Porträt · Poetry-Slam
Sulaiman Masomi: Wie aus Worten eine Heimat wird

Es ist kurz vor acht, und auf Bahnsteig 4 wird es langsam eng.
Zwischen Pendlern mit Kaffeebechern und rollenden Koffern steht ein junger Mann namens Deniz.
In seiner Hand liegt ein zusammengefalteter Zettel, auf dem drei Minuten seines Lebens stehen.
Heute Abend will er zum ersten Mal bei einem Poetry Slam auf die Bühne.
Drei Minuten Text, ein Mikrofon und ein Publikum, das nichts geschenkt bekommt.
Kennst du dieses Zittern, wenn der eigene Herzschlag lauter ist als jede Lautsprecherdurchsage?
Deniz kennt es gerade sehr genau.
Sein Mund ist trocken, seine Gedanken springen wie die Ziffern auf der Abfahrtstafel.
Wieder und wieder fragt er sich, ob er sich diesen Abend nicht doch besser sparen sollte.
Dann fällt ihm ein Name ein, den ihm eine Freundin auf denselben Zettel geschrieben hat.
Sulaiman Masomi.
Ein Mann, der aus genau diesem Lampenfieber einen Beruf gemacht hat.
Einer, der seit über zwei Jahrzehnten zeigt, dass man mit bloßen Wörtern ganze Säle bewegen kann.
Und einer, von dem Deniz heute Abend mehr lernen kann als von jedem Ratgeber der Welt.

Gut zu wissen
Poetry Slam ist ein Dichterwettstreit auf Zeit, bei dem selbst geschriebene Texte live vorgetragen werden und am Ende das Publikum entscheidet, wer den Abend gewinnt.
Bevor Deniz gleich auf die Bühne geht, lohnt sich ein Blick auf den Mann von seinem Zettel.
Denn Sulaiman Masomi ist kein Überflieger, der einfach vom Himmel gefallen ist.
Er ist jemand, der sich seinen Platz Wort für Wort erarbeitet hat.
Genau das macht seine Geschichte so lehrreich für alle, die selbst einmal ans Mikrofon wollen.
Wer ist dieser Sulaiman Masomi?
Sulaiman Masomi kam am 18. November 1979 in Kabul zur Welt.
Seine Familie floh vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen aus Afghanistan nach Deutschland.
Aufgewachsen ist er dann in Krefeld, weit weg vom Land seiner ersten Jahre.
Später studierte er in Paderborn Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft und Kulturwissenschaftliche Anthropologie.
Heute lebt und arbeitet er in Köln.
Schon während des Studiums gründete er die offene Lesebühne „Lyriker Lounge“.
Das war seine erste eigene Bühne, und er hat sie sich nicht geben lassen, sondern selbst gebaut.
Diese Bühne war von Anfang an offen für alle, die etwas zu sagen hatten.
Genau das ist bis heute sein Antrieb geblieben: der Sprache einen Raum geben, egal woher jemand kommt.
Kein Bullshit: Masomi hat nach eigenen Angaben über tausend Auftritte im gesamten deutschsprachigen Raum gespielt.
2013 wurde er in Essen Poetry-Slam-Landesmeister von Nordrhein-Westfalen.
Das Goethe-Institut lud ihn für Auftritte nach Kairo, Mexiko-Stadt, Riga, San Francisco und Jerusalem ein.
Nebenbei rappt er in der Gruppe „Letzte Reihe“ und gehört zur Lesebühne „LMBN“.
Seine Wurzeln reichen nach Afghanistan, seine Sprache aber ist längst das Deutsche.
Beides zusammen macht seinen Blick so besonders, denn er kennt das Dazwischen von innen.
Wer so viele Rollen ausfüllt, ist keine Eintagsfliege, sondern ein Handwerker der Sprache.

Was macht ihn besonders?
Fangen wir mit der Herkunft an, denn bei Masomi ist sie kein Kostüm für die Bühne.
Er trägt seine Geschichte nicht wie ein Schild vor sich her, sondern verarbeitet sie zu Texten.
Und er hat einen fast wissenschaftlichen Blick auf das, was er da eigentlich tut.
2012 erschien sein Buch „Poetry Slam – Eine orale Kultur zwischen Tradition und Moderne“.
Das ist kein Werbeheft, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der eigenen Kunstform.
Wie viele Menschen auf einer Slam-Bühne erklären dir ihre Kunst mit den Werkzeugen der Universität?
Eben.
Er nimmt Sprache ernst, aber sich selbst nicht zu ernst
Masomi jongliert mit Wörtern, ohne sich hinter ihnen zu verstecken.
Bei ihm hat jeder Gedanke eine Richtung und jede Pointe einen Grund.
Ein Bild sitzt bei ihm nie zufällig, sondern trägt immer den ganzen Gedanken.
Das klingt leicht, ist aber in Wahrheit harte Arbeit am Detail.
Genau diese Mischung aus Kopf und Witz macht seine Texte für so viele Menschen zugänglich.
Er macht aus Zuschreibungen ein Werkzeug
2014 veröffentlichte er die Textsammlung „Ein Kanake sieht rot“.
Schon der Titel nimmt eine alte Beleidigung und dreht sie zu einer selbstbewussten Ansage um.
Das ist Haltung, verpackt in Humor.
Wer so schreibt, gibt anderen den Mut, die eigene Geschichte nicht länger zu verstecken.
Er bleibt handwerklich sauber
Schon 2009 erschien seine Live-CD „Immer der Nase nach“, lange bevor viele Kolleginnen und Kollegen überhaupt anfingen.
Aus dem Slam heraus entwickelte er später mehrere abendfüllende Kabarettprogramme.
Bühne ist bei ihm kein Zufall, sondern ein Beruf, den er Abend für Abend neu lernt.
Man hört seinen Texten an, dass jemand sie oft laut gelesen und immer wieder geschliffen hat.
Er denkt größer als die eigene Bühne
Masomi war als Gast des Goethe-Instituts auf mehreren Kontinenten unterwegs.
So trägt er die deutschsprachige Slam-Kultur bis nach Mexiko-Stadt und Jerusalem.
Dabei bleibt er bodenständig und vergisst nie, wo er einmal angefangen hat.
Aus einem Kind, das einmal fliehen musste, ist ein Botschafter der Sprache geworden, in der es heute dichtet.
Deine Herkunft ist kein Rucksack, den du abstellen musst, sondern Material, aus dem du bauen darfst.
Zum Weiterdenken
Masomi wurde 2013 Landesmeister von NRW, doch viel beeindruckender ist die Zahl dahinter: über tausend Abende, an denen er erneut ans Mikrofon getreten ist.
Was drei Minuten mit einem Publikum machen
Ein Slam-Text hat meist nur drei Minuten Zeit.
Das klingt kurz, ist aber eine kleine Ewigkeit, wenn dir tausend Augen zusehen.
In diesen drei Minuten musst du fesseln, überraschen und am Ende wieder loslassen.
Masomi beherrscht dieses Timing wie nur wenige andere.
Er weiß, wann er das Tempo anzieht und wann er es fast zum Stillstand bringt.
Und er weiß, dass ein gutes Ende mehr wert ist als zehn gute Anfänge.
Wer ihm zuhört, lernt nebenbei etwas über jeden Vortrag, den er je halten wird.
Warum ausgerechnet Poetry Slam?
Vielleicht fragst du dich, warum jemand mit einem Universitätsabschluss ausgerechnet auf Slam-Bühnen geht.
Die Antwort ist einfacher, als sie zunächst klingt.
Poetry Slam ist eine der direktesten Bühnen, die es überhaupt gibt.
Es braucht keine teure Technik, keine Gatekeeper und keinen Verlag, der vorher sein Ja geben muss.
Du schreibst, du stellst dich hin, und das Publikum antwortet sofort.
Für einen Menschen, der einmal alles zurücklassen musste, ist diese Direktheit ein echtes Geschenk.
Masomi hat aus dieser Freiheit eine Kunst gemacht, die trotzdem handwerklich sitzt.
Was das mit dir zu tun hat
Du musst kein einziges Wort auf einer Bühne sagen, um von Masomi etwas mitzunehmen.
Denn im Kern geht es um eine einzige Frage: Wie machst du aus dem, was dich ausmacht, etwas Hörbares?
Am Ende reden wir alle ständig vor anderen, ob im Job, in der Familie oder unter Freunden.
Und jedes Mal entscheidet nicht nur, was du sagst, sondern auch, wie du es sagst.
Masomi zeigt, dass Herkunft, Humor und Handwerk zusammengehören und sich gegenseitig tragen.
Und dass Sprache dann am stärksten wird, wenn sie ehrlich bleibt.
Kurz erklärt: drei Begriffe aus Masomis Welt
Bevor wir zu den Videos gehen, hier drei Wörter zum Aufklappen.
Was ist eine Lesebühne?
Ein fester Bühnenabend, an dem Autorinnen und Autoren eigene Texte vortragen, oft mit wechselnden Gästen und lockerer Moderation.
Was heißt „orale Kultur“?
Gesprochene Dichtung, die erst im Vortrag ganz lebendig wird, weil Stimme, Pause und Rhythmus untrennbar zum Text gehören.
Was bedeutet ein Landesmeistertitel im Slam?
Der Sieg auf Landesebene, den man vor Publikum und Wertungsjury erreicht, bevor es zu den deutschsprachigen Meisterschaften weitergeht.
Der Beweis: schau ihn dir selbst an
Genug geredet, jetzt bist du mit dem Hinschauen an der Reihe.
Ich zitiere hier ganz bewusst keine einzige Zeile seiner Texte, denn ein Slam lebt vom Moment und vom Vortrag.
Deshalb bekommst du die Originale und dazu einen kleinen Beobachtungsauftrag.
Beobachtungsauftrag
Achte darauf, wann Masomi eine Pause setzt und wie das Publikum genau in diese Stille hineinkippt.
Hier erklärt er mit eigenen Worten, was Poetry Slam überhaupt ist.
Achte einmal darauf, wie ruhig er über eine so laute Kunstform sprechen kann.
Hier siehst du den Menschen hinter den Pointen, im ruhigen Gespräch über Herkunft und Zusammenhalt.
Lass dir dabei Zeit und schau ruhig zweimal hin.
Drei Videos, drei Seiten desselben Menschen: der Bühnenkünstler, der Erklärer und der Gesprächspartner.
Zusammen ergeben sie ein Bild, das kein einzelnes Zitat je einfangen könnte.
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Jetzt Kanal folgenWas du daraus lernst
Nimm dir aus diesem Porträt fünf Dinge mit, die du sofort ausprobieren kannst.
- Bau dir deine eigene Bühne. Masomi hat nicht auf eine Einladung gewartet, sondern die „Lyriker Lounge“ selbst gegründet.
- Nutze deine Geschichte, statt sie zu verstecken. Aus Herkunft und Zuschreibung macht er Stoff für Texte, keinen Panzer.
- Versteh dein Handwerk. Wer die eigene Kunstform sogar wissenschaftlich durchdenkt, steht auf der Bühne am Ende sicherer.
- Pausen gehören zum Text. Die Stille zwischen zwei Sätzen kann lauter wirken als jedes laut gesprochene Wort.
- Bleib dran. Über tausend Auftritte entstehen nicht über Nacht, sondern Abend für Abend.
Merke dir vor allem den ersten Punkt, denn er kostet dich nichts außer ein bisschen Mut.
Alles andere ist Übung, und Übung kannst du dir nehmen, wann immer du willst.
Und was wird aus Deniz?
Zurück zu Bahnsteig 4, wo sein Zug jetzt langsam einfährt.
Deniz steckt den Zettel wieder in seine Jackentasche.
Vielleicht gewinnt er heute Abend, vielleicht landet er auf dem letzten Platz.
Aber er hat verstanden, dass Angst und Bühne kein Widerspruch sein müssen.
Und dass jeder, der heute sicher am Mikrofon steht, einmal genauso gezittert hat wie er.
Wer weiß, vielleicht sitzt bald jemand im Publikum, der wegen Deniz seinen eigenen Zettel schreibt.
Deine Fünf-Minuten-Übung
Nimm einen Satz über dich, den andere oft falsch verstehen, und schreib ihn dreimal auf — einmal wütend, einmal komisch, einmal ganz ruhig; lies danach alle drei laut vor und spür, welche Fassung am meisten nach dir klingt.
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