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Todesanzeige: Bahnstrecke, 1932 bis 2026
Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (Trauerfeier: keine)

Vierundneunzig Jahre. Zuletzt einundsechzig am Tag. Foto: wpa (Symbolbild)
Cottbus (wpa) – Uns ist die folgende Anzeige zugegangen. Wir geben sie ungekürzt wieder, sie ist ehrlicher als jede Hochglanz-Pressemitteilung des Konzerns zusammen.
Nach langer, mit Geduld ertragener Unterfinanzierung entschlief im 94. Lebensjahr unsere
Bahnstrecke Kleinbahnhausen – Kreisstadt
* 1932 · † Dezember 2026
Sie hat vier Generationen zur Arbeit, zur Schule und ins Krankenhaus gebracht.
In ihren besten Jahren fuhr sie stündlich. Zuletzt waren es drei Zugpaare und 61 Menschen am Tag.
Ihr Zustand hatte sich seit 2011 verschlechtert. Eine Behandlung war mehrfach beantragt, aber nicht bewilligt worden.
Die zuständige Stelle verwies auf den Bedarfsplan. Dort stand sie unter weiterer Bedarf.
Neun Anträge wurden gestellt. Der letzte scheiterte an der Einwohnerzahl, die ohne sie gesunken war.
Wir danken allen, die sie bis zuletzt begleitet haben: den Beschäftigten, den Fahrgästen und dem Ortsbürgermeister, der elfmal geschrieben hat.
Er erhielt auf alle elf Schreiben eine Eingangsbestätigung. Alle waren fristgerecht.
Unser Dank gilt auch dem Fahrdienstleiter, der 31 Jahre dieselbe Langsamfahrstelle gemeldet hat.
Sie besteht weiter. Sie hat die Strecke überlebt.
In stiller Trauer: 900 Einwohner, zwei Schulen ohne Anbindung, ein Pflegedienst, der jetzt mit dem Auto fährt.
Ferner: 34 Schülerinnen und Schüler, die seit Februar im Taxi sitzen, und eine Schulsozialarbeiterin, deren Stelle dafür entfiel.
Und Frau Beckmann aus Fulda, die davon aus der Zeitung erfuhr.
Von Beileidsbekundungen bitten wir abzusehen. Eine Kondolenzliste liegt im Rathaus der Kreisstadt aus.
Sie ist mit der Bahn nicht erreichbar.
Anstelle von Kranzspenden bitten wir um eine Zuwendung an das Modellprojekt Mobilität, Fördervolumen 2,4 Millionen Euro.
Für 1,9 Millionen im Jahr hätte sie weiterfahren können, der Betrag steht auf Seite 190 des Abschlussberichts. Der Kranz für ihr Modellprojekt kostet mehr als ihr Weiterleben.
Die Trauerfeier fand bereits statt, angekündigt war sie als Feierstunde. Man beerdigt die Strecke und nennt es Feier, den Sekt hat der Steuerzahler bezahlt.
Gesprochen hat der Bereichsleiter Kennzahlensteuerung, die Rede war in sechs Punkte gegliedert. Sechs Punkte über eine Strecke, die er im Leben nie befahren hat.
Anwesend waren 34 Personen, angereist mit Dienstwagen. Zur Beerdigung der Schiene kommt selbstverständlich niemand mit der Schiene.
Es gab Kaffee und belegte Brötchen.
+++ MÜLLEIMER-TICKER +++
+++ Bahnstrecke 1932 bis 2026, zuletzt 61 Fahrgäste am Tag, elf Schreiben des Ortsbürgermeisters, elf Eingangsbestätigungen +++
+++ Kondolenzliste im Rathaus der Kreisstadt – mit der Bahn nicht erreichbar +++
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