Grabrede für die Strecke, die man selbst beerdigt

⚠ Störungsinfo: Auf diesem Abschnitt der Website fällt der Ernst bis auf Weiteres aus. Es verkehrt ein Satire-Ersatzverkehr. Wir bitten, die Freude zu entschuldigen.

Grabrede für die Strecke, die man selbst beerdigt

Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (Redezeit: neun)

Feierstunde Streckenstilllegung Satire: Waschbär sitzt auf einem Stehtisch mit leeren Kaffeetassen an einem verlassenen Bahnsteig

Neun im letzten Zug. Vierunddreißig bei der Rede. Foto: wpa (Symbolbild)

Cottbus (wpa) – Zur Beerdigung einer Nebenstrecke wurde eine Feierstunde ausgerichtet. Es sprach Dr. Kai-Uwe Bemmelmann, Bereichsleiter Kennzahlensteuerung, außertariflich bezahlt, versteht sich.

Die Rede war fein in sechs Punkte gegliedert. Wir geben sie gekürzt wieder, mehr Anklage braucht es nicht.

„Erstens: Rückblick. Diese Strecke hat 94 Jahre lang Menschen befördert. Zuletzt waren es 61 am Tag.“

61 am Tag waren es, seit man den Takt 2019 von stündlich auf dreimal täglich zusammengestrichen hat. Vorher fuhren 340, aber das erwähnt der Herr Doktor natürlich nicht.

„Zweitens: Würdigung. Ich danke allen, die zum Erreichen unserer Ziele beigetragen haben. Die Strecke hat im vergangenen Jahr eine Pünktlichkeit von 96 Prozent erreicht.“

„Das ist der beste Wert im Netz.“

Bester Wert im Netz heißt: Wo fast nichts mehr fährt, kann sich fast nichts verspäten. Man hat die Strecke totgespart und feiert die Totenstarre als Pünktlichkeit.

„Drittens: Wirtschaftlichkeit. Der Betrieb kostete zuletzt 1,9 Millionen Euro im Jahr. Dem standen Einnahmen von 210.000 Euro gegenüber.“

Die Einnahmen sanken mit dem Takt, den er selbst gekürzt hat. Erst dünnt man aus, dann wundert man sich über leere Züge, das ist die Reihenfolge, die keiner nennt.

„Viertens: Ausblick. Für die Region ist ein Modellprojekt für Mobilität eingerichtet. Das Fördervolumen beträgt 2,4 Millionen Euro.“

„Die Projektstelle sitzt in der Kreisstadt.“

Die Kreisstadt liegt an der Hauptstrecke, vom stillgelegten Abschnitt sind es 41 Kilometer. Die Stelle, die die Mobilität retten soll, ist selbst kaum erreichbar, das muss man mögen.

„Fünftens: Dank an die Beschäftigten. Ihre Arbeitsplätze bleiben erhalten, sie werden an anderer Stelle gebraucht.“

Die andere Stelle ist 140 Kilometer entfernt, ein Zug fährt nicht mehr hin. Erhalten bleibt der Arbeitsplatz nur auf dem Papier, in Wahrheit ist er unerreichbar.

Zwei der sieben Beschäftigten haben gekündigt, als Grund nannten sie den Arbeitsweg. Man hat ihnen den Zug weggenommen und die Stelle dann 140 Kilometer weit weggelegt.

„Sechstens: Zum Schluss. Eine Strecke ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Angebot, und ein Angebot muss angenommen werden.“

Angenommen wurde das Angebot zuletzt von 61 Menschen am Tag, die die Wahl zwischen drei Abfahrten hatten. Ein Angebot, das man erst kastriert und dann für zu wenig genutzt erklärt, sauberer Zirkelschluss.

Anwesend waren 34 Personen. Es gab Kaffee und belegte Brötchen, das Wichtigste war offenbar geregelt.

Die Feierstunde kostete 4.100 Euro, verbucht im Titel für Öffentlichkeitsarbeit. Für die Beerdigung war Geld da, für den Betrieb nicht, so setzt man Prioritäten.

Der Titel für den Streckenbetrieb war da schon geschlossen. Man beerdigt die Strecke, deren Konto man vorher gekündigt hat, mit Sekt aus dem PR-Etat.

Der letzte Zug am Vorabend hatte neun Fahrgäste, einer davon Herr Kalusche, 78. Neun Menschen, die keine Rede und keine Brötchen bekamen.

Er ist die Strecke 1961 zur Lehre gefahren, am letzten Abend fuhr er sie noch ein Mal. Ein Leben in dieser einen Fahrt, und kein Bereichsleiter, der es bemerkt.

Zur Feierstunde kam er nicht, sie war am Vormittag. Die Trauerfeier fand ohne die statt, die wirklich trauern, natürlich am Vormittag, wenn Arbeitende arbeiten.

Zur Feierstunde kamen 34, angereist mit Dienstwagen. Zur Beerdigung der Schiene kommt selbstverständlich niemand mit der Schiene.

+++ MÜLLEIMER-TICKER +++

+++ Pünktlichkeit der Strecke im letzten Jahr 96 Prozent – bei drei verbliebenen Zugpaaren +++

+++ Feierstunde 4.100 Euro, 34 Anwesende – der letzte Zug am Vorabend hatte neun Fahrgäste +++

Achtung, Satire: Personen, Zitate und Pressestellen sind frei erfunden — im Gegensatz zu den Verspätungen.

Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp

  • Neue Slam-Texte zuerst
  • Gedanken vom Gleis
  • Keine E-Mail, kein Spam

Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.

Jetzt Kanal folgen

QR-Code zum Bahn-Slam WhatsApp-Kanal📷 Scannen & folgen
🦝Komm mit meinem Waschbär an Bord – schon jetzt an Gleis 1 der Bahn-Slam-Community.

Kanal ansehen →

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →