Sollte die Bahn die Grenze für Pünktlichkeit strenger ziehen?

Standpunkt

„Fünf Minuten zu spät, und der Zug gilt offiziell noch als pünktlich – für den, der seinen Anschluss verpasst, ein schwacher Trost.“

Sollte die Bahn die Grenze für Pünktlichkeit strenger ziehen?

→ Ein Standpunkt über die Minute, ab der ein Zug zu spät ist.

Lesezeit: 8 Minuten · Schalter: Standpunkt

Worum es geht

Ob die Bahn die Grenze für Pünktlichkeit strenger ziehen sollte, ist eine Abwägung zwischen einer ehrlicheren Statistik und der Vergleichbarkeit mit dem Ausland. Eine strengere Grenze käme dem Empfinden der Reisenden näher, ließe die Zahlen aber schlechter aussehen, ohne dass ein einziger Zug pünktlicher würde.

Wenn die Bahn ihre Pünktlichkeit verkündet, staunen viele Reisende über die vergleichsweise guten Zahlen.

Denn diese passen oft gar nicht zu dem eigenen Gefühl, ständig auf verspätete Züge zu warten.

Der Grund liegt in einer bestimmten Grenze, ab der ein Zug überhaupt erst als verspätet gilt, und die ist überraschend großzügig.

Steckdose in Regio S Bahn Bremen
Foto: Geogast, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die großzügige Grenze

Nach der üblichen Zählung gilt ein Zug erst dann als verspätet, wenn er sechs Minuten oder mehr zu spät ist.

Ein Zug, der fünf Minuten hinter dem Plan liegt, zählt in der Statistik also noch als pünktlich.

Für die einzelne Zahl mag das vernünftig erscheinen, denn kleine Verzögerungen lassen sich kaum vermeiden.

Doch aus der Sicht vieler Reisender wirkt diese Grenze reichlich großzügig.

Offenbach Ost Baureihe 423
Foto: Haarpad, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Das Gefühl der Reisenden

Für den Reisenden zählt oft schon eine kleine Verspätung, besonders wenn ein knapper Anschluss davon abhängt.

Wer seinen Anschlusszug wegen vier Minuten verpasst, empfindet den ersten Zug keineswegs als pünktlich.

So klafft eine Lücke zwischen der offiziellen Zahl und dem tatsächlichen Erleben der Menschen.

Diese Lücke nährt bei vielen das Misstrauen gegenüber den schönen Statistiken der Bahn.

Was eine strengere Grenze brächte

Zöge man die Grenze strenger, etwa schon bei drei Minuten, käme die Zahl dem Empfinden der Reisenden näher.

Die Statistik würde ehrlicher und deckte sich besser mit dem, was die Menschen tatsächlich erleben.

Eine solche ehrlichere Zahl könnte das Vertrauen in die Angaben der Bahn stärken.

Denn eine Statistik, der die Menschen glauben, ist mehr wert als eine, die schöner aussieht.

Kein Zug wird dadurch schneller

Man muss allerdings nüchtern feststellen, dass eine strengere Grenze keinen einzigen Zug pünktlicher macht.

Sie ändert nur, wie die Verspätungen gezählt werden, nicht aber die Verspätungen selbst.

Die Zahlen würden schlechter aussehen, obwohl sich am tatsächlichen Betrieb gar nichts geändert hätte.

So besteht die Gefahr, dass eine strengere Grenze vor allem für Aufregung sorgt, ohne den Reisenden wirklich zu helfen.

Der Blick auf die Anschlüsse

Wichtiger als die reine Grenze ist für viele Reisende die Frage, ob ihr Anschluss klappt oder nicht.

Eine Statistik, die nur die Verspätung des einzelnen Zuges misst, sagt darüber wenig aus.

Manche fordern deshalb, verstärkt zu messen, wie viele Reisende ihre Anschlüsse tatsächlich erreichen.

Eine solche Zahl käme dem wahren Erleben der Menschen womöglich noch näher als jede Minutengrenze.

Die Sache mit den Ausfällen

Ein oft übersehener Punkt ist, dass ausgefallene Züge in mancher Statistik gar nicht auftauchen.

Ein Zug, der komplett ausfällt, kann schließlich nicht verspätet sein, denn er fährt gar nicht.

So kann die Pünktlichkeit auf dem Papier gut aussehen, obwohl viele Züge einfach weggefallen sind.

Wer die Statistik ehrlicher machen will, müsste deshalb auch die Ausfälle klar mit einbeziehen.

Vergleichbar bleiben

Ein Argument für die bestehende Grenze ist die Vergleichbarkeit mit anderen Bahnen und Ländern.

Wenn alle nach derselben Grenze messen, lassen sich die Zahlen überhaupt erst sinnvoll miteinander vergleichen.

Eine eigene, strengere Grenze würde diesen Vergleich erschweren und die deutsche Bahn schlechter dastehen lassen.

So ist die Wahl der Grenze auch eine Frage der Einheitlichkeit über die Grenzen hinweg.

Ein möglicher Mittelweg

Vieles spricht dafür, neben der üblichen Grenze zusätzlich ehrlichere Zahlen zu veröffentlichen.

Wie viele Reisende ihre Anschlüsse erreichen und wie viele Züge ausfallen, sagt mehr als eine einzelne Minutengrenze.

Die bestehende Grenze kann für den Vergleich mit anderen erhalten bleiben, sollte aber nicht das ganze Bild sein.

So ließe sich die Vergleichbarkeit mit einer ehrlicheren Auskunft für die Reisenden verbinden.

Pro und Contra

Dafür

+  Eine strengere Grenze käme dem Empfinden der Reisenden näher.

+  Schon kleine Verspätungen lassen einen Anschluss platzen.

+  Eine ehrlichere Zahl würde das Vertrauen in die Bahn stärken.

+  Die heutige Grenze wirkt auf viele reichlich großzügig.

Dagegen

  Kein einziger Zug wird durch eine strengere Grenze pünktlicher.

  Nur die Zählung ändert sich, nicht der Betrieb.

  Eine eigene Grenze erschwert den Vergleich mit anderen Ländern.

  Wichtiger wäre, Anschlüsse und Ausfälle klar mit einzubeziehen.

Gut zu wissen

Für die eigene Reise zählt weniger die Statistik als der konkrete Anschluss. Wer bei wichtigen Terminen eine Verbindung mit etwas mehr Umsteigezeit wählt, ist von der Frage, ab welcher Minute ein Zug als verspätet gilt, deutlich unabhängiger.

Was hinter den Zahlen steckt

Wer die Pünktlichkeit einer Bahn wirklich verstehen will, sollte nicht nur auf die eine große Prozentzahl schauen, sondern genauer hinsehen.

Denn hinter dem Durchschnitt verbergen sich große Unterschiede zwischen den ruhigen Nebenstrecken und den überlasteten Hauptachsen.

Auf einer wenig befahrenen Strecke fahren die Züge oft sehr zuverlässig, während sich auf den großen Knoten die Verspätungen häufen.

Erst dieser Blick auf die einzelnen Strecken zeigt, wo die eigentlichen Schwachstellen liegen und wo die Bahn besonders zuverlässig ist.

Unterm Strich

Ob die Grenze für Pünktlichkeit strenger sein sollte, lässt sich nicht mit einem schlichten Ja beantworten.

Eine strengere Grenze wäre ehrlicher, macht aber keinen Zug pünktlicher und erschwert den Vergleich mit anderen.

Wichtiger als die einzelne Minute ist, wie viele Anschlüsse klappen und wie viele Züge ausfallen.

Zusätzliche ehrliche Zahlen neben der üblichen Grenze erscheinen deshalb sinnvoller als ein bloßes Verschieben der Minutenmarke.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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