Standpunkt
„Handy bei zehn Prozent, noch zwei Stunden Fahrt – und weit und breit keine Steckdose.“
Steckdose an jedem Sitzplatz zur Pflicht?
→ Im Fernverkehr Standard, im Nahverkehr Glückssache. Sollte Strom zur Regel werden?
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Worum es geht
Im ICE gehört die Steckdose am Platz längst dazu, in vielen Regional- und S-Bahnen fehlt sie. Ob jeder Sitzplatz eine haben sollte, ist eine Frage von Komfort, Kosten und Notwendigkeit.
Für viele Fahrgäste ist die Zugfahrt Arbeitszeit oder Medienzeit: Laptop auf, Handy an, Kopfhörer rein.
All das zieht Strom, und der Akku hält selten die ganze Fahrt.
Im Fernverkehr ist die Steckdose am Sitz deshalb längst Standard.
Im Nahverkehr sieht es ganz anders aus: Viele ältere Regionalzüge haben keine einzige – ausgerechnet dort, wo Pendler täglich unterwegs sind.
Sollte also jeder Sitzplatz verpflichtend eine Steckdose bekommen? Was nach einer Kleinigkeit klingt, ist bei genauem Hinsehen eine Frage von Geld, Technik und Prioritäten.

Vom Luxus zur Erwartung
Vor zwanzig Jahren war eine Steckdose im Zug eine Besonderheit.
Heute erwarten sie die meisten Fahrgäste wie selbstverständlich – so wie das WLAN im Café oder die Ladebuchse im Auto.
Neue Fahrzeuge werden deshalb fast immer damit ausgestattet.
Das eigentliche Problem sind die vielen alten Züge, die noch jahrzehntelang im Einsatz bleiben und ganz ohne Steckdose gebaut wurden.
Nachrüsten ist nicht gratis
Eine Steckdose an jeden Platz zu bringen heißt bei Altfahrzeugen: neue Leitungen ziehen, die Stromversorgung verstärken, Sitze umbauen.
Das ist aufwendig und teuer.
Bei einem Zug, der in wenigen Jahren ohnehin ausgemustert wird, lohnt sich dieser Aufwand kaum noch.
Das Geld wäre dann in neuen Fahrzeugen oder in mehr Fahrten besser angelegt.
Kurze Fahrt, lange Fahrt
Der Bedarf hängt stark von der Strecke ab.
Auf einer S-Bahn-Fahrt von zehn Minuten braucht kaum jemand eine Steckdose.
Auf einer zweistündigen Regionalexpress-Verbindung dagegen ist ein leerer Akku ein echtes Ärgernis.
Eine Pflicht für wirklich jeden Sitzplatz würde also auch dort Steckdosen erzwingen, wo sie kaum genutzt werden – während sie auf langen Strecken wirklich fehlen.
Steckdose oder USB?
Es muss nicht immer die große Schuko-Steckdose sein.
Eine USB-Buchse reicht vielen Fahrgästen fürs Handy, ist kleiner, günstiger und leichter einzubauen.
Manche neuen Züge setzen deshalb auf eine Mischung: einzelne Steckdosen plus USB-Anschlüsse an vielen Plätzen.
So bekommt jeder Strom, ohne dass jeder Sitz voll verkabelt sein muss.
Was den Bedarf wirklich treibt
Der Hunger nach Strom im Zug wächst mit der Technik.
Vor dem Smartphone brauchte kaum jemand eine Steckdose; heute reist man mit Handy, Laptop, Tablet und Kopfhörern – alle wollen irgendwann geladen werden.
Damit ist die Steckdose vom Nice-to-have zum Teil des Grundkomforts geworden.
Wer die Bahn als moderne Alternative zum Auto bewerben will, kann sie kaum noch weglassen.
Ein Blick in die Fahrzeuge
Moderne Regionalzüge werden heute fast durchweg mit Steckdosen bestellt.
Das Problem sind die Fahrzeuge aus den 1990er- und 2000er-Jahren, die noch lange fahren und teils gar keine Bordstromversorgung für Fahrgäste haben.
Ob sich deren Nachrüstung lohnt, ist eine reine Rechenfrage: Wie lange fährt der Zug noch, und was kostet der Umbau? Bei jungen Fahrzeugen lohnt es sich, bei alten selten.

Kleine Buchse, große Wirkung
Oft unterschätzt wird, wie viel schon eine einfache USB-Buchse bringt.
Fürs Handy genügt sie völlig, sie ist günstig und lässt sich leichter einbauen als eine volle Steckdose.
Ein durchdachtes Mischangebot – ein paar Steckdosen für Laptops, viele USB-Buchsen fürs Handy – deckt den echten Bedarf meist besser ab als die starre Forderung nach einer Vollsteckdose an jedem Sitz.
Ein Signal an die Fahrgäste
Am Ende ist die Steckdose auch eine Botschaft: Sie sagt dem Fahrgast, dass seine Zeit im Zug zählt und dass er willkommen ist, dort zu arbeiten, zu lesen oder zu entspannen.
Dieser Wohlfühlfaktor ist mehr wert, als die kleine Buchse vermuten lässt.
Steckdose als Pflicht – sinnvoll?
Dafür
+ Viele nutzen die Fahrt zum Arbeiten. Ohne Strom ist der Laptop nach einer Stunde tot.
+ Gerade Pendler sitzen täglich im Nahverkehr – sie haben die gleiche Erwartung wie Fernreisende.
+ In Neufahrzeugen kostet die Steckdose kaum etwas. Als Standard von Anfang an ist sie billig.
+ Strom am Platz macht die Bahn attraktiver gegenüber dem Auto, wo Laden längst selbstverständlich ist.
+ Ein verlässliches Ladeangebot bindet gerade jüngere Fahrgäste an die Bahn.
Dagegen
− Das Nachrüsten alter Züge ist teuer. Das Geld fehlt dann für Pünktlichkeit und mehr Fahrten.
− Auf kurzen Strecken von zehn Minuten braucht kaum jemand eine Steckdose.
− Steckdosen gehen kaputt oder werden beschädigt – das bedeutet dauernde Wartung.
− Eine USB-Buchse reicht vielen und ist einfacher einzubauen als eine volle Steckdose.
− Eine starre Pflicht für jeden Sitz ist unflexibel und passt nicht zu jeder Fahrzeugart.
Der pragmatische Weg
Pflicht für alle Neufahrzeuge, keine teure Zwangs-Nachrüstung für Altzüge kurz vor dem Ruhestand – und dazu USB-Buchsen als günstige Ergänzung. So kommt der Strom dorthin, wo er lange bleibt, ohne Geld in Auslaufmodelle zu stecken.
Unser Fazit
Strom am Sitzplatz ist heute eine berechtigte Erwartung, und für neue Züge sollte er selbstverständlich sein.
Eine starre Pflicht auch für jeden alten Waggon schießt aber übers Ziel hinaus und bindet Geld, das anderswo dringender gebraucht wird.
Sinnvoll ist der verbindliche Einbau bei Neubestellungen, ergänzt um USB-Anschlüsse – der Rest erledigt sich mit der Zeit von selbst.
Weiterfahrt
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