Poetry-Slam-Wertung erklärt – wie die Punkte wirklich fallen

Bühne & Punkte

Poetry-Slam-Wertung erklärt – wie die Punkte wirklich fallen

Ein Waschbär im Publikum hält als Jury eine leere Wertungskelle hoch

Kennst du das?

Du sitzt im Publikum, freust dich auf einen schönen Abend, und dann tippt dir jemand auf die Schulter.

„Du bist heute Jury“, sagt die Moderatorin und drückt dir eine Tafel in die Hand.

Herzlichen Glückwunsch, ab jetzt entscheidest du mit über Sieg und Niederlage.

Aber wie fallen diese Punkte beim Poetry Slam eigentlich wirklich?

Nach welchen Regeln, mit welchen Noten, und warum fliegt die höchste Wertung gleich wieder raus?

Genau das klären wir heute, ganz ruhig und von vorne.

Quatsch, denkst du jetzt vielleicht, Kunst kann man doch gar nicht benoten?

Kein Bullshit: Genau dieser Widerspruch ist der ganze Trick, und am Ende verstehst du ihn.

Eine kurze Reise zum Anfang

Damit die Punkte überhaupt Sinn ergeben, lohnt sich ein Blick zurück nach Chicago.

Dort moderierte ein Bauarbeiter namens Marc Smith Mitte der Achtziger kleine Lesebühnen.

1984 startete er im „Get Me High Lounge“ seine Montagslesung gegen die Steifheit der klassischen Dichterwelt.

1986 zog er mit der Idee in den Jazzclub „Green Mill“ und rief dort den „Uptown Poetry Slam“ aus.

Seine Idee war simpel und frech zugleich.

Er ließ Dichter wie beim Sport gegeneinander antreten und vom Publikum benoten.

Die Begriffe lieh er sich beim Baseball, und die Noten vergab er wie bei Olympia von eins bis zehn.

So wurde aus stiller Andacht ein lauter, lebendiger Wettstreit.

Smith wollte die Poesie aus den verstaubten Hörsälen holen.

Er wollte sie zurück zu den Menschen bringen, mitten hinein in eine rauchige Kneipe.

Und er merkte schnell, dass ein kleiner Wettbewerb die Leute neugierig macht.

So ist der Slam bis heute beides zugleich, ernste Kunst und großer Spaß.

Darf man Kunst überhaupt benoten?

Die ehrliche Antwort lautet: natürlich nicht.

Eine einzelne Zahl wird einem guten Gedicht niemals gerecht.

Und genau das weiß in der Szene auch wirklich jeder.

Die Wertung ist kein Urteil über Wahrheit oder Schönheit, sondern ein augenzwinkernder Trick.

Sie verwandelt eine stille Lesung in ein Spiel mit Spannung, Jubel und Mitfiebern.

Der Wettbewerb ist dabei nur das Lagerfeuer, um das sich alle versammeln.

Die Wärme aber kommt am Ende von den Texten und nicht von den Punkten.

So läuft so ein Abend ab

  • Begrüßung: Die Moderation erklärt die Regeln und wählt die Jury aus dem Publikum.
  • Opferlamm: Ein erster Text läuft außer Konkurrenz und kalibriert die frische Jury.
  • Runde eins: Alle Startenden tragen nacheinander ihren Text vor.
  • Wertung: Nach jedem Vortrag halten fünf Menschen gleichzeitig ihre Noten hoch.
  • Finale: Die Besten treten in einer zweiten Runde noch einmal gegeneinander an.
  • Sieg: Am Ende gewinnt, wer das Publikum am meisten bewegt hat.

Die Moderation hält den Laden zusammen

Eine heimliche Hauptrolle spielt an jedem Abend die Moderation.

Sie erklärt die Regeln, lost die Jury aus und hält die Stimmung oben.

Sie sammelt nach jedem Vortrag die Noten ein und rechnet die Streichwertung vor.

Und sie passt auf, dass niemand die Uhr überzieht oder die Dichter ausbuht.

Ohne diese ruhige Hand am Mikrofon würde aus dem Wettstreit schnell ein Chaos.

Darum ist die Moderation so etwas wie der Schaffner des ganzen Abends.

Die Jury bist vielleicht du

Das Besondere am Slam ist seine Jury.

Dort sitzt kein Komitee aus Literaturprofessoren.

Stattdessen zieht die Moderation meist fünf ganz normale Leute aus dem Publikum.

Keiner von ihnen muss sich mit Lyrik auskennen.

Genau das ist gewollt, denn der Text soll bei echten Menschen ankommen und nicht nur bei Fachleuten.

Du musst also nur ehrlich sagen, was ein Vortrag mit dir gemacht hat.

Die Noten gehen bis zehn

Jedes Jurymitglied vergibt nach dem Vortrag eine einzige Note.

Die Skala reicht meistens von null bis zehn, in manchen Räumen auch von eins bis zehn.

Zehn ist die Bestnote, und viele Jurys lieben die Zwischentöne mit einer Nachkommastelle.

Eine 8,5 sagt eben mehr aus als ein glattes Gut.

Auf ein Zeichen der Moderation halten alle fünf ihre Tafeln gleichzeitig hoch.

Und dann wird gerechnet.

Die Streichwertung: warum die Ausreißer rausfliegen

Jetzt wird es kurz mathematisch, aber keine Sorge, es bleibt wirklich einfach.

Fünf Leute geben also fünf Noten.

Die höchste und die niedrigste Note fliegen anschließend raus.

Nur die drei mittleren Noten werden zusammengezählt.

So kann ein einzelner Fan oder ein einzelner Miesepeter das Ergebnis nicht im Alleingang kippen.

Ein Rechenbeispiel

Bei den Noten 9,5 – 8,0 – 7,5 – 9,0 – 6,0 fallen die höchste 9,5 und die niedrigste 6,0 weg, übrig bleiben 8,0 plus 7,5 plus 9,0, und das ergibt eine Gesamtwertung von 24,5 Punkten.

Mehr als dreißig Punkte sind dabei nie drin, weil drei mal zehn das Maximum ist.

Diese Streichung ist der heimliche Clou des ganzen Systems.

Sie macht die Wertung am Ende fairer, als eine einzelne Lieblingsnote es je könnte.

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Das Opferlamm tritt zuerst auf

Vor dem eigentlichen Wettbewerb gibt es ein kleines Ritual.

Eine Dichterin oder ein Dichter tritt außer Konkurrenz auf, und zwar als „Opferlamm“.

Dieser erste Text wird zwar bewertet, zählt aber nicht für die Wertung.

Er dient einzig dazu, die frische Jury einzustellen und das Publikum warm werden zu lassen.

So muss die erste echte Startnummer nicht mehr die ganz kalte Hand der Jury fürchten.

Das Opferlamm ist also kein Verlierer, sondern der heimliche Gastgeber des Abends.

Ein Waschbär verbeugt sich auf der Bühne vor einem applaudierenden Publikum in einer Bahnhofshalle

Die Uhr läuft immer mit

Kein Text darf ewig dauern, sonst würde der Abend kippen.

Im deutschsprachigen Raum liegt das Zeitlimit meist bei etwa fünf bis sechs Minuten, je nach Slam auch mal bei sieben.

In den USA sind traditionell nur rund drei Minuten erlaubt.

Wer deutlich überzieht, muss mit Punktabzug rechnen oder wird freundlich abgeklingelt.

Die Uhr ist damit ein stiller, sechster Mitspieler auf der Bühne.

Was eine Wertung heimlich beeinflusst

Nicht nur der Text allein entscheidet über die Punkte.

Auch die Startreihenfolge spielt mit, denn frühe Startnummern bekommen oft vorsichtigere Noten.

Die ganz hohen Zahlen traut sich die Jury meist erst, wenn der Abend warm gelaufen ist.

Auch die Tagesform des Publikums schwingt in jeder einzelnen Note mit.

Ein müder Mittwoch wertet eben anders als ein ausverkaufter Samstag.

Das ist kein Fehler im System, sondern gehört zum lebendigen Spiel einfach dazu.

Wer das weiß, nimmt eine einzelne Zahl am Ende nicht mehr zu ernst.

Die wichtigsten Regeln auf einen Blick

Hinter dem ganzen Spaß steckt ein erstaunlich klares Regelwerk.

  • Eigener Text: Jede Zeile muss selbst geschrieben sein, nur klar gekennzeichnete Zitate sind erlaubt.
  • Zeitlimit: Wer deutlich zu lang wird, riskiert einen Punktabzug.
  • Keine Requisiten: Keine Kostüme, keine Masken, keine Hilfsmittel, nur Mensch, Text und Mikrofon.
  • Keine Instrumente: Musik von der Gitarre oder vom Band ist tabu, gerappt und gebeatboxt werden darf trotzdem.
  • Respekt: Das Publikum darf anfeuern, aber niemanden niederbuhen.

Ein kurzer Blick über den großen Teich

Zwischen den USA und dem deutschsprachigen Raum gibt es ein paar kleine Unterschiede.

In den USA sind die Texte mit rund drei Minuten deutlich kürzer und schneller.

Im deutschsprachigen Raum darf man sich mit fünf bis sechs Minuten mehr Zeit lassen.

Auch die Skala startet mal bei null und mal bei eins, ganz je nach Haus.

Das Herz des Spiels aber ist auf beiden Seiten des Ozeans dasselbe.

Ein Mensch, ein Text, ein Mikrofon und ein Publikum, das am Ende entscheidet.

Wenn nicht die Jury entscheidet

Nicht jeder Slam nutzt die fünfköpfige Jury.

Manche Abende lassen ganz allein den Applaus entscheiden.

Dann misst ein Lautstärkemesser oder das geübte Ohr der Moderation, wer den meisten Jubel bekommt.

Bei einem Team-Slam treten nicht Einzelne, sondern ganze Gruppen gegeneinander an.

Dort muss der Text von allen im Team gemeinsam erarbeitet und vorgetragen werden.

So bleibt das Grundprinzip gleich, nur die Zählweise verschiebt sich ein wenig.

Drei Missverständnisse über die Wertung

Rund um die Punkte halten sich ein paar hartnäckige Irrtümer.

„Die Jury muss sich mit Lyrik auskennen“

Das Gegenteil ist gewollt, denn gerade die ungeschulten Ohren im Publikum zeigen, ob ein Text auch bei ganz normalen Menschen ankommt.

„Die höchste Note gewinnt“

Nicht ganz, denn genau die höchste und die niedrigste Wertung werden ja gestrichen, bevor überhaupt zusammengezählt wird.

„Wer am lautesten brüllt, siegt“

Beim klassischen Jury-Slam zählt die Note und nicht die Lautstärke, auch wenn ein warmes Publikum der Jury natürlich ein wenig Mut macht.

Wer diese drei Irrtümer kennt, versteht den ganzen Abend sofort besser.

Lena wird zur Jurorin

Lass mich dir von Lena erzählen.

Lena will eigentlich nur einen netten Abend, dann tippt ihr die Moderatorin auf die Schulter.

Plötzlich hält sie eine Wertungstafel in der Hand und ist Teil der Jury.

Beim ersten Vortrag ist sie unsicher und gibt eine vorsichtige 7,0.

Dann merkt sie, dass es überhaupt nicht um Expertenwissen geht.

Sie soll einfach bewerten, was sie berührt, zum Lachen bringt oder umhaut.

Am Ende des Abends hat Lena mitgefiebert wie nie, obwohl sie vorher nie viel mit Gedichten anfangen konnte.

Genau das ist der ganze Zauber an der Publikumsjury.

Wie du als Jury fair bleibst

Vielleicht sitzt du schon bald selbst mit einer Tafel in der Hand da.

Dann hilft dir ein einziger einfacher Grundsatz.

Werte das, was ein Text in dir auslöst, und nicht den Namen der Person davor.

Nutze ruhig die ganze Skala, denn eine brave Sieben für alle hilft am Ende niemandem.

Lass dich von den Noten der anderen nicht sofort einschüchtern.

Und hab keine Angst vor einer glatten Zehn, wenn dich ein Text wirklich umgehauen hat.

