Bahn filmt die Strecke, die sie selbst beerdigt hat

⚠ Störungsinfo: Auf diesem Abschnitt der Website fällt der Ernst bis auf Weiteres aus. Es verkehrt ein Satire-Ersatzverkehr. Wir bitten, die Freude zu entschuldigen.

Bahn filmt die Strecke, die sie selbst beerdigt hat

Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (Fahrzeit: 34)

Letzte Fahrt Nebenstrecke Satire: Waschbär sitzt am Fenster eines leeren Abteils, draußen zieht die Landschaft vorbei

Einundvierzigtausend Abrufe. Einundsechzig Fahrgäste. Foto: wpa (Symbolbild)

Meiningen (wpa) – Zur letzten Fahrt einer Nebenstrecke war ein Kamerateam an Bord. Der Konzern hat die Beerdigung liebevoll gefilmt, die er selbst in Auftrag gegeben hat, das nennt man Chuzpe.

Der Beitrag dauert eine Minute vierzig und wurde 41.000-mal geklickt. Mehr Leute haben das Sterben angeschaut, als je in dem verdammten Zug gesessen sind.

Er ist gut gemacht: Landschaft, Bahnsteig, ein Winken. Gut gemacht ist die Trauer, nur die Strecke war es nie wert, gerettet zu werden, findet der Konzern.

Unterlegt mit Klaviermusik, aus einer Bibliothek, 89 Euro Lizenz. Für Rührung war Budget da, für den Zug seltsamerweise nie.

Im Bild sitzt Werner Hillmann, 81, am Fenster. Ein Leben lang Fahrgast, am Ende bloß Statist im eigenen Nachruf.

Er fuhr die Strecke 1958 zur Schule, dann sechsundvierzig Jahre zur Arbeit, danach zum Arzt. Sie hat ihn ein ganzes Leben getragen, und jetzt filmen sie ihr Verrecken mit ihm im Bild.

Nach eigener Schätzung 26.000 Fahrten. 26.000 Fahrten, und das Kamerateam taucht ausgerechnet zur allerletzten auf, um zu heulen.

Er wurde gefragt, ob er etwas sagen möchte, und lehnte ab. Er hatte in 26.000 Fahrten alles gesagt, es hörte bloß nie ein Schwein zu.

Im Beitrag ist er zwei Sekunden zu sehen, Unterschrift Abschied nach 94 Jahren. Zwei Sekunden für ein Leben, das man weggespart hat, und dann noch ergriffen tun.

Das Kamerateam kam mit dem Dienstwagen. Zur Beerdigung der Schiene rückt man selbstverständlich mit dem Auto an.

Die Produktion kostete 14.000 Euro, verbucht unter Öffentlichkeitsarbeit. Der Nachruf ist ein Haushaltsposten, die Strecke war auch mal einer, jetzt ist sie Content.

Der Betrieb kostete zuletzt 1,9 Millionen im Jahr, verbucht unter Bestellung. Das eine wurde gestrichen, das andere gefeiert, willkommen in Deutschland.

Der Beitrag ist als Erfolg vermerkt, die Reichweite lag über dem Ziel. Erfolgreich war das Sterben, nicht das Fahren, das ist die Bilanz.

Zielwert 30.000, erreicht 41.000. Der Tod der Strecke hat seine Kennzahlen glänzend übererfüllt, Applaus.

In der Auswertung steht, das Thema habe eine hohe emotionale Bindung erzeugt. Die Bindung kam, als es zu spät war, genau so war es kalkuliert.

Das stimmt sogar. Man trauert am billigsten um das, was man eigenhändig erledigt hat.

Von den 41.000, die zuschauten, fuhren auf der Strecke zuletzt 61 am Tag. Klicken ist eben bequemer als einsteigen, das wusste der Konzern ganz genau.

Eine Reaktivierung ist nicht vorgesehen, der Bedarf gelte als nicht nachgewiesen. Man heult ihr eine Träne nach und lässt sie garantiert nicht wieder auferstehen.

Nachgewiesen wird der Bedarf über Fahrgastzahlen, erhoben an Halten, die noch bedient werden. Wo kein Zug hält, gibt es keinen Bedarf, so schließt sich der Sargdeckel.

Hillmann fährt nicht mehr, zum Arzt bringt ihn die Tochter, wenn sie freihat. Seine Mobilität hat jetzt Öffnungszeiten, nämlich die des Terminkalenders seiner Tochter.

Sie wohnt in der Kreisstadt, dorthin fuhr die Strecke. Der Weg ist geblieben, bloß die Schiene ist weg, und ein 81-Jähriger kann sie schlecht selbst verlegen.

Der Beitrag ist weiter abrufbar, inzwischen 44.000 Klicks. Die Strecke bringt tot mehr Reichweite als lebendig je Fahrgäste, ein echtes Geschäftsmodell.

44.000 Menschen haben eine Strecke gesehen, die sie nie benutzt haben. Betroffen war keiner, gerührt waren alle, und morgen ist es vergessen.

Einer davon sind Sie. Und das war die allerletzte Fahrt dieser Strecke, für 89 Euro Klaviermusik von der Stange.

+++ MÜLLEIMER-TICKER +++

+++ Beitrag zur letzten Fahrt: 41.000 Abrufe bei einem Zielwert von 30.000, in der Öffentlichkeitsarbeit als Erfolg vermerkt +++

+++ Zuletzt fuhren auf der Strecke 61 Menschen am Tag +++

Achtung, Satire: Personen, Zitate und Pressestellen sind frei erfunden — im Gegensatz zu den Verspätungen.

Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp

  • Neue Slam-Texte zuerst
  • Gedanken vom Gleis
  • Keine E-Mail, kein Spam

Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.

Jetzt Kanal folgen

QR-Code zum Bahn-Slam WhatsApp-Kanal📷 Scannen & folgen
🦝Komm mit meinem Waschbär an Bord – schon jetzt an Gleis 1 der Bahn-Slam-Community.

Kanal ansehen →

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →