100 Prozent Ökostrom, alles nur auf Papier

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100 Prozent Ökostrom, alles nur auf Papier

Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (bilanziell)

Herkunftsnachweise Ökostrom Satire: Waschbär sitzt vor einem Bahnstromunterwerk, weit entfernt am Horizont Windräder

Das Papier reist. Der Strom kommt von nebenan. Foto: wpa (Symbolbild)

Berlin (wpa) – Die Bahn weist für ihren Bahnstrom 100 Prozent Grünstrom aus, die Angabe ist formal korrekt. Grün ist daran nur das Papier, durch die Leitung fließt der übliche Dreck.

Sie beruht auf Herkunftsnachweisen, und das sind schlicht handelbare Zettel. Man kauft sich das grüne Gewissen im Großhandel.

Ein Herkunftsnachweis bescheinigt, dass eine Kilowattstunde erneuerbar erzeugt wurde, und lässt sich getrennt vom Strom verkaufen. Die saubere Kilowattstunde bleibt, wo sie war, das Zertifikat geht auf Reisen.

Genau das geschieht: Der Nachweis reist, der Strom bleibt. Man handelt mit dem Etikett und lässt die Flasche stehen.

Erworben wurden Nachweise über 2,1 Terawattstunden, zum Preis von 0,4 Cent je Kilowattstunde. Ein Schnäppchen, weil man eben nur den Aufkleber kauft, nicht den Strom.

Das ist günstig, es ist der Marktpreis fürs Papier, nicht für saubere Energie. Für ein reines Gewissen zahlt man Centbruchteile, das ist der Tarif.

Der physische Bezug hat sich nicht geändert, es ist derselbe Erzeugungsmix wie im Vorjahr. Am Fahrdraht hängt exakt der graue Strom von immer, nur die Bilanz hat sich umgezogen.

Das ist kein Vorwurf, ein anderer Bezug ist netztechnisch gar nicht darstellbar. Man kann Strom nicht grün einfärben, aber man kann so tun.

Strom fließt dorthin, wo der Widerstand am geringsten ist, er fragt nicht nach dem Zertifikat. Die Physik pfeift auf die Urkunde, sie kennt nur Kohle und Kabel.

Die Bilanz fragt danach, sie ist eine Rechengröße und als solche formal richtig. Die Wirklichkeit qualmt, die Rechnung strahlt, und beide stimmen angeblich.

In der Nachhaltigkeitsberichterstattung steht die Rechengröße, der physische Mix steht klein im Anhang. Vorne die grüne Null, hinten die Wahrheit in Grau.

Energiereferentin Sabine Herkunftsnachweis nennt das Verfahren „europaweit etabliert“. Etabliert ist vor allem die Masche, Ablasshandel mit Ökostrom-Zertifikaten.

Etabliert ist auch die Kritik daran, sie ist im Bericht als Rahmenbedingung erwähnt. Man kennt den Einwand, man hat ihn nur zur Randnotiz erklärt.

Für 2030 ist ein Wechsel zu direkten Lieferverträgen vorgesehen, die Erzeugung und Abnahme aneinanderbinden. Das Ehrliche kommt, wie immer, erst in fünf Jahren.

Gekauft werden Herkunftsnachweise, sie belegen, dass irgendwo Ökostrom erzeugt wurde. Irgendwo, irgendwann, von irgendwem, Hauptsache nicht hier.

Erzeugt wurde er überwiegend in Norwegen, Wasserkraft. Man kauft norwegischen Wasserkraft-Zertifikaten ihre Reinheit ab und lässt sie dort.

Der Strom bleibt in Norwegen, übertragen wird nur das Zertifikat. Der Norweger fährt weiter mit seinem Wasser, die Bahn mit ihrer Kohle, und beide gelten als grün.

Bilanziell fährt die Bahn mit Ökostrom, physikalisch mit dem, was im Netz ist. Auf dem Papier surrt die Wasserkraft, am Draht hängt das Kraftwerk von nebenan.

Im Netz ist der deutsche Strommix, CO2-Faktor 380 Gramm je Kilowattstunde. 380 Gramm reale Emission, die in der Hochglanzbilanz auf null geschrumpft werden.

Bilanziell ausgewiesen werden null, und beides ist nach der jeweiligen Systematik korrekt. Zwei Wahrheiten, eine für die Umwelt, eine für die Broschüre.

Die Nachweise kosten 8,4 Millionen im Jahr, ein eigener Windpark einmalig 94 Millionen. Man zahlt jedes Jahr Millionen fürs Etikett, statt einmal für echten Strom.

94 Millionen sind elf Jahre Zertifikatskosten, ein Windpark läuft 25. Man verbrennt lieber dauerhaft Geld für Papier, als einmal etwas Echtes zu bauen.

Eine Prüfung dazu ist beauftragt. Geprüft wird, ob sich Realität lohnt, das dauert.

Bis dahin gilt die Bilanz. Sie kostet 8,4 Millionen Euro im Jahr und bewegt keine Kilowattstunde.

+++ MÜLLEIMER-TICKER +++

+++ Zertifikate 8,4 Millionen im Jahr, ein eigener Windpark einmalig 94 Millionen bei 25 Jahren Laufzeit +++

+++ Physikalisch fährt die Bahn mit dem deutschen Strommix, 380 Gramm je Kilowattstunde +++

Achtung, Satire: Personen, Zitate und Pressestellen sind frei erfunden — im Gegensatz zu den Verspätungen.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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