POETRY-SLAM-PORTRÄT
Marc-Uwe Kling: Vom Slam-Sieger zum Vorleser einer ganzen Generation

Kennst du das?
Du stehst am Bahnsteig, die Anzeige springt von zehn auf zwanzig Minuten Verspätung, und die ganze Bank voll Menschen sackt ein Stück tiefer.
Neben mir stand neulich ein Mann mit Aktentasche, nennen wir ihn Herr Brandt.
Herr Brandt seufzte zuerst, so wie alle um ihn herum seufzten.
Dann aber begann er, der Frau neben ihm eine kleine Geschichte zu erzählen.
Etwas über einen Schaffner, einen verschütteten Kaffee und einen sehr schlecht getimten Nieser.
Nach zwei Minuten lachte nicht mehr nur die Frau, sondern die halbe Bank.
Aus lauter genervten Wartenden war innerhalb von Sekunden ein Publikum geworden.
Und Herr Brandt, der Mann mit der Aktentasche, war für zwei Minuten ein echter Poetry Slammer.
Quatsch, denkst du jetzt vielleicht?
Überhaupt nicht, denn genau das ist Poetry Slam in seinem Kern.
Ein einzelner Mensch traut sich, nur mit Worten und Timing einen ganzen Raum zu drehen.
Und kaum jemand in Deutschland konnte das so beiläufig gut wie Marc-Uwe Kling.

Heute kennen ihn Millionen Menschen als den Mann mit dem Känguru.
Angefangen aber hat alles auf genau solchen kleinen, wackeligen Bühnen.
Und das ist eigentlich die gute Nachricht an diesem ganzen Porträt.
Denn was Kling sich dort erarbeitet hat, kannst auch du dir Stück für Stück beibringen.
Wer ist dieser Marc-Uwe Kling überhaupt?
Vielleicht kennst du ihn wirklich nur als den Kerl mit dem kommunistischen Beuteltier.
Das ist nicht falsch, aber es ist trotzdem nur die halbe Geschichte.
Marc-Uwe Kling wurde 1982 in Stuttgart geboren.
Zum Studium zog er nach Berlin und belegte dort Philosophie und Theaterwissenschaft.
Ab 2003 stand er auf Lesebühnen und Poetry Slams in ganz Deutschland.
Die Berliner Lesebühnen der 2000er waren so etwas wie Trainingslager für junge Wortakrobaten.
2006 und 2007 wurde er dann deutschsprachiger Poetry-Slam-Meister im Einzelwettbewerb.
Das ist so etwas wie die Champions League der gesprochenen Wortkunst, und er gewann sie zweimal in Folge.
Gemeinsam mit einigen Mitstreitern gründete er in Berlin die Lesebühne „Lesedüne“.
Der Name ist ein Wortspiel aus Lesebühne und Düne, und alberner Wortwitz ist bis heute sein Markenzeichen.
2008 lief im Radiosender Fritz seine kleine Reihe „Neues vom Känguru“.
Ein Jahr später wurde daraus das Buch „Die Känguru-Chroniken“.
Es folgten die Bände „Das Känguru-Manifest“ und „Die Känguru-Offenbarung“.
Millionen Menschen haben diese Bücher gelesen oder als Hörbuch gehört.
Seine Hörbücher spricht Kling am liebsten selbst ein und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet.
Für den Zukunftsroman „QualityLand“ bekam er 2018 sogar den Deutschen Science-Fiction-Preis.
Die beiden Kinofilme über das Känguru kamen 2020 und 2022 in die Kinos, beim zweiten führte er selbst Regie.
Nebenbei ist Kling auch Musiker, macht einen Podcast und schreibt Kinderbücher wie „Das NEINhorn“.
Kein Bullshit: Kling ist heute vor allem Autor, Kabarettist, Musiker und Filmemacher.
Ehrlich eingeordnet
Kling ist längst kein Wettbewerbs-Slammer mehr, sondern Buch- und Bühnenmensch — doch seine ganze Erzählkunst wurzelt in den Slam-Jahren 2006 und 2007.
Was ein Poetry Slam mit einem verspäteten Zug zu tun hat
Ein Bahnsteig und eine Slam-Bühne haben mehr gemeinsam, als du im ersten Moment denkst.
An beiden Orten sitzt eine bunte Gruppe Fremder, die eigentlich lieber woanders wäre.
An beiden Orten herrscht dieselbe zähe, leicht gereizte Warte-Stille.
Und an beiden Orten kann ein einziger Mensch mit einer guten Geschichte plötzlich alles verändern.
Kling hat schon früh verstanden, dass genau diese Wartesituation seine große Chance ist.
Er holt die Leute genau dort ab, wo sie gelangweilt und ein bisschen genervt sind.
Dann dreht er ihre schlechte Laune mit einem einzigen treffenden Bild ins Gegenteil.
Merke dir diesen Trick gut für deinen nächsten langen Moment auf einem Gleis.
Wartezeit ist nämlich nichts anderes als eine Bühne, auf die sich nur noch keiner traut.
Was macht ihn auf der Bühne so besonders?
Warum hört man diesem eher leisen Mann so verdammt gern zu?
Es sind vor allem vier Dinge, und kein einziges davon ist ihm einfach angeboren.
Er nimmt sich selbst nie zu ernst
Kling spielt auf der Bühne oft den leicht überforderten, grüblerischen Typen.
Genau dadurch wirkt er nahbar statt oberlehrerhaft.
Das Publikum lacht mit ihm und niemals über ein Thema hinweg.
Diese Selbstironie ist sein bester Türöffner in jeden Saal.
Kling-Prinzip Nummer eins
Wer über sich selbst lachen kann, gewinnt den Raum schneller als jeder, der sich wichtig nimmt.
Sein Timing ist reine Präzisionsarbeit
Kling weiß fast auf die Sekunde genau, wann er eine Pause setzt.
Diese kurze Stille vor der Pointe ist oft komischer als die Pointe selbst.
Timing ist bei ihm kein Zufall, sondern hart geübtes Handwerk.
Er lässt der Erwartung im Publikum immer genau eine Sekunde zu viel.
Kling-Prinzip Nummer zwei
Die Pause ist kein Loch in deinem Text, sondern dein stärkstes Werkzeug.

Er versteckt kluge Gedanken in einfachen Geschichten
Hinter dem faulen Känguru stecken Fragen über Kapitalismus, Haltung und Bequemlichkeit.
Aber Kling hält dir dabei niemals eine trockene Vorlesung.
Er erzählt einfach eine Szene, und die eigentliche Botschaft reist als blinder Passagier mit.
So schmuggelt er große Themen an deiner Abwehr vorbei.
Kling-Prinzip Nummer drei
Erzähle immer die Szene und niemals die Moral, den Rest erledigt der Kopf deiner Zuhörer von allein.
Er baut Figuren, die man einfach nicht mehr vergisst
Das kommunistische Känguru ist eine der bekanntesten Kunstfiguren der deutschen Comedy geworden.
Eine gute Figur trägt einen Text viel weiter, als es jede noch so schlaue These könnte.
Genau darum reden Menschen über das Känguru wie über einen alten Bekannten.
Kling-Prinzip Nummer vier
Menschen merken sich Figuren und Bilder, aber fast nie deine nackten Argumente.
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Jetzt Kanal folgenDer Beweis: schau ihn dir einfach selbst an
Genug über ihn geredet, jetzt schauen wir ihm gemeinsam zu.
Ein Porträt kann dir hundertmal erzählen, dass jemand gut ist.
Überzeugen wird dich am Ende aber immer nur die Bühne selbst.
Im ersten Video steht Kling mit seiner Lesebühne „Lesedüne“ vor einem lachenden Publikum.
Achte einmal ganz bewusst darauf, wie ruhig und trocken er bleibt, während der Saal längst kichert.
Beobachtungsauftrag
Zähle beim Zuschauen einmal mit, wie oft Kling eine winzige Pause macht, kurz bevor die eigentliche Pointe kommt.
Im zweiten Video erlebst du den Menschen hinter der Kunstfigur im ruhigen Gespräch.
Hier redet Kling übers Schreiben, übers Scheitern und über die viele Arbeit hinter den Lachern.
Kleiner Hinweis in eigener Sache
Genieße seine Texte im Original, aber schreibe sie niemals ab — lernen sollst du sein Handwerk und nicht seine Sätze.
Drei Irrtümer über Poetry Slam, die Kling widerlegt
Rund um Poetry Slam halten sich ein paar erstaunlich hartnäckige Missverständnisse.
Kling räumt mit allen dreien einfach durch sein bloßes Tun auf.
Irrtum eins: Slam ist nur etwas für laute Rampensäue
Kling ist auf der Bühne eher leise und trocken als laut und wild.
Trotzdem, oder gerade deshalb, hört ihm ein ganzer Saal gebannt zu.
Irrtum zwei: Man braucht ein schweres Schicksal für gute Texte
Klings bekannteste Nummern handeln von einem faulen Beuteltier und vom ganz normalen Alltag.
Gute Texte brauchen keine Tragödie, sondern nur einen genauen Blick.
Irrtum drei: Entweder man kann es, oder man kann es eben nicht
Kling hat sein Handwerk über Jahre auf hunderten kleinen Bühnen mühsam gelernt.
Bühnenpräsenz ist keine Gabe, sondern eine Fähigkeit, die man ganz in Ruhe trainieren kann.
Was du dir von Marc-Uwe Kling abschauen kannst
Du musst kein Känguru erfinden, um von diesem Mann etwas zu lernen.
Die folgenden fünf Punkte funktionieren auch für deinen allerersten eigenen Auftritt.
Erstens: Fang klein an, aber fang endlich an
Kling stand jahrelang auf winzigen Bühnen, bevor ihn irgendjemand kannte.
Jeder große Name war einmal der Nervöse mit dem zitternden Zettel in der Hand.
Der wichtigste Schritt ist immer der von der Couch auf die erste Bühne.
Zweitens: Weniger ist fast immer mehr
Kling brüllt seine Pointen nicht heraus, er unterspielt sie mit Absicht.
Wer eine Pointe zu laut ankündigt, hat sie schon halb verschenkt.
Vertrau deinem Text so weit, dass du ihn gar nicht erst anschreien musst.
Drittens: Bleib unbedingt bei deiner eigenen Stimme
Kling klingt geschrieben genau wie gesprochen immer nach sich selbst.
Kopiere niemanden, sondern schärfe das, was nur du auf deine ganz eigene Art sagen kannst.
Deine Macken sind auf der Bühne dein Kapital und nicht dein Problem.
Viertens: Eine einzige Idee pro Text reicht völlig aus
Seine besten Nummern drehen sich um genau einen einzigen klaren Gedanken.
Wer alles auf einmal sagen will, sagt am Ende fast immer nichts.
Ein guter Text ist ein einzelner Pfeil und kein ganzer Köcher.
Fünftens: Übe an echten Menschen, nicht nur am Schreibtisch
Kling testete seine Texte immer zuerst vor echtem Live-Publikum.
Erst die Reaktion im Raum zeigt dir ehrlich, ob eine Zeile wirklich trägt.
Ein Lacher an der richtigen Stelle sagt mehr als jedes Eigenlob.
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Jetzt Kanal folgenWarum sich das alles auch für dich lohnt
Vielleicht willst du nie in deinem Leben auf einer echten Slam-Bühne stehen.
Das ist völlig in Ordnung, und trotzdem lohnt sich der Blick auf Kling.
Denn wer eine Geschichte erzählen kann, hat es in fast jeder Lage im Leben leichter.
Im Bewerbungsgespräch, am Küchentisch oder eben am Bahnsteig zählt genau diese Fähigkeit.
Kling zeigt dir vor allem eines, nämlich dass gute Rede kein Talent ist, sondern eine Frage der Übung.
Und Übung kann sich wirklich jeder Mensch leisten, ganz ohne Bühne und ohne teures Seminar.
Deine kleine Übung für den nächsten Bahnsteig
Also merke: gelernt wird nicht durch Zusehen, sondern immer nur durch Machen.
Darum bekommst du jetzt eine kleine Aufgabe, ganz ohne Bühne und ganz ohne Zuschauer.
Übung: Die Zwei-Minuten-Geschichte
Nimm eine banale Alltagsszene wie eine Zugverspätung und erzähle sie in genau zwei Minuten so, dass am Schluss eine einzige klare Pointe sitzt.
Sprich diese Geschichte danach einmal wirklich laut aus, am besten leise für dich, während du auf den nächsten Zug wartest.
Streiche anschließend jeden Satz, der die Pointe nicht wirklich vorbereitet.
Du wirst spüren, wie aus reinem Warten plötzlich eine winzige Bühne wird.
Und genau an dieser Stelle beginnt dein eigener Poetry Slam.
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