Mehr Frauen als Lokführerinnen gewinnen? Pro und Contra

Standpunkt · Pro & Contra

„Der Beruf sucht händeringend Nachwuchs – und die Hälfte der Bevölkerung ist bisher kaum vertreten.“

Mehr Frauen als Lokführerinnen gewinnen?

→ Fachkräftemangel trifft auf ein sehr männlich geprägtes Berufsbild. Sollte die Bahn gezielt gegensteuern?

Lesezeit: 7 Minuten · Schalter: Standpunkt

Worum es geht

Der Beruf der Lokführerin ist bis heute stark männlich geprägt: Der Frauenanteil liegt nur im niedrigen einstelligen bis knapp zweistelligen Prozentbereich. Gleichzeitig fehlt der Bahn Personal. Die Frage ist, ob gezielte Werbung um Frauen der richtige Weg ist – oder ob der Beruf einfach für alle attraktiver werden muss.

Wer im Führerstand sitzt, entscheidet über die Sicherheit von hunderten Menschen.

Lange galt das fast selbstverständlich als Männersache – vom Heizer der Dampflok bis zum Triebfahrzeugführer von heute.

Doch der Beruf verändert sich, und die Bahn sucht dringend Nachwuchs.

Da rückt eine Gruppe in den Blick, die bisher kaum vertreten ist: Frauen.

Sollte man sie gezielt gewinnen?

Baureihe 101 mit Intercity in Köln
Foto: JoachimKohler-HB, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Ein Beruf im Wandel

Der Alltag im Führerstand hat mit dem Klischee vom rußigen Heizer wenig zu tun.

Moderne Triebfahrzeugführer überwachen komplexe Technik, arbeiten mit Bordrechnern und Sicherheitssystemen und tragen große Verantwortung – körperliche Kraft spielt kaum eine Rolle.

Damit fällt das wichtigste alte Argument gegen Frauen im Führerstand weg.

Was bleibt, sind Schichtdienst, Nacht- und Wochenendarbeit sowie lange Abwesenheiten – Bedingungen, die für alle Geschlechter herausfordernd sind.

Warum so wenige Frauen?

Die Gründe sind vielschichtig.

Das Berufsbild wirkt nach außen noch immer sehr männlich, Vorbilder fehlen, und viele junge Frauen haben den Beruf schlicht nicht auf dem Schirm.

Hinzu kommt die Vereinbarkeit mit Familie: Unregelmäßige Dienste lassen sich schwer mit festen Betreuungszeiten verbinden.

Das trifft in der Praxis noch immer häufiger Frauen als Männer.

Ein Blick über die Grenzen

International ist der Anteil von Frauen im Führerstand sehr unterschiedlich.

In einigen Bahnländern liegt er deutlich höher als in Deutschland – ein Hinweis darauf, dass es keine Frage der Eignung, sondern der Kultur und der Rahmenbedingungen ist.

Wo gezielt geworben und der Beruf familienfreundlich gestaltet wurde, stieg der Frauenanteil spürbar.

Das zeigt: Die niedrige Quote ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis von Traditionen, die sich ändern lassen.

Zugleich warnen andere Beispiele davor, allein auf Kampagnen zu setzen.

Ohne bessere Dienstpläne und Aufstiegschancen verpuffen selbst gut gemeinte Aktionen schnell wieder.

Was sich konkret ändern müsste

Am wichtigsten sind planbare und verlässliche Dienste.

Wer Schichten früh kennt und Teilzeitmodelle nutzen kann, dem fällt die Vereinbarkeit mit Familie leichter – das gilt für Frauen wie für Männer.

Dazu kommen Sichtbarkeit und früher Kontakt: Schnuppertage, Praktika und Vorbilder, die zeigen, dass der Führerstand allen offensteht.

Wer den Beruf nie in Betracht zieht, bewirbt sich auch nicht.

Und schließlich braucht es eine Ausbildung, die niemanden abschreckt.

Faire Auswahl, gute Betreuung und ein Betriebsklima ohne Vorurteile sind die Grundlage dafür, dass mehr Frauen bleiben – nicht nur anfangen.

Rangierlok der Baureihe 363 in Karlsruhe
Foto: Hoff1980, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Der Nachwuchs entscheidet

Ein oft übersehener Punkt ist das Alter der Belegschaft.

Ein großer Teil der heutigen Triebfahrzeugführer nähert sich dem Ruhestand.

In den kommenden Jahren müssen deshalb sehr viele Stellen neu besetzt werden – auf einen Schlag.

Diese Lücke lässt sich kaum schließen, wenn man weiterhin fast nur die Hälfte der Bevölkerung anspricht.

Schon aus nüchternem Eigeninteresse muss die Bahn breiter rekrutieren, um überhaupt genug Personal zu finden.

Insofern ist die Frage nach mehr Lokführerinnen keine reine Gerechtigkeitsdebatte, sondern auch eine Überlebensfrage für den Betrieb.

Wer Züge fahren lassen will, kann es sich nicht leisten, Talente von vornherein zu übersehen.

Andere Branchen mit ähnlichem Fachkräftemangel haben es vorgemacht: Wer früh, breit und ohne Vorurteile rekrutiert, findet am Ende die Leute, die er braucht – und bleibt handlungsfähig.

Die Argumente

Dafür

+  Der Fachkräftemangel ist real: Die Bahn braucht tausende neue Triebfahrzeugführer. Die Hälfte der Bevölkerung dabei kaum anzusprechen, ist ökonomisch unklug.

+  Sichtbare Vorbilder wirken. Je mehr Lokführerinnen es gibt, desto selbstverständlicher wird der Beruf für die nächste Generation von Mädchen.

+  Gemischte Teams gelten in vielen Branchen als stabiler und weniger fehleranfällig. Vielfalt im Betrieb ist kein Selbstzweck, sondern oft ein Vorteil.

+  Gezielte Werbung baut Barrieren ab, die durch Klischees entstanden sind – sie bevorzugt niemanden, sondern öffnet den Beruf für alle gleichermaßen.

Dagegen

  Entscheiden sollte allein die Eignung. Wer die Ausbildung besteht, gehört in den Führerstand – unabhängig vom Geschlecht und ohne Sonderbehandlung.

  Gezielte Kampagnen für eine Gruppe wecken schnell den Verdacht der Bevorzugung und können bei den übrigen Bewerbern Unmut erzeugen.

  Das eigentliche Problem ist der Schichtdienst. Solange die Arbeitsbedingungen familienunfreundlich bleiben, hilft auch die beste Werbung wenig.

  Werbung allein ändert nichts, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Erst müssen Dienstpläne und Kinderbetreuung passen, dann kommen die Bewerberinnen von selbst.

Der Kern der Debatte

Kaum jemand ist dagegen, dass Frauen Lokführerinnen werden. Gestritten wird über den Weg: gezielt um Frauen werben – oder den Beruf für alle so verbessern, dass sich das Geschlechterverhältnis von selbst verschiebt?

Wie man es sehen kann

Beide Seiten wollen dasselbe: genug gut ausgebildete Menschen im Führerstand.

Der Unterschied liegt darin, ob man aktiv nachhilft oder auf die Kraft besserer Bedingungen vertraut.

Wahrscheinlich braucht es beides.

Werbung, die Frauen den Beruf überhaupt erst zeigt – und Dienstpläne, die ihn für alle mit einem Familienleben vereinbar machen.

Am Ende zählt nicht das Geschlecht am Regler, sondern dass der Zug sicher und pünktlich fährt.

Der Weg dahin führt über einen Beruf, der allen offensteht und für alle attraktiv ist.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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