Die Eichsfelder Kanonenbahn: Stille Halte von Dingelstädt bis Geismar

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die Eichsfelder Kanonenbahn: Stille Halte von Dingelstädt bis Geismar

Auf der thüringischen Seite der Kanonenbahn fährt seit 1996 kein Zug mehr, doch die Gleise liegen noch. Draisinen und ein Radweg nutzen die Trasse, und von Dingelstädt bis Geismar erzählt jeder Halt ein anderes Ende.

Das Bahnhofsgebäude Geismar an der Kanonenbahn, 2012.
Das Bahnhofsgebäude Geismar an der Kanonenbahn, 2012. Foto: Global Fish, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1880
Eröffnung Eschwege-Silberhausen
1992
Personenverkehr bis Geismar endet
1996
Letzter Personenzug bis Dingelstädt
2019
Kanonenbahn-Radweg fertig

Lage: Landkreis Eichsfeld, Thüringen, zwischen Silberhausen und Geismar. Status: Kein regulärer Zugverkehr, 1998 offiziell stillgelegt, Draisinenbetrieb. Heute: Draisinen und der Kanonenbahn-Radweg nutzen die Trasse.

Die Kanonenbahn von Leinefelde nach Treysa war als strategische Bahn geplant, doch ihr Nutzen blieb gering.

Auf der thüringischen Seite im Eichsfeld ist sie zwischen Dingelstädt und Geismar seit den 1990er Jahren ohne Reisezüge.

Die Gleise liegen noch, Draisinen fahren darauf, und auf dem zweiten Gleis führt ein Radweg entlang.

Dieser Beitrag geht die Halte von Dingelstädt bis Geismar der Reihe nach durch.

Küllstedt, Lengenfeld unterm Stein und Silberhausen haben eigene Beiträge: der Bahnhof Küllstedt, der Bahnhof Lengenfeld unterm Stein und der Bahnhof Silberhausen.

Der hessische Teil der Strecke steht im Beitrag Die Kanonenbahn in Hessen.

Freie historische Fotos aus der Betriebszeit stehen nicht zur Verfügung, die Bilder zeigen den Zustand der letzten Jahre.

Wie die Kanonenbahn entstand

Die Strecke hatte eine aufwändige Trassenführung mit zahlreichen Brücken und Tunneln, damit auch schwere Militärzüge bei einer größten Steigung von 1:50 fahren konnten.

Die als strategische Bahn geplante Verbindung erlangte nie die gedachte Bedeutung, weil das Militär lieber die steigungsärmere Strecke von Leinefelde nach Kassel nutzte.

Der nördlichste Abschnitt von Leinefelde bis zum Trennungsbahnhof Silberhausen wurde als Teil der Strecke Gotha-Leinefelde bereits am 3. Oktober 1870 eröffnet.

Am 15. Mai 1880 folgte der Abschnitt von Eschwege bis Silberhausen Trennungsbahnhof.

Für durchgehende Züge aus Nordhausen ergab sich in Leinefelde ein Fahrtrichtungswechsel, ein zweiter wichtiger Nachteil gegenüber der Strecke nach Kassel.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhielt die Strecke das ursprünglich geplante zweite Gleis, das nach dem Ersten Weltkrieg auf Betreiben der Interalliierten Militär-Kontrollkommission wieder abgebaut wurde.

Danach wurde sie zur Nebenbahn herabgestuft.

Dingelstädt

Der Bahnhof Dingelstädt liegt nördlich der Stadt bei Kilometer 10,1 auf der Südabdachung des Dün.

Als 1870 die Strecke Gotha-Leinefelde fertig wurde, erhielt der Bahnhof im Nachbarort Silberhausen zunächst den Namen Silberhausen-Dingelstädt, weil Dingelstädt wirtschaftlich bedeutender war.

Mit der Eröffnung der Kanonenbahn 1880 wurde Dingelstädt für den Personen- und Güterverkehr übergeben, der Bahnhof in Silberhausen bekam den Namen Silberhausen.

Zur Unterscheidung vom ähnlich lautenden Bahnhof Dingelstedt bei Halberstadt erhielt Dingelstädt den Zusatz Eichsfeld.

Zum Bestand gehörten ein Empfangsgebäude mit Gepäckabfertigung, ein separater Güterschuppen, ein Kleinlokschuppen, Beamtenwohnungen und ein Abort.

Es gab zwei Durchgangsgleise mit einfachen Bahnsteigen, drei weitere Gleise und 13 Weichen im Jahr 1944.

Ab dem 29. September 1969 war Dingelstädt der einzige Güterbahnhof zwischen Leinefelde und Geismar.

Wegen baulicher Mängel am Lengenfelder Viadukt wurde 1992 der Betrieb bis Küllstedt verkürzt, 1994 wurde auch der Abschnitt Küllstedt-Dingelstädt aufgegeben.

Der Güterverkehr endete 1995, 1996 folgte der Personenverkehr, und mit dem Ausbau der letzten Weiche in Silberhausen-Trennung war die Strecke vom Netz abgetrennt.

Das Stellwerk im Empfangsgebäude wurde 1996 außer Betrieb genommen.

Das Viadukt an der Kefferhäuser Straße in Dingelstädt, 2010.
Das Viadukt an der Kefferhäuser Straße in Dingelstädt, 2010. Foto: Renato Pietsch, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Heute fahren Draisinen von Geismar über Lengenfeld und Küllstedt bis zum Bahnhof Dingelstädt.

Für das Überqueren der Straße vor dem Bahnhof ist eine Schlüsselbedienung der Schranken nötig.

Parallel verläuft der Kanonenbahn-Radweg auf dem zurückgebauten Gleisbett.

Das Empfangsgebäude wurde mehrfach verkauft und teilweise saniert, das ehemalige Beamtenwohnhaus dient Wohnzwecken.

Drei Gleise mit zwei Weichen sind noch vorhanden, die Ladegleise wurden demontiert.

Der Bahndamm im Bereich der neuen Bundesstraße 247 wurde komplett entfernt.

Eine zweite Ansicht des Viadukts an der Kefferhäuser Straße in Dingelstädt, 2010.
Eine zweite Ansicht des Viadukts an der Kefferhäuser Straße in Dingelstädt, 2010. Foto: Renato Pietsch, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Kefferhausen

Kefferhausen erhielt 1903 einen Haltepunkt bei Kilometer 12,7 an der zunächst eingleisigen Strecke.

Die Haltestelle bestand aus einem einstöckigen Fachwerkbau mit Dienst- und Warteraum und einem Güterschuppen.

Ab 1904 gab es Stückgutverkehr.

1924 schlossen die Reichsbahn und die Gemeinde einen Vertrag über Kosten, ein Jahr später verzichtete die Bahn auf den Kostenbeitrag.

Im Jahr 1994 wurde der Streckenabschnitt zwischen Dingelstädt und Küllstedt stillgelegt und der Haltepunkt geschlossen.

Das Empfangsgebäude ist seitdem dem Verfall preisgegeben.

Nur 200 Meter südlich des Haltepunkts steht das 25 Meter hohe und 52 Meter lange Eisenbahnviadukt über die Unstrut.

Nördlich der Haltestelle lag ein beschrankter Bahnübergang mit einem Bahnwärterhäuschen.

Das Eisenbahnviadukt bei Kefferhausen, 2011.
Das Eisenbahnviadukt bei Kefferhausen, 2011. Foto: Renato Pietsch, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Küllstedt

Der Bahnhof Küllstedt ist der höchste Punkt der Kanonenbahn und heute Endpunkt für Draisinen.

Bis zum 28. Mai 1994 wurde noch bis Küllstedt gefahren.

Ausführlicher steht er im Beitrag Der Bahnhof Küllstedt.

Effelder

Effelder erhielt erst 1905 einen eigenen Haltepunkt, obwohl die Strecke im Luttertal nördlich des Ortes schon 1880 eröffnet worden war.

Er lag in einem Einschnitt zwischen den beiden Mühlbergtunneln bei Kilometer 23,85 auf etwa 250 Metern Höhe.

Es gab nur ein einfaches einstöckiges Empfangsgebäude, einen Kohlenschuppen und einen Abort.

Der Zugang vom Dorf führte über einen schlecht befestigten Weg mit steilen Abschnitten und kreuzte den Haltepunkt über einen beschrankten Bahnübergang Richtung Luttergrund.

Die Schranke war zeitweise geschlossen und wurde in den 1970er Jahren abgebaut, der Übergang wurde unbeschrankt.

Die Fahrkartenausgabe schloss im Februar 1991, im Dezember 1992 wurde die Bahnstrecke in diesem Bereich komplett stillgelegt.

Überlegungen aus dem frühen 20. Jahrhundert für einen gemeinsamen Bahnhof von Effelder und Großbartloff im Rottenbachtal wurden nicht ausgeführt, ebenso Planungen von etwa 1970 für einen Güterbahnhof am selben Ort.

Von der ehemaligen Haltestelle findet man heute kaum noch Spuren, die Trasse nutzen Draisinen und der Kanonenbahn-Radweg.

Großbartloff

Großbartloff erhielt Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge des Baus der Kanonenbahn einen Haltepunkt.

Er wurde in den 1990er Jahren stillgelegt.

Im Januar 2006 eröffnete hier in Zusammenarbeit mit dem Kanonenbahnverein Lengenfeld unterm Stein das Kanonenbahnmuseum.

Es zeigt neben einem Miniaturnachbau des Abschnitts Dingelstädt-Lengenfeld unterm Stein in Spur 0 viele Antiquitäten wie Uniformen, Fahrkarten, Instrumente und alte Bilder und informiert über die Geschichte der gesamten Kanonenbahn.

Im Juni 2006 genehmigte die Bahn das Durchfahren des Entenbergtunnels, seitdem waren Draisinenfahrten bis nach Großbartloff möglich.

Die Zufahrt zum Entenberg-Tunnel an der Kanonenbahn, 2010.
Die Zufahrt zum Entenberg-Tunnel an der Kanonenbahn, 2010. Foto: Tkarcher, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der Entenbergtunnel der Kanonenbahn, 2010.
Der Entenbergtunnel der Kanonenbahn, 2010. Foto: 79.214er, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Zufahrt zum Heiligenbergtunnel an der Kanonenbahn, 2010.
Die Zufahrt zum Heiligenbergtunnel an der Kanonenbahn, 2010. Foto: Tkarcher, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Lengenfeld unterm Stein

Der Bahnhof liegt am Lengenfelder Viadukt, das 24 Meter hoch ist und dessen Betriebsgenehmigung 1992 auslief.

Das Überfahren des Viaduktes mit Draisinen hatte die DB Netz von Anfang an genehmigt.

Ausführlicher steht der Halt im Beitrag Der Bahnhof Lengenfeld unterm Stein.

Geismar

Der Bahnhof Geismar liegt südöstlich des Dorfes im Friedatal bei Kilometer 34,7 auf etwa 246 Metern Höhe.

Mit der Eröffnung des Abschnitts Eschwege-Silberhausen 1880 wurde er für Personen- und Güterverkehr übergeben.

1907 wurde der Abschnitt zwischen Schwebda und Silberhausen zweigleisig ausgebaut, nach 1920 wurde das zweite Gleis wieder demontiert.

In den letzten Kriegstagen wurde der Friedaviadukt westlich von Geismar gesprengt, danach unterbrach die Innerdeutsche Grenze die Verbindung zwischen Geismar und Schwebda dauerhaft.

Geismar wurde damit Endbahnhof der Strecke auf der östlichen Seite.

Die Gleise wurden vermutlich 1947 bis zur Demarkationslinie bei Kilometer 37,8 abgebaut, ein Prellbock schloss die Strecke hinter dem Bahnhof ab.

Die Lokomotiven mussten für die Rückfahrt nach Leinefelde hier umsetzen.

Ab 1952 lag der Ort in der Sperrzone an der Innerdeutschen Grenze, der Bahnhof war nur noch für Reisende der grenznahen Dörfer und mit Passierschein erreichbar.

1969 wurde der Güterverkehr eingestellt und nicht mehr benötigte Gütergleise wurden demontiert.

Eine Brückenprüfung des Lengenfelder Viadukts 1984 zeigte bauliche Mängel, die Betriebserlaubnis wurde nur noch bis zum 31. Dezember 1992 erteilt.

Danach wurde der Bahnverkehr zwischen Geismar und Küllstedt eingestellt und der Bahnhof geschlossen.

Zum Bestand gehörten ein Empfangsgebäude, ein Güterschuppen, Beamtenwohnungen und ein Abort, dazu zwei Durchgangsgleise mit einfachen Bahnsteigen und bis zu 11 Weichen.

Heute läuft auf der Trasse von Lengenfeld bis Geismar ein Draisinenbetrieb, parallel verläuft der Kanonenbahn-Radweg.

Das Empfangsgebäude und die weiteren Gebäude wurden privatisiert und sind damit nicht öffentlich zugänglich.

So sieht es jetzt aus

Seit 2003 wird die Strecke vom Kanonenbahnverein im Rahmen eines Mietvertrags mit der DB Netz als Draisinenstrecke genutzt, seit diesem Jahr findet auch das Kanonenbahnfest statt.

Seit 2010 lassen sich die Strecken Lengenfeld-Geismar und Lengenfeld-Küllstedt durchgängig befahren, mit Sonderfahrten bis Dingelstädt kommen etwa 23,5 Kilometer der historischen Strecke zusammen.

Seit 2019 ist der Kanonenbahn-Radweg auf dem zweiten Gleis zwischen Dingelstädt und Geismar fertiggestellt.

Über das Lengenfelder Viadukt muss das Rad geschoben werden.

Der Abschnitt zwischen Silberhausen und Dingelstädt wurde 1998 offiziell stillgelegt.

Bei den privat genutzten Gebäuden bleibt man auf öffentlichen Wegen.

Die Geschichte in Daten

3. Oktober 1870: Eröffnung Leinefelde-Silberhausen Trennungsbahnhof.

15. Mai 1880: Eröffnung Eschwege-Silberhausen Trennungsbahnhof.

1903: Haltepunkt Kefferhausen.

1905: Haltepunkt Effelder.

1945: Der Friedaviadukt wird gesprengt, die Grenze trennt Geismar von Schwebda.

1969: Güterverkehr in Geismar eingestellt.

31. Dezember 1992: Personenverkehr bis Geismar endet.

28. Mai 1994: Letzter Zug bis Küllstedt.

2. August 1996: Personenverkehr zwischen Silberhausen und Dingelstädt aufgegeben.

1998: Offizielle Stilllegung Silberhausen-Dingelstädt.

Januar 2006: Eröffnung des Kanonenbahnmuseums in Großbartloff.

2019: Der Kanonenbahn-Radweg ist zwischen Dingelstädt und Geismar fertig.

Häufige Fragen

Fährt noch ein Zug auf der Eichsfelder Kanonenbahn?
Reisezüge nicht, die Trasse nutzen Draisinen, und der Abschnitt von Silberhausen bis Dingelstädt wurde 1998 offiziell stillgelegt.
Wann endete der Personenverkehr nach Geismar?
Am 31. Dezember 1992, danach lief die Betriebsgenehmigung für den maroden Lengenfelder Viadukt aus.
Warum liegt Geismar am Ende der Strecke?
Weil die Innerdeutsche Grenze die Verbindung nach Schwebda nach der Sprengung des Friedaviadukts dauerhaft trennte.
Gibt es einen Radweg?
Ja, seit 2019 ist der Kanonenbahn-Radweg auf dem zweiten Gleis zwischen Dingelstädt und Geismar fertig.
Was zeigt das Kanonenbahnmuseum?
Es zeigt einen Miniaturnachbau in Spur 0, Uniformen, Fahrkarten, Instrumente und alte Bilder.

Die thüringische Kanonenbahn ist ohne Reisezüge geblieben, doch ihre Tunnel und Viadukte tragen heute Draisinen und Radfahrer.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnstrecke Leinefelde-Treysa · Wikipedia: Bahnhof Geismar · Wikipedia: Bahnhof Dingelstädt · Wikipedia: Dingelstädt · Wikipedia: Effelder · Wikipedia: Großbartloff · Wikipedia: Kefferhausen · Wikipedia: Bahnstrecke Gotha-Leinefelde · Wikimedia Commons: Bilder

Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →