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Rentnerin arbeitet, Zug weg, Taxi frisst den Lohn
Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (netto weniger)

Zweitausend steuerfrei. Dreihundertvierzig für den Weg. Foto: wpa (Symbolbild)
Fulda (wpa) – Renate Behrens ist 74 und steht seit Juli wieder in einer Bäckerei in Bad Hersfeld, zwölf Stunden die Woche. Mit 74 zurück an die Theke, weil die Rente hinten und vorne nicht reicht.
Möglich macht das die Aktivrente, wer die Regelaltersgrenze erreicht hat, darf bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei dazuverdienen. Ein Gesetz, das alte Menschen zurück in die Arbeit lockt und das als Freiheit feiert.
Das Gesetz wirkt, Frau Behrens verdient 480 Euro. Von den großzügigen 2.000 sind bei ihr keine 500 drin, aber die braucht sie.
Sie braucht jeden Cent, ihre Rente stieg zum 1. Juli um 4,24 Prozent, bei ihr waren das 41 Euro. Die Statistik meldet eine Rentenerhöhung, ihr Konto sieht 41 Euro.
Die Miete stieg im selben Monat um sechzig. Die Erhöhung war schon aufgefressen, bevor sie ankam.
Zur Arbeit fuhr sie mit dem Zug um 5:41 Uhr ab Gleis 4, sie kennt ihn seit elf Jahren. Elf Jahre derselbe Zug, und dann kam die Generalsanierung.
Seit August ist der Abschnitt gesperrt, er gehört zu den 41 Korridoren, die bis 2036 saniert werden. Erst hat man ihr die Rente kleingerechnet, dann den Zug weggenommen.
Die Sperrung dauert neun Monate, angekündigt war sie mit sieben. Zwei Monate draufgeschlagen, als wäre die Zeit einer 74-Jährigen im Überfluss da.
Der Ersatzbus fährt um 4:55 Uhr und um 7:20 Uhr, ihre Schicht beginnt um sechs. Der eine Bus kommt eine Stunde zu früh, der andere über eine Stunde zu spät.
Dazwischen liegt nichts, gar nichts. Zwischen zu früh und zu spät hat der Ersatzverkehr für sie ein schwarzes Loch gelassen.
Sie nimmt jetzt ein Sammeltaxi, siebzehn Euro je Fahrt, zwanzig Fahrten im Monat, macht 340 Euro. Der weggesparte Zug kostet sie 340 Euro aus der eigenen Tasche.
Von 480 Euro steuerfreiem Hinzuverdienst bleiben so 140 übrig. Sie arbeitet zwölf Stunden die Woche, und der Ersatzverkehr kassiert den Löwenanteil.
Steuerfrei bleiben die 480 trotzdem, über Fahrtkosten sagt das schöne Gesetz nämlich kein Wort. Man befreit den Verdienst von der Steuer und überlässt ihn dem Sammeltaxi.
Absetzen könnte man die Fahrtkosten, absetzen kann aber nur, wer Steuern zahlt. Ein Trost für Gutverdiener, keiner für eine Bäckereiverkäuferin mit 480 Euro.
Frau Behrens zahlt keine Steuern, und genau das ist der Zweck des Gesetzes. Die Entlastung ist so gebaut, dass bei ihr unten nichts ankommt.
Der Bäckerei fehlt Personal, der Bahn auch. Zwei Läden, die händeringend Alte suchen, und dazwischen keine Verbindung.
Beide werben mit fast derselben Anzeige um Menschen über 65, die eine sucht Verkaufskräfte, die andere Servicekräfte. Man umwirbt die Rentner als Arbeitskraft und lässt sie als Fahrgast im Regen stehen.
Bei der Bahn hat Frau Behrens sich nicht beworben, sie käme ja nicht hin. Der Arbeitgeber, der ihr den Zug gestrichen hat, sucht sie zugleich als Servicekraft.
Der Einsatzort läge in Fulda, der Dienst begänne um 5:30 Uhr. Sie soll den Betrieb bedienen, der genau ihre Verbindung eingestellt hat.
Für den Korridor gibt es eine Fahrgastinformation, online abrufbar rund um die Uhr. Die Auskunft über den gestrichenen Zug ist tadellos, nur der Zug fehlt.
Frau Behrens hat kein Internet, sie hat den Aushang gelesen. Die Information erreicht genau die nicht, die sie am nötigsten hätten.
Der Aushang hing im Zug. Man klebt die Ankündigung der Streichung dorthin, wo sie nach der Streichung keiner mehr sieht.
Ausgehängt wurde er im Juli, vier Wochen vor der Sperrung. Vier Wochen Vorwarnung, und die auch nur für die, die noch einstiegen.
Im August hing er weiter. Der Zug fuhr nicht mehr.
+++ MÜLLEIMER-TICKER +++
+++ Rentenerhöhung 4,24 Prozent, bei Frau Behrens 41 Euro – die Miete stieg im selben Monat um 60 +++
+++ 480 Euro steuerfreier Hinzuverdienst, 340 Euro Fahrtkosten +++
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