Frühzug gestrichen, Rente mit 63, 61.000 Euro Abschlag

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Frühzug gestrichen, Rente mit 63, 61.000 Euro Abschlag

Waschbär-Presseagentur · Lesezeit: 2 Minuten (lebenslang)

Rentenabschlag Satire: Waschbär sitzt vor Tagesanbruch auf einem leeren Bahnsteig vor einer beleuchteten Logistikhalle

Neunzehn Fahrgäste. Einer davon war er. Foto: wpa (Symbolbild)

Hannover (wpa) – Wer vorzeitig in Rente geht, zahlt Abschlag, bis zu 14,4 Prozent, lebenslang. „Freiwillig“, sagt das Gesetz, freiwillig wie der Sprung aus dem Zug, den es nicht mehr gibt.

Der Abschlag gilt bis zum Tod, so gewollt, so gerechnet. Gerechnet hat das ein Mensch, der jeden Morgen pünktlich mit dem Dienstwagen im Büro steht.

Begründet wird er damit, dass die Rente länger fließt. Die Rechnung geht auf, sie geht nur über einen kaputten Rücken.

Vorausgesetzt ist, dass die Entscheidung freiwillig war. Diese Voraussetzung prüft kein Schwein, sie steht bloß da und tut so.

Herr Lehnhardt, 62, schuftet im Logistikzentrum, Schichtbeginn 5:30. Ein Leben lang malocht, und jetzt fehlt ihm bloß ein einziger Zug.

Sein Zug fuhr um 4:41, gestrichen im Mai, im Rahmen der Angebotsanpassung. Angebotsanpassung ist der schöne Sarg, in dem man den Frühzug beerdigt hat.

Der nächste fährt um 5:38, damit kommt er acht Minuten zu spät zur Schicht, jeden gottverdammten Tag, bis zur Rente.

Ein Werksfahrdienst? Gab es, 2019 eingerichtet, 2021 wieder abgeschafft. Abgeschafft, weil die Leute lieber den Zug nahmen, den es jetzt auch nicht mehr gibt.

Jetzt haben sie weder das eine noch das andere. Das nennt der Konzern Effizienz, der Malocher nennt es anders, aber das druckt keine Zeitung.

Lehnhardt ist auf Spätschicht gewechselt, der Frühzuschlag weg, 210 Euro im Monat. Erst hat ihm der Konzern den Zug geklaut, dann der Arbeitgeber den Zuschlag, Hand in Hand.

Seine Frau pflegt vormittags ihre Mutter, abends ist er jetzt nicht mehr da. Die Angebotsanpassung hat gleich die ganze Familie mit angepasst.

Nach vier Monaten hat er den Rentenantrag gestellt. Vier Monate hat die Freiwilligkeit gebraucht, ihm den letzten Nerv zu ziehen.

Abschlag 14,4 Prozent, 268 Euro im Monat, lebenslang. Der Preis dafür, dass ein Zug nicht fuhr, kassiert bis ins Grab.

Über die Restlebenserwartung sind das rund 61.000 Euro. 61.000 Euro Strafe für den Fahrplan des Konzerns, gezahlt vom Falschen.

Der gestrichene Zug kostete 340.000 im Jahr, steht in derselben Angebotsanpassung. Gespart hat der Konzern, geblutet hat der Mann.

Eingestellt wurde er, weil die Auslastung unter dem Schwellenwert lag. Der Schwellenwert entscheidet über Menschen und kennt keinen einzigen.

Die Schwelle liegt bei zwanzig Fahrgästen, gezählt wurden 19. Ein einziger Kopf fehlte, um ein Leben nicht umzukippen.

Gezählt wurde ausgerechnet im Juli, als das Logistikzentrum Betriebsruhe hatte. Man hat die Fahrgäste genau dann gezählt, als sie im Urlaub waren, Zufall natürlich.

Einer der 19 war Lehnhardt, er ist an den Zähltagen gefahren. Er hat für seinen eigenen Zug gestimmt und trotzdem verloren, gegen einen Taschenrechner.

Für die Rentenkasse ist er ein Zugang, für den Arbeitsmarkt ein Abgang. Zwei Behörden verbuchen denselben Mann, und keine kriegt mit, dass es ein Mensch ist.

Beide Zahlen werden erhoben, zusammengeführt nie. Zusammengeführt wären sie ein Skandal, getrennt sind sie bloß Statistik, sauber, folgenlos.

Die Angebotsanpassung erwähnt die Betroffenen in einem Nebensatz. Für 340.000 Euro Ersparnis reicht dem Konzern ein halber Satz Mitgefühl.

Der lautet, für die verbliebenen Fahrgäste bestünden zumutbare Alternativen. Zumutbar ist eben alles, was man einem anderen zumutet, aus dem warmen Büro heraus.

Für Lehnhardt bestand eine. Sie heißt Rente mit 63, und sie kostet ihn 61.000 Euro, damit ein Vorstand sein Pünktlichkeitsziel um vierzig Cent verfehlen darf.

+++ MÜLLEIMER-TICKER +++

+++ Zug um 4:41 Uhr eingestellt bei im Mittel 19 gezählten Fahrgästen, Kosten 340.000 Euro im Jahr +++

+++ Rentenabschlag 14,4 Prozent, 268 Euro im Monat, über die Restlebenserwartung rund 61.000 Euro +++

Achtung, Satire: Personen, Zitate und Pressestellen sind frei erfunden — im Gegensatz zu den Verspätungen.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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