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Bahn ehrt treuesten Kunden, sein Zug fiel aus
Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (47 Jahre Abo)

Siebenundvierzig Jahre. Ein Stuhl. Ein Schild. Foto: wpa (Symbolbild)
Hameln (wpa) – Der Konzern vergibt einen Treuepreis, ausgezeichnet wird das längste ununterbrochene Abo. Belohnt wird also, wer 47 Jahre lang nicht entkommen ist, Respekt an die Zähigkeit.
Gewonnen hat Herr Wittkowski, 71, Abo seit 1979. Ein halbes Leben als Fahrgast, zum Dank ein Foto und ein Gutschein, der ihm nichts nützt.
Siebenundvierzig Jahre, rund 34.000 Euro. Der Konzern feiert stolz die Summe, die er dem Mann über die Jahre aus der Tasche gezogen hat.
In der Zeit wurde sein Bahnhof zweimal umgebaut und einmal entpersonalisiert. Umgebaut wurde alles, außer dem einzigen Versprechen, das zählt.
Schalter zu 2004, Wartesaal zu 2011, Toilette zu 2019. Seine Treue hat jede Schließung überlebt, das ist die Auszeichnung schon irgendwie wert, finster betrachtet.
Sein Abo lief weiter. Es lief weiter, als längst nichts mehr lief.
Die Verleihung war in Berlin, eingeladen mit Begleitung. Eingeladen in eine Stadt, die er ausgerechnet mit der Bahn erreichen sollte, dem Todfeind des Abends.
Die Fahrkarten lagen bei, Anreise per Bahn. Der Konzern hat den treuesten Kunden in den eigenen Betrieb geschickt, das war, im Nachhinein, keine gute Idee.
Zwei Umstiege, der erste in einem seit Mai gesperrten Korridor. Der treueste Kunde scheitert prompt an genau der Marke, die ihn ehren will.
Der Ersatzverkehr dehnt die Reise auf sieben Stunden vierzig. Sieben Stunden vierzig im Bus für eine Urkunde über Zuverlässigkeit, man kann sich das nicht ausdenken.
Wittkowski hat ein künstliches Hüftgelenk, von sieben Stunden Bus ist ihm ärztlich abgeraten. Der Konzern ehrt einen Mann und rät ihm gleichzeitig, zur Ehrung besser nicht zu kommen, aus Gesundheitsgründen.
Er bat um eine Verlegung, der Termin stand seit Februar fest. Verlegen ließ sich alles im Konzern, nur für ihn ging es partout nicht.
Er hat abgesagt, drei Tage vorher. Die Treue endete an derselben Verspätung, die sie feiern wollte, sauberer Schlusspunkt.
Die Verleihung fand trotzdem statt, der Preis wurde in Abwesenheit übergeben. Übergeben an niemanden, gefeiert wurde trotzdem, das Buffet war ja bestellt.
Entgegengenommen hat ihn ein Vertreter der Regionalleitung, der Vorgang wurde fotografiert. Die Ehrung brauchte keinen Geehrten, sie brauchte ein Pressebild.
Auf dem Foto steht ein Stuhl mit einem Schild, darauf sein Name. Der treueste Kunde des Konzerns war an diesem Abend ein leerer Stuhl, und keiner fand das komisch.
Das Foto erschien in der Konzernkommunikation, der Stuhl war weggeschnitten. Weggeschnitten wurde die Wahrheit, gezeigt die Urkunde, alles wie immer.
Der Preis: eine Urkunde und ein Gutschein über 100 Euro. Für 34.000 Euro gibt es 100 zurück, gerundet ist das ein Tritt in den Hintern.
Der Gutschein gilt im Fernverkehr. Wittkowski fährt Nahverkehr, das steht in dem Abo, das man da so rührend ehrt.
Er fährt Nahverkehr, das steht in seinem Abo. Der Preis passt nicht zum Preisträger, und niemandem im Konzern ist es aufgefallen, weil niemand hinsieht.
Der Gutschein läuft nach zwölf Monaten ab, dann verfällt er. Wie das Guthaben, wie die Geduld, wie der Bahnhof, alles verfällt hier zuverlässig.
Die Urkunde kam mit der Post, sie war beschädigt. Selbst der Dank kommt bei diesem Laden kaputt an.
Beigelegt war ein Hinweis, den Schaden beim Postdienstleister zu melden. Der Konzern ehrt dich, beschädigt dich und verweist dich dann weiter, alles in einem Umschlag.
Zuständig für die Meldung ist der Empfänger. Am Ende trägt der Kunde sogar die Schuld an seiner eigenen kaputten Ehrung, und der Konzern klopft sich auf die Schulter.
+++ MÜLLEIMER-TICKER +++
+++ Abo seit 1979, rund 34.000 Euro gezahlt – Anreise zur Verleihung sieben Stunden und vierzig Minuten +++
+++ Gutschein über 100 Euro, einzulösen im Fernverkehr – der Preisträger hat ein Nahverkehrsabo +++
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