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Vier Stunden Stillstand, elf leere Durchsagen
Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (Aufenthalt: 247)

Elf Durchsagen. Die brauchbarste kam aus dem Bistro. Foto: wpa (Symbolbild)
Fulda (wpa) – Am 19. August stand ein Zug vier Stunden und sieben Minuten auf freier Strecke. Wir geben die Durchsagen wieder, sie sind die gesamte Leistung des Konzerns an diesem Abend, jede einzelne für die Katz.
18:14 Uhr. „Sehr geehrte Fahrgäste, wir haben derzeit einen unplanmäßigen Halt. Wir informieren Sie, sobald wir Näheres wissen.“
18:31 Uhr. „Wir haben leider noch keine neuen Informationen für Sie.“
18:52 Uhr. „Grund des Aufenthalts ist eine Streckenstörung. Wir bitten um Ihr Verständnis.“
Eine Streckenstörung ist ein Zustand, keine Ursache, im Katalog als Sammelbegriff hinterlegt. Man nennt einen Zustand als Grund und hat damit exakt gar nichts gesagt, aber es ist genehmigt.
19:20 Uhr. „Wir rechnen mit einer Weiterfahrt in Kürze.“
19:58 Uhr. „Wir rechnen weiterhin mit einer Weiterfahrt.“
20:26 Uhr. „Die Klimaanlage wurde aus energetischen Gründen in den Sparbetrieb versetzt.“
Draußen waren es 29 Grad, im Wagen später gemessene 34. Gespart wurde also an der Luft, die die Fahrgäste zum Atmen brauchten, aus energetischen Gründen.
20:44 Uhr. „Ein Verlassen des Zuges ist aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Die Oberleitung ist unter Spannung.“
Die Oberleitung war da seit zwei Stunden stromlos, die Durchsage ist bloß der Standardtext. Man hält 210 Menschen mit einer glatten Lüge im Backofen fest, weil die Lüge halt freigegeben ist.
Standardtexte sind freigegeben und müssen nicht auf die Lage geprüft werden, das spart Zeit. Geprüft wird nichts, gesagt wird alles, Hauptsache es steht ein Stempel drunter.
21:15 Uhr. „Wir bemühen uns um eine Lösung.“
21:47 Uhr. „Für die entstandenen Unannehmlichkeiten möchten wir uns entschuldigen. Ihre Fahrgastrechte finden Sie unter der genannten Adresse.“
Die Adresse wurde nicht genannt, sie hängt im Aushang zwischen den Wagen. Man verweist auf eine Adresse und verschweigt sie im selben Satz, das muss man erst mal hinbekommen.
22:03 Uhr. „Wir setzen die Fahrt gleich fort.“
Fortgesetzt wurde die Fahrt um 22:21 Uhr, zwischen Ansage und Abfahrt lagen achtzehn Minuten. Gleich heißt beim Konzern achtzehn Minuten, im Katalog steht dazu keine Uhrzeit.
Insgesamt elf Durchsagen, davon zwei mit echter Information. Vier Stunden Lautsprechergedudel für zwei Sätze mit Inhalt, eine stolze Quote.
Die zweite kam nicht aus dem Führerstand. Sie kam ausgerechnet von dem, den der Konzern als Nächstes wegrationalisiert.
22:21 Uhr. „Hier spricht das Bordbistro. Wir haben noch Wasser. Kommen Sie durch, es ist genug für alle da.“
Es waren 41 Flaschen für 210 Fahrgäste. Ein einzelner Mann mit 41 Flaschen hat an diesem Abend mehr geleistet als der ganze Milliardenkonzern zusammen.
Der Kollege im Bistro hat sie ausgegeben, ohne abzurechnen, nicht vorgesehen. Menschlichkeit steht eben in keiner Dienstanweisung, die muss man sich selbst genehmigen.
Vorgesehen ist die Ausgabe erst nach Freigabe der Betriebszentrale, die kam am nächsten Vormittag. Die Freigabe für Wasser traf ein, als der Durst schon zwölf Stunden vorbei war.
Es hat gereicht. Die Hälfte hat nichts genommen.
+++ MÜLLEIMER-TICKER +++
+++ Aufenthalt vier Stunden und sieben Minuten, elf Durchsagen, Klimaanlage ab 20:26 Uhr im Sparbetrieb +++
+++ Durchsage zur unter Spannung stehenden Oberleitung – sie war seit zwei Stunden spannungsfrei, der Text ist Standard +++
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