Nächstes.
Warnsignal 3: Schlaffes Klatschen
Wenn das Publikum nur noch höflich klatscht – ohne Energie, ohne Emotion – ist der Abend gefährdet.
Was tun?
Du musst das Publikum reaktivieren.
Wie?
Indem du selbst "voranklatschst".
Laut.
Klar.
Steh auf.
Applaudiere.
Zeig dem Publikum: „So klatscht man hier."
Menschen sind Herdentiere.
Sie folgen.
Du musst nur vorangehen.

4. Tipp (außer der Reihe)
In traditionellen Theaterstücken gibt es die „vierte Wand".
Die unsichtbare Wand zwischen Publikum und Bühne.
Die Schauspieler tun so, als wäre das Publikum nicht da.
Langweilig.
Moderne Stücke durchbrechen die vierte Wand.
Schauspieler sprechen das Publikum direkt an.
Sie holen es ins Geschehen.
Sie machen es zum Teil der Show.
Phoebe Waller-Bridge macht das in „Fleabag" perfekt.
Sie schaut direkt in die Kamera.
Spricht mit dem Zuschauer.
Macht ihn zum Komplizen.
Und das funktioniert.
Brillant.
Als Moderator musst du das auch tun.
Du darfst nicht über das Publikum reden.
Du musst mit ihm reden.
Beispiel:
Bielefeld, 2019.
Ein Slam.
Ich kündigte den nächsten Slammer an.
Aber vorher sagte ich:
„Bevor er kommt – kurze Frage ans Publikum: Wer von euch hat schon mal selbst Poetry Slam gemacht?"
Einige Hände gingen hoch.
Ich: „Und wer von euch hat sich nie getraut?"
Noch mehr Hände.
Ich: „Warum nicht?"
Jemand rief: „Angst!"
Ich: „Genau. Angst. Und weißt du was? Der Typ, der jetzt kommt, hatte auch Angst. Und er ist trotzdem hier. Respekt dafür."
Das Publikum: bereit.
Empathisch.
Auf der Seite des Slammers.
Was hatte ich gemacht?
Ich hatte die vierte Wand durchbrochen.
Ich hatte das Publikum einbezogen.
Und damit eine Verbindung geschaffen.
Halte den Druck
Du hast ihn schon gehört. Jetzt wird er gefährlich.
Technik: Der offene Raum
Nach einem starken Text sagst du nichts Abschließendes.
- Kein Fazit.
- Keine Moral.
Du öffnest eine Schleuse. Und lässt das Publikum darin stehen.
Beispiel:
Ein Slam über Depression endet. Der letzte Satz hängt. Der Raum ist weich.
Du sagst nicht: „Danke für diesen mutigen Text.“
Du sagst: „Das war jetzt hier.“
Punkt. Nicht mehr.
Das Publikum bleibt. Weil du keinen Deckel draufgelegt hast.
Mini-Werkzeug: Die Drei-Sekunden-Regel
Nach jedem starken Text: Drei Sekunden nichts.
Nicht reden. Nicht lachen. Nicht retten.
Drei Sekunden sind eine Ewigkeit. Und genau deshalb wirken sie.
Mach das fünf Slams lang. Du wirst sehen, wie sich der Raum verändert. Wie du führst, ohne zu dominieren.
Wie du einen Slammer zum Gott machst (ohne dass er es merkt)
Die meisten Moderatoren unterschätzen die Ankündigung.
Sie denken:
„Ich sage den Namen. Fertig."
Falsch.
Die Ankündigung ist der rote Teppich.
Der Vorhang, der sich öffnet.
Die Fanfare, bevor der König den Raum betritt.
Ohne gute Ankündigung ist selbst der beste Slammer nur halb so gut.
Mit guter Ankündigung wird ein mittelmäßiger Slammer zum Star.
Das ist deine Macht.
Das ist deine Verantwortung.
Kassel, 2017.
Ein Slam.
Der vierte Slammer – nennen wir ihn Paul – sollte auftreten.
Paul war nervös.
Ich hatte mit ihm backstage gesprochen.
Er zitterte.
„Ich bin nicht gut genug", sagte er.
„Die anderen sind alle besser."
Ich sagte: „Dann mache ich dich besser."
Paul schaute mich verwirrt an.
Ich ging auf die Bühne.
Sagte:
„Der nächste Slammer kommt von weither. Er ist drei Stunden gefahren. Nur für heute Abend. Nur für euch. Er hat einen Text dabei, über den er seit Wochen nachdenkt. Einen Text, bei dem er sich fragt: Darf ich das sagen? Ist das zu viel? Und dann hat er sich entschieden: Ja. Ich sage es. Weil es gesagt werden muss. Bitte begrüßt: Paul."
Das Publikum: Applaus.
Lauter als bei den anderen.
Paul kam auf die Bühne. Immer noch nervös. Aber getragen von der Erwartung, die ich geschaffen hatte.
Er las.
Sein Text war gut.
Nicht überragend.
Aber gut.
Am Ende: Standing Ovations.
Warum?
- Weil ich ihm eine Geschichte gegeben hatte.
- Weil ich ihn zum Helden gemacht hatte.
Bevor er auch nur ein Wort gesagt hatte.
Das ist die Kunst des Ankündigens.

Die fünf Elemente einer perfekten Ankündigung
Ich habe für mich fünf Elemente entwickelt.
Fünf Bausteine, die jede Ankündigung unvergesslich machen.
Du brauchst nicht alle fünf.
Aber je mehr du nutzt, desto stärker die Wirkung.
Element 1: Der Kontext
Wo kommt der Slammer her?
Warum ist er hier?
Was macht ihn besonders?
Beispiel:
„Der nächste Slammer kommt aus einem Dorf, das so klein ist, dass Google Maps es für einen Fehler hält. Er ist heute hier, weil er etwas zu sagen hat. Und zwar laut."
Element 2: Der Konflikt
Was hat der Slammer überwunden?
Welche Angst?
Welches Hindernis?
Beispiel:
„Sie hat sich nie getraut, auf die Bühne zu gehen. Zu unsicher. Zu leise. Bis ihr Therapeut sagte: Schreib es auf. Und sie schrieb. Und heute liest sie es euch vor."
Element 3: Das Versprechen
Was erwartet das Publikum?
Emotion?
Lacher?
Schock?
Beispiel:
„Was ihr jetzt hört, wird euch nicht gefallen. Es wird euch nicht trösten. Aber es wird euch nicht mehr loslassen."
Element 4: Die Einzigartigkeit
Was macht diesen Slammer anders?
Was kann nur er oder sie?
Beispiel:
„Er schreibt seine Texte nicht. Er träumt sie. Wörtlich. Jeden Text, den ihr heute hört, kam ihm im Schlaf."
Element 5: Die Pause
Das Wichtigste.
Die Stille vor dem Namen.
Du baust Spannung auf.
Und dann – erst dann – sagst du den Namen.
Beispiel:
„Dieser Slammer hat heute etwas mitgebracht, das er noch nie jemandem gezeigt hat. Nicht seinem Therapeuten. Nicht seiner Familie. Nur euch."
Pause.
Drei Sekunden.
Fünf Sekunden.
„Bitte begrüßt: Anna."

Wie du eine Siegerehrung zum Oscar-Moment machst
Die meisten Moderatoren versauen die Siegerehrung.
Sie machen es zu schnell.
Zu lieblos.
Zu langweilig.
„Und der Gewinner ist... MARK! Glückwunsch. Hier ist dein Preis."
Applaus.
Mark geht.
Fertig.
Langweilig.
Verschwendet.
Die Siegerehrung ist der Höhepunkt des Abends.
Der Moment, auf den alle gewartet haben.
Und du behandelst ihn wie eine Formsache?
Fuck you.

Kleines Praxisbeispiel
Lübeck, 2019.
Finale.
Drei Slammer.
Alle brilliant.
Alle verdient.
Ich hatte die Punkte.
Ich wusste, wer gewonnen hatte.
Aber ich verkündete es nicht sofort.
Ich ging auf die Bühne.
Ließ die Stille stehen.
Schaute die drei Finalisten an.
Sie standen nebeneinander.
Nervös.
Zitternd.
Ich sagte:
„Bevor ich den Gewinner verkünde, will ich eins klarstellen: Ihr drei seid heute Abend über euch hinausgewachsen. Ihr habt euch geöffnet. Ihr habt uns berührt. Und egal, wer gewinnt – ihr seid alle Gewinner."
Kurze Pause.
„Aber es kann nur einen geben."
Ich zog ein Kuvert aus der Tasche.
Öffnete es langsam.
Das Publikum: totale Stille.
Die drei Slammer: am Hyperventilieren.
Ich las die Zahl.
Schaute auf.

„Der Gewinner des heutigen Abends ist..."
Pause.
Fünf Sekunden.
Zehn Sekunden.
„...Simon."
Explosion.
Schreie.
Applaus.
Simon brach zusammen.
Weinte.
Die anderen beiden umarmten ihn.
Ich ließ ihnen ihren Moment.
Ging zur Seite.
Erst nach einer Minute kam ich zurück.
Gab Simon das Mikro.
Er sagte – weinend:
„Ich... ich weiß nicht, was ich sagen soll... danke..."
Mehr brauchte es nicht.
Das war ein Oscar-Moment.
Nicht, weil ich toll war.
Sondern weil ich dem Moment Raum gegeben hatte.

