"Der ICE 1234 fährt heute von Gleis 7."
Perfekt formuliert. Klar. Korrekt.
Und?
Weg.
Drei Sekunden später hast du sie vergessen, weil dein Gehirn gelernt hat, solche Durchsagen zu ignorieren. Sie sind Teil des Hintergrundrauschens. Sie sind... normal.
Normal ist der Tod auf der Bühne.
Warum ich Bahnhofsdurchsagen sofort vergesse – und warum dein Poetry Slam genauso untergeht
Gleis 7.
Verspätung.
Wieder mal.

Erfurt, meine Heimatstadt.
Wartete auf einen ICE, der nie kam.
Stattdessen kam diese Stimme aus dem Lautsprecher. Diese verdammte, monotone, seelenlose Stimme, die mir mitteilte, dass "der ICE 1234 heute circa 20 Minuten später eintrifft, wir bitten um Entschuldigung."
Drei Sekunden später?
Vergessen.
Komplett ausradiert aus meinem Kurzzeitgedächtnis.
Warum?
Weil es klang wie tausendmal zuvor. Weil die Stimme so neutral war, dass mein Gehirn sie als irrelevant einstufte. Weil diese Durchsage genauso klang wie jede andere Durchsage in jedem anderen Bahnhof in jedem anderen Leben.
Routiniert. Austauschbar. Tot.
Dann kam eine zweite Durchsage.
Anders.
"Meine Damen und Herren, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass der ICE 1234 heute RICHTIG spät dran ist. Warum? Keine Ahnung. Vermutlich hat jemand den Fahrplan mit dem Horoskop verwechselt. Wir empfehlen Ihnen, sich einen Kaffee zu holen. Einen großen."
WUMM.
Jeder schaute auf. Gelächter. Gemurmel. Smartphones wurden gezückt, um das zu filmen.
Diese Durchsage?
Die vergesse ich nie.

Das ist Poetry Slam Wirkung.
- Nicht die schönen Worte.
- Nicht die korrekten Reime.
- Nicht die technisch perfekte Performance.
Sondern das, was im Kopf bleibt, wenn alles andere schon verblasst ist.
Gleiche Aussage - anderer Text
(Diese Aussage kannst du dir abschreiben)
Wenn du aber auf die Bühne gehst und deine eigene verdammte Frequenz findest, dann bist du die zweite Durchsage. Die, über die man noch Tage später spricht.
Eine kurze Verschnaufpause

Ich kann mir vorstellen, das war schon richtig krass.
Falls du mal ein anderes Thema behandeln möchtest, hier sind noch mehr Beiträge!
Beiträge für deinen perfekten Poetry Auftritt
- Geheimnisse von erfolgreichen Slamern (Profi-Hacks)
Wenn du ausgeruht bist, geht es direkt weiter...
Hol dir noch etwas zu Trinken..
und dann kann es weitergehen.
Warum dein Gehirn Routine hasst (und Poetry Slam daraus lernen muss)
Lass uns über Neurowissenschaft reden.
Keine Angst, wird nicht langweilig.
Sonst würde ich es nicht erwähnen...
Dein Gehirn ist ein fauler Hund.
Es will Energie sparen. Deshalb ignoriert es alles, was es schon tausendmal gesehen oder gehört hat.
Das nennt man "Habituation". (den Begriff musste ich selber erst mal googeln)
Beispiel:
Du ziehst in eine neue Wohnung. Am ersten Tag hörst du jedes Geräusch. Die Heizung. Die Nachbarn. Die Straße draußen.
Zwei Wochen später?
Hörst du nichts mehr. Dein Gehirn hat gelernt:
"Ach, das. Nicht wichtig. Ignorieren."
Dasselbe passiert auf der Poetry-Slam-Bühne.
Wenn du klingst wie hundert andere Slammer, dann schaltet das Publikum ab.
Nicht weil du schlecht bist.
Sondern weil du erwartet bist.
Hier ein Experiment:
Geh auf YouTube.
Such nach "Poetry Slam" + "Liebe".
Schau dir die ersten zehn Videos an.
Zähle, wie viele davon mit einer Metapher über "Feuer", "Sterne" oder "Flügel" beginnen.
Spoiler:
Mindestens sieben, ich hab es selber schon aus Langeweile gemacht.
Das ist das Problem. Nicht, dass die Metaphern schlecht sind. Sie sind nur... benutzt. Verbraucht. Tot.
Dein Gehirn registriert: "Ah, kenne ich. Weitergehen."
Und schon bist du weg. Vergessen.
Wie die Durchsage am Bahnhof.

Aber.
Manchmal gibt es diese eine Durchsage, die anders ist.
Die dich aufweckt.
Die dich zum Lachen bringt.
Die du noch Wochen später erzählst.
Was ist der Unterschied?
Bruch.
Unerwartetes.
Eigenheit.
Ich will das Jahr vergessen...
München Hauptbahnhof.
Pandemie.
Maske.
Stress.
Ich will es vergessen....
Durchsage: "Sehr geehrte Fahrgäste, bitte halten Sie Abstand. Und falls Sie das nicht können: Bitte halten Sie wenigstens die Luft an."

Pause.
Dann:
Gelächter. Überall.
Diese Durchsage?
Die vergesse ich nie.
Warum?
Weil sie einen Bruch hatte. Weil sie menschlich war. Weil jemand beschlossen hat, nicht wie ein Roboter zu klingen, sondern wie ein Mensch mit Humor.
Randnotiz am Rande...
- Mach ich auch teilweise unbewusst in diesem Beitrag
- Mach ich auch unbewusst in meinen Aussagen
Beispiele:
Erwartet: "Liebe ist wie ein Feuer."
Bruch: "Liebe ist wie WLAN. Manchmal da, manchmal nicht, und du weißt nie, warum."
Erwartet: "Mein Herz ist gebrochen."
Bruch: "Mein Herz ist nicht gebrochen. Es hat nur die Garantie verloren."
Erwartet: "Ich vermisse dich so sehr."
Bruch: "Ich vermisse dich. Aber nur bis 14 Uhr. Danach geht's eigentlich."
Siehst du das Muster?
Der Bruch liegt nicht in der Technik.
- Er liegt in der Perspektive.
- In der Ehrlichkeit.
- In der Eigenheit.
Die "Tagebuch-der-Schande"-Methode
Schritt 1: Nimm ein leeres Notizbuch
Kein Computer. Kein Handy. Ein echtes Notizbuch.
Warum?
Weil Handschrift eine direkte Verbindung zu deinem Unterbewusstsein hat. Du kannst nicht so schnell denken wie tippen. Das zwingt dich, ehrlicher zu sein.
Schritt 2: Stelle dir eine brutale Frage
Hier sind ein paar Vorschläge:
- Was ist der peinlichste Gedanke, den ich diese Woche hatte?
- Was ist die größte Lüge, die ich mir selbst erzähle?
- Was würde ich tun, wenn niemand zusehen würde?
- Was ist der dunkelste Gedanke, den ich je hatte – und den ich niemandem erzählt habe?
Schritt 3: Schreibe die Antwort auf
Ungefiltert.
Ohne zu zensieren.
Ohne zu überlegen, ob das "gut genug" für einen Text ist.
Einfach schreiben.
Schritt 4: Lies es am nächsten Tag noch einmal
Wenn du es liest und denkst: "Fuck, das kann ich nicht laut sagen" – dann weißt du, dass du Gold gefunden hast.
Das ist der Satz.
Das ist die Wahrheit.
Das ist dein Text.

Beispiel:
Ich habe diese Methode selbst verwendet.
Vor ein paar Jahren hatte ich eine Phase, in der ich dachte: "Ich habe nichts mehr zu sagen. Alle meine Texte klingen gleich."
Also nahm ich ein Notizbuch.
Stellte mir die Frage: "Was ist die größte Lüge, die ich mir selbst erzähle?"
Und schrieb:
"Ich erzähle mir, dass ich glücklich bin. Aber die Wahrheit ist: Ich habe Angst, glücklich zu sein. Weil ich dann etwas zu verlieren hätte."
Das saß.
Das tat weh.
Aber das war echt.
Und daraus wurde ein Text, der bei einem Slam in Berlin stehende Ovationen bekam.
Nicht weil er technisch perfekt war.
Sondern weil er wahr war.
Jetzt kommen wir zu den Beispielen.
Denn Theorie ist schön und gut.
Aber du willst wissen: Wie setze ich das konkret um?
Hier sind zehn Beispiele von der Bühne, vom Bahnhof, vom Leben – die dir zeigen, wie Poetry Slam Wirkung funktioniert.
Erwartet: "Social Media macht uns einsam."
Mit Bruch: "Social Media macht uns einsam. Aber wir scrollen trotzdem weiter. Weil wir hoffen, dass irgendwo zwischen den perfekten Fotos jemand genauso kaputt ist wie wir."
Perspektive 1 (poetisch):
"Das Leben ist kurz. Aber die Nächte sind lang."
Perspektive 2 (ehrlich):
"Das Leben ist kurz. Aber es fühlt sich trotzdem verdammt lang an, wenn du unglücklich bist."
Schreibe einen Text über ein schweres Thema.
Aber baue einen Moment ein, der tröstet.
Nicht kitschig.
Nicht aufgesetzt.
Sondern ehrlich.
"Mein Vater ist gestorben.
Und ich weiß nicht, wie man das macht. Trauern. Ich hab gegoogelt. 'Wie trauert man richtig?' 5 Millionen Ergebnisse. Als gäb's dafür ein Tutorial.
Schritt 1: Weine.
Schritt 2: Erzähl allen, dass es dir gut geht.
Schritt 3: Lüge.
Aber weißt du, was mir geholfen hat?
Ein verdammter Döner.
Ich stand am Bahnhof. Wollte nach Hause. Und plötzlich dachte ich: Papa hätte jetzt auch Hunger. Also hab ich mir einen geholt.
Und ich schwöre dir: Das war die ehrlichste Trauerarbeit, die ich je gemacht hab."
Hannah Gadsby.
Australische Comedian.
Ihr Netflix-Special "Nanette" hat die Comedy-Welt auf den Kopf gestellt.
Warum?
Weil sie mitten im Programm aufhört, lustig zu sein.
Sie sagt:
"I built a career out of self-deprecating humor. And I don't want to do that anymore. Because self-deprecation is not humility. It's humiliation."
Das Publikum?
Schockiert.
Still.
Gefangen.
Was macht das so kraftvoll?
Der Meta-Bruch.
Hannah spricht nicht nur über ihr Thema. Sie spricht über die Form selbst. Sie zerlegt die Erwartung, dass sie lustig sein muss. Und genau das macht sie unvergesslich.
Für deinen Poetry Slam bedeutet das:
Du darfst über deine eigene Form sprechen.
Du darfst das Publikum darauf hinweisen, was du gerade tust.
Beispiel:
"Ich stehe hier und erzähle euch von meiner Kindheit.
Von meinem Vater, der nie da war.
Von meiner Mutter, die zu viel da war.
Und ihr wartet jetzt auf die Pointe, oder?
Auf den Moment, wo ich sage: 'Aber am Ende war's okay.'
Wo ich euch erlaube, euch wieder gut zu fühlen.
Fick das.
Es war nicht okay.
Es ist immer noch nicht okay.
Und ich schulde euch kein Happy End."
Werbung in eigener Sache (aber mit Wucht):
Wenn du diese Techniken nicht nur lesen,
sondern anwenden willst wie ein Sniper mit Reimwaffe:

- Über 200 kranke Slam-Hacks
- Storystrukturen wie ein Fitzek-Krimi
- Übungen für Albtraum-Einstiege, Trauma-Texte, Schweige-Pausen
- Provokations-Templates
- Authentizitäts-Trigger
Keine süßen Sprüche.
Nur brutale, ehrliche Texte,
die das Publikum seelisch ohrfeigen.
