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47 Grad am Steuer, gemessen wird, wo es kühl ist
Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (im Führerstand länger)

Der Grenzwert gilt, wo gemessen wird. Gemessen wird, wo er gilt. Foto: wpa (Symbolbild)
Mannheim (wpa) – Für Tage über 35 Grad gibt es einen Hitzeplan, er regelt Trinkwasser, längere Fahrzeiten und die Beobachtung belasteter Abschnitte. Fein ausgearbeitet, für alle, die im kühlen Teil des Zuges sitzen.
Der Plan ist fachlich tadellos und wurde nach den Hitzewellen im Juni und Juli sogar überarbeitet. Man hat ihn verbessert, nur nicht dort, wo es wirklich brennt.
An mehreren Tagen stiegen die Temperaturen über 41 Grad, die Infrastruktur ächzte. Und vorne im Führerstand saß einer und schmorte.
Ausgelöst wird der Plan über die Innenraumtemperatur, gemessen im Fahrgastraum, auf halber Wagenlänge, in 1,10 Meter Höhe. Gemessen wird also genau da, wo es am erträglichsten ist.
Der Messpunkt ist normgerecht, er bildet den Ort ab, für den der Grenzwert gilt. Für den heißesten Ort im Zug gilt schlicht kein Grenzwert.
Im Führerstand nämlich gibt es keinen, der Führerstand ist Arbeitsplatz, nicht Fahrgastraum. Wo der Mensch sitzt, der den Zug fährt, schaut der Hitzeplan weg.
Für Arbeitsplätze gelten eigene Regeln, sie überlassen die Auswahl der Maßnahmen dem Arbeitgeber. Und der Arbeitgeber wählt, welche Überraschung, die billigste.
Vorgesehen sind technische, organisatorische und personenbezogene Maßnahmen, Vorrang haben die technischen. Vorrang auf dem Papier, in echt nimmt man das Günstigste.
Ausgewählt wurde die Bereitstellung von Getränken, die letzte in der Rangfolge. Gegen 47 Grad reicht der Konzern eine Flasche Wasser.
Getränke sind zulässig, nur senken sie die Temperatur um kein einziges Grad. Man löscht den Durst des Mannes und lässt ihn weiter kochen.
Senken würde sie eine Klimaanlage im Führerstand, nachgerüstet ist sie in 61 Prozent der Baureihen. Die anderen 39 Prozent schwitzen bis zur Ausmusterung.
Die letzte dieser Baureihen geht 2034 vom Netz, bis dahin fährt sie ohne. Neun Sommer lang darf noch geschmort werden, das ist eingeplant.
Die Nachrüstung kostet 14.000 Euro je Fahrzeug, bei 1.600 Fahrzeugen also 22 Millionen. 22 Millionen, die der Konzern lieber behält als seine Fahrer kühlt.
Matthias Ruppert fährt seit 1997, am 22. Juli hat er die Temperatur in seinem Führerstand gemessen, mit dem eigenen Gerät. Der Mann muss selbst zum Thermometer greifen, weil es sonst keiner tut.
Sie betrug 47 Grad, amtlich ist die Messung nicht, weil sein Gerät nicht kalibriert ist. 47 Grad zählen nicht, weil das falsche Thermometer sie angezeigt hat.
Eine kalibrierte Messung hat es nie gegeben, der Hitzeplan sieht sie im Führerstand nicht vor. Was man nicht misst, muss man nicht ändern, so hält man die Akte sauber.
Vorgesehen ist die Messung im Fahrgastraum, und dort waren es an dem Tag 33 Grad. 33 im Polster, 47 am Steuer, gemeldet werden die 33.
Ein kalibriertes Thermometer kostet 340 Euro, für alle Führerstände wären es 1,4 Millionen. Man spart sich lieber das Thermometer, dann bleibt die Zahl unbekannt.
Beantragt wurde die Beschaffung im Juli, sie steht auf der Liste unter Arbeitsschutz. Ganz hinten, versteht sich.
Auf derselben Liste stehen 610 weitere Vorgänge, abgearbeitet wird nach Eingang. Bei 610 Vorgängen ist der nächste Sommer schneller da als das Thermometer.
Herr Ruppert hat den Vorgang gemeldet, die Meldung ist eingegangen und bestätigt worden. Bestätigt, abgeheftet, und dann die übliche Stille.
Für Äußerungen gegenüber Dritten gibt es eine Konzernrichtlinie, sie ist ihm bekannt. Über die eigene Hitze reden darf der Mann nämlich auch nicht so einfach.
Mit uns hat er deshalb nicht gesprochen, die Zahl stand einfach in seiner Meldung. Er hält sich an die Regeln, an die sich der Konzern bei ihm nicht hält.
Im September wurde der Hitzeplan als vorbildlich ausgezeichnet, die Laudatio lobte die Trinkwasserbereitstellung. Man gibt sich einen Preis fürs Wasserverteilen, während vorne einer bei 47 Grad fährt.
Sie gilt für den Fahrgastraum. Dort war es kühler, und dort saß auch die Jury.
+++ MÜLLEIMER-TICKER +++
+++ Auslösung des Hitzeplans nach Messung im Fahrgastraum, 1,10 Meter Höhe – im Führerstand gilt kein Grenzwert +++
+++ Eigenmessung im Führerstand am 22. Juli: 47 Grad, nicht amtlich, weil das Gerät nicht kalibriert ist +++
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