Stimmt es, dass Züge bei Gegenverkehr wackeln?

Stimmt es, dass …?

„Es rummst kurz, der Wagen ruckt – und schon ist der Gegenzug vorbei.“

Wackeln Züge bei Gegenverkehr?

→ Der kurze Ruck, wenn ein Zug entgegenkommt. Einbildung oder Physik?

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Kurz gesagt

Stimmt. Wenn zwei Züge sich bei hohem Tempo begegnen, trifft eine Druckwelle aus verdrängter Luft auf den Wagen. Sie drückt ihn kurz zur Seite – man spürt einen Ruck, vor allem im Tunnel.

Man sitzt ruhig im Zug, da blitzt draußen ein entgegenkommender Zug vorbei – und im selben Moment ruckt der eigene Wagen kurz zur Seite, begleitet von einem dumpfen Schlag.

Das ist keine Einbildung, sondern handfeste Physik.

Eine Wand aus Luft

Jeder fahrende Zug schiebt eine große Menge Luft vor sich her und zieht hinter sich einen Sog.

Er bewegt sich eben nicht durch ein Nichts, sondern durch eine zähe Luftmasse, die ausweichen muss.

Treffen nun zwei Züge aufeinander, prallen diese Luftpolster zusammen.

Es entsteht eine kurze, heftige Druckwelle – erst ein Stoß, wenn die Fronten sich kreuzen, dann ein Sog, wenn der Gegenzug vorbei ist.

Der Wagen wird dabei kurz zur Seite gedrückt.

Metronom mit Baureihe 146 in Bardowick
Foto: Eisenbahn in Norddeutschland, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Warum es im Tunnel am stärksten ist

Auf freier Strecke kann die verdrängte Luft nach allen Seiten ausweichen.

Im Tunnel geht das nicht: Dort ist die Luft eingesperrt zwischen Zug und Tunnelwand, und der Druckstoß fällt deutlich heftiger aus.

Deshalb sind Hochgeschwindigkeitszüge „druckertüchtigt“: Ihre Wagen sind so abgedichtet, dass die Druckwelle nicht voll ins Innere dringt und den Fahrgästen auf die Ohren schlägt.

Ausgelegt werden sie für Begegnungen mit bis zu rund 330 km/h.

Ohne diese Abdichtung würde jeder Tunnel und jede Zugbegegnung im Tunnel den Ohren zusetzen – ein kurzes, unangenehmes Drücken, wie man es vom Start im Flugzeug kennt.

Tempo zählt doppelt

Die Wucht der Druckwelle wächst steil mit der Geschwindigkeit. Zwei langsame Nahverkehrszüge spürt man kaum.

Zwei ICE, die sich mit je 250 oder 300 km/h begegnen, erzeugen dagegen einen deutlichen Schlag – ihre gemeinsame Annäherungsgeschwindigkeit liegt bei weit über 500 km/h.

Warum das nicht gefährlich ist

So heftig sich der Ruck anfühlt – gefährlich ist er nicht.

Die Züge sind für genau diese Kräfte konstruiert, und die Gleise halten sie sicher in der Spur.

Der Wagen wird kurz gedrückt, kehrt aber sofort in seine Lage zurück.

Ingenieure berücksichtigen diese aerodynamischen Lasten von Anfang an.

Wagenkästen, Fenster und Türen werden so gebaut, dass sie den wiederkehrenden Druckstößen über ein langes Fahrzeugleben standhalten.

Der kurze Ruck ist also kein Warnzeichen, sondern ein ganz normaler Begleiter schneller Zugbegegnungen – ein spürbarer Beweis dafür, dass Luft eben doch etwas wiegt.

Ein Phänomen zum Selbsterleben

Wer darauf achtet, kann die Physik bei jeder schnellen Fahrt selbst erleben.

Besonders deutlich wird der Effekt, wenn der eigene Zug steht oder langsam fährt und ein ICE mit voller Geschwindigkeit vorbeidonnert.

Dann spürt man den Stoß und den Sog nacheinander – und versteht schlagartig, welche Energie in der scheinbar unsichtbaren Luft steckt.

Ein kleines Naturschauspiel, das die meisten Fahrgäste kaum bewusst wahrnehmen.

S Bahn Berlin Baureihe 484 Rollstuhlbereich
Foto: Andre_de, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Häufige Fragen

Ist das Wackeln gefährlich?
Nein. Die Züge sind für diese Kräfte gebaut. Es ist nur ein kurzer Ruck, kein Risiko.
Warum tut es im Tunnel in den Ohren weh?
Weil die Luft dort nicht ausweichen kann. Der Druck steigt schlagartig – ähnlich wie beim Start im Flugzeug.
Warum merke ich im Nahverkehr nichts?
Weil die Wucht mit dem Tempo stark zunimmt. Bei gemächlichen Regionalzügen ist die Druckwelle zu schwach, um sie zu spüren.
Was heißt „druckertüchtigt“?
Der Wagen ist so abgedichtet, dass die Druckwelle nicht voll ins Innere dringt. Das schützt die Ohren der Fahrgäste im Tunnel.
Wann ist der Effekt am größten?
Bei zwei schnellen Zügen im Tunnel. Ihre Annäherungsgeschwindigkeit kann weit über 500 km/h betragen.

Was in der verdrängten Luft steckt

Man unterschätzt leicht, wie viel Kraft in bewegter Luft steckt.

Ein Zug mit großer Stirnfläche schiebt bei Tempo 300 eine wahre Wand aus Luft vor sich her.

Diese Luft muss in Sekundenbruchteilen zur Seite und nach oben ausweichen.

Begegnen sich zwei solche Luftwände, entsteht ein kurzer, aber kräftiger Druckstoß.

Physiker messen ihn in Pascal, dem Maß für Druck – und die Werte sind hoch genug, um Fensterscheiben zu belasten und Wagenkästen spürbar zu bewegen.

Genau deshalb ist die Aerodynamik im Zugbau eine eigene Wissenschaft.

Die glatte, spitze Form moderner Hochgeschwindigkeitszüge dient nicht nur der Schönheit, sondern auch dazu, diese Druckstöße möglichst klein zu halten.

Ein Problem, das mit dem Tempo wuchs

Zu Dampflokzeiten war der Effekt kein Thema – bei 60 oder 80 km/h ist die Druckwelle harmlos.

Erst mit den schnellen Zügen der letzten Jahrzehnte wurde die Zugbegegnung zu einer echten technischen Herausforderung.

Je höher die Geschwindigkeiten, desto stärker die Kräfte – und desto wichtiger wurden abgedichtete Wagen, robuste Fenster und aerodynamisch optimierte Formen.

Der kurze Ruck, den wir spüren, ist der zahme Rest eines gut beherrschten Problems.

So erzählt das kleine Wackeln eine große Geschichte: die vom Wettlauf zwischen Tempo und Technik, den die Ingenieure bislang klar für sich entschieden haben.

Wer den Effekt bewusst erleben will, achtet am besten auf den Moment, in dem ein Gegenzug im Tunnel vorbeirauscht.

Dann ist der Druckstoß am deutlichsten – ein kurzes, kräftiges Signal, dass gerade zwei Luftwände aufeinandergetroffen sind.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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