Stimmt es, dass die Schienen leicht schräg stehen?

Stimmt es, dass …?

„Schauen Sie genau hin: Die Schienen stehen nicht gerade, sie lehnen sich ein kleines Stück nach innen.“

Stehen die Schienen leicht schräg?

→ Ein Detail, das kaum auffällt – und doch dafür sorgt, dass Züge in der Spur bleiben.

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Kurz gesagt

Stimmt. Die Schienen sind nicht senkrecht montiert, sondern leicht zur Gleismitte hin geneigt – in Deutschland meist im Verhältnis 1:40. Der Grund liegt in der besonderen Form der Räder.

Von oben sieht ein Gleis aus wie zwei perfekt parallele Linien.

Wer sich aber vor eine Schiene kniet und genau schaut, entdeckt etwas Überraschendes: Sie steht nicht senkrecht, sondern lehnt sich ein winziges Stück nach innen, zur Gleismitte hin.

Die Räder sind schuld

Der Grund sind die Räder.

Ihre Lauffläche ist nicht flach, sondern leicht kegelförmig – innen dicker, außen dünner.

Damit dieser Kegel sauber und vollflächig auf der Schiene aufliegt, wird die Schiene passend dazu nach innen geneigt.

Würde die Schiene senkrecht stehen, läge das kegelige Rad nur mit einer Kante auf.

Das würde die Schiene an einer schmalen Linie überlasten und schnell verschleißen.

Die Neigung sorgt dafür, dass sich Rad und Schiene optimal berühren.

Metronom mit Baureihe 146 in Hamburg-Harburg
Foto: Eisenbahn in Norddeutschland, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

In Deutschland, der Schweiz und Teilen Österreichs gilt dafür das Regelmaß 1:40. Das heißt: Auf 40 Zentimeter Höhe neigt sich die Schiene um einen Zentimeter zur Seite – eine kaum sichtbare Schräglage von etwa anderthalb Grad.

Warum das den Zug in der Spur hält

Die kegeligen Räder sind fest auf einer Achse verbunden und sorgen für einen genialen Effekt: Läuft der Radsatz aus der Mitte, rollt das eine Rad auf einem größeren, das andere auf einem kleineren Durchmesser.

Das lenkt ihn ganz von selbst in die Spurmitte zurück.

Man nennt diese Pendelbewegung den „Sinuslauf“

Der Radsatz schlängelt sich in ganz feinen Bögen um die Ideallinie und findet immer wieder in die Mitte.

Das ist der Grund, warum ein Zug ganz ohne Lenkung sicher geradeaus fährt.

Die Spurkränze an den Rädern, die viele für die eigentliche Führung halten, sind dagegen nur die Notsicherung.

Im Normalfall berühren sie die Schiene gar nicht – sie greifen erst, wenn es eng wird, etwa in scharfen Kurven.

Früher steiler

Lange war in Europa eine Neigung von 1:20 üblich, also doppelt so steil wie heute.

Mit dem Siegeszug der Drehgestell-Fahrzeuge wurde das Regelmaß seit den 1960er Jahren auf die flachere Neigung 1:40 geändert. Vereinzelt gibt es auch die Zwischenstufe 1:30.

Ein abgestimmtes System

Schienenneigung und Radform sind also genau aufeinander abgestimmt.

Ändert man das eine, muss das andere folgen.

Deshalb ist die Neigung in einem Land einheitlich festgelegt – Rad und Schiene müssen überall zusammenpassen.

Dass die Schräglage von 1:40 einmal von 1:20 abgelöst wurde, war deshalb ein größeres Umstellungswerk, als es klingt.

Es zeigt, wie fein das Zusammenspiel im Rad-Schiene-System austariert ist.

So steckt in der kaum sichtbaren Schräglage der Schiene ein ganzes Stück Ingenieurskunst: Sie ist der Grund, warum tonnenschwere Züge ohne Lenkrad sicher in der Spur bleiben – Kilometer um Kilometer, bei jedem Wetter.

S Bahn Berlin Baureihe 484 Mehrzweckbereich
Foto: Andre_de, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Häufige Fragen

Wie stark stehen die Schienen schräg?
In Deutschland meist im Verhältnis 1:40 – also etwa anderthalb Grad Neigung nach innen. Das ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen.
Warum überhaupt schräg?
Weil die Laufflächen der Räder kegelförmig sind. Die Schiene wird so geneigt, dass Rad und Schiene optimal und vollflächig zusammenpassen.
Hält das den Zug im Gleis?
Es hilft entscheidend. Zusammen mit der Kegelform der Räder zentriert sich der Radsatz selbst in der Spurmitte – der sogenannte Sinuslauf.
Wofür sind dann die Spurkränze?
Nur als Notsicherung. Im Normalbetrieb berühren sie die Schiene kaum; sie greifen erst, wenn es eng wird.
War die Neigung immer 1:40?
Nein. Früher waren 1:20 üblich. Seit den 1960er Jahren gilt meist die flachere Neigung 1:40.

Ein Mathematiker erklärte das Schlängeln

Dass ein Radsatz von selbst in der Spur bleibt und sich dabei in feinen Bögen bewegt, ist keine Zufallsbeobachtung, sondern seit langem berechnet.

Bereits 1883 beschrieb der Ingenieur Johannes Klingel diese Pendelbewegung mathematisch und gab ihr eine Formel.

Sie besagt, dass die Wellenlänge des Schlängelns von der Kegelform der Räder, ihrem Abstand und dem Raddurchmesser abhängt.

Je flacher der Kegel, desto ruhiger läuft der Radsatz.

Genau hier greift die Schienenneigung ein: Sie ist Teil dieses fein austarierten Systems.

Wenn das Schlängeln zu schnell wird

Der selbstzentrierende Sinuslauf hat allerdings eine Grenze.

Oberhalb einer bestimmten Geschwindigkeit – der sogenannten kritischen Geschwindigkeit – kann das Pendeln aufschaukeln, statt sich zu beruhigen.

Der Radsatz beginnt dann unruhig hin- und herzuschlagen.

Damit das nicht passiert, sind moderne Drehgestelle gezielt so gebaut, dass sie diese Bewegung dämpfen.

Erst das erlaubt hohe Geschwindigkeiten.

Radform, Schienenneigung und Fahrwerk müssen dafür genau zusammenspielen – ein Grund mehr, warum die Neigung fest genormt ist.

Auch der Verschleiß hängt daran: Passen Rad und Schiene nicht zusammen, nutzen sie sich einseitig ab.

Deshalb wird das Profil der Schienenköpfe regelmäßig nachgeschliffen, damit die feine Abstimmung erhalten bleibt.

So steckt in der kaum sichtbaren Schräglage ein ganzes Kapitel Eisenbahnphysik: von der Formel des 19. Jahrhunderts bis zum Hochgeschwindigkeitszug, der mit über 300 Stundenkilometern sicher in der Spur bleibt.

Wer das nächste Mal am Bahnsteig steht, kann es selbst prüfen: Ein kurzer Blick entlang der Schiene genügt, und die leichte Schräglage nach innen wird sichtbar.

Ein winziges Detail – und doch die Grundlage für sicheres Fahren.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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