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Dialyse dreimal die Woche, der Zug ist gestrichen
Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (Behandlung: vier Stunden)

Dreimal die Woche. Sechsundvierzig Kilometer. Foto: wpa (Symbolbild)
Schwerin (wpa) – Im Zuge der Krankenhausreform wurden Leistungen an großen Standorten gebündelt, fachlich begründet, in der Sache richtig. Richtig für die Statistik, tödlich für den, der nicht hinkommt, aber der taucht in keiner Statistik auf.
Bessere Ergebnisse entstehen, wo genug Fälle behandelt werden, sauber belegt. Belegt ist der Nutzen für die, die es überhaupt auf den Behandlungsstuhl schaffen.
Verlagert wurde auch ein Dialysezentrum, von elf auf 46 Kilometer. Verlagert wurde der Beton, die Kranken hat man liegen lassen, wo sie waren.
46 Kilometer sind mit dem Auto 38 Minuten, ohne Auto schlicht nicht zu machen. Wer kein Auto hat, hat keine Wahl, und keine Wahl heißt hier: Pech gehabt, stirb.
Dialyse ist dreimal die Woche, je vier Stunden. Ohne sie ist man in ein, zwei Wochen tot, das ist die ganze Dringlichkeit, und die interessiert eine Nutzen-Kosten-Formel exakt null.
Sie ist nicht verschiebbar, anders als die meisten Termine. Die Bahn verschiebt trotzdem munter, sie kennt den Unterschied zwischen einem Friseurtermin und einer Blutwäsche nicht.
Bis Februar fuhr ein Zug, sechsmal am Tag, dann abbestellt. Sechs Fahrten weg, und mit ihnen drei Menschenleben pro Woche, aber die standen der Bilanz im Weg.
Abbestellt nach einer Nutzen-Kosten-Untersuchung, Faktor 0,8. Ein Taschenrechner hat über einen Sterbenden entschieden und ihn für zu teuer befunden.
Ab 1,0 gilt eine Maßnahme als förderfähig, das ist die Grenze. Herr Sanftleben liegt mit seinem ganzen Leben bei 0,8, und 0,8 reicht dem Amt nicht.
In die Untersuchung gehen Fahrgastzahlen ein, Dialysepatienten dreimal die Woche als Fahrgäste. Gezählt wird die Fahrt, nicht der Grund, ein Todkranker zählt genauso wie ein Ausflügler.
Dass sie fahren müssen, geht nicht ein, die Formel kennt Häufigkeit, nicht Notwendigkeit. Wer zur Blutwäsche muss, zählt genauso wie einer, der Brötchen holt, das ist die Gerechtigkeit dieser Rechnung.
Für Fahrten zur Dialyse besteht Anspruch auf Krankentransport, unstrittig. Der Anspruch steht auf dem Papier, der Transport findet dort auch statt und sonst nirgends.
Genehmigt wird er von der Kasse, für ein Quartal. Ein Quartal Leben am Stück, dann bitte neu beantragen, gern mit Formular.
Ein Quartal sind 39 Termine, jede Fahrt einzeln zu organisieren. 39-mal betteln und telefonieren für etwas, das ein Zug im Schlaf erledigt hätte.
Organisiert über einen Fahrdienst, vier Fahrzeuge im ganzen Kreis. Vier lumpige Autos für einen Landkreis voller Kranker, viel Spaß bei der Verteilung.
Der Antrag ist vor Beginn zu stellen, bei Sanftleben, 74, ging er verspätet ein. Verspätet, weil ausgerechnet auch das Formular nur mit der Bahn zu kriegen war, die man ihm gestrichen hat.
Verspätet, weil das Formular per Post kam und die Poststelle im Ort dicht ist. Die nächste liegt in der Kreisstadt, natürlich.
Dorthin fuhr der Zug. Genau der Zug, den man braucht, um zu beantragen, dass man ohne diesen Zug zur Behandlung kommt, ein perfekter Kreis, in der Mitte ein sterbender Mann.
Zwei Wochen hat er die Fahrten selbst zusammengeschustert, ein Nachbar fuhr, wenn er konnte. Sein Überleben hing an der Freizeit des Nachbarn, so weit hat es dieser Staat gebracht.
Zweimal ging es nicht, beide Termine fielen aus. Zweimal blieb das Blut ungereinigt, weil kein Zug fuhr und kein Auto da war, aber das ist ja nur ein Leben.
Ein ausgefallener Termin steht in der Akte, geführt als Behandlungsabbruch. Der Fahrplan des Konzerns wird umgebucht in die Krankengeschichte des Patienten, elegant.
Häufen sich die Abbrüche, wird die Therapietreue bewertet, sie geht in die Behandlungsplanung ein. Am Ende ist der Kranke der Unzuverlässige, nicht die abbestellte Strecke.
Bewertet wird das vom Zentrum, und das Zentrum kennt die Strecke nicht. Es sieht einen Patienten, der zweimal nicht kam, keinen Zug, den es nicht mehr gibt.
Sanftleben hat das erklärt, die Erklärung wurde aufgenommen. Aufgenommen wie jedes Anliegen in diesem Land, ab in die Akte, Deckel drauf, keine Folge.
In der Statistik des Zentrums stehen die Termine trotzdem. Als nicht wahrgenommen.
+++ MÜLLEIMER-TICKER +++
+++ Entfernung zum Dialysezentrum von elf auf 46 Kilometer, drei Termine in der Woche, Strecke im Februar abbestellt +++
+++ Zwei ausgefallene Termine, in der Akte als Behandlungsabbruch geführt +++
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