Ausschreibung: Warum auf deiner Strecke plötzlich ein anderer fährt

Ich verstehe nur Bahnhof · Das Wörterbuch · Begriff 085

„Wir begrüßen Sie an Bord.“

Ausschreibung

→ Übersetzt: Deine Strecke wird vergeben. Alle paar Jahre neu.

Lesezeit: 6 Minuten · Das System Bahn

Die 30-Sekunden-Antwort

Der Nahverkehr wird nicht von der Bahn bestimmt, sondern von den Bundesländern bestellt. Sie schreiben Strecken aus und vergeben sie für mehrere Jahre an ein Unternehmen. Wer den Zuschlag bekommt, fährt dort mit eigenen Zügen und eigenem Personal. Dein Ticket gilt trotzdem weiter, denn Tarif und Fahrplan gibt der Besteller vor.

Eines Tages steht ein anderer Zug am Bahnsteig.

Andere Farbe, anderer Name, anderes Personal.

Die Strecke ist dieselbe, der Fahrplan auch.

Viele denken, die Bahn hätte etwas verkauft.

Das stimmt nicht. Sie hat einen Wettbewerb verloren.

Und der findet regelmäßig statt, ohne dass jemand davon erfährt.

Zwei unterschiedliche Regionalzüge stehen an benachbarten Bahnsteigen
Dieselbe Aufgabe, zwei Unternehmen. Der Besteller entscheidet. Symbolbild, mit KI erstellt.

Wer den Nahverkehr bestellt

Nicht die Bahn und nicht der Bund.

Zuständig sind die Bundesländer.

Sie legen fest, welche Strecke wie oft bedient wird.

Und sie bezahlen dafür, weil sich Nahverkehr aus Ticketverkäufen nie trägt.

Das Geld dafür kommt größtenteils vom Bund.

Es heißt Regionalisierungsmittel und ist die Grundlage des ganzen Systems.

Wie das Verfahren läuft

Der Besteller beschreibt die gewünschte Leistung im Detail.

Was in so einer Ausschreibung steht

Der Fahrplan vorgegeben

Wie oft, wann und wohin gefahren wird. Das Unternehmen entscheidet das nicht selbst.

Die Fahrzeuge mit Mindeststandard

Alter, Sitzplatzzahl, Barrierefreiheit, oft auch WLAN und Fahrradstellplätze.

Die Qualität mit Strafen

Pünktlichkeit und Sauberkeit werden gemessen. Wer sie verfehlt, zahlt Abzüge.

Der Preis das Entscheidende

Wer die Leistung am günstigsten erbringt, bekommt meist den Zuschlag.

Vergeben wird für viele Jahre, oft zehn bis fünfzehn. Solange fährt derselbe Betreiber.

Der lange Zeitraum hat einen Grund.

Wer neue Züge kaufen muss, braucht Planungssicherheit.

Ein Fahrzeug hält dreissig Jahre und kostet Millionen.

Wie schwierig die Vergabe von Strecken sein kann, zeigt dieses Video.

Video: „15 Millionen Deutsche haben keinen Bahnanschluss! Was tun?“ vom Kanal bahnblick.

Was das für dich bedeutet

Zuerst einmal wenig, und das ist gewollt.

Dein Ticket gilt weiter, weil der Tarif vom Verbund kommt.

Das Deutschlandticket gilt bei jedem Betreiber.

Auch der Fahrplan bleibt, weil er vorgegeben ist.

Was sich ändert, sind Fahrzeuge, Personal und manchmal die App.

Und die Fahrgastrechte laufen über das neue Unternehmen.

Warum ein Wechsel oft holprig ist

Zum Betreiberwechsel muss alles gleichzeitig fertig sein.

Neue Züge müssen geliefert und zugelassen sein.

Personal muss eingestellt und auf der Strecke eingewiesen werden.

Verzögert sich die Fahrzeuglieferung, wird improvisiert.

Dann fahren alte Züge weiter oder es gibt Ersatzverkehr.

Genau das ist in den letzten Jahren mehrfach passiert.

„Herzlich willkommen bei Ihrem neuen Verkehrsunternehmen.“

→ Übersetzt: Die ersten Wochen werden unruhig. Wir bitten das zu entschuldigen.

Was der Wettbewerb gebracht hat

Er hat den Nahverkehr spürbar verändert.

Die Kosten pro Zugkilometer sind deutlich gesunken.

Dafür konnten die Länder mehr Verkehr bestellen.

Auf vielen Strecken fährt heute ein dichterer Takt als vor zwanzig Jahren.

Kritiker sagen, der Preisdruck gehe auf Kosten des Personals.

Beides stimmt, und beides erklärt den heutigen Nahverkehr.

Wer im Netz was macht, steht bei Wer ist die Bahn.

Was passiert, wenn niemand bietet

Auch das kommt vor.

Bei kleinen Strecken oder schwierigen Bedingungen bleibt die Ausschreibung leer.

Dann muss der Besteller neu ausschreiben, oft zu besseren Konditionen.

Manchmal wird die Leistung auch direkt vergeben.

Das ist erlaubt, aber begründungspflichtig.

In den letzten Jahren ist die Zahl der Bieter spürbar gesunken.

Gründe sind Personalmangel und teure Fahrzeuge.

Wem die Züge gehören

Nicht immer dem Unternehmen, das fährt.

Viele Länder kaufen die Fahrzeuge selbst und stellen sie bereit.

Das nennt sich Fahrzeugpool.

Der Vorteil: Beim Betreiberwechsel bleiben die Züge einfach stehen.

Nur das Personal und der Name ändern sich.

Das macht Ausschreibungen für kleinere Anbieter erst möglich.

Warum es die Regel gibt

Bis in die 1990er Jahre entschied die Bahn allein.

Mit der Bahnreform wurde der Nahverkehr an die Länder übergeben.

Seitdem gilt: Wer bestellt, bezahlt und bestimmt.

Europäisches Recht verlangt dafür einen offenen Wettbewerb.

Das sollte Kosten senken und Qualität steigern.

Beides ist teilweise gelungen.

Was beim Betreiberwechsel passiert

Gewinnt ein anderes Unternehmen, ändert sich einiges.

Die Fahrzeuge sind neu oder zumindest andere.

Das Personal wechselt oft mit.

Denn es wird meistens übernommen.

Der Fahrplan bleibt dagegen gleich.

Er steht im Vertrag und wurde vom Besteller vorgegeben.

Auch die Tickets gelten weiter.

Denn der Tarif gehört dem Verbund, nicht der Firma.

Die ersten Monate sind trotzdem oft holprig.

Neues Personal kennt die Strecke noch nicht auswendig.

Nach einem halben Jahr hat sich das meist gelegt.

Was passiert, wenn der Betreiber wechselt

Für dich ändert sich weniger, als der neue Name vermuten lässt.

Dein Nahverkehrsticket und das Deutschlandticket gelten unverändert weiter.

Der Fahrplan bleibt zunächst derselbe, weil er im Vertrag steht.

Was sich ändert, sind Fahrzeuge, Farben und die Adresse für Beschwerden.

Und manchmal ändert sich die Zuverlässigkeit. Ein Betreiberwechsel ist erfahrungsgemäß die kritischste Phase, weil Personal und Fahrzeuge neu sind.

Warum Ausschreibungen manchmal schiefgehen

Der Wettbewerb hat den Nahverkehr billiger gemacht, aber nicht immer besser.

Wer zu knapp kalkuliert, hat später zu wenig Personal und zu wenig Reserve.

Einige Unternehmen haben Verträge deshalb vorzeitig zurückgegeben. Dann muss das Land kurzfristig einen Ersatz finden.

Auch Fahrzeuglieferungen verzögern sich häufig. Dann fährt der neue Betreiber mit gemieteten Altfahrzeugen.

Deshalb setzen viele Länder heute auf Qualitätskriterien statt auf den reinen Preis.

Alle Fragen zum Thema

Was ist eine Ausschreibung im Nahverkehr?

Ein Wettbewerb um das Recht, eine Strecke zu bedienen. Das Bundesland schreibt Leistungen aus, Unternehmen bewerben sich. Wer das beste Angebot macht, bekommt den Zuschlag.

Wer schreibt aus?

Die Bundesländer oder von ihnen beauftragte Aufgabenträger. Das sind je nach Land Verkehrsverbünde oder Landesgesellschaften. Sie bestellen den Verkehr und bezahlen ihn.

Wie lange läuft so ein Vertrag?

Meist zehn bis fünfzehn Jahre. Die lange Laufzeit ist nötig, damit sich neue Fahrzeuge rechnen. Danach wird neu ausgeschrieben.

Wem gehören die Züge?

Das ist unterschiedlich. Manche Länder kaufen die Fahrzeuge selbst und stellen sie dem Betreiber zur Verfügung. Das erleichtert den Wechsel, weil neue Betreiber dieselben Züge nutzen.

Gilt mein Ticket beim neuen Betreiber?

Ja, uneingeschränkt. Der Nahverkehrstarif hängt am Verbund und nicht am Unternehmen. Auch das Deutschlandticket gilt überall.

Warum steht auf meinem Zug nicht DB?

Weil ein anderes Unternehmen die Ausschreibung gewonnen hat. Namen wie ODEG, Go-Ahead, Erixx oder Vlexx stehen dahinter. Bestellt wurde die Leistung trotzdem vom Bundesland.

Wer ist bei Verspätung zuständig?

Das Unternehmen, dessen Zug betroffen war. Dessen Name steht auf dem Zug und auf der Fahrplanauskunft. Dorthin geht auch der Antrag auf Entschädigung.

Was passiert, wenn ein Betreiber aufgibt?

Das Land muss eine Notvergabe organisieren. Meist springt ein anderes Unternehmen kurzfristig ein. In der Übergangszeit kommt es oft zu Ausfällen.

Gibt es Ausschreibungen auch im Fernverkehr?

Nein. Der Fernverkehr ist eigenwirtschaftlich. Jedes Unternehmen entscheidet selbst, wo es fährt. Deshalb gibt es dort kaum Wettbewerb.

Der Chefübersetzer sagt

„Deine Strecke wird alle zehn Jahre neu vergeben wie ein Bauauftrag. Nur merkst du es erst, wenn ein Zug in einer anderen Farbe einfährt.“

Das heißt für dich am Gleis

1. Dein Ticket gilt auch beim neuen Betreiber. Tarif und Fahrplan gibt der Besteller vor.

2. Nach einem Wechsel mit Anlaufproblemen rechnen. Die ersten Wochen sind erfahrungsgemäß unruhig.

3. Beschwerden gehen an das fahrende Unternehmen, nicht an die DB.

Weiterfahrt

Wer ist die Bahn – Begriff 015 im Wörterbuch

Verkehrsverbund – Begriff 022

Zurück zur Übersetzungstafel

Demnächst auf der Tafel: Regionalisierungsmittel · Bahnreform · InfraGO

Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp

  • Neue Slam-Texte zuerst
  • Gedanken vom Gleis
  • Keine E-Mail, kein Spam

Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.

Jetzt Kanal folgen
QR-Code zum Bahn-Slam WhatsApp-Kanal 📷 Scannen & folgen
🦝 Komm mit meinem Waschbär an Bord – schon jetzt an Gleis 1 der Bahn-Slam-Community.
Kanal ansehen →

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →