Ich verstehe nur Bahnhof · Das Wörterbuch · Begriff 015
„Dafür sind wir leider nicht zuständig“
Wer ist eigentlich „die Bahn“?
→ Übersetzt: Ein Name. Viele Firmen. Keine Zuständigkeit.
Lesezeit: 5 Minuten · Das System Bahn
Die 30-Sekunden-Antwort
„Die Bahn“ ist ein Konzern aus vielen Einzelfirmen. Eine gehört das Netz mit Gleisen und Bahnhöfen. Andere betreiben die Züge. Und auf vielen Strecken fährt heute gar nicht die DB, sondern ein Wettbewerber. Der Eigentümer des Ganzen ist der Bund. Also wir alle.
Dein Zug fällt aus. Du stehst am Schalter und fragst, wer schuld ist.
Die Antwort lautet: Das war das Netz.
Am Bahnsteig steht das Logo der Bahn. Am Zug steht das Logo der Bahn. Am Schalter auch.
Und trotzdem sind das drei verschiedene Unternehmen.
Diese Trennung erklärt fast jede Merkwürdigkeit deiner Reise. Auch eine, die dich bares Geld kostet.
Die drei Rollen im System
Wer macht was
Das Netz DB InfraGO
Ihr gehören Gleise, Weichen, Stellwerke und Bahnhöfe. Sie vergibt die Fahrpläne und kassiert dafür Gebühren. Seit 2024 soll sie am Gemeinwohl statt am Gewinn ausgerichtet sein.
Der Fernverkehr DB Fernverkehr
Betreibt ICE, IC und EC auf eigenes Risiko. Niemand bestellt diese Züge, niemand bezahlt sie außer dir.
Der Nahverkehr DB Regio und viele andere
Wird von den Bundesländern ausgeschrieben und bezahlt. Wer die Ausschreibung gewinnt, fährt. Das ist oft gar nicht die DB.
Diese Trennung ist keine Erfindung der Bahn. Die Europäische Union verlangt sie.
Die Idee dahinter ist Wettbewerb. Wem die Schienen gehören, soll nicht die eigenen Züge bevorzugen.
Was die Reform der Netzgesellschaft bringen soll, ordnet dieses Video ein. Es bleibt dabei angenehm nüchtern.
Video: „Wird dieses (neue) Unternehmen die Deutsche Bahn retten?“ vom Kanal Railfunction.
Warum niemand zuständig ist
„Dafür ist ein anderes Unternehmen zuständig.“
→ Wir tragen dasselbe Logo. Mehr verbindet uns heute nicht.
Jetzt wird das Chaos logisch.
Die kaputte Rolltreppe gehört dem Netzbetreiber. Der verspätete Zug gehört einer Betreiberfirma.
Das Personal am Bahnsteig arbeitet oft für eine dritte. Jede kennt nur ihren eigenen Teil.
Deshalb bekommst du auf einfache Fragen so oft keine Antwort. Es ist selten Unwille.
Meist ist es schlicht ein anderes Unternehmen. Mit anderen Systemen und anderen Daten.
Ein Konzern in Zahlen
Die Größenordnung hilft beim Verstehen.
Das Netz umfasst rund 33.000 Kilometer Strecke. Dazu kommen mehr als 5.000 Bahnhöfe und Haltepunkte.
Der Konzern beschäftigt weit über 200.000 Menschen allein in Deutschland. Er ist einer der größten Arbeitgeber des Landes.
Täglich fahren zehntausende Züge über dieses Netz. Neben der DB nutzen es auch die Wettbewerber.
Bei dieser Größe wirkt jede Störung weiter, als man denkt. Ein defektes Stellwerk trifft am Ende Menschen in drei Bundesländern.
Woher kommt eigentlich das Geld?
Aus drei Quellen. Und diese Aufteilung erklärt viel über den Zustand des Netzes.
Erstens von dir. Jedes Ticket bezahlt einen Teil des Zuges.
Zweitens von den Betreibern. Jeder Zug zahlt eine Gebühr dafür, dass er fahren darf.
Diese Gebühr heißt Trassenpreis. Sie geht an den Netzbetreiber und gilt für alle gleich.
Drittens vom Staat. Der Bund finanziert den Erhalt der Infrastruktur und die Länder bestellen den Nahverkehr.
Genau an dieser Stelle wurde jahrzehntelang gespart. Die Folgen stehen heute als Baustelle auf deiner Strecke.
Was dich das kosten kann
Jetzt die Auflösung vom Anfang.
Auf vielen Regionalstrecken fährt heute ein Wettbewerber. Die Firmen heißen zum Beispiel Transdev, Go-Ahead oder National Express.
Dein Nahverkehrsticket gilt dort trotzdem. Auch das Deutschlandticket wird überall anerkannt.
Aber die Fahrgastrechte beantragst du beim jeweiligen Unternehmen. Nicht bei der DB.
Wer den Antrag an die falsche Firma schickt, wartet lange. Schau also aufs Ticket, wer dich gefahren hat.
Der Eigentümer bleibt bei alldem derselbe. Die Deutsche Bahn gehört zu hundert Prozent dem Bund.
Wenn du dich also über die Bahn ärgerst, ärgerst du dich streng genommen über deinen eigenen Besitz.
Der Chefübersetzer sagt
„Die Bahn gehört uns allen. Man merkt es daran, dass sich niemand zuständig fühlt.“
Das heißt für dich am Gleis
1. Schau auf dem Ticket nach dem Betreiber. Bei Beschwerden ist er dein Ansprechpartner.
2. Bei Störungen nicht mit dem Personal streiten. Es hat meist gar keinen Zugriff auf die nötigen Daten.
3. Dein Nahverkehrsticket gilt bei allen Betreibern. Ein fremdes Logo am Zug ist kein Grund zur Sorge.
Weiterfahrt
→ ICE, IC, RE und RB – Begriff 014 im Wörterbuch
→ Warum Züge zu spät sind – Begriff 002
→ Zurück zur Übersetzungstafel
Demnächst auf der Tafel: Trassenpreis · Ausschreibung · Generalsanierung
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