Deine ehrliche Note ist mehr wert als jede vorsichtige Taktik.

Der Satz, der über allem steht

Bei aller Rechnerei gibt es in der Szene einen berühmten Leitsatz.

Der Slammaster Allan Wolf prägte ihn 1994 bei den US-Meisterschaften.

„The points are not the point, the point is poetry.“

Die Punkte sind also gar nicht der Punkt, sondern die Poesie ist der Punkt.

Die Wertung ist nur ein Spiel, das die Leute überhaupt erst zum genauen Zuhören bringt.

Am Ende geht niemand wegen der Zahlen nach Hause, sondern wegen der Texte.

Und wenn man verliert?

Am Ende eines Abends gewinnt immer nur eine einzige Person.

Alle anderen nehmen trotzdem etwas Wertvolles mit nach Hause.

Sie haben vor einem echten Publikum gestanden und es für ein paar Minuten bewegt.

Eine niedrige Note ist kein Urteil über deinen Wert, sondern nur die Stimmung eines Abends.

Die meisten großen Namen der Szene haben am Anfang erst einmal kräftig verloren.

Wichtig ist nicht der Pokal, sondern dass dein Text überhaupt jemanden erreicht hat.

Was du dir von heute mitnimmst

  • Beim Slam benotet eine Jury aus meist fünf zufälligen Gästen aus dem Publikum.
  • Die Noten reichen bis zehn, oft mit einer Nachkommastelle für die feinen Unterschiede.
  • Die höchste und die niedrigste Wertung werden gestrichen, damit Ausreißer nicht gewinnen.
  • Das Opferlamm wärmt Jury und Saal auf, bevor es wirklich ernst wird.
  • Eigener Text, ein Zeitlimit und keine Requisiten sind die drei festen Grundregeln.

Also merke:

Die Punkte sind nur das Spielfeld, gespielt wird am Ende um die Poesie.

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Die häufigsten Fragen zur Slam-Wertung

Wer sitzt beim Poetry Slam in der Jury?

Meist fünf Leute aus dem Publikum — ganz bewusst keine Fachleute, sondern normale Gäste, die einfach sagen, was sie berührt hat.

Welche Noten sind möglich?

Meist null bis zehn — viele Jurys vergeben Zwischennoten mit einer Nachkommastelle, also zum Beispiel eine 8,5.

Warum wird die höchste und die niedrigste Note gestrichen?

Gegen die Ausreißer — so kann ein einzelner Fan oder ein einzelner Nörgler das Ergebnis nicht im Alleingang verbiegen.

Was ist ein Opferlamm?

Der Testauftritt vor dem Wettbewerb — dieser Text zählt nicht mit, sondern stellt nur die Jury ein und wärmt das Publikum auf.

Wie lang darf ein Text sein?

Im deutschsprachigen Raum meist fünf bis sechs Minuten — in den USA sind es traditionell etwa drei, und wer überzieht, riskiert einen Punktabzug.

Sind Kostüme oder Musik erlaubt?

Nein — gefragt sind nur Mensch, Text und Mikrofon, wobei Rap und Beatbox ausdrücklich erlaubt bleiben.

Entscheidet immer eine Jury?

Nicht überall — manche Abende lassen allein den Applaus zählen, und beim Team-Slam treten ganze Gruppen gegeneinander an.

Wer hat den Poetry Slam erfunden?

Marc Smith in Chicago — er startete 1984 im Get Me High Lounge und rief 1986 im Green Mill den Uptown Poetry Slam aus.

Dein Selbstversuch

Geh zum nächsten Slam in deiner Nähe, meld dich freiwillig als Jury und achte darauf, wie viel genauer du zuhörst, sobald du selbst eine Note vergeben musst.

Und zum Schluss noch ein Gedanke für den Heimweg.

Eine Wertung beim Slam ist nie ein objektives Urteil über Kunst.

Sie ist ein Spiel, das uns alle für ein paar Stunden ganz nah an die Poesie holt.

Und genau deshalb darfst du als Jury ruhig einmal aus dem Bauch heraus werten.

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— Stephan Pinkwart —

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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