Mehr Nachtzüge – mit Steuergeld fördern? Pro und Contra zur Renaissance der Schlafwagen

STANDPUNKT · PRO & CONTRA

„Nächster Halt: morgen früh, mitten in der Stadt. Gute Nacht.“

Mehr Nachtzüge – mit Steuergeld fördern? Pro und Contra zur Renaissance der Schlafwagen

→ Klimafreundlich reisen im Schlaf – aber wer trägt die Kosten?

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Worum es geht

Nachtzüge erleben ein Comeback: Die ÖBB fahren mit ihren Nightjets quer durch Europa, neue Verbindungen entstehen. Doch der Betrieb ist teuer. Die Frage: Soll der Staat mehr Nachtzüge mit Steuergeld fördern?

Abends in Wien einsteigen, morgens in Hamburg frühstücken – ohne Flughafen, ohne Sicherheitsschlange, ohne verlorenen Tag.

Der Nachtzug verkauft ein altes Versprechen neu: die Nacht im Schlaf zu überbrücken statt im Wartesaal.

Lange sah es düster aus.

Die Deutsche Bahn stieg 2016 aus dem klassischen Nachtzuggeschäft aus.

Doch die österreichische ÖBB übernahm Wagen und Linien, baute das Nightjet-Netz aus – und plötzlich ist der Schlafwagen wieder ein Thema.

Nur: rechnen tut er sich selten von allein.

Baureihe 120 mit Intercity in Nürnberg
Foto: Joachim Seyferth, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Vom Aus zum Comeback

Noch vor wenigen Jahren galt der Nachtzug als Auslaufmodell.

Sinkende Fahrgastzahlen, alte Wagen, teurer Betrieb: 2016 zog sich die Deutsche Bahn zurück.

Viele hielten das Kapitel für beendet.

Dass es anders kam, liegt vor allem an der ÖBB. Die Österreicher übernahmen Material und Strecken, bündelten sie unter der Marke Nightjet und bauten das Netz Schritt für Schritt aus.

Heute verbinden Nachtzüge wieder zahlreiche europäische Metropolen.

Warum Nachtzüge teuer sind

Ein Nachtzug ist ein rollendes Hotel – und teurer als ein normaler Zug.

Schlaf- und Liegewagen sind Spezialfahrzeuge, teuer in Anschaffung und Wartung, und sie stehen tagsüber meist ungenutzt herum.

Ein Sitzwagen fährt mehrmals am Tag, ein Schlafwagen nur einmal pro Nacht.

Dazu kommen die Gebühren.

Quer durch Europa zahlt jeder Zug für jeden Streckenkilometer und für jeden Halt an Trassen- und Stationspreisen.

Eine einzige Nachtzuglinie durchquert oft mehrere Länder – und damit mehrere Gebührenordnungen.

Das summiert sich.

Wer sie heute fährt

Größter Anbieter ist die ÖBB mit ihren Nightjets, teils in Kooperation mit anderen Staatsbahnen.

Eine neue Fahrzeuggeneration bringt kleine, abschließbare Mini-Abteile, die mehr Privatsphäre bei niedrigem Preis bieten.

Daneben versuchen sich private Anbieter wie European Sleeper an eigenen Verbindungen.

Rückenwind kommt aus Brüssel: Im Rahmen des europäischen Green Deal gilt ein dichtes Nachtzugnetz als Baustein für klimafreundliches Reisen über Grenzen hinweg.

Die Klimabilanz

Der große Trumpf des Nachtzugs ist der Vergleich mit dem Flugzeug.

Er ersetzt genau jene innereuropäischen Kurzstreckenflüge, die pro Kilometer am klimaschädlichsten sind.

Wer schlafend von Metropole zu Metropole reist, spart sich Weg zum Flughafen, Check-in und CO2 gleichermaßen.

Dieser Vorteil zählt aber nur, wenn der Zug tatsächlich fährt und bezahlbar bleibt.

Ein ausgedünntes, überteuertes Nachtnetz verlagert niemanden von der Luft auf die Schiene.

Genau hier setzt die Förderdebatte an.

Baureihe 147 bei Regenwetter in Emden
Foto: JoachimKohler-HB, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Was eine Fahrt wirklich kostet

Ein Bett im Nachtzug ist teurer als ein Sitzplatz am Tag – und das aus gutem Grund.

Der Fahrgast bezahlt nicht nur die Strecke, sondern auch Raum: Ein Schlafwagenabteil bindet Platz, den tagsüber drei oder vier Sitzreisende füllen würden.

Dazu kommen Personal für die Nacht, Reinigung und die Bereitstellung des Bettzeugs.

Genau hier entscheidet sich, ob eine Linie überlebt.

Sind die Preise zu hoch, bleibt der Zug leer; sind sie zu niedrig, macht der Betreiber Verlust.

Ohne einen Ausgleich von außen bleibt vielen Verbindungen deshalb nur die Wahl zwischen teuer und unrentabel – der Kern der gesamten Förderdebatte.

Was andere Länder vormachen

Ein Blick über die Grenze zeigt, dass es geht.

Österreich hat mit den Nightjets bewusst in ein europäisches Netz investiert, statt es allein dem freien Markt zu überlassen.

Auch andere Staaten prüfen Zuschüsse oder bestellen einzelne Nachtzugverbindungen wie eine öffentliche Dienstleistung.

Das Muster ähnelt dem Nahverkehr: Was gesellschaftlich erwünscht, aber nicht kostendeckend ist, wird bestellt und bezahlt.

Ob Deutschland diesen Weg auch für den Nachtzug geht, ist am Ende eine Frage des politischen Willens – und des Geldes.

Pro und Contra auf einen Blick

Dafür

+  Eine klimafreundliche Alternative zu innereuropäischen Kurzstreckenflügen.

+  Reisezeit wird zur Schlafzeit – morgens ausgeruht mitten im Zentrum.

+  Nachtzüge verbinden Städte, zwischen denen sich tagsüber keine schnelle Bahnfahrt lohnt.

+  Ein europäisches Nachtnetz stärkt die Schiene über Grenzen hinweg.

Dagegen

−  Der Betrieb ist teuer und rechnet sich oft nur mit Zuschuss.

−  Spezielle Schlaf- und Liegewagen sind knapp und in der Anschaffung sehr teuer.

−  Hohe Trassen- und Stationsgebühren quer durch viele Länder belasten jede Fahrt.

−  Billigflüge bleiben auf vielen Strecken konkurrenzlos günstig.

Gut zu wissen

Wer Wert auf Ruhe legt, bucht ein Abteil im Schlafwagen mit Bett; günstiger sind Liege- und Sitzwagen. Grenzüberschreitende Nachtzüge sind früh gebucht oft deutlich billiger als kurz vor der Abfahrt.

Und nun?

Nachtzüge sind kein Nostalgieprojekt, sondern ein ernst gemeinter Baustein für klimafreundliches Reisen in Europa.

Aber sie sind eben auch teuer, und der Markt allein trägt sie bislang nicht.

Wer mehr Nachtzüge will, muss ehrlich sein: Ohne verlässliche Förderung, faire Trassenpreise und genügend Wagen bleibt das Netz Stückwerk.

Die Frage ist nicht, ob der Nachtzug schön ist – sondern, was er der Gesellschaft wert ist.

Am Ende ist es eine politische Entscheidung, keine rein betriebswirtschaftliche: Gesteht man dem Nachtzug denselben gesellschaftlichen Wert zu wie einer Buslinie aufs Land? Wer Ja sagt, muss ihn auch bezahlen – wer Nein sagt, sollte nicht überrascht sein, wenn das Netz wieder ausdünnt.

Fest steht nur: Ohne eine solche Grundsatzentscheidung bleibt jede neue Nachtzuglinie ein Einzelfall, der von Jahr zu Jahr um seine Finanzierung bangt.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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