Bahnhöfe als Einkaufszentren? Pro & Contra

Standpunkt

„Zwischen Gleis 5 und dem Bäcker liegen heute noch ein Drogeriemarkt, zwei Cafés und ein Schuhladen.“

Bahnhöfe als Einkaufszentren?

→ Aus Wartehallen sind Shopping-Meilen geworden. Gut für die Reise – oder im Weg?

Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Standpunkt

Worum es geht

Große Bahnhöfe sind heute oft auch Einkaufszentren mit dutzenden Geschäften, die sogar sonntags öffnen. Die Läden bringen der Bahn Geld – kosten aber Platz und verändern, wofür ein Bahnhof eigentlich da ist.

Der Leipziger Hauptbahnhof hat in seinen „Promenaden“ rund 140 Geschäfte.

In Frankfurt, Hamburg oder Berlin sieht es ähnlich aus: Wer zum Zug will, läuft an Mode, Technik, Drogerie und Lebensmitteln vorbei.

Für die Bahnhofsbetreiber ist das ein gutes Geschäft.

Die Mieten der Läden finanzieren einen Teil von Betrieb und Instandhaltung des Bahnhofs.

Für manche Reisende ist der Bahnhof zugleich der einzige Ort, an dem man auch sonntags einkaufen kann.

Doch mit jedem neuen Laden verschiebt sich das Gleichgewicht.

Ist der Bahnhof noch ein Verkehrsort mit ein paar Geschäften – oder längst ein Einkaufszentrum, durch das zufällig Gleise laufen?

Baureihe 101 im Hannoveraner Hauptbahnhof
Foto: JoachimKohler-HB, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Vom Wartesaal zur Shopping-Meile

Früher gab es am Bahnhof einen Kiosk, eine Gaststätte und den Fahrkartenschalter.

Mehr brauchte es nicht.

Heute ist die Halle großer Bahnhöfe oft eine eigene kleine Innenstadt mit dutzenden Läden auf mehreren Ebenen.

Möglich macht das eine Ausnahme im Ladenschlussgesetz: An Bahnhöfen dürfen Geschäfte auch sonntags und spätabends öffnen, weil sie offiziell der Versorgung der Reisenden dienen.

Genau diese Ausnahme macht Bahnhöfe für den Handel so attraktiv.

Warum die Bahn das will

Für die Bahn sind die Mieteinnahmen bares Geld.

Ein Bahnhof ist teuer im Unterhalt, und jede vermietete Ladenfläche hilft, diese Kosten zu decken.

Große, gut gelegene Bahnhöfe sind für Händler erstklassige Standorte.

So entsteht ein Kreislauf: Je mehr Menschen den Bahnhof nutzen, desto wertvoller die Flächen; je mehr Läden, desto mehr Einnahmen.

Für die Betreiber ist der Handel deshalb kein Beiwerk, sondern ein wichtiges Standbein.

Was Reisende davon haben

Für viele ist das ein echter Gewinn.

Wer vor der Abfahrt noch schnell etwas braucht – ein Getränk, ein Geschenk, eine vergessene Zahnbürste –, findet es direkt am Gleis.

Und am Sonntag ist der Bahnhof oft die einzige offene Adresse.

Ein belebter Bahnhof mit Geschäften wirkt zudem sicherer und einladender als eine leere, dunkle Halle.

Wo Menschen einkaufen, ist Betrieb, und wo Betrieb ist, fühlt man sich weniger allein.

Wem der Bahnhof gehören soll

Genau hier beginnt der Streit.

Kritiker sehen die Kehrseite: Die Läden verengen die Wege, hohe Mieten verdrängen Reise-Services wie Schalter und Warteräume, und der eigentliche Zweck – das Reisen – droht zur Nebensache zu werden.

Ist der Bahnhof ein Verkehrsort, der nebenbei ein paar Läden hat? Oder ein Einkaufszentrum, durch das zufällig Gleise laufen? An dieser Frage scheiden sich die Geister.

