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Zug gestrichen, Wahllokal 6 km weg, Bus fährt nicht
Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (Wahllokal: sechs Kilometer)

Einundvierzig Prozent. Sechs Kilometer. Foto: wpa (Symbolbild)
Meiningen (wpa) – Bei der Kommunalwahl kam ein Ortsteil auf 41 Prozent Beteiligung, Landesschnitt 58. Wer nicht hinkommt, wählt nicht, das ist keine Verdrossenheit, das ist ein Busfahrplan.
Der Ortsteil hat 900 Einwohner, der Zug dorthin wurde im Dezember gestrichen. Erst nimmt man ihnen den Zug, dann wundert man sich scheinheilig über die Wahlbeteiligung.
Das Wahllokal in der alten Schule wurde 2023 zusammengelegt, jetzt sechs Kilometer weiter. Die Demokratie ist umgezogen und hat vergessen, den Leuten Bescheid zu geben.
Zusammengelegt, weil die Wahlberechtigten unter 600 sanken, das ist die Schwelle. Die Schwelle schließt das Wahllokal ausgerechnet da, wo eh keiner mehr hinkommt, sauber.
Ein Bus fährt sonntags nicht, das war schon 2023 bekannt. Bekannt und achselzuckend in Kauf genommen.
Zu Fuß sind sechs Kilometer eine gute Stunde, hin und zurück zwei. Zwei Stunden latschen für ein Kreuzchen, das ist der Preis der Bürgerpflicht auf dem Land.
Briefwahl ist möglich, der Antrag ist schriftlich zu stellen. Möglich ist in diesem Land vieles, erreichbar herzlich wenig.
Das Formular liegt im Rathaus aus, das Rathaus liegt in der Kreisstadt. Um die Briefwahl zu beantragen, muss man erst mal dorthin fahren, mit dem Bus, der nicht fährt.
Alternativ online, dafür braucht es die digitale Identität. Die Alternative setzt genau das voraus, was der halbe Ort nicht hat.
Deren Bestätigung kommt per Post nach neun Tagen, die Frist endet elf Tage vor der Wahl. Wer am neunten Tag beantragt, ist zu spät, das ist mit Ansage eingebaut.
Beantragt haben die Briefwahl 190 Personen, zugestellt wurden 188 Unterlagen. Zwei sind schon im Postweg verschütt gegangen, willkommen in Deutschland.
Die Fraktion, die die Abbestellung durchgedrückt hat, wurde bestätigt, mit einem Sitz mehr. Wer den Zug gekillt hat, wird belohnt, von denen, die trotzdem hinkamen.
Gewählt haben überwiegend Leute mit Auto. Die Kommunalpolitik gehört jetzt offiziell denen, die einen Parkplatz haben.
Das ist kein Vorwurf, wer kein Auto hat, war schlicht nicht da. Die Abwesenden haben nicht geschwiegen, man hat sie ausgesperrt.
Die Wahlanalyse nennt die niedrige Beteiligung Politikverdrossenheit, dreimal steht das Wort im Bericht. Man nennt es Haltung, damit man es bloß nicht Fahrplan nennen muss.
Das Wort Anfahrtsweg kommt kein einziges Mal vor. Der wahre Grund fehlt exakt da, wo man ihn erklären müsste.
Verdrossenheit ist eine Gesinnung, gemessen, indem man zählt, wer nicht kam. Man unterstellt den Leuten Trotz, wo bloß eine Buslinie fehlt.
Warum jemand nicht kam, wird gar nicht erhoben, dafür gibt es kein Feld im Bogen. Was kein Feld hat, existiert für die Statistik nicht, und damit auch der Anfahrtsweg nicht.
Ein solches Feld schlug 2021 eine Landeszentrale vor, der Vorschlag wurde geprüft. Geprüft heißt in diesem Fall: abgelehnt und begraben.
Geprüft unter dem Gesichtspunkt Wahlgeheimnis, dann verworfen. Der einzige Grund, der wirklich zählte, war der, es lieber nicht wissen zu müssen.
Für die nächste Wahl ist eine Kampagne geplant, 41.000 Euro, gegen Politikverdrossenheit. Man wirft 41.000 Euro auf Plakate, statt den blöden Bus zu bezahlen.
Geworben wird mit Plakaten an den Hauptstraßen. Gesehen von denen, die ohnehin ins Auto steigen und wählen gehen.
Und an der Bushaltestelle, an der sonntags nichts fährt. Das Plakat mahnt zur Wahl, direkt unter dem Fahrplan, der die Wahl verhindert, schöner geht Zynismus nicht.
Wer diese Meldung mit einem Auto vor der Tür liest, hat am Sonntag gewählt.
+++ MÜLLEIMER-TICKER +++
+++ Wahlbeteiligung im Ortsteil 41 Prozent, Landesdurchschnitt 58 – Wahllokal seit 2023 sechs Kilometer entfernt, sonntags kein Bus +++
+++ Kampagne zur Erhöhung der Wahlbeteiligung: 41.000 Euro für Plakate +++
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