GEDICHTANALYSE · FÜR DIE SCHULE
Ein Gedicht analysieren: der Aufbau Schritt für Schritt

Kennst du das?
Du bekommst eine Gedichtanalyse auf und starrst auf ein Blatt mit acht Zeilen.
Acht Zeilen.
Und darüber sollst du zwei Seiten schreiben.
Nele aus der neunten Klasse saß genau so da.
Vor ihr lag ein Gedicht, hinter ihr eine Deutschlehrerin mit Erwartungen, und in ihr dieses große, laute Nichts.
„Ich weiß doch gar nicht, was ich sagen soll“, schrieb sie mir.
Doch, weißt du.
Du weißt es nur noch nicht in der richtigen Reihenfolge.
Denn ein Gedicht analysieren ist kein Zaubertrick.
Es ist ein Bauplan.
Und einen Bauplan kann man lernen.
Kein Bullshit: Wenn du die sechs Schritte einmal verstanden hast, funktioniert jede Gedichtanalyse gleich.
Ob Goethe, ob Heine, ob der Text aus deinem Deutschbuch von letzter Woche.
Der Bauplan bleibt.
Nur die Wörter, die du hineinschreibst, ändern sich.
Deshalb machen wir das hier zusammen, an einem echten Beispiel, langsam und ohne Panik.
Am Ende hat Nele ihre Analyse geschrieben.
Und du kannst es dann auch.
Was du hier bekommst
Sechs klare Schritte, eine Checkliste zum Abhaken, fertige Formulierungshilfen und ein komplettes Beispiel, das wir gemeinsam von der ersten bis zur letzten Zeile durcharbeiten.
Diese Anleitung ist für die Gedichtinterpretation in Klasse 9 und 10 geschrieben, sie trägt dich aber genauso durchs Abitur.
So funktioniert der Aufbau jeder Gedichtanalyse, ein Gedicht analysieren Schritt für Schritt.
Bevor wir loslegen, ein Wort zur Angst vor dem leeren Blatt.
Die kommt fast immer daher, dass man alles auf einmal will.
Form, Inhalt, Deutung, schöne Sätze, gute Note, alles gleichzeitig.
Kein Wunder, dass der Kopf dann streikt.
Der Trick ist, immer nur einen Schritt zu machen.
Ein Gedicht analysieren heißt: eine Sache nach der anderen anschauen.
Erst die Verpackung, dann der Inhalt, dann die Bedeutung.
So wie ein Detektiv einen Tatort abläuft, Spur für Spur.
Und ja, wir nehmen dafür einen kleinen, pelzigen Detektiv mit Lupe zu Hilfe.
Er sitzt schon am Bahnhofstisch und wartet.
Unser Beispiel ist kurz, berühmt und gemeinfrei.
Gemeinfrei heißt: Der Dichter ist lange genug tot, das Urheberrecht ist erloschen, wir dürfen den Text vollständig abdrucken.
Heinrich Heine ist 1856 gestorben.
Sein kleines Gedicht ohne eigenen Titel kennt man nach der ersten Zeile: „Ein Fichtenbaum steht einsam“.
Es steht in seinem „Buch der Lieder“ aus dem Jahr 1827.
Lies es einmal ruhig, am besten laut.
Dann fangen wir an.
Im Norden auf kahler Höh’.
Ihn schläfert; mit weißer Decke
Umhüllen ihn Eis und Schnee.
Er träumt von einer Palme,
Die, fern im Morgenland,
Einsam und schweigend trauert
Auf brennender Felsenwand.
Und?
Acht Zeilen, zwei Strophen, ein trauriger Baum, der von einer Palme träumt.
Mehr steht da erstmal nicht.
Aus genau diesem „erstmal nicht“ holen wir jetzt zwei Seiten heraus.
Hier ist der Bauplan, den wir Schritt für Schritt abarbeiten.
- Schritt 1 – Die Einleitung: Titel, Autor, Jahr, Gattung, Thema und deine Deutungshypothese.
- Schritt 2 – Der formale Aufbau: Strophen, Verse, Reimschema und Metrum.
- Schritt 3 – Der Inhalt: jede Strophe in eigenen Worten.
- Schritt 4 – Sprache und Stilmittel: Bilder, Klänge und besondere Wörter.
- Schritt 5 – Die Deutung: Was will der Text sagen und wie wirkt er?
- Schritt 6 – Der Schluss: Deutungshypothese beantworten und Wirkung bündeln.
Merke dir die Reihenfolge wie ein Lied.
Einleitung, Form, Inhalt, Sprache, Deutung, Schluss.
Wer sie einmal kann, verliert vor keinem Gedicht mehr die Nerven.
Erst lesen, dann schreiben
Einen Fehler machen fast alle: Sie lesen das Gedicht einmal und fangen sofort an zu schreiben.
Mach es anders.
Lies das Gedicht dreimal, bevor du auch nur einen Satz formulierst.
Beim ersten Mal liest du einfach nur, ganz ohne Stift.
Beim zweiten Mal liest du laut und hörst auf den Klang.
Beim dritten Mal nimmst du den Bleistift und markierst, was dir auffällt.
Wiederholte Wörter, seltsame Bilder, harte Gegensätze, ein Wechsel in der Stimmung.
Notiere an den Rand deinen ersten Eindruck in drei, vier Wörtern.
Genau dieser erste Eindruck wird später zu deiner Deutungshypothese.
So bist du vorbereitet, bevor der eigentliche Aufbau beginnt.
Schritt 1: Die Einleitung, der erste Satz, der sitzt
Die Einleitung ist der Türöffner.
Sie ist kurz, sie ist sachlich, und sie beantwortet in wenigen Sätzen fünf Fragen.
Wer hat es geschrieben?
Wie heißt es?
Wann ist es entstanden?
Um welche Gattung geht es?
Und worum geht es grob?
Für unser Beispiel klingt das so.
Das Gedicht „Ein Fichtenbaum steht einsam“ von Heinrich Heine, erschienen 1827 im „Buch der Lieder“, thematisiert die unerfüllte Sehnsucht zweier Bäume nacheinander.
Ein Satz, fünf Informationen, fertig ist der Einstieg.
Und dann kommt das wichtigste Wort der ganzen Einleitung: die Deutungshypothese.
Das klingt nach Uni, ist aber ganz einfach.
Eine Deutungshypothese ist deine erste Vermutung, worum es im Kern geht.
Eine Behauptung, die du am Ende überprüfst.
Für Heines Bäume könnte sie lauten: Das Gedicht zeigt, dass eine Sehnsucht umso stärker brennt, je unerreichbarer ihr Ziel ist.
Diese Vermutung ist dein roter Faden.
Alles, was du danach schreibst, arbeitet auf sie hin.
Nele hat an dieser Stelle aufgeatmet.
Denn plötzlich hatte sie einen ersten Satz auf dem Blatt.
Und ein erster Satz ist die halbe Miete.
Achtung, Klassiker-Fehler
Verwechsle die Deutungshypothese nicht mit einer Nacherzählung; sie ist eine Behauptung über die Bedeutung und kein bloßes Aufsagen des Inhalts.
Schnell-Check für deine Einleitung
- Titel in Anführungszeichen und der Name des Autors stehen da.
- Das Erscheinungsjahr ist genannt.
- Die Gattung ist benannt, hier ein Gedicht der Romantik.
- Das Thema steht in einem einzigen Satz.
- Die Deutungshypothese ist eine echte Behauptung.
Schritt 2: Der formale Aufbau, die Verpackung zählt
Jetzt drehen wir das Gedicht um und schauen auf die Verpackung.
Form geht vor Inhalt, das ist im Aufsatz Absicht.
Denn die Form trägt schon Bedeutung, bevor du auch nur ein Wort deutest.
Vier Dinge schaust du dir an: Strophen, Verse, Reimschema und Metrum.
Fangen wir mit dem Einfachsten an, dem Zählen.
Unser Gedicht hat zwei Strophen.
Jede Strophe hat vier Verse, also vier Zeilen.
Macht acht Verse insgesamt.
Das schreibst du genau so hin, das ist schon halbe Analyse.
Nun das Reimschema.
Dafür gibst du jedem Endwort einen Buchstaben.
Gleicher Klang, gleicher Buchstabe.
In der ersten Strophe reimen sich nur „Höh’“ und „Schnee“, also die Zeilen zwei und vier.
Die Zeilen eins und drei reimen sich auf nichts.
Das ergibt das Schema x a x a.
