Wie viel Volt hat die Oberleitung?

Zahlen, bitte

„Unscheinbar hängt er über den Gleisen, doch in diesem dünnen Draht steckt genug Spannung, um sofort tödlich zu sein.“

Wie viel Volt hat die Oberleitung?

→ Zahlen rund um den Draht über dem Zug.

Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Zahlen, bitte

Kurz gesagt

Über deutschen Gleisen hängt eine Oberleitung mit 15.000 Volt Wechselspannung. In anderen Ländern sind es teils 25.000 Volt, bei S-Bahnen mit Stromschiene dagegen nur einige hundert. Gemeinsam ist allen, dass die Spannung sofort lebensgefährlich ist.

Fast unbemerkt spannt sich über jeder elektrifizierten Bahnstrecke ein feiner Draht, den kaum ein Reisender bewusst wahrnimmt.

Über den Stromabnehmer auf dem Dach holt sich der Zug aus dieser Oberleitung genau die Energie, die ihn antreibt.

So harmlos der dünne Draht aussieht, so gewaltig ist die Spannung, die in ihm steckt, und so lebensgefährlich ist jede Berührung.

München Hbf, ICE 9457 Bundesrepublik Deutschland, 2
Foto: Renardo la vulpo, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die Oberleitung in Zahlen

15.000 V

in Deutschland

Wechselstrom, 16,7 Hz

25.000 V

in vielen Ländern

mit 50 Hz

~750 V

Stromschiene

bei manchen S-Bahnen

Angaben nach Bahnstromsystemen; Deutschland, Österreich und die Schweiz nutzen 15.000 Volt bei 16,7 Hertz.

Woher der Zug seinen Strom holt

Ein elektrischer Zug trägt seinen Strom nicht in einem Tank oder einer Batterie mit sich, sondern holt ihn sich unterwegs.

Dafür streicht ein federnder Bügel auf dem Dach, der Stromabnehmer, ständig an der darüber gespannten Oberleitung entlang.

Über diesen Kontakt fließt die Energie in den Zug, treibt seine Motoren an und macht ihn so überhaupt erst beweglich.

Den Weg zurück nimmt der Strom über die Schienen, die zugleich als Rückleitung dienen.

München Hbf, ICE 9457 Bundesrepublik Deutschland, Bordrestaurant, 6
Foto: Renardo la vulpo, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Warum so hohe Spannung

Auf den ersten Blick wirkt die enorme Spannung von 15.000 Volt völlig übertrieben für einen fahrenden Zug.

Der Grund dafür liegt in einer einfachen Regel der Physik, denn bei hoher Spannung fließt für dieselbe Leistung weniger Strom.

Ein geringerer Strom aber bedeutet dünnere Leitungen und geringere Verluste über lange Strecken.

Genau deshalb setzt die Bahn auf eine so hohe Spannung, obwohl sie den Draht gefährlich macht.

Lebenswichtig

Die Oberleitung steht immer unter Spannung – schon die Nähe kann über einen Lichtbogen tödlich sein, eine Berührung ist nicht nötig.

Niemals auf Waggons klettern oder Gegenstände in die Nähe des Drahtes bringen. Der Bereich der Oberleitung ist absolut tabu.

Das deutsche Sondersystem

Deutschland nutzt zusammen mit Österreich und der Schweiz ein besonderes System mit 15.000 Volt und einer Frequenz von nur 16,7 Hertz.

Diese ungewöhnliche Frequenz stammt aus der Frühzeit der Bahnelektrifizierung und hat sich bis heute gehalten.

Weil das öffentliche Stromnetz dagegen mit 50 Hertz arbeitet, betreibt die Bahn ein eigenes Netz zur Erzeugung ihres Fahrstroms.

Dieses eigenständige Bahnstromnetz ist eine deutsche Besonderheit, die vielen Fahrgästen gar nicht bewusst ist.

Andere Länder, andere Zahlen

Fährt man mit dem Zug über die Grenze, ändert sich oft unbemerkt die gesamte Stromversorgung unter dem Draht.

Viele Länder nutzen 25.000 Volt bei den üblichen 50 Hertz, andere setzen auf Gleichstrom mit deutlich niedrigerer Spannung.

Züge, die über Grenzen fahren, müssen deshalb mit mehreren Systemen zugleich zurechtkommen.

Solche Mehrsystemfahrzeuge schalten während der Fahrt fast unmerklich von einem Stromsystem auf das nächste um.

Die Stromschiene als Ausnahme

Nicht jede Bahn holt sich ihren Strom von oben, denn manche S- und U-Bahnen nutzen eine seitliche Stromschiene am Boden.

Über diese Schiene fließt ein Gleichstrom von meist einigen hundert Volt, deutlich weniger als in der Oberleitung.

Der Vorteil liegt darin, dass keine Oberleitung nötig ist, was gerade in engen Tunneln praktisch ist.

Der Nachteil ist die stromführende Schiene direkt am Gleis, die eine ganz eigene Gefahr darstellt.

Lebensgefahr am Draht

So nützlich die hohe Spannung für den Betrieb ist, so tödlich ist sie für jeden Menschen, der ihr zu nahe kommt.

Anders als beim Haushaltsstrom muss man den Draht nicht einmal berühren, denn schon die Nähe kann einen Lichtbogen auslösen.

Dieser Lichtbogen überspringt die Luft und trifft den Menschen mit der vollen tödlichen Spannung.

Deshalb ist das Klettern auf Waggons oder das Hantieren in der Nähe der Oberleitung immer lebensgefährlich.

Warum man Abstand halten muss

Aus genau diesem Grund gilt an jeder elektrifizierten Strecke die eiserne Regel, einen großen Abstand zur Oberleitung zu halten.

Wer eine Angel, einen Stab oder einen Gegenstand in die Nähe des Drahtes bringt, riskiert sein Leben.

Auch auf Bahnsteigen und Brücken warnen deshalb Schilder eindringlich vor der unsichtbaren Gefahr über den Gleisen.

Der beste Schutz ist, den Bereich der Oberleitung schlicht immer als tabu zu behandeln.

Was die Zahl bedeutet

Am Ende ist die hohe Spannung der Oberleitung ein gutes Beispiel dafür, wie eine Gefahr zugleich ein Segen sein kann.

Die 15.000 Volt machen den Draht tödlich, ermöglichen aber erst den leisen, sauberen und kraftvollen elektrischen Verkehr.

Ohne diese Spannung gäbe es keine elektrischen Züge, keine ICE und keinen umweltfreundlichen Bahnstrom.

Der unscheinbare Draht über den Gleisen ist damit einer der stillen Helden der modernen Eisenbahn.

Häufige Fragen

Wie viel Volt hat die Oberleitung?
In Deutschland 15.000 Volt bei 16,7 Hertz. In vielen anderen Ländern sind es 25.000 Volt bei 50 Hertz.
Warum ist die Spannung so hoch?
Weil bei hoher Spannung weniger Strom fließt. Das erlaubt dünnere Leitungen und geringere Verluste über lange Strecken.
Warum hat Deutschland ein Sondersystem?
Die Frequenz von 16,7 Hertz stammt aus der Frühzeit der Elektrifizierung. Die Bahn betreibt dafür ein eigenes Stromnetz.
Was ist mit der S-Bahn?
Manche S- und U-Bahnen nutzen eine seitliche Stromschiene mit meist einigen hundert Volt Gleichstrom statt einer Oberleitung.
Wie gefährlich ist der Draht?
Lebensgefährlich. Schon die Nähe kann über einen Lichtbogen tödlich sein. Man muss den Draht nicht einmal berühren.

Weiterfahrt

Braucht ein Zug bergauf mehr Strom? – Physik auf der Schiene

Wie viele ICE-Baureihen gibt es? – die ganze Familie

Zurück zum Finder

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →