POETRY-SLAMMER-PORTRÄT
Björn Högsdal: Der Mann, der den Norden auf die Bühne holte

Kennst du das Gefühl, wenn du irgendwo aus dem Zug steigst und sofort denkst, hier sei bestimmt nichts los?
So ging es einem jungen Mann an einem nasskalten Novemberabend in Kiel.
Nennen wir ihn Jonas.
Jonas war neu in der Stadt, kannte keinen Menschen und hatte an diesem Abend richtig mies Laune.
Er stand am Bahnsteig, der Wind pfiff ihm um die Ohren, und in seinem Kopf drehte sich nur ein einziger Satz.
„Hier oben gibt es doch keine Bühne für Leute wie mich.“
Quatsch!
Denn zwei Straßen weiter füllte sich an genau diesem Abend ein Saal mit Menschen, die für gesprochene Sprache brannten.
Auf der Bühne stand ein Mann mit Mikrofon, der an diesem Abend viel mehr war als nur ein Vortragender.
Er hatte den ganzen Abend gebaut, organisiert, moderiert und angezettelt.
Dieser Mann heißt Björn Högsdal.
Und er ist einer der Gründe, warum der Norden heute alles andere als leise ist.

Bahnsteig-Ansage
Nächster Halt: die Geschichte eines Mannes, der aus einer einzigen Idee eine ganze Landschaft voller Bühnen gebaut hat.
Wer ist das eigentlich, dieser Björn Högsdal?
Björn Högsdal wurde 1975 geboren und wuchs am Bodensee auf, also ganz im Süden der Republik.
Aufgewachsen ist er in Meersburg, direkt am Wasser, mit Blick auf den See.
1996 zog er dann in den hohen Norden nach Kiel.
Kiel wurde seine Stadt und ist es bis heute geblieben.
Er studierte Neuere Deutsche Literatur- und Medienwissenschaft.
Ein Lehramtsstudium hat er allerdings nie abgeschlossen.
Genau darüber macht schon der Titel seines ersten Buchs einen Witz, nämlich „Hätte ich Deutsch auf Lehramt studiert, wäre das nicht passiert“.
Heute ist er all das zugleich, nämlich Autor, Slam-Poet, Moderator, Veranstalter und Workshopleiter.
Er ist außerdem zweifacher Vater und im Norden längst eine feste Größe.
Sein Repertoire reicht von schneller Pointen-Prosa bis zu leisen, ernsten Texten, die dir im Hals stecken bleiben.
Fachleute nennen ihn einen der wichtigsten Köpfe der Slam-Kultur in Norddeutschland.
Und er gilt als Mitbegründer der ganzen Poetry-Slam-Bewegung in Schleswig-Holstein.
Schon 2001 übernahm er die künstlerische Leitung des Kieler Poetry Slam.
Seitdem steht er nach eigenen Angaben rund zweihundert Mal im Jahr auf einer Bühne.
Seine Texte findest du in Büchern wie „Flaschenpost von Gott“ und in zahlreichen Anthologien.
Als Satiriker schreibt er seit vielen Jahren außerdem für das Magazin TITANIC.
Im Radio und im Fernsehen war er unter anderem beim WDR und bei Sat.1 zu erleben.
2009 stand er sogar im Finale der deutschsprachigen Meisterschaften und belegte einen beachtlichen siebten Platz.
Wer ihn einmal live erlebt hat, vergisst so schnell weder sein Lachen noch seine leisen Momente.
Das alles ist längst kein Hobby mehr, das ist ein ganzes Lebenswerk.
Was macht ihn so besonders?
Er ist nicht nur Künstler, er ist Baumeister
Die meisten Menschen auf einer Bühne wollen vor allem eines, nämlich selbst glänzen.
Björn Högsdal wollte immer beides, glänzen und bauen.
2002 gründete er zusammen mit Patrick Kruse die Kunst- und Veranstaltungsagentur assemble ART.
Eine Agentur zu gründen bedeutet Verträge, Technik, Werbung und viele schlaflose Nächte.
Diese Arbeit nahm er auf sich, damit andere später einfach nur noch auf die Bühne mussten.
Seine Agentur gilt heute als größter Poetry-Slam-Veranstalter in ganz Schleswig-Holstein.
Sie bringt Bühnen nach Kiel, Flensburg, Neumünster, Husum, Sylt und ins Rendsburger Umland.
Aus einem einzigen Slam in Kiel wurde so ein dichtes Netz aus Abenden im ganzen Land.
Er versteht das Veranstalten als eine eigene Kunstform, die genauso viel Herz braucht wie ein guter Text.
Wo vorher eine leere Fläche war, steht bei ihm irgendwann ein Mikrofon.
Er gibt dem Norden eine eigene Zunge
Björn Högsdal denkt eben nicht nur auf Hochdeutsch.
Mit dem Format „Slam op Platt“ holt er die plattdeutsche Sprache zurück auf die große Bühne.
Plattdeutsch klingt für viele Menschen nach Großeltern und nach alten Zeiten.
Auf seiner Bühne klingt es plötzlich nach Gegenwart, nach Witz und nach Musik.
Sprache ist für ihn kein Museum, sondern ein Werkzeug, das man jeden Tag benutzen soll.
Er verbindet damit moderne Bühnenkunst mit einer Sprache, die viele schon abgeschrieben hatten.
Beim Spoken-Word-Festival „WortGewalten“ und beim Slam zur Kieler Woche tritt er vor großem Publikum auf.
So wird aus regionaler Sprache auf einmal etwas Cooles und richtig Lebendiges.

Er öffnet Türen für andere
Kein Bullshit: Wirklich groß wird eine Szene erst, wenn jemand andere groß werden lässt.
Genau das tut Björn Högsdal seit über zwanzig Jahren.
Er hätte all diese Bühnen auch bequem für sich behalten können.
Stattdessen machte er sie zum Sprungbrett für die nächste Generation.
Über den Kieler Poetry Slam feierten Stimmen wie Mona Harry und Moritz Neumeier ihre ersten großen Auftritte.
Viele bekannte Namen von heute haben ihre ersten Lampenfieber-Minuten auf seinen Bühnen überstanden.
Gäste wie Sebastian 23, Hazel Brugger und Lisa Eckhart holte er extra in den Norden.
Mit der Lesebühne „Irgendwas mit Möwen“ schuf er einen festen Ort, an dem Kieler Wortkunst zu Hause ist.
2007 gründete er außerdem das Kieler Literaturtelefon mit, eines der ältesten seiner Art in Deutschland.
Zwischendurchsage
Auf Gleis zwei fährt eine Wahrheit ein, die viele vergessen, denn eine Szene ist keine Ansammlung von Stars, sondern ein Ort, an dem Menschen einander die Hand reichen.
Er denkt an die Jüngsten
Seit ungefähr 2006 gibt Björn Högsdal regelmäßig Workshops.
Er arbeitet dabei mit Schulen, mit dem Goethe-Institut und mit dem DAAD zusammen.
Mit dem Format „Wortmonster“ bringt er den Poetry Slam sogar zu kleinen Kindern.
Kinder haben keine Angst vor großen Worten, sie haben nur Angst, ausgelacht zu werden.
Genau diese Angst nimmt er ihnen in seinen Workshops geduldig weg.
2013 richtete er in Kiel die deutschsprachigen U20-Meisterschaften im Poetry Slam aus.
So sorgt er dafür, dass die Szene auch in dreißig Jahren noch jemanden hat, der das Mikrofon in die Hand nimmt.
Er sät die Bühnen von morgen, während andere nur die von heute bespielen.
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Jetzt Kanal folgenWarum ausgerechnet der Norden?
Manche Menschen glauben, echte Kultur passiere immer nur in den großen Metropolen.
Björn Högsdal hat mit dieser Idee gründlich aufgeräumt.
Er hat bewiesen, dass eine Stadt wie Kiel eine eigene und stolze Bühnenkultur tragen kann.
Dafür brauchte es keinen glücklichen Zufall, sondern jahrelange und geduldige Arbeit.
Und genau diese Arbeit macht ihn zu weit mehr als nur einem guten Poeten.
Der Beweis: schau ihn dir selbst an
Ich könnte dir jetzt seitenlang erzählen, wie gut dieser Mann wirklich ist.
Aber das Schönste am Poetry Slam ist, dass du alles mit deinen eigenen Augen prüfen kannst.
Deshalb kommen hier drei Videos aus offiziellen Kanälen, und danach ein kleiner Beobachtungsauftrag.
Achte im ersten Video darauf, wie ruhig er den ganzen Raum in der Hand hält.
Er hetzt nie, er lässt Pausen wirken, und genau in diesen Pausen kippt der Saal auf seine Seite.
Im Interview hörst du deutlich den Veranstalter heraus und nicht nur den Poeten.
Achte darauf, wie oft er von den anderen spricht, von der Szene, vom Norden und von gemeinsamen Bühnen.
Im dritten Video siehst du, wie er dieselbe Kunst auch für Kinder öffnet.
Beobachte, wie er große Worte so klein macht, dass sogar ein Kind sie mühelos fangen kann.
Zusammen ergeben die drei Videos ein rundes Bild vom Performer, vom Macher und vom Menschen.
Beobachtungsauftrag
Schau dir eine seiner Nummern zweimal an, beim ersten Mal nur zum reinen Genuss und beim zweiten Mal, um genau zu zählen, wie oft er Tempo und Lautstärke wechselt.
Was du daraus lernst
Du musst kein Kieler sein, um dir hier eine ganze Menge mitzunehmen.
Der Weg von Björn Högsdal steckt voller Lektionen, die auf jeder Bühne und in jedem Beruf gelten.
Ich habe sie dir in ein paar klare Sätze gepackt.
- Warte nicht auf die Bühne, bau sie dir selbst. Wenn es den Ort noch nicht gibt, den du brauchst, dann gründe ihn einfach, so wie er 2002 seine Agentur gegründet hat.
- Mach andere groß, dann wirst du unverzichtbar. Wer Talente fördert, steht am Ende mitten in einem ganzen Netz aus dankbaren Menschen und guten Verbindungen.
- Sprich die Sprache deiner Leute. Ob Platt oder Fachjargon, wer die Sprache seines Publikums trifft, gewinnt zuerst dessen Herz und dann dessen Aufmerksamkeit.
- Dranbleiben schlägt Talent. Rund zweihundert Auftritte im Jahr über zwei Jahrzehnte sind am Ende mehr wert als ein einziger genialer Abend.
- Lass Humor und Ernst im selben Text wohnen. Die stärksten Nummern bringen dich erst zum Lachen und treffen dich eine Zeile später mitten ins Herz.
- Bleib deiner Region treu. Du musst nicht nach Berlin ziehen, um wichtig zu werden, denn manchmal wächst das Größte genau dort, wo du gerade stehst.
Merke dir am Ende vor allem eines.
Eine Bühne ist kein Möbelstück, das irgendwo herumsteht und geduldig auf dich wartet.
Eine Bühne ist immer eine Entscheidung.
Björn Högsdal hat diese Entscheidung für eine ganze Region getroffen.
Und deshalb steigt heute kein Jonas mehr in Kiel aus dem Zug, ohne dass zwei Straßen weiter eine Bühne auf ihn wartet.
Das ist die vielleicht schönste Lektion dieses ganzen Porträts.
Deine kleine Übung
Schreib eine vierzeilige „Bahnsteig-Ansage“ über deinen Heimatbahnhof, mit dem Ort in der ersten Zeile, einem Geräusch in der zweiten, einem Gefühl in der dritten und einer Einladung an alle, die dort ein- und aussteigen, in der vierten.
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Jetzt Kanal folgenUnd wenn du das nächste Mal irgendwo im Norden aus dem Zug steigst, dann denk ganz kurz an Jonas.
Vielleicht ist der leiseste Bahnhof nur zwei Straßen von der lautesten Bühne der Stadt entfernt.
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