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1.900 statt 2.000: Dorf bleibt für immer ohne Zug
Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (hundert zu wenig)

Die Schwelle liegt bei zweitausend. Im Ort wohnen neunzehnhundert. Foto: wpa (Symbolbild)
Magdeburg (wpa) – Die Reaktivierung einer stillgelegten Strecke wurde geprüft, das Ergebnis ist negativ. Für 340.000 Euro hat man amtlich festgestellt, dass 1.900 weniger sind als 2.000.
Die Nutzen-Kosten-Untersuchung liegt unter der Schwelle, erforderlich sind 2.000 Fahrgäste am Tag. Eine runde Zahl, hinter der ein ganzer Landstrich verschwinden darf.
Im Einzugsgebiet leben 1.900 Menschen, die Zahl stammt aus der amtlichen Statistik. Hundert Menschen zu wenig, und das Dorf bleibt für immer ohne Zug.
Damit ist die Schwelle unerreichbar, sie wäre es auch, wenn ausnahmslos alle führen. Selbst wenn jeder Säugling und jeder Greis einstiege, reichte es nicht, das ist die Falle.
Das Verfahren ist bundesweit einheitlich, entwickelt wurde es für dichte Räume. Man legt den Maßstab der Großstadt an ein Dorf und nennt das Gerechtigkeit.
In dichten Räumen funktioniert es, dort misst es, was es messen soll. In der Stadt passt die Schablone, für alles andere wurde sie nie gemacht.
In der Fläche misst es die Fläche, und die ist dünn besiedelt, das ist ihr Wesen. Man bestraft das Land dafür, dass es Land ist.
Die Prüfung kostete 340.000 Euro und dauerte 19 Monate. 340.000 Euro, um zu zählen, was jeder Einwohnermelder in einer Minute ausdruckt.
Das Ergebnis war nach der ersten Woche absehbar, die Einwohnerzahl ist öffentlich zugänglich. Neunzehn Monate für eine Zahl, die von Anfang an feststand.
Die Untersuchung war trotzdem nötig, ohne sie gibt es keinen Bescheid. Man muss das Sinnlose durchziehen, weil das Formular es so will.
Ohne Bescheid keine Förderung, ohne Förderung keine Reaktivierung. Eine Kette aus Papieren, an deren Ende zuverlässig kein Zug fährt.
Der Bescheid liegt jetzt vor, er stellt fest, dass 1.900 weniger sind als 2.000. Für diesen Satz haben Gutachter anderthalb Jahre gebraucht.
Verfahrensreferent Günther Schwellenwert nennt das Vorgehen „vollkommen objektiv“. Objektiv ist es, weil es jedes Dorf mit derselben unerreichbaren Zahl erschlägt.
Es behandelt jede Region gleich, indem es überall dieselbe Zahl verlangt. Gleichbehandlung heißt hier: dem Land die Bedingungen der Stadt aufzwingen.
Der Schwellenwert liegt bei 2.000 Fahrgästen am Tag, er stammt aus der Standardisierten Bewertung. Eine Zahl aus einer Formel, die das Land nie kennengelernt hat.
Gezählt wird das Einzugsgebiet im Radius von zwei Kilometern um die Haltepunkte. Zwei Kilometer, keinen Meter mehr, egal wer knapp dahinter wohnt.
Dort leben 1.900 Menschen, es fehlen hundert. Hundert Köpfe, und daran hängt, ob eine Region wieder angebunden wird.
Nicht gezählt werden die 610 Einwohner des Nachbarorts, er liegt 2,4 Kilometer entfernt. 610 Menschen, unsichtbar gemacht von vierhundert Metern.
2,4 ist mehr als 2, und der Radius ist eine glatte Zahl ohne jede weitere Begründung. Man hat den Kreis so eng gezogen, dass das Ergebnis schon feststand.
Nicht gezählt werden auch Schüler, sie fahren im Schulbus und gelten als versorgt. Kinder zählen nicht als Fahrgäste, sie zählen als erledigt.
Der Schulbus kostet den Landkreis 610.000 Euro im Jahr. Man zahlt teuer für den Bus, um die Zahl zu drücken, die den Zug bringen würde.
Er fährt auf derselben Achse. Neben der toten Schiene, jeden Morgen, mit genau den Kindern, die offiziell nicht existieren.
Eine Anpassung des Schwellenwerts für ländliche Räume wird geprüft. Die Prüfung ist ausgeschrieben.
+++ MÜLLEIMER-TICKER +++
+++ 1.900 statt 2.000 Einwohner – der Nachbarort mit 610 liegt 2,4 Kilometer entfernt, der Radius endet bei 2 +++
+++ Der Schulbus auf derselben Achse kostet den Landkreis 610.000 Euro im Jahr +++
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