Der Bahnhof Küllstedt: Höchster Punkt der Kanonenbahn, heute Endpunkt für Draisinen

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Der Bahnhof Küllstedt: Höchster Punkt der Kanonenbahn, heute Endpunkt für Draisinen

Der Bahnhof Küllstedt im Eichsfeld ging 1880 mit der Kanonenbahn in Betrieb und schloss 1994. Heute liegen hier der Wendepunkt der Draisinen und der Kanonenbahn-Radweg.

Kurz erklärt
1880
Eröffnung der Kanonenbahn-Teilstrecke
1969
Güterverkehr eingestellt
1994
Bahnhof geschlossen
2006
Draisinen fahren

Lage: Küllstedt im Eichsfeld (Thüringen), rund 1,5 Kilometer vom Ort entfernt. Status: Bahnbetrieb seit 1994 eingestellt, Gebäude privat. Heute: Endpunkt der Draisinenstrecke, daneben der Kanonenbahn-Radweg. Die Gebäude sind nicht öffentlich zugänglich.

Der Bahnhof Küllstedt liegt im thüringischen Eichsfeld und gehörte zur Bahnstrecke Leinefelde–Treysa, der sogenannten Kanonenbahn.

Er wurde am 15. Mai 1880 mit der Teilstrecke Eschwege–Silberhausen übergeben und blieb bis in die 1990er Jahre in Betrieb.

Heute ist er ein stillgelegter Bahnhof, an dem keine regulären Züge mehr halten.

Er ist aber kein toter Ort, denn hier endet die Draisinenstrecke, und neben den Gleisen führt der Kanonenbahn-Radweg vorbei.

Alte, frei lizenzierte Fotos aus der Betriebszeit gibt es bei Wikimedia Commons nicht.

Dieser Beitrag zeigt deshalb Aufnahmen von 2015 bis 2026 und zwei Gleispläne, die den Wandel der Anlage verdeutlichen.

Die Gebäude sind privatisiert und nicht öffentlich zugänglich, das Gelände ist von den Wegen aus zu sehen.

Die Kanonenbahn und ihr Zweck

Der Bau der Kanonenbahn wurde nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1873 per Gesetz beschlossen.

Sie sollte Berlin mit den Grenzregionen und weiter bis nach Metz in Lothringen verbinden.

Der Name geht auf die Finanzierung aus französischen Reparationszahlungen und auf die zunächst rein militärische Nutzung zurück.

Wegen dieser Nutzung liegen die Bahnhöfe bis heute oft außerhalb der Ortschaften oder an ihren Rändern.

Auch bei der Trassierung zählten Kurvenradius, Gefälle und Steigung mehr als der zivile Nutzen.

Im Jahr 1880 wurde das fehlende Stück im Eichsfeld fertiggestellt.

Die Strecke führt von Leinefelde über Dingelstädt und Küllstedt nach Geismar und weiter nach Frieda in Hessen.

Der Weg vom Ort zum Bahnhof führt von Küllstedt und von Büttstedt jeweils über eine etwa 1,5 Kilometer lange Bahnhofstraße.

Der Bahnhof Küllstedt im Jahr 2015, mit dem früheren Empfangsgebäude im Hintergrund.
Der Bahnhof Küllstedt im Jahr 2015, mit dem früheren Empfangsgebäude im Hintergrund. Foto: WeicheW, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

So sah es vorher aus: ein größerer Bahnhof als nötig

Der Bahnhof liegt auf einer Höhe von 401 Metern über Normalnull auf der Ostabdachung des Oberen Eichsfeldes.

Er ist damit der höchste Punkt der Bahnstrecke.

Die nächsten Bahnhöfe waren Kefferhausen im Norden und Effelder im Südwesten.

Wegen der Unterhaltung und Wartung der Tunnelbauten südwestlich von Küllstedt wurde der Bahnhof etwas größer geplant als andere.

Er erhielt eine Drehscheibe.

Zur Ausstattung gehörten ein Empfangsgebäude, ein Güterschuppen, ein Abort, ein weiterer Schuppen und Wohnungen für Bedienstete.

Zunächst wurde die Strecke eingleisig gebaut, ab 1906 gab es in Richtung Schwebda ein zweites Gleis.

Um 1910 wurde überlegt, eine Bahnstrecke von Mühlhausen nach Heiligenstadt zu bauen, die in Küllstedt angeschlossen werden sollte.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden das zweite Gleis und die Drehscheibe wieder abgebaut.

Um 1915 hatte der Bahnhof acht Gleise, davon zwei mit Bahnsteig, dazu Ladeeinrichtungen für den Güterverkehr.

Außerhalb des Bahnhofs siedelten sich ein Handelsunternehmen und eine Bahnhofsgaststätte an.

Der Bahnhof Küllstedt im November 2021.
Der Bahnhof Küllstedt im November 2021. Foto: Kartenlaser, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Der Niedergang in Stufen

Die Kanonenbahn wurde nach 1945 zerschnitten.

Zum Kriegsende 1945 wurde das Friedaviadukt gesprengt, danach fuhren Züge nur noch von Leinefelde bis Geismar.

Der Güterverkehr, der zunächst einträglich war, wurde 1969 in Küllstedt eingestellt und nach Dingelstädt verlegt.

Mit der endgültigen Sperrung des Lengenfelder Viaduktes 1992 endete der Bahnbetrieb zwischen Geismar und Küllstedt.

Der Bahnhof wurde zur Endstation.

Der Personenverkehr nach Geismar endete zum 31. Dezember 1992, nach Küllstedt fuhren noch bis zum 28. Mai 1994 Züge.

Andere Angaben nennen für die Stilllegung zwischen Küllstedt und Geismar das Jahr 1993.

Im Jahr 1994 wurde der Abschnitt zwischen Küllstedt und Dingelstädt aufgegeben und der Bahnhof geschlossen.

Zwei Jahre später, 1996, wurde auch der Restabschnitt des Eichsfelder Teils bis Silberhausen eingestellt.

Das Empfangsgebäude wurde anschließend verkauft und wird heute privat genutzt.

Ein Gebäude am Bahnhof Küllstedt mit Baukran, aufgenommen im November 2021.
Ein Gebäude am Bahnhof Küllstedt mit Baukran, aufgenommen im November 2021. Foto: Kartenlaser, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die ehemalige Einfahrt in den Bahnhof Küllstedt aus Richtung Dingelstädt.
Die ehemalige Einfahrt in den Bahnhof Küllstedt aus Richtung Dingelstädt. Foto: Kartenlaser, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Ein Verein rettet die Strecke

Die Strecke wurde nach der Stilllegung nicht vollständig abgebaut.

Zwischen Dingelstädt und Geismar blieben die Gleise liegen, am Bahnhof Küllstedt auch zwei Gleise.

Im Jahr 2002 fand sich ein Verein zusammen, der sich um den Erhalt des Lengenfelder Viaduktes und der vom Hauptnetz der Bahn isolierten Strecke kümmern wollte.

Das Bauwerk gilt als eindrucksvollster Teil der Strecke und ist rund 240 Meter lang und etwa 25 Meter hoch.

Seit 2006 fährt die Erlebnis-Draisine auf der Kanonenbahn.

Der Abschnitt von Geismar bis Küllstedt wurde als Draisinenstrecke freigegeben.

Am ehemaligen Bahnhof Küllstedt entstanden eine Raststation und eine Wendemöglichkeit mit einer kleinen Drehscheibe für die Draisinen.

Die Draisinen sind eigens für die Strecke gebaut und bieten Platz für zwei bis sieben Personen.

Draisinen der Kanonenbahn am Bahnhof Küllstedt.
Draisinen der Kanonenbahn am Bahnhof Küllstedt. Foto: Catatine, CC0 1.0, via Wikimedia Commons.
Ein überdachter Rastplatz auf dem früheren Bahnsteig, 2021.
Ein überdachter Rastplatz auf dem früheren Bahnsteig, 2021. Foto: Kartenlaser, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Der Kanonenbahn-Radweg und der Küllstedter Tunnel

Auf dem früher zurückgebauten zweiten Gleisbett entstand der Kanonenbahn