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Sozialrabatt beantragt, 192 Tage später abgelehnt
Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (192 Tage Bearbeitung)

Einhundertzweiundneunzig Tage. Dafür gab es die Prämie. Foto: wpa (Symbolbild)
Kassel (wpa) – Für Menschen mit wenig Geld gibt es beim Deutschlandticket eine Ermäßigung, zu beantragen. Zu beantragen ist die Hürde, nicht die Hilfe, das ist der Witz an der Sache.
Das Verfahren: ein Formular, drei Nachweise, eine Frist. Drei Hürden für lumpige 29 Euro im Monat, aufgestellt für die, die jeden Cent umdrehen.
Das Formular hat sechs Seiten, die Nachweise sind Einkommensbescheid, Mietvertrag und drei Monate Kontoauszüge. Wer arm ist, muss es besonders gründlich belegen, sonst glaubt man ihm ja nicht.
Kontoauszüge holt man bei der Bank, am Schalter 1,50 Euro je Blatt. Die Armut wird hier pro Blatt abgerechnet, sauber, cent-genau.
Kostenlos wären sie online, Voraussetzung ist ein Zugang. Der Zugang setzt voraus, was viele schlicht nicht haben, und schon ist man wieder am Schalter.
Frau Wieland, 44, hat keinen und reicht 61 Blatt am Schalter ein. 61 Blatt als Beweis dafür, dass sie nichts hat, das muss man erst mal verdauen.
Das sind 91,50 Euro, die Ermäßigung bringt 29 im Monat. Sie hat drei Monatsrabatte im Voraus bezahlt, nur um überhaupt sparen zu dürfen.
Antrag ging am 3. Februar ein, bearbeitet am 14. August. Ein halbes Jahr für sechs Seiten, da wächst schneller Schimmel.
Abgelehnt, weil der Einkommensbescheid bei Bearbeitung älter als sechs Monate war. Das Amt hat den Antrag so lange liegen lassen, bis der eigene Ablehnungsgrund schön herangereift war.
Bei Antragstellung war er es nicht. Der Grund für die Ablehnung ist im Amt entstanden, während der Antrag da vor sich hin gammelte.
Maßgeblich ist laut Ziffer 4.2 der Zeitpunkt der Bearbeitung. Die Vorschrift belohnt das Amt fürs Trödeln, je länger es schläft, desto sicherer das Nein.
Der Zeitpunkt der Bearbeitung liegt nicht bei Frau Wieland. Sie wartet, das Amt entscheidet in aller Ruhe, wann ihr Nachweis abläuft, und dann klatscht es die Ablehnung hin.
Widerspruch möglich, Frist ein Monat. Ein Monat, um zu schaffen, wofür das Amt seelenruhig sechs gebraucht hat.
Der Widerspruch verlangt einen aktuellen Bescheid, den gibt es beim Finanzamt. Ein Amt schickt sie zum nächsten, wie einen Ball, den keiner fangen will.
Bearbeitung dort acht Wochen, Widerspruchsfrist vier. Die Frist ist abgelaufen, bevor der Nachweis überhaupt kommt, das ist kein Pech, das ist eingebaut.
Fristverlängerung möglich, schriftlich zu beantragen. Noch ein Formular, noch ein Blatt, noch mal 1,50, das Rad dreht sich weiter.
Der Sachbearbeiter hat alles korrekt gemacht, sein Bescheid wurde nicht beanstandet. Alles war richtig, nur das Ergebnis heißt Armut, aber dafür haftet ja niemand.
Für die Bearbeitungsdauer gibt es eine Zielvorgabe, erstmals erreicht. Erreicht, indem man einfach schneller Nein sagt.
Erreicht, weil die Ablehnungen stiegen, die gehen nun mal flotter als Bewilligungen. Man optimiert das Nein, weil das Nein billiger ist, so schlicht ist die Wahrheit.
Die Stelle wurde ausgezeichnet, 500 Euro Prämie je Kopf für Prozessoptimierung. Prämiert wurde das Tempo, mit dem man Frau Wieland vor die Tür gesetzt hat.
Frau Wieland fährt seit März nicht mehr, sie geht zur Arbeit, 4,1 Kilometer, einfach. Im Winter geht sie im Dunkeln, damit ein Amt seine Kennzahl schmückt.
Im Winter geht sie im Dunkeln. Das Amt hat sein Ziel erreicht, sie ihren Arbeitsweg zu Fuß, hin und zurück, bei jedem Wetter.
Ihr Antrag ist abgeschlossen, in der Statistik bearbeitet. Bearbeitet ist das Amtswort für: abgewiesen, mit Prämie obendrauf.
Bearbeitet in 192 Tagen, genau der Wert, für den es das Geld gab. Ihre 192 Tage im Dunkeln sind der Bonus, den ein anderer eingestrichen hat.
+++ MÜLLEIMER-TICKER +++
+++ Kontoauszüge für den Antrag: 91,50 Euro – die Ermäßigung beträgt 29 Euro im Monat +++
+++ Zielvorgabe zur Bearbeitungsdauer erstmals erreicht, weil die Zahl der Ablehnungen stieg – Prämie 500 Euro je Beschäftigtem +++
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