Die verdrängten Reisenden-Dienste

Ein oft genannter Einwand: Wo früher ein großer Warteraum oder ein bedienter Schalter war, ist heute ein Modegeschäft.

Die zahlungskräftige Ladenmiete schlägt den kostenlosen Service für Reisende.

Gerade wer Hilfe braucht – ältere Menschen, Reisende mit Gepäck oder ohne Smartphone – vermisst manchmal genau das, was dem Kommerz weichen musste: einen ruhigen Platz und einen Menschen hinter einem Schalter.

Rangierlok V 60 der Baureihe 363
Foto: Joost J. Bakker, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Ein Blick in die großen Bahnhöfe

Wie weit das gehen kann, zeigt der Leipziger Hauptbahnhof: Mit rund 140 Geschäften auf mehreren Ebenen ist er faktisch ein Einkaufszentrum, das zufällig auch Gleise hat.

Für die einen ist das ein Vorzeigeprojekt, für die anderen ein warnendes Beispiel.

Andere Bahnhöfe halten es maßvoller und lassen die Halle Halle sein.

Die Bandbreite ist groß – und zeigt, dass es keinen Zwang zum Vollkommerz gibt, sondern eine bewusste Entscheidung der Betreiber.

Nicht jeder profitiert gleich

Für den eiligen Pendler ist der Bäcker am Gleis praktisch.

Für den gestressten Umsteiger mit Koffer und Kind sind die verwinkelten Ladenpassagen eher ein Hindernis.

Dieselbe Einkaufswelt wird ganz unterschiedlich erlebt.

Und wer schlicht in Ruhe auf seinen verspäteten Zug warten will, sucht in mancher Shopping-Halle vergeblich einen einfachen, kostenlosen Sitzplatz ganz ohne Konsumzwang.

Bahnhof als Einkaufszentrum – gut so?

Dafür

+  Die Läden versorgen Reisende rund um die Uhr – auch sonntags, wenn sonst alles zu hat.

+  Die Mieteinnahmen finanzieren den Bahnhof mit. Ohne sie wären Betrieb und Sanierung noch teurer.

+  Ein belebter Bahnhof mit Geschäften ist sicherer und einladender als eine leere Halle.

+  Kurze Wege: Das Nötige für die Reise gibt es direkt am Gleis, ohne Umweg in die Stadt.

+  Attraktive Bahnhöfe ziehen Menschen an und werten ganze Viertel auf.

Dagegen

  Die Läden verengen die Wege. Wer nur zum Zug will, schlängelt sich durch volle Passagen.

  Hohe Mieten verdrängen das, was an den Bahnhof gehört: Schalter, Warteräume, Service-Personal.

  Der Sonntagsverkauf am Bahnhof setzt den Einzelhandel der Innenstädte unter Druck.

  Ein Bahnhof soll dem Verkehr dienen, nicht dem Konsum. Die Reise droht zur Nebensache zu werden.

  Bei Umbauten zählt oft die Ladenfläche mehr als der Komfort der Reisenden.

Die Frage dahinter

Niemand will den Kaffee vor der Abfahrt abschaffen. Es geht um das Maß: Wie viel Handel verträgt ein Bahnhof, bevor der Bahnsteig zur Nebensache wird – und bleibt genug Raum für alle, die nur reisen und nicht einkaufen wollen?

Unser Fazit

Geschäfte machen Bahnhöfe lebendiger, sicherer und finanzieren sie mit.

Bis zu einem gewissen Punkt ist das ein Gewinn für alle.

Kippt das Verhältnis aber, wird aus dem Tor zur Reise ein Einkaufszentrum mit Gleisanschluss, in dem Warteräume und Schalter fehlen.

Entscheidend ist, dass Reisen der Zweck bleibt und Einkaufen die Zugabe – und dass auch der Fahrgast ohne Einkaufstüte seinen Platz behält.

Weiterfahrt

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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