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328 Pendlerfahrten weg, damit der Fußball rollt
Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (für Fans kürzer)

Sechsundneunzig Prozent pünktlich. Bei halbem Verkehr. Foto: wpa (Symbolbild)
Dortmund (wpa) – Für ein Sportgroßereignis fuhren Sonderzüge, stolze 96 Prozent pünktlich. Pünktlich ist die Bahn immer dann, wenn Kameras dabei sind, ein echtes Naturgesetz.
Die Zahl ist korrekt ermittelt und steht in der Abschlussdokumentation. Korrekt, und trotzdem eine dreiste Lüge über das große Ganze.
Sonderzüge brauchen Trassen, und Trassen sind endlich. Wer Platz fürs Fest schafft, klaut ihn dem Alltag, so einfach ist die Rechnung.
Freigemacht wurden sie durch Aussetzung von 41 Regionalzugpaaren an vier Tagen. Für den Fußball fiel die Frühschicht flach, viel Spaß beim Pendeln.
41 Zugpaare an vier Tagen sind 328 gestrichene Fahrten. 328 Mal stand jemand am Bahnsteig, damit die Fans bequem zum Anpfiff rollten.
Die Aussetzung war angekündigt, sieben Tage vorher, in der Auskunft. Angekündigt ist das Zauberwort, das aus Ausfall flugs Planung macht.
Ausgefallen sind die Fahrten damit planmäßig, und planmäßige Ausfälle zählen nicht in die Pünktlichkeit. Man radiert sie aus der Statistik, indem man sie vorher ansagt, genial.
Sie gehen auch nicht in die Ausfallquote, dafür gibt es die Kategorie Angebotsanpassung. Ein Wörtchen, und schwupp, der Ausfall ist aus der Bilanz verschwunden.
Die 96 Prozent gelten für die Sonderzüge, für die Regionalzüge gibt es in dem Zeitraum keinen Wert. Gemessen wird das Fest, der Alltag darf ruhig im Dunkeln verrecken.
Betroffen waren rund 24.000 Fahrten im Berufsverkehr. 24.000 Menschen, die halt keine Kamera dabeihatten, Pech gehabt.
Diese Zahl taucht in keiner Abschlussdokumentation auf, sie war kein Ziel. Was kein Ziel ist, wird nicht gezählt, und was nicht gezählt wird, gibt es nicht.
Ziel war die Erreichbarkeit des Veranstaltungsortes, und die wurde erreicht. Das Stadion war bestens erreichbar, die Arbeit war es nicht, aber die zahlt ja keinen Eintritt.
Ein Ersatzverkehr war nicht vorgesehen, vorgesehen war die Ankündigung. Für die Pendler gab es kein Fahrzeug, nur einen freundlichen Hinweis, viel Glück.
Ein Busersatz wurde geprüft, die Fahrzeuge waren gebunden, sie fuhren zum Veranstaltungsort. Selbst die Busse fuhren zum Fest, weil das Fest wichtiger ist als die Schicht.
In der Auswertung gilt das Ganze als Beleg für die Leistungsfähigkeit der Schiene. Leistungsfähig ist sie, sobald man ihr die Hälfte des normalen Verkehrs wegnimmt, klar doch.
Der Beleg stimmt sogar. Die Bahn kann pünktlich, sie muss dafür nur den Alltag von 24.000 Leuten streichen.
Ein Fahrgastverband wies auf die ausgesetzten Verbindungen hin, der Hinweis ging ein. Eingegangen und sorgfältig abgewogen, wie immer, das kennt man.
In der Antwort steht, man habe die Einschränkungen sorgfältig abgewogen, die Abwägung sei dokumentiert. Sorgfältig abgewogen wurde, wer gefälligst verzichtet.
Sie umfasst zwei Seiten, auf Seite eins die erwarteten Besucher, 210.000. Auf Seite eins stehen die, die kommen und jubeln.
Auf Seite zwei die betroffenen Pendler, 24.000. Auf Seite zwei stehen die, die zahlen und schweigen.
Die Entscheidung steht auf Seite eins. Sie stand fest, lange bevor Seite zwei überhaupt geschrieben war.
Frau Diekmann fährt auf einer der ausgesetzten Verbindungen, sie hat für die vier Tage Urlaub genommen. Sie hat ihren eigenen Urlaub verbraten, damit andere pünktlich zum Anpfiff kommen.
Urlaub ist keine Kennzahl. Was er sie gekostet hat, steht in keiner einzigen Dokumentation.
Für nächstes Jahr sind drei weitere Großereignisse angemeldet, die Sonderzüge sind schon bestellt. Bestellt ist das Fest, immer zuerst das Fest.
Die Regionalzüge auch. Die stehen nur woanders in der Liste, unter Angebotsanpassung, wo sie keiner sucht.
+++ MÜLLEIMER-TICKER +++
+++ 96 Prozent der Sonderzüge pünktlich – freigemacht durch Aussetzung von 41 Regionalzugpaaren an vier Tagen +++
+++ Rund 24.000 betroffene Fahrten im Berufsverkehr, in keiner Abschlussdokumentation genannt +++
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