Sollte ein Sitzplatz im Fernverkehr garantiert sein?

Standpunkt

„Ein teures Fernverkehrsticket und dann drei Stunden auf dem Koffer im Gang – für viele ist das der größte Ärger beim Bahnfahren.“

Sollte ein Sitzplatz im Fernverkehr garantiert sein?

→ Ein Standpunkt über das Recht auf einen Sitzplatz im schnellen Zug.

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Worum es geht

Ob ein Sitzplatz im Fernverkehr garantiert sein sollte, ist eine Abwägung zwischen dem berechtigten Komfortanspruch der Reisenden und den Grenzen der verfügbaren Kapazität. Eine Garantie würde überfüllte Züge verhindern, könnte aber auch dazu führen, dass manche gar nicht erst mitfahren dürfen.

Wer ein Ticket für den schnellen Fernverkehr löst, zahlt dafür einen durchaus stolzen Preis und erwartet eine gewisse Bequemlichkeit.

Umso größer ist der Ärger, wenn der Zug so überfüllt ist, dass man die ganze Reise über im engen Gang oder auf dem eigenen Koffer verbringen muss.

Ob die Bahn deshalb jedem Fahrgast im Fernverkehr einen Sitzplatz garantieren sollte, ist eine überraschend schwierige Frage.

DB ICE3 Halle
Foto: Clic, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der Ärger im vollen Zug

Kaum etwas verdirbt die Freude an einer Bahnreise so sehr wie ein hoffnungslos überfüllter Fernzug.

Wer keinen Platz findet, steht oft stundenlang im zugigen Gang oder sitzt auf dem harten Boden zwischen den Wagen.

Für den vollen Preis eines Fernverkehrstickets empfinden viele das zu Recht als unzumutbar.

Dieser Ärger ist der Ausgangspunkt für die Forderung nach einem garantierten Sitzplatz.

J40 584 Bf Halle (S) Hbf, 401 514
Foto: Falk2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Das Vorbild des Flugzeugs

Wer ein Flugzeug besteigt, hat immer einen festen Sitzplatz, denn mehr Tickets als Sitze werden dort nicht verkauft.

Manche fordern, die Bahn solle es genauso halten und nur so viele Fahrkarten wie Sitze für einen Zug verkaufen.

Auf diese Weise wäre jedem Reisenden ein Platz sicher, und überfüllte Züge gehörten der Vergangenheit an.

Dieses klare Vorbild klingt zunächst überzeugend und gerecht.

Der Preis der Garantie

Eine solche Garantie hätte jedoch einen hohen Preis, der vielen erst auf den zweiten Blick bewusst wird.

Wäre ein Zug ausgebucht, dürfte niemand mehr mitfahren, auch wenn er dringend zu einem Termin oder nach Hause müsste.

Gerade die Freiheit, spontan in den nächsten Zug zu steigen, ist aber ein großer Vorzug der Bahn gegenüber dem Flugzeug.

Diese Freiheit stünde bei einer strikten Sitzplatzgarantie unweigerlich auf dem Spiel.

Spontan reisen können

Ein wesentlicher Vorteil der Bahn ist, dass man ohne lange Planung einfach zum Bahnhof gehen und losfahren kann.

Wer flexibel bleiben muss, schätzt es, nicht an einen bestimmten Zug gebunden zu sein.

Eine Sitzplatzgarantie mit begrenzter Zahl an Tickets würde diese Spontaneität weitgehend zunichtemachen.

Man müsste dann für jede Fahrt im Voraus buchen, so wie man es vom Flugzeug kennt.

Die Grenzen der Kapazität

Das eigentliche Problem hinter den überfüllten Zügen ist oft schlicht ein Mangel an Zügen und an Platz.

An stark nachgefragten Tagen reicht die Zahl der verfügbaren Wagen nicht aus, um alle Reisenden sitzend zu befördern.

Eine Garantie allein schafft keinen einzigen zusätzlichen Sitzplatz, sondern verteilt nur den vorhandenen Mangel.

Der Schlüssel läge deshalb weniger in einer Garantie als in mehr und längeren Zügen.

Die Rolle der Reservierung

Schon heute gibt es mit der Sitzplatzreservierung ein Mittel, sich einen bestimmten Platz im Voraus zu sichern.

Wer auf Nummer sicher gehen will, kann für einen kleinen Aufpreis einen festen Platz buchen.

Manche schlagen vor, die Reservierung auf stark nachgefragten Strecken zur Pflicht zu machen.

So hätte jeder mit Reservierung einen sicheren Platz, ohne die Spontaneität für alle abzuschaffen.

Ein Zwischenweg über die Auslastung

Statt einer strikten Garantie ließe sich die Auslastung der Züge auch durch geschickte Anreize besser steuern.

Günstige Preise für weniger gefragte Züge lenken einen Teil der Reisenden von den überfüllten Verbindungen weg.

Zugleich könnte die Bahn auf besonders nachgefragten Strecken mehr und längere Züge einsetzen.

So ließen sich die schlimmsten Engpässe entschärfen, ohne die Freiheit der spontanen Reise ganz zu opfern.

Ein möglicher Mittelweg

Vieles spricht dafür, auf eine strikte Sitzplatzgarantie zu verzichten und stattdessen die Kapazität deutlich zu erhöhen.

Mehr und längere Züge auf den stark nachgefragten Strecken würden die überfüllten Fahrten von selbst seltener machen.

Eine kluge Reservierungspflicht auf besonders begehrten Verbindungen könnte den Reisenden zusätzliche Sicherheit geben.

So ließe sich der Wunsch nach einem sicheren Platz mit der geschätzten Freiheit der spontanen Reise versöhnen.

Pro und Contra

Dafür

+  Für den hohen Preis eines Fernverkehrstickets ist ein Sitzplatz eine faire Erwartung.

+  Im Flugzeug ist ein Platz selbstverständlich, warum nicht im Zug?

+  Eine Garantie würde die ärgerlichen, überfüllten Züge verhindern.

+  Stundenlanges Stehen im Gang ist gerade für Ältere unzumutbar.

Dagegen

  Bei ausgebuchten Zügen dürfte niemand mehr spontan mitfahren.

  Die geschätzte Freiheit, einfach loszufahren, ginge verloren.

  Eine Garantie schafft keinen einzigen zusätzlichen Sitzplatz.

  Das eigentliche Problem ist der Mangel an Zügen, nicht die fehlende Garantie.

Tipp für die Reise

Wer sicher sitzen möchte, sollte auf stark nachgefragten Strecken und an Reisetagen wie Freitag oder Sonntag unbedingt einen Sitzplatz reservieren. Für einen kleinen Aufpreis erspart man sich die Sorge vor dem überfüllten Zug.

Unterm Strich

Ob ein Sitzplatz im Fernverkehr garantiert sein sollte, lässt sich nicht mit einem schlichten Ja beantworten.

Der Wunsch nach einem sicheren Platz ist verständlich, doch eine strikte Garantie würde die geschätzte Freiheit der spontanen Reise opfern.

Das eigentliche Problem der überfüllten Züge lässt sich nur durch mehr und längere Züge wirklich lösen.

Mehr Kapazität und eine kluge Reservierungspflicht auf begehrten Strecken erscheinen deshalb sinnvoller als eine Garantie um jeden Preis.

Weiterfahrt

Was ist eine Sitzplatzreservierung? – der sichere Platz

Wie viele Sitzplätze hat ein ICE? – die Kapazität

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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