Bühne für alle
FLINTA*-Slam: was das ist und warum es ihn gibt
Jule hat seit Monaten einen Text in der Hosentasche.
Sie würde ihn so gern einmal auf eine Bühne bringen, nur traut sie sich nicht.
Kennst du das, dieses Zögern vor dem allerersten Schritt?
Bei den offenen Slams in ihrer Stadt stand meistens eine lange Reihe von Männern am Mikro.
Jule fühlte sich dort wie ein Gast auf einer fremden Party.
Sie klatschte höflich, trank ihr Getränk und ging wieder nach Hause, den Text noch immer in der Tasche.
Das ging ein paar Monate so.
Vielleicht kennst du dieses stille Aufgeben auch von dir.
Dann entdeckte sie am Bahnhof ein Plakat mit einem Wort, das sie noch nie gelesen hatte.
Es hieß FLINTA*-Slam, und darunter stand nur: Bühne frei.
Heute steht Jule selbst am Mikro, und deshalb erzähle ich dir, was dieses Wort bedeutet.
Und keine Sorge, ich erkläre es so, dass am Ende wirklich jeder mitreden kann.
Kein Bullshit: am Ende weißt du, was ein FLINTA*-Slam ist und warum es ihn gibt.

Was FLINTA* überhaupt heißt
FLINTA* sieht beim ersten Lesen aus wie ein Tippfehler.
Dabei steckt hinter jedem einzelnen Buchstaben eine Gruppe von Menschen.
- F steht für Frauen, und zwar für alle Frauen, ob cis oder trans.
- L steht für Lesben, die hier ausdrücklich ihre eigene Sichtbarkeit bekommen.
- I steht für inter Menschen, die mit Körpermerkmalen geboren werden, die nicht glatt in männlich oder weiblich passen.
- N steht für nicht-binäre Menschen, die sich nicht nur als Mann oder nur als Frau verstehen.
- T steht für trans Menschen, deren Geschlecht nicht zu dem passt, das bei der Geburt eingetragen wurde.
- A steht für agender Menschen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen.
Das sieht nach viel Theorie aus, meint aber etwas ganz Einfaches.
Jeder dieser Buchstaben erzählt von Menschen, die auf Bühnen lange am Rand standen.
Es geht um all jene, die nicht selbstverständlich als Mann durchs Leben und über die Bühnen gehen.
Das klingt erst einmal sperrig, ist im Grunde aber eine freundliche Geste.
Der Begriff sagt nämlich vor allem eins: hier seid ihr ausdrücklich gemeint.
Und genau dieses Gemeintsein verändert mehr, als man denkt.
Das Sternchen am Ende ist dabei wie eine offene Tür.
Es hält den Begriff offen für weitere Geschlechter, die in diesen Buchstaben nicht eigens genannt sind.
Und jetzt kommt der wichtigste Satz dieses ganzen Textes.
FLINTA* ist nicht einfach ein schickes neues Wort für „Frauen“.
Wer es so benutzt, vergisst genau die Menschen, die ohnehin oft übersehen werden.
Es geht um alle, die auf vielen Bühnen seltener vorkommen, als es fair wäre.
Nicht weil sie schlechter schreiben, sondern weil man ihnen seltener das Mikro reicht.
Woher das Wort kommt
Vielleicht hast du früher mal von einem „Ladies Slam“ oder einem „Frauen-Slam“ gehört.
Das waren oft die Vorläufer der heutigen FLINTA*-Bühnen.
Mit der Zeit merkte die Szene, dass „Frauen“ allein zu eng gegriffen war.
Denn auch trans, inter, nicht-binäre und agender Menschen brauchen diesen Raum.
So wurde aus dem alten Namen nach und nach das offenere FLINTA*.
Sprache verändert sich eben, sobald mehr Menschen sichtbar werden.
Manche Bühnen schreiben inzwischen sogar FLINTA+ mit einem Plus am Ende.
Das Plus meint dasselbe wie das Sternchen, nämlich: es sind noch mehr gemeint.
Warum es eigene Bühnen gibt
Jules Gefühl war kein Zufall, sondern hatte einen handfesten Grund.
Die Slam-Szene war lange Zeit stark männlich geprägt.
In vielen Line-ups und Finals standen deutlich mehr Männer als alle anderen zusammen.
Manche Auftretende berichten, sie seien an einem Abend die einzige Frau unter lauter Männern gewesen.
Das ist kein Vorwurf an irgendwen, sondern einfach eine Beobachtung, die viele teilen.
Wer sich auf einer Bühne nicht wiederfindet, traut sich seltener hinauf, und so dreht sich das Rad immer weiter.
Ein FLINTA*-Slam unterbricht genau dieses Rad.
Er sorgt dafür, dass einmal ganz andere Namen auf der Liste ganz oben stehen.
Er sagt: heute Abend gehört die Bühne euch, die ihr sonst oft nur in der Schlange steht.
Das ist keine Mauer gegen andere, sondern eine Einladung an die, die lange gefehlt haben.
Für Jule war genau das der Unterschied zwischen Zuschauen und Mitmachen.
Plötzlich war die Bühne kein fremder Ort mehr, sondern einer, der auf sie gewartet hatte.
Was ein Safer Space ist
Vielleicht hast du den Begriff Safer Space schon einmal gehört.
Übersetzt heißt er so viel wie möglichst geschützter Raum.
Gemeint ist ein Ort, an dem das Risiko für dumme Sprüche, Sexismus und Herabwürdigung kleiner ist als sonst.
Das Wörtchen „möglichst“ ist dabei wichtig, denn niemand verspricht eine perfekte heile Welt.
Es ist eher ein Versprechen, aufeinander zu achten.
Dieses kleine Versprechen macht schon einen riesigen Unterschied.
In so einem Raum traut sich Jule plötzlich Dinge, die ihr woanders im Hals stecken blieben.
Und genau das hört man den Texten an einem solchen Abend an.
Die Sätze werden ehrlicher, die Pausen mutiger und die Pointen frecher.
Man merkt einem Text sofort an, ob sich jemand sicher fühlt oder nicht.

Jules erster Abend
Beim ersten FLINTA*-Slam saß Jule ganz hinten und wollte eigentlich nur zuschauen.
Doch der Abend fühlte sich sofort anders an, als sie es kannte.
Niemand musterte sie, niemand grinste schief, als sie ihren Zettel hervorzog.
Eine Moderatorin fragte in die Runde, wer heute zum ersten Mal auftrete.
Ein halbes Dutzend Hände ging hoch, und der Saal klatschte, bevor überhaupt ein Wort gefallen war.
Da meldete sich Jule, fast ohne es zu wollen.
Ihre Stimme zitterte, doch sie kam bis zum letzten Satz.
Und als sie fertig war, war der Applaus lauter, als ihr Herz es für möglich gehalten hatte.
In diesem Moment verstand sie, warum es diese Bühne braucht.
Wie so ein Slam abläuft
Jetzt zum praktischen Teil, denn ein FLINTA*-Slam ist erst einmal ein ganz normaler Poetry Slam.
Auf die Bühne dürfen an diesem Abend nur FLINTA*-Personen.
Das ist die einzige Regel, die diesen Slam von jedem anderen unterscheidet.
Im Publikum dagegen sind in der Regel alle willkommen, Freundinnen, Familie und Neugierige.
Ansonsten gelten die bekannten Regeln eines jeden Slams.
Jeder Text ist selbst geschrieben.
Es gibt ein Zeitlimit, meist um die fünf bis sechs Minuten.
Requisiten, Kostüme und Instrumente bleiben in der Tasche.
Und am Ende entscheidet das Publikum, wer den Abend für sich gewinnt.
Der Rahmen ist also derselbe wie immer, nur die Bühne steht anderen Leuten offen.
Wer schon einmal auf einem normalen Slam war, findet sich hier sofort zurecht.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenIst das nicht unfair?
An dieser Stelle fragen viele: und was ist eigentlich mit allen anderen?
Gute Frage, und die Antwort ist ganz entspannt.
Denn ein eigener Abend bedeutet nicht, dass alle anderen Abende verschwinden.
Ein FLINTA*-Slam nimmt niemandem etwas weg, denn die vielen anderen Bühnen bleiben ja offen für alle.
Er fügt nur einen Abend hinzu, an dem mal andere zuerst an die Reihe kommen.
Man kann sich das wie einen reservierten Tisch vorstellen, nicht wie ein verschlossenes Restaurant.
Also merke: das ist kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander mit Startvorteil für die, die lange hinten standen.
Was den FLINTA*-Slam besonders macht
Was diesen Abend besonders macht, ist weniger die Regel und mehr das Gefühl.
Viele treten hier zum allerersten Mal auf, weil sie sich endlich trauen.
Du spürst im Saal eine Nervosität, die sich schnell in Wärme verwandelt.
Das Publikum trägt diese ersten Male mit, es feuert an, statt auszusieben.
Oft steht der Wettbewerb ein Stück weit im Hintergrund und der Zusammenhalt vorne.
Es geht um Sichtbarkeit, um Vorbilder und darum, dass neue Stimmen überhaupt gehört werden.
Vereine wie die SLAM ALPHAS vernetzen seit Jahren Auftretende aus der FLINTA*-Szene im ganzen deutschsprachigen Raum.
So wird aus einem einzelnen Abend nach und nach eine ganze Bewegung.
Und diese Bewegung verändert langsam auch die großen, offenen Bühnen drumherum.
Wo es FLINTA*-Slams gibt
Vielleicht fragst du dich jetzt, wo du so einen Abend überhaupt findest.
Die gute Nachricht ist: es gibt sie in vielen Städten.
Manche laufen schon seit Jahren, andere sind gerade erst entstanden.
In Berlin läuft rund um den achten März die „Best of Poetry Slam – FLINTA* Edition“ im Heimathafen Neukölln.
In Heidelberg gibt es im Karlstorbahnhof die Reihe „WORD UP!“ mit einem eigenen FLINTA*-Special.
In Wien treffen sich FLINTA*-Slammende unter anderem im Café Aera.
In Aachen gibt es eine eigene FLINTA* Open Stage.
Und über die Städtegrenzen hinweg hält der Verein SLAM ALPHAS die Szene zusammen.
Schau einfach einmal nach, ob es auch in deiner Nähe eine solche Bühne gibt.
Und wenn es noch keine gibt, ist vielleicht genau das deine Gelegenheit, selbst eine zu starten.
Einmal zum Anschauen
Wenn dir das alles noch ein wenig zu abstrakt ist, hilft ein kurzer Blick.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache erklärt hier in aller Kürze, was hinter dem Begriff steckt.
Danach klingt das Wort gleich viel weniger nach Geheimcode und viel mehr nach Einladung.
Genau diese Einladung ist der Kern der ganzen Sache.
Ein Wort noch
FLINTA* ist keine Spielerei und keine bloße Quote, sondern der Versuch, die Bühnen dieser Welt ein Stück gerechter zu teilen.
Auch wenn du nicht gemeint bist
Vielleicht gehörst du selbst nicht zu FLINTA*, bist aber neugierig geworden.
Dann bist du als Publikum fast überall herzlich willkommen.
Du kannst zuhören, klatschen und weitererzählen, was du dort erlebt hast.
Denn jede volle Reihe im Saal macht diesen Bühnen Mut.
Und Mut ist am Ende genau das, worum es hier für alle geht.
Denn eine Bühne mehr ist für niemanden ein Verlust.
Woran du einen guten Abend erkennst
Woran merkst du, dass du bei einem guten FLINTA*-Slam gelandet bist?
Ganz einfach, du spürst es schon an der Stimmung am Einlass.
Die Leute reden miteinander, statt sich gegenseitig abzuchecken.
Auf der Bühne wechseln sich zarte, laute, wütende und komische Texte ab.
Das Publikum hört wirklich zu und feiert auch die leisen Töne.
Und wenn am Ende jemand zum ersten Mal gewinnt, freut sich der halbe Saal mit.
So ein Abend schickt dich leichter nach Hause, als du gekommen bist.
Und manchmal nimmst du den Mut gleich für deinen eigenen ersten Auftritt mit.
Was du dir merken kannst
Hier ist das Wichtigste in fünf kurzen Zeilen.
- FLINTA* steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen.
- Es ist mehr als nur ein neues Wort für Frauen, und das ist der häufigste Irrtum.
- Eigene Bühnen gibt es, weil die Szene lange sehr männlich geprägt war.
- Ein FLINTA*-Slam folgt den normalen Regeln, nur die Bühne steht anderen offen.
- Das Publikum ist meistens für alle da und entscheidet wie immer über den Sieg.
Deine Mini-Übung
Such einmal im Netz nach einem FLINTA*-Slam in deiner Gegend und schreib dir das nächste Datum in den Kalender, ganz gleich ob du auftreten oder nur zuschauen willst.
Häufige Fragen
Wofür steht FLINTA*?
Für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen – das Sternchen hält den Begriff offen für weitere Geschlechter.
Heißt FLINTA* einfach nur Frauen?
Nein – es umfasst viele Geschlechter, und wer es mit Frauen gleichsetzt, lässt trans, inter, nicht-binäre und agender Menschen außen vor.
Dürfen beim FLINTA*-Slam nur FLINTA*-Personen zuschauen?
Meist nicht – auf die Bühne dürfen nur FLINTA*-Personen, im Publikum sind in der Regel alle willkommen.
Gelten dabei die normalen Slam-Regeln?
Ja – eigener Text, Zeitlimit, keine Requisiten, und das Publikum ist die Jury.
Warum gibt es überhaupt eigene FLINTA*-Bühnen?
Zur Sichtbarkeit – die Szene war lange männlich geprägt, und diese Bühnen schaffen Raum und Vorbilder.
Was ist ein Safer Space?
Ein möglichst geschützter Raum – ein Ort mit weniger Diskriminierung, in dem man sich freier auf die Bühne traut.
Ist ein FLINTA*-Slam nur etwas für ein kleines Publikum?
Überhaupt nicht – die Abende sind offen, oft voll und für alle ein Gewinn.
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Jetzt Kanal folgenJule hat ihren Text inzwischen schon dreimal vorgetragen.
Beim ersten Mal zitterten ihre Hände, beim dritten Mal lachte und klatschte der ganze Saal.
Vielleicht ist ja bald eine Bühne in deiner Nähe dran, dich zu hören.
Und wer weiß, vielleicht steckst du deinen Text ja auch bald nicht mehr zurück in die Tasche.
Jule jedenfalls hat ihren Platz gefunden, und sie hält ihn warm für die Nächste.
Trau dich, der Platz am Mikro wartet nicht ewig.
