Bahn-Slam · Standpunkt
„Sehr geehrte Fahrgäste, Ihr Inlandsflug wurde gestrichen. Sie sitzen jetzt im Zug – und sind fast genauso schnell.“
Kurzstreckenflüge abschaffen?
→ Frankreich verbietet kurze Inlandsflüge, wenn der Zug es auch schafft. Wäre das ein Vorbild für Deutschland?
Lesezeit: 8 Minuten · Verkehr & Klima
Worum es geht
Kurzstreckenflüge sind besonders klimaschädlich: Auf einer typischen Kurzstrecke stößt das Flugzeug pro Person ein Vielfaches dessen aus, was die Bahn verursacht. Frankreich hat deshalb 2023 Inlandsflüge verboten, wenn dieselbe Strecke in unter zweieinhalb Stunden mit dem Zug machbar ist. Die deutsche Bundesregierung lehnt ein solches Verbot ab. Der Haken: Der Klimaeffekt wäre klein – der große Ausstoß kommt von der Straße, nicht aus der Luft.
Von Köln nach Berlin fliegen? Für viele klingt das schnell und bequem.
Fürs Klima ist es eine kleine Katastrophe: Kaum eine Art zu reisen belastet die Luft pro Kilometer so stark wie der Kurzstreckenflug.
Frankreich hat deshalb einen radikalen Schritt gewagt und kurze Inlandsflüge verboten.
Sollte Deutschland nachziehen – oder bringt das am Ende wenig?

Das Beispiel Frankreich
Seit 2023 gilt in Frankreich ein Verbot von Inlandsflügen, wenn dieselbe Strecke in weniger als zweieinhalb Stunden mit dem Zug zu schaffen ist.
Der Gedanke: Wo der Zug schnell genug ist, braucht es das Flugzeug nicht.
Deutschland geht diesen Weg nicht. Die Bundesregierung lehnt streckenbezogene Flugverbote ausdrücklich ab und setzt auf bessere Bahnangebote statt auf Verbote.
Der ehrliche Blick auf die Zahlen
Kurzstreckenflüge sind pro Person klimaschädlich: Auf rund 180 Kilometern verursacht ein Flug ein Mehrfaches der Emissionen einer Bahnfahrt.
Aber die Menge ist klein. Selbst wenn alle innerdeutschen Fluggäste auf die Bahn umstiegen, spart das nur wenige Hunderttausend Tonnen CO₂ im Jahr.
Zum Vergleich: Der Straßenverkehr stößt in Deutschland weit über hundert Millionen Tonnen aus. Der Kurzstreckenflug ist also ein Symbol – nicht der große Hebel.
Die Argumente
Dafür
+ Klima pro Kopf: Kaum etwas belastet die Luft pro Reisendem so stark wie der Kurzstreckenflug. Wo die Bahn fährt, ist er unnötig.
+ Die Bahn kann es oft: Bis rund 500 Kilometer ist der Zug von Tür zu Tür häufig gleich schnell – der Flug spart kaum Zeit.
+ Signalwirkung: Ein Verbot macht klar, dass Bequemlichkeit nicht über dem Klima steht – und lenkt Investitionen auf die Schiene.
+ Rückenwind: 2021 gaben 58 Prozent der Deutschen an, auf Inlandsflüge verzichten zu können.
Dagegen
− Kleiner Effekt: Der eingesparte Ausstoß ist gering. Wer wirklich Klima schützen will, muss beim Auto ansetzen, nicht beim Kurzflug.
− Erst die Bahn, dann das Verbot: Solange Züge unpünktlich und überfüllt sind, ist ein Flugverbot eine Zumutung ohne gute Alternative.
− Zubringer-Problem: Viele Kurzflüge bringen Reisende zu Fernflügen ans Drehkreuz. Fällt der Zubringer weg, fliegen sie eben ab dem Ausland.
− Anreiz statt Zwang: Ein gutes, günstiges Bahnangebot lockt Menschen freiwillig um – ein Verbot erzwingt nur Ärger.
Zug statt Flug – geht das schon?
Ja, teilweise. Fluggesellschaften und die Bahn kooperieren: Auf einigen Strecken ersetzt ein Zubringer-Zug den früheren Kurzstreckenflug, buchbar im selben Ticket bis zum Flughafen. Einzelne innerdeutsche Flugverbindungen wurden deshalb bereits eingestellt – ganz ohne Verbot.
Und nun?
Kurzstreckenflüge abzuschaffen ist symbolisch stark und klimapolitisch richtig – aber es ist kein großer Hebel.
Der Zug gewinnt das Rennen ohnehin dort, wo er schnell und verlässlich ist. Genau da verschwinden die Flüge schon von selbst.
Die ehrlichere Frage lautet deshalb: Verbieten wir den Kurzflug – oder machen wir die Bahn so gut, dass ihn niemand mehr vermisst? Das Zweite hält länger.
Weiterfahrt
→ Ist Fliegen schneller als die Bahn? – der Mythen-Check
→ Wie viel CO₂ spart eine Bahnfahrt? – die Klimabilanz in Zahlen
→ Mehr Nachtzüge fördern? – die Alternative zum Flug
