Bahn-Slam · Standpunkt
„Sehr geehrte Fahrgäste, der Aufzug zu Gleis 3 ist außer Betrieb. Bitte nutzen Sie die Treppe.“
Alle Bahnhöfe barrierefrei – per Pflicht-Frist?
→ Rund 90 Prozent der Bahnsteige sind stufenfrei. Für den Rest: freiwillig oder verpflichtend?
Lesezeit: 7 Minuten · Bahnhof & Teilhabe
Worum es geht
Rund neun von zehn Bahnsteigen in Deutschland sind heute stufenfrei erreichbar – über Aufzüge, Rampen oder ebene Zugänge. Der Rest nicht. Eigentlich sollte der öffentliche Verkehr laut Gesetz schon 2022 vollständig barrierefrei sein; das Ziel wurde verfehlt. Soll nun eine verbindliche Frist mit klaren Vorgaben her – oder bremst das mehr, als es hilft?
Für die meisten Menschen ist eine Treppe kein Hindernis. Für Rollstuhlfahrer, Eltern mit Kinderwagen oder Reisende mit schwerem Gepäck schon.
Rund 90 Prozent der Bahnsteige sind inzwischen stufenfrei – ein großer Fortschritt.
Aber eben nicht alle. Und das gesetzliche Ziel von 2022 wurde gerissen. Braucht es jetzt Druck durch eine feste Frist?

Wo Deutschland steht
Der Anteil stufenfreier Bahnsteige ist seit 2010 von 78 auf rund 90 Prozent gestiegen. Aufzüge und Rampen kommen Jahr für Jahr dazu.
Doch zwischen den Regionen klaffen große Lücken: In manchen Bundesländern fehlt an vielen kleinen Bahnhöfen noch immer jeder barrierefreie Zugang.
Das verfehlte Ziel
Das Personenbeförderungsgesetz sah volle Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehr eigentlich für 2022 vor.
Erreicht wurde das nicht – auch, weil konkrete Fristen mit Geld und klaren Zuständigkeiten fehlten.
Die Argumente
Dafür
+ Teilhabe ist ein Recht: Wer auf den Zug angewiesen ist, muss ihn auch erreichen können – überall.
+ Tempo durch Druck: Eine verbindliche Frist mit Sanktionen beschleunigt, was sonst ewig dauert.
+ Planungssicherheit: Klare Vorgaben zwingen dazu, Geld und Personal endlich bereitzustellen.
+ Demografie: Eine alternde Gesellschaft braucht barrierefreie Bahnhöfe dringender denn je.
Dagegen
− Kleine Bahnhöfe: Ein Aufzug für eine Handvoll Reisende am Tag kostet unverhältnismäßig viel.
− Frist ohne Geld: Eine Pflicht ohne Finanzierung erzeugt nur Papier, keine Rampen.
− Priorität sinnvoller: Große, stark genutzte Bahnhöfe zuerst bringt mehr als die Gießkanne.
− Bau braucht Zeit: Aufzüge und Umbauten lassen sich nicht per Stichtag aus dem Boden stampfen.
Hilfe für mobilitätseingeschränkte Reisende
Wer Unterstützung braucht, kann sie bei der Bahn vorab anmelden – idealerweise einen Tag im Voraus über die Mobilitätsservice-Zentrale. Dann hilft Personal beim Ein-, Um- und Aussteigen. Ob ein Bahnhof stufenfrei ist und welche Aufzüge gerade funktionieren, zeigen die App und die Bahnhofsinformationen. Fällt ein Aufzug aus, organisiert die Bahn im besten Fall eine Alternative.
Und nun?
Volle Barrierefreiheit ist keine Kür, sondern Pflicht – das Ziel ist richtig und überfällig.
Eine starre Frist für jeden der tausenden Bahnhöfe gleichzeitig würde aber am Geld und an der Bauzeit scheitern.
Der klügere Weg ist eine verbindliche Frist mit klarer Finanzierung und sinnvoller Reihenfolge: zuerst die großen und mittleren Bahnhöfe, dann Schritt für Schritt die kleinen – aber mit einem festen Enddatum, das nicht wieder verschoben wird.
Weiterfahrt
→ Wie barrierefrei ist die Bahn? – die Zahlen dazu
→ Mehr Personal an die Bahnhöfe? – auch eine Frage der Hilfe