In der zweiten Strophe dasselbe: nur „Morgenland“ und „Felsenwand“ klingen zusammen.
Fachwort dafür: Es reimen sich nur die geraden Verse, ein typischer Volksliedton.
Und das Metrum, also die Betonung?
Hier musst du ehrlich sein.
Heine hält kein strenges Versmaß durch.
Die Verse sind kurz und dreihebig, sie klingen schlicht wie ein Volkslied.
Und genau das ist die Beobachtung, die zählt: Die einfache, liedhafte Form passt zu einem schlichten, tief traurigen Gefühl.
Also merke: Auch ein fehlendes festes Metrum ist ein Ergebnis und kein Fehler.
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Schritt 3: Der Inhalt, Strophe für Strophe in deinen Worten
Jetzt erst kommt der Inhalt.
Und zwar in Zeitlupe, Strophe für Strophe.
Der häufigste Anfängerfehler ist, alles auf einmal nachzuerzählen.
Mach es langsam.
Nimm dir die erste Strophe und sag in eigenen Worten, was da passiert.
Ein Fichtenbaum steht ganz allein im Norden, oben auf einer kahlen Höhe.
Ihn fröstelt, er ist wie im Halbschlaf, und Eis und Schnee decken ihn zu.
Das ist die erste Strophe, mehr nicht.
Kalt, einsam, oben, weiß.
Jetzt die zweite Strophe.
Dieser Baum träumt von einer Palme.
Die steht weit weg im Morgenland, also im warmen Süden.
Und sie trauert dort genauso einsam und schweigend auf einer brennenden Felsenwand.
Das ist die zweite Strophe.
Heiß, einsam, fern, glühend.
Fällt dir etwas auf?
Beide sind allein.
Der eine träumt vom anderen.
Aber zwischen ihnen liegt die halbe Welt.
Diesen Inhalt hältst du kurz fest, ohne ihn schon zu deuten.
Deuten kommt später, jetzt wird nur beschrieben.

Schritt 4: Sprache und Stilmittel, hier wird es spannend
Willkommen im Herzstück.
Die Stilmittel sind die Werkzeuge des Dichters.
Und du bist der Detektiv, der sie einsammelt.
Kein Bullshit: Du musst nicht dreißig Fachbegriffe können.
Für die meisten Gedichte reicht eine Handvoll, und die schauen wir uns jetzt am lebenden Objekt an.
Das erste Werkzeug ist die Personifikation.
Ein Baum kann nicht schlafen, ein Baum kann nicht träumen.
Heines Fichtenbaum tut beides.
„Ihn schläfert“, „er träumt“, und die Palme „trauert“ und „schweigt“.
Heine macht aus Pflanzen fühlende Wesen.
Das ist Personifikation, und sie ist der Motor des ganzen Gedichts.
Das zweite Werkzeug ist das Symbol.
Der Fichtenbaum ist nicht nur ein Baum.
Er steht für den kalten Norden, für den, der sich sehnt.
Die Palme steht für den warmen Süden, für das ersehnte Ferne.
Jetzt kommt ein feiner Trick, den viele übersehen.
Im Deutschen sagt man eigentlich „die Fichte“.
Heine schreibt aber „der Fichtenbaum“, männlich.
Und „die Palme“ ist weiblich.
So wird aus zwei Pflanzen ein Er und eine Sie, ein Bild für Sehnsucht und Liebe.
Das dritte Werkzeug ist der Kontrast.
Norden gegen Morgenland, Eis und Schnee gegen brennende Felsenwand, eiskalt gegen glühend heiß.
Das ganze Gedicht lebt von diesem Gegensatz.
Die beiden könnten nicht weiter voneinander entfernt sein, räumlich wie im Gefühl.
Das vierte Werkzeug ist die Wiederholung eines Leitworts.
Das Wörtchen „einsam“ steht in Vers eins und noch einmal in Vers sieben.
Es klammert beide Strophen zusammen.
Und es sagt leise, dass die beiden im Grunde gleich sind und dieselbe Einsamkeit teilen.
Ein fünftes Werkzeug ist der Klang.
Sprich „schläfert“, „Schnee“ und „schweigend“ einmal laut aus.
Lauter weiche Zischlaute, die selbst schon müde und verschneit klingen.
Und schließlich das Enjambement.
Ein Satz läuft hier über mehrere Zeilen weiter, statt am Versende zu stoppen.
Dieses Übergreifen zieht den Traum in die Länge, wie die Ferne selbst.
Sechs Werkzeuge, an nur acht Zeilen.
Siehst du, wie aus „da steht ja nichts“ plötzlich eine volle Seite wird?
Und du musst nicht alle sechs nennen, drei bis vier gut belegte Stilmittel reichen für eine starke Gedichtanalyse.
Die wichtigsten Stilmittel auf einen Blick
Diese Liste ist dein kleines Werkzeugtäschchen für fast jede Gedichtanalyse.
- Metapher: ein sprachliches Bild, das zwei Dinge gleichsetzt, etwa das Meer der Zeit.
- Vergleich: wie die Metapher, aber mit dem Wörtchen wie, etwa kalt wie Eis.
- Personifikation: ein Ding oder Tier bekommt menschliche Züge, etwa der Wind flüstert.
- Symbol: ein Bild, das für etwas Größeres steht, etwa die Taube für den Frieden.
- Alliteration: mehrere Wörter beginnen mit demselben Laut, etwa Milch macht müde.
- Anapher: dasselbe Wort steht am Anfang mehrerer Zeilen.
- Enjambement: ein Satz läuft über das Versende hinaus in die nächste Zeile.
- Kontrast: zwei Gegensätze stehen hart nebeneinander, etwa heiß und kalt.
- Hyperbel: eine starke Übertreibung, etwa tausend Tränen.
- rhetorische Frage: eine Frage, die gar keine Antwort erwartet.
- Klangmalerei: der Klang der Wörter ahmt nach, was gemeint ist.
- Wiederholung: ein Wort oder Satz kehrt wieder und bekommt so Gewicht.
Wichtig ist nie die Menge, sondern der Beleg.
Nenne das Stilmittel, zitiere die Zeile und sag, was es bewirkt.
Dieses Dreierpaket aus Name, Beleg und Wirkung ist der Kern jeder guten Analyse.
Schritt 5: Die Deutung, jetzt sagst du, was es bedeutet
Bis hierhin hast du gesammelt.
Jetzt deutest du.
Deutung heißt: Du verbindest deine Beobachtungen zu einer Aussage.
Du fragst nicht mehr, was dasteht, sondern was der Text dir sagen will.
Erinnerst du dich an unsere Deutungshypothese?
Sehnsucht brennt umso stärker, je unerreichbarer ihr Ziel ist.
Jetzt beweisen wir sie mit dem, was wir gefunden haben.
Der Fichtenbaum träumt von der Palme, obwohl die halbe Welt zwischen ihnen liegt.
Der Kontrast von Eis und Feuer zeigt, wie unmöglich ein Zusammenkommen ist.
Das Leitwort „einsam“ verrät, dass beide dasselbe fühlen, ohne es voneinander zu wissen.
Und weil alles nur ein Traum ist, wird die Sehnsucht nie erfüllt.
Genau das ist die Tragik.
Das Gedicht handelt von einer Liebe über eine Distanz, die sich nicht überbrücken lässt.
Man kann es auf viele Arten lesen.
Als Bild für unerwiderte Liebe.
Als Fernweh, als Sehnsucht nach einem Ort, an den man nie kommt.
Manche lesen es auch als Heines eigenes Gefühl von Heimatlosigkeit.
Wichtig ist: Du darfst deuten, aber du musst es belegen.
Jede Deutung braucht ihren Beweis aus dem Text.
Schreib also nie „ich glaube“, ohne danach eine Zeile aus dem Gedicht zu nennen.
Das ist der ganze Unterschied zwischen Meinung und Analyse.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenSchritt 6: Der Schluss, der Kreis schließt sich
Der Schluss ist kurz, und er ist wichtig.
Hier passieren die meisten unnötigen Punktverluste.
Denn viele packen in den Schluss plötzlich ein neues Argument.
Mach das nicht.
Der Schluss macht drei Dinge, mehr nicht.
Erstens greifst du deine Deutungshypothese vom Anfang wieder auf.
Zweitens sagst du, ob sie sich bestätigt hat.
Für unser Gedicht gilt: Ja, sie hat sich bestätigt.
Die Sehnsucht ist genau deshalb so stark, weil sie unerreichbar bleibt.
Drittens nennst du die Wirkung auf dich als Leser.
Bei Heine bleibt eine leise Melancholie zurück, ein Mitgefühl mit zwei Wesen, die sich nie begegnen werden.
Und wenn du magst, spannst du einen kleinen Bogen ins Heute.
Dieses Fernweh kennt jeder, der schon einmal am Bahnsteig stand und einem Zug nachgesehen hat.
Aber übertreib den Gegenwartsbezug nicht, ein bis zwei Sätze genügen.
So, und jetzt hast du sechs Schritte beisammen.
Aus acht Zeilen sind zwei Seiten geworden.
Nele hat übrigens eine Zwei geschrieben.
Nicht, weil sie schlau geraten hat.
Sondern weil sie einen Bauplan hatte.
Analyse oder Interpretation? Der feine Unterschied
Diese Frage bringt viele durcheinander, dabei ist sie halb so wild.
Die Analyse ist das Sammeln.
Du zerlegst das Gedicht in seine Teile, also Form, Inhalt und Sprache, und beschreibst sie sachlich.
Die Interpretation ist das Deuten.
Du sagst, was diese Teile bedeuten und welche Wirkung sie erzielen.
In der Schule stehen beide fast immer im selben Aufsatz.
Erst analysierst du, dann interpretierst du, oft Hand in Hand.
Deshalb heißt die Aufgabe mal Gedichtanalyse und mal Gedichtinterpretation, gemeint ist meistens dasselbe.
Merke dir die Faustregel: Die Analyse fragt nach dem Wie, die Interpretation fragt nach dem Warum.
Wenn du beides verbindest und jede Deutung mit dem Text belegst, machst du automatisch alles richtig.

Die häufigsten Fehler, und wie du sie umgehst
Ein paar Stolpersteine tauchen in fast jedem Aufsatz auf.
Kenne sie, dann fällst du nicht darüber.
- Nacherzählen statt deuten: Der Text wird brav zusammengefasst, aber nie gedeutet.
- Behaupten ohne Beleg: Eine Deutung steht da, aber keine Zeile stützt sie.
- Stilmittel ohne Wirkung: Fachbegriffe werden aufgezählt, aber nie erklärt.
- Falsche Zeitform: Das Gedicht wird im Präteritum beschrieben statt im Präsens.
- Neues im Schluss: Plötzlich kommt ein frisches Argument, das vorher nie auftauchte.
- Meinung ohne Anlass: Statt am Text zu arbeiten, wird frei drauflos gefühlt.
Die gute Nachricht ist einfach.
Jeder dieser Fehler verschwindet, sobald du dem Bauplan folgst und jede Aussage mit einer Zeile belegst.
So teilst du dir eine Klausur ein
In der Klausur tickt die Uhr, und das macht nervös.
Ein grober Zeitplan nimmt dir den Druck.
Nimm dir am Anfang etwa ein Fünftel der Zeit nur fürs Lesen und Markieren.
Das fühlt sich lang an, ist aber die beste Investition.
Die nächste Hälfte gehört dem Schreiben, Schritt für Schritt am Bauplan entlang.
Das letzte Stück reservierst du fürs Überprüfen.
Lies deinen Text am Ende einmal komplett und achte auf Präsens und auf jeden fehlenden Beleg.
Wer noch zwei Minuten übrig hat, kontrolliert die Einleitung und den Schluss ein zweites Mal.
Denn diese beiden liest die Lehrkraft am genauesten.
Jetzt du: die Fünf-Minuten-Übung
Theorie ist gut, aber Können kommt vom Machen.
Nimm dir irgendein kurzes, gemeinfreies Gedicht aus deinem Deutschbuch.
Geh die sechs Schritte einmal laut durch, ganz ohne etwas aufzuschreiben.
Sag den Einleitungssatz, zähl die Strophen, nenne ein Stilmittel und eine Deutung.
Wenn du das dreimal gemacht hast, sitzt der Bauplan wie ein Reflex.
Deine Trainingsrunde
Wähle ein kurzes Gedicht, stelle einen Wecker auf fünf Minuten und sprich die sechs Schritte laut durch, bevor du sie das nächste Mal aufschreibst.
Die Checkliste zum Abhaken
Geh sie im Kopf durch, bevor du deine Gedichtanalyse abgibst.
- Einleitung: Titel, Autor, Jahr, Gattung, Thema und Deutungshypothese stehen da.
- Formaler Aufbau: Strophen und Verse gezählt, Reimschema bestimmt, Metrum beschrieben.
- Inhalt: jede Strophe in eigenen Worten zusammengefasst, ohne schon zu deuten.
- Sprache: mindestens drei bis vier Stilmittel gefunden und mit Zeile belegt.
- Deutung: Deutungshypothese mit Textstellen bewiesen, nicht nur behauptet.
- Schluss: Hypothese beantwortet, Wirkung genannt, kein neues Argument.
- Form: durchgehend im Präsens geschrieben und jede Aussage mit einer Zeile belegt.
- Sprache im Aufsatz: sachlich und ohne eine Behauptung ohne Beleg.
Formulierungshilfen · Satzbausteine
- Einleitung: „Das Gedicht … von … aus dem Jahr … thematisiert …“ · „Die Deutungshypothese lautet, dass …“
- Formaler Aufbau: „Das Gedicht besteht aus … Strophen mit je … Versen.“ · „Das Reimschema ist ein Kreuzreim.“ · „Auffällig ist, dass …“
- Inhalt: „In der ersten Strophe wird … beschrieben.“ · „Die zweite Strophe führt … weiter.“
- Stilmittel: „Auffällig ist die Personifikation in Vers …, die bewirkt, dass …“ · „Der Kontrast zwischen … und … unterstreicht …“
- Deutung: „Das lässt sich so deuten, dass …“ · „Der Text zeigt, dass …“
- Schluss: „Zusammenfassend bestätigt sich die These, dass …“ · „Auf mich wirkt das Gedicht …“
Diese Bausteine darfst du dir klauen.
Sie sind wie Schienen, auf denen dein Aufsatz von allein ins Rollen kommt.
Setz deine eigenen Wörter ein, und schon klingt es nach dir.
Schreib deine Hypothese in das Feld, bevor du weiterliest.
Denn wer seinen roten Faden kennt, schreibt den Rest fast von allein.
Häufige Fragen zur Gedichtanalyse
Wie ist eine Gedichtanalyse aufgebaut?
In sechs Schritten: Einleitung, formaler Aufbau, Inhalt Strophe für Strophe, Sprache und Stilmittel, Deutung und Schluss.
Was gehört in die Einleitung?
Titel, Autor, Erscheinungsjahr, Gattung, das Thema in einem Satz und deine Deutungshypothese.
Ist eine Gedichtanalyse dasselbe wie eine Gedichtinterpretation?
Fast, denn die Analyse sammelt die Bausteine und die Interpretation deutet ihre Wirkung, in der Schule steckt beides im selben Aufsatz.
Was ist eine Deutungshypothese?
Deine kurze Vermutung am Anfang, worum es im Kern geht, die du am Ende mit Textstellen überprüfst.
Welche Stilmittel sollte ich kennen?
Für die meisten Gedichte genügen Metapher, Vergleich, Personifikation, Symbol, Alliteration, Anapher, Enjambement und Kontrast.
Wie finde ich das Reimschema?
Du gibst jedem Endwort einen Buchstaben und vergibst bei gleichem Klang denselben Buchstaben, so wird aus abab ein Kreuzreim.
Für welche Klasse passt diese Anleitung?
Von Klasse 8 bis zum Abitur, denn der Bauplan bleibt gleich und nur deine Deutung wird mit den Jahren tiefer.
Muss ich das Gedicht auswendig können?
Nein, aber lies es mehrmals laut, denn Betonung und Klang verraten dir Metrum, Stimmung und die wichtigen Wörter.
Und damit sind wir am Ende dieses Bauplans angekommen.
Ein Gedicht analysieren ist kein Talent, das die einen haben und die anderen nicht.
Es ist ein Handwerk mit sechs Griffen.
Einleitung, Form, Inhalt, Sprache, Deutung, Schluss.
Geh die Schritte der Reihe nach, belege jede Behauptung mit einer Zeile, und das leere Blatt hat verloren.
Nele weiß das jetzt.
Und du weißt es auch.
Jetzt bist du dran, an deinem nächsten Gedicht.
