„Früher losfahren!“, sagt das Amt. Es fuhr kein Zug

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„Früher losfahren!“, sagt das Amt. Es fuhr kein Zug

Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (viermal derselbe Satz)

Zumutbarkeit Satire: Waschbär sitzt im Dunkeln an einer Haltestelle, im Hintergrund ein einzelnes erleuchtetes Fenster

Vier Stellen. Derselbe Satz. Dieselbe Verbindung. Foto: wpa (Symbolbild)

Sangerhausen (wpa) – Der Satz fiel zum ersten Mal am 14. Juli im Jobcenter. Vier Institutionen werden ihn noch nachplappern, und keine wird auch nur einen Blick in den Fahrplan werfen.

Sibel Karaca war wegen des Ersatzbusses zu spät zum Meldetermin, der Bus fuhr 6:40 und kam 8:55. Zwei Stunden fünfzehn für eine Strecke, die der Zug in vierzig gemacht hätte.

Termin war um 8:30, die Kürzung beträgt 168 Euro. 168 Euro für 25 Minuten, die ihr niemand gutschreibt.

Sie hat den Ersatzfahrplan vorgelegt, er gilt nicht als Nachweis im Sinne der Verfahrensanweisung. Die nackte Wirklichkeit ist im Amt kein zulässiges Dokument, so weit sind wir.

Nachweis wäre eine Bescheinigung des Beförderers, ausgestellt ab 60 Minuten Verspätung. Der Nachweis existiert, sie erreicht ihn bloß nie, weil der Bus nie verspätet ist.

Der Bus hatte nämlich keine Verspätung, er fährt planmäßig 25 Minuten länger als der Zug. Die Verspätung ist fest eingebaut, also gibt es sie offiziell gar nicht, genial.

Der Satz fiel zum zweiten Mal am 3. September beim Arbeitgeber. Sie hatte zwei Aushilfsjobs angenommen, um die Kürzung aufzufangen, wer gekürzt wird, schuftet eben mehr.

Zur zweiten Stelle kam sie dreimal zu spät, die Verbindung fährt einmal die Stunde. Über ihren Job entscheidet ein Takt, den ein anderer festgelegt hat.

Nach dem dritten Mal war die Stelle weg, ein Grund musste nicht genannt werden. Die Probezeit kennt kein Erbarmen, nur den Busfahrplan.

Der Satz fiel zum dritten Mal am 19. November vor dem Sozialgericht. Sie hatte gegen die Kürzung geklagt, gegen eine Strafe, die ein Fahrplan verbockt hat.

Vertreten hat sie sich selbst, die Beratungshilfe war beantragt und nicht beschieden. Selbst die Hilfe hatte Verspätung, versteht sich.

Das Gericht folgte der Behörde: es sei zumutbar, eine frühere Verbindung zu wählen. Zumutbar ist alles, was ein Richter einem anderen aus dem beheizten Saal heraus zumutet.

Die frühere Verbindung fährt um 4:20 Uhr, der Kindergarten öffnet um sieben. Dazwischen liegt ein Kind, das im Urteil schlicht nicht vorkommt.

Zur Betreuungslücke steht im Urteil kein Wort, sie war nicht Gegenstand. Das Kind kam im Verfahren so wenig vor wie im Fahrplan.

Gegenstand war einzig, ob sie früher hätte losfahren können, Antwort: ja. Juristisch ja, menschlich völlig unmöglich, und das Gericht nahm seelenruhig das erste.

Zwischen 4:20 und 6:40 fährt nichts, das war unstreitig. Zwei Stunden zwanzig ohne Zug, und trotzdem soll sie schuld sein, dieser Laden ist irre.

Die Strecke wurde 2019 ausgedünnt, damals fuhr um 5:35 ein Zug. Genau der, der ihr geholfen hätte, wurde als erster wegrationalisiert.

Gestrichen, weil im Schnitt elf Leute mitfuhren, Karaca war eine davon. Sie hat ihren eigenen Zug mit besetzt und trotzdem verloren, gegen einen Taschenrechner.

Der Satz fiel zum vierten Mal im Januar. Diesmal traf er die Nächste, die Kleinste.

Ihr Sohn ist sechs geworden und geht zur Schule, er kam an einem Montag zu spät. Der Bus kennt keine Einschulung, der Bus kennt gar nichts.

Die Lehrerin hat es der Mutter gesagt. Nicht böse gemeint, sie kannte den Fahrplan ja auch nicht.

Sie hat den Satz nicht zitiert. Sie wusste nicht, dass es einer ist, ein Erbstück, weitergereicht von Amt zu Amt.

Sie hat ihn gesagt. Und damit hat die vierte Institution ihn brav an die fünfte weitergegeben: an ein sechsjähriges Kind, das jetzt schon lernt, wie dieses Land tickt.

+++ MÜLLEIMER-TICKER +++

+++ Vier Institutionen, ein Satz: Jobcenter, Arbeitgeber, Sozialgericht, Schule +++

+++ Die frühere Verbindung fährt um 4:20 Uhr, der Kindergarten öffnet um sieben +++

Achtung, Satire: Personen, Zitate und Pressestellen sind frei erfunden — im Gegensatz zu den Verspätungen.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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