Mainz, 2014.
Hinter der Bühne stand er.
Nicht nervös. Nicht aufgeregt.
Nur müde.
Georg Schramm und Poetry Slam. Warum Haltung lauter wirkt als Pointen.
Georg Schramm rauchte seine letzte Zigarette vor der letzten Vorstellung.
„Schluss jetzt", hatte er gesagt.
- Keine Interviews mehr.
- Keine Erklärungen.
- Keine Nachbesserungen.

Er hatte genug.
- Genug von einem Land, das lacht, wenn es weinen sollte.
- Genug von Applaus für Dinge, die man hätte bekämpfen müssen.
- Genug von Menschen, die „super gesagt" rufen – und am nächsten Tag weitermachen wie immer.
Schramm wusste etwas, das die meisten Poetry Slammer erst lernen müssen:
Applaus ist kein Maßstab für Wahrheit.
Er trat ab.
Nicht weil er gescheitert war.
Sondern weil er gewonnen hatte.
Auf eine Art, die keiner verstehen wollte.

Für den Moment, in dem du entscheiden musst:
Will ich gefallen – oder will ich treffen?
Warum niemand Georg Schramm vermisst
(und das ein verdammt gutes Zeichen ist)
Schramm war weg.
Die Kabarettbühnen suchten Ersatz.
Fanden welchen.
Das Publikum? Kam weiter. Lachte weiter. Klatschte weiter.
...
...
Bei Urban Priol
...
...
Bei Dieter Nuhr
Als wäre nichts gewesen.
Und genau das zeigt das Problem.
Nicht mit Schramm.
Sondern mit dem, was danach kam.
Schramm war kein Comedian.
Er war kein Unterhalter.
Er war ein Anwalt der Empörung.
Seine Texte waren keine Gags.
Sie waren Anklageschriften.
Und die meisten Menschen wollten das nicht.
Sie wollten lachen.
Sich gut fühlen.
Nach Hause gehen und sagen: „War super."
Schramm bot das Gegenteil.
Er bot Unbehagen.
Wut.
Die Erkenntnis, dass man vielleicht auf der falschen Seite steht.
Oder schlimmer: Gar keine Seite hat.

Poetry Slam ist kein Kabarett.
Aber die Mechanik ist dieselbe.
Du schreibst einen Text.
Du willst, dass er wirkt.
Aber dann merkst du:
Wirken ist nicht gleich gefallen.
Und gefallen verkauft sich besser.
Also schreibst du um. Weicher. Lustiger. Sympathischer.
Bis dein Text wie eine Umarmung ist. Warm. Nett. Harmlos.
Und völlig vergessbar.
Schramm hat nie umgeschrieben. Nicht für das Publikum.
Nicht für die Quote.
Nicht für die Karriere.
Er schrieb, was er für wahr hielt.
Und wenn das Publikum es nicht hören wollte?
Pech.
Hier ist die erste unbequeme Wahrheit, die du über Poetry Slam lernen musst:

Du kannst nicht allen gefallen.
Und wenn du es versuchst, gefällst du am Ende niemandem.
Auch dir selbst nicht.
Die Lothar Dombrowski-Technik:
Sei eine Figur
Schramm war Schauspieler.
Ausgebildet.
Präzise.
Er wusste: Eine Figur kann Dinge sagen, die du nicht sagen darfst.
Deshalb erfand er Lothar Dombrowski.
Einen pensionierten Bundeswehroffizier.
Stramm. Humorlos. Autoritär.
Und unfassbar entlarvend.
Dombrowski war kein Clown.
Er war ein Spiegel.
Ein Zerrspiegel, der zeigte, wie Deutschland wirklich denkt.
Oder zumindest ein Teil davon.
Und das Geniale:
Schramm konnte durch Dombrowski Dinge sagen, die als „Georg Schramm" zu direkt gewesen wären.
Die Maske schützte die Wahrheit.

Beispiel: Die perfekte Tochter
Du willst über Erwartungsdruck schreiben.
Aber direkt ist es zu persönlich.
Also erschaffst du: Die perfekte Tochter.
Eine Figur, die immer alles richtig macht.
Und daran erstickt.
Text:
„Mama sagt, ich bin ihr Stolz. Papa sagt, ich bin sein größter Erfolg. Mein Therapeut sagt, ich bin ein Paradebeispiel für funktionalen Selbsthass.
Ich sage nichts mehr. Perfekte Töchter haben keine Meinung. Nur Noten."