Was die Oscar-Moderatoren falsch machen (und was du daraus lernen kannst)
Die Oscars sind oft furchtbar moderiert.
Zu viele Witze.
Zu viel Show.
Zu wenig Herz.
Der beste Oscar-Moment?
War keiner, den ein Moderator gemacht hat.
Sondern einer, den ein Moderator zugelassen hat.
„La La Land" gewinnt den Oscar für den besten Film.
Die Produzenten halten ihre Dankesrede.
Und dann – mitten in der Rede – kommt jemand auf die Bühne.
„Es gibt einen Fehler. Der Gewinner ist Moonlight."
Chaos.
Verwirrung.
Panik.
Der Moderator – Jimmy Kimmel – hätte jetzt eingreifen können.
Hätte Witze machen können.
Hätte die Situation kontrollieren können.
Aber er tat es nicht.
Er trat zurück.
Ließ die Produzenten von „Moonlight" auf die Bühne.
Ließ sie den Moment haben.
Das war richtig.
Weil es nicht sein Moment war.
Als Moderator musst du lernen:
- Es geht nicht um dich.
- Es geht um die Menschen auf der Bühne.
Du bist nur der Rahmen.
Und der beste Rahmen?
Ist der, den man nicht sieht.
Technische Pannen: Wenn alles brennt und du der einzige bist, der Wasser hat
Technik wird versagen.
Immer.
- Das ist kein „Wenn".
- Das ist ein „Wann".
Mikros fallen aus.
Licht geht aus.
Musik kommt nicht.
Und dann?
Dann schauen alle zu dir.
- Weil du der Moderator bist.
- Weil du es richten musst.
- Weil du der Kapitän bist.
Und Kapitäne gehen mit dem Schiff unter.
Oder retten es.
Rostock, 2019.
Ein Slam.
Mitten im zweiten Auftritt: Totalausfall.
Kein Strom.
Nichts.
Das Publikum: Stille.
Dann: Gemurmel.
Dann: Unruhe.
Der Slammer auf der Bühne: stand im Dunkeln.
„Äh... soll ich weitermachen?"
Ich rief aus dem Publikum:
„JA! WIR HÖREN DICH!"
Der Slammer: überrascht.
Aber er machte weiter.
Las im Dunkeln.
Nur seine Stimme.
Das Publikum: lauschte.
Gebannt.
Nach zwei Minuten kam das Licht wieder.
Applaus.
Laut.
Nicht nur für den Text.
Sondern für die Erfahrung.
Ich ging auf die Bühne.
Sagte:

„Okay Leute. Das war jetzt die MTV Unplugged Version. Nächster Slammer: mit Licht."
Das Publikum: lachte.
Der Abend lief weiter.
Was hatte ich gemacht?
Ich hatte nicht gepanikt.
Ich hatte die Panne in das Konzept integriert.
Ich hatte sie zu einem Teil der Show gemacht.
Das ist Krisenmanagement.
Was Tom Hanks über „Houston, we have a problem" weiß
„Apollo 13".
Tom Hanks spielt Jim Lovell.
Ein Astronaut, dessen Raumschiff auf dem Weg zum Mond explodiert.
Die berühmte Szene:
„Houston, we have a problem."
Lovell ist nicht panisch.
Er ist ruhig.
Er beschreibt das Problem.
Klar.
Sachlich.
Und dann wartet er auf Anweisungen.
In einem Interview sagte Hanks:
„Lovell wusste: Wenn ich jetzt durchdrehe, drehen alle durch. Ich musste ruhig bleiben. Für die Crew. Für die Menschen am Boden. Für mich selbst."
Als Moderator musst du das auch tun.
Wenn die Technik versagt.
Wenn ein Slammer nicht kommt.
Wenn das Publikum rebelliert.
Du bleibst ruhig.
Du beschreibst das Problem – wenn nötig.
Aber du panikt nicht.
Denn sobald du panisch wirst, panikt jeder.

Die drei Regeln für technische Pannen
Regel 1: Akzeptiere die Panne
Leugne sie nicht.
Ignoriere sie nicht.
Akzeptiere sie.
„Okay Leute, das Mikro ist tot. Passiert. Wir machen trotzdem weiter."
Regel 2: Finde eine Lösung – sofort
Nicht in fünf Minuten.
Sofort.
Kein Mikro? Sprich laut.
Kein Licht? Nutze Handytaschenlampen.
Keine Musik? Sing selbst.
Hauptsache: Es geht weiter.
Regel 3: Mach die Panne zum Teil der Show
Humor hilft.
„Willkommen bei Poetry Slam – Unplugged Edition."
Oder:
„Das Mikro streikt. Wahrscheinlich hat es meinen letzten Witz nicht überlebt."
Das Publikum lacht.
Die Spannung löst sich.
Weiter geht's.
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Wenn du diese Techniken nicht nur lesen,
sondern anwenden willst wie ein Sniper mit Reimwaffe:

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- Storystrukturen wie ein Fitzek-Krimi
- Übungen für Albtraum-Einstiege, Trauma-Texte, Schweige-Pausen
- Provokations-Templates
- Authentizitäts-Trigger
Keine süßen Sprüche.
Nur brutale, ehrliche Texte,
die das Publikum seelisch ohrfeigen.