Warum funktioniert das?
Weil du nicht mehr du bist.
Du bist eine Figur.
Und Figuren dürfen alles sagen. Sie dürfen übertreiben.
Sie dürfen ekelhaft sein. Sie dürfen ehrlich sein. Ohne dass du dich rechtfertigen musst.
Schramm wusste das. Er versteckte sich hinter Dombrowski.
Hinter Oberst Sanftleben. Hinter all den Charakteren, die er erschuf.
Nicht aus Feigheit.
Sondern aus Strategie. Denn eine Figur ist ein Schutzschild. Und gleichzeitig ein Verstärker.
Warum Schramms Texte nicht gealtert sind (und deine wahrscheinlich schon morgen veraltet wirken)
- Schramm redet über die Finanzkrise.
- Über Gier.
- Über ein System, das Menschen frisst.
2024.
Ich schaue mir die Aufzeichnung an.
Jedes Wort könnte heute gesprochen worden sein.
Nichts hat sich geändert.
Oder doch:
Es ist schlimmer geworden. Warum altern Schramms Texte nicht?
Ganz einfach:
Er hat nicht über Ereignisse gesprochen???
Er hat über Strukturen gesprochen !!!
Poetry Slammer machen oft den Fehler:
Sie schreiben über das Jetzt.
- Über die neueste Schlagzeile.
- Über den Skandal der Woche.
- Und nächste Woche?
Interessiert das keine Sau mehr.
Beispiel für vergänglichen Slam:
„Trump ist ein Idiot, der Twitter-Kriege führt, während die Welt brennt."
Cool.
Aber 2024?
Trump ist nicht mehr Präsident.
Twitter heißt X.
Und dein Text ist Elektroschrott.
Beispiel für zeitlosen Slam (nach Schramm-Art):
„Wir wählen Clowns, weil wir den Zirkus lieben. Und beschweren uns, dass die Manege brennt."
Unterschied?
Der erste Text ist an eine Person gebunden.
Der zweite Text ist an eine Wahrheit gebunden.
Und Wahrheiten altern nicht.
Menschen schon.
Schramm sprach über:
- Machtmissbrauch
- Gier
- Heuchelei
- Feigheit
- Selbstbetrug
Das sind keine Themen.
Das sind Konstanten.

Solange Menschen existieren, existieren diese Dinge.
Deshalb funktionieren seine Texte noch heute.
Nicht:
„Mein Ex hat mich bei Instagram blockiert."
Sondern:
„Wir beenden Beziehungen nicht mehr mit Worten. Sondern mit einem Klick. Blockiert. Gelöscht. Vergessen. Als wärst du nie gewesen."
Der erste Satz ist ein Update.
Der zweite ist ein Statement.
Und Statements bleiben.
Schramm hat nie über den Skandal des Tages gesprochen.
Er hat über die Mechanik gesprochen.
Über das System, das Skandale produziert.
Warum Schramm kein Publikumsliebling war !!!
- Harald Schmidt war beliebt.
- Oliver Pocher war beliebt.
- Selbst Dieter Nuhr war beliebt.
Schramm nicht.
Er war respektiert.
Das ist ein Unterschied.
Beliebte Menschen sagen Dinge, die das Publikum hören will. Respektierte Menschen sagen Dinge, die das Publikum hören sollte. Poetry Slammer wollen oft beides.
Sie wollen Applaus. Und sie wollen Respekt.
Das funktioniert nicht.
Zumindest nicht langfristig.
Schramm hat sich entschieden. Gegen die Beliebtheit.
Für die Wahrhaftigkeit.
Und das hat ihn unangreifbar gemacht.
Die „Fick-dich-Haltung"
Nicht aggressiv.
Sondern: unabhängig.
- Er brauchte den Applaus nicht.
- Er brauchte die Anerkennung nicht.
- Er machte sein Ding.
Und wenn du es nicht magst?
Dann geh. Diese Haltung ist extrem selten.
Vor allem bei jungen Künstlern. Die meisten sind süchtig.
Süchtig nach Likes. Nach Followern.
Nach Bestätigung.
Schramm war clean.

Wie du die „Fick-dich-Haltung" entwickelst
Schritt 1: Frag dich, warum du Slam machst.
Für den Applaus?
Oder für dich?
Schritt 2: Schreibe einen Text, den du niemals vorlesen würdest.
Zu hart.
Zu persönlich.
Zu unbequem.
Schritt 3: Lies ihn trotzdem vor.
Und beobachte, was passiert.
Schritt 4: Gewöhne dich an die Stille.
An die irritierten Blicke.
An das Unbehagen.
Das ist der Preis für Wahrhaftigkeit.
Schritt 5: Hör auf, dich zu entschuldigen.
Nicht nach dem Text.
Nicht in der Moderation.
Nicht in deinem Kopf.
Du hast gesagt, was du sagen wolltest.
Fertig.
Schramm hat sich nie entschuldigt.
Nie relativiert.
Nie zurückgerudert.
Er stand zu dem, was er sagte.
Und genau das machte ihn unverwechselbar.
Die meisten Slammer wollen gefallen.
Schramm wollte wirken.
Und Wirkung ist unangenehm.
Wirkung brennt.
Wirkung bleibt.
Werbung in eigener Sache (aber mit Wucht):
Wenn du diese Techniken nicht nur lesen,
sondern anwenden willst wie ein Sniper mit Reimwaffe:

- Über 200 kranke Slam-Hacks
- Storystrukturen wie ein Fitzek-Krimi
- Übungen für Albtraum-Einstiege, Trauma-Texte, Schweige-Pausen
- Provokations-Templates
- Authentizitäts-Trigger
Keine süßen Sprüche.
Nur brutale, ehrliche Texte,
die das Publikum seelisch ohrfeigen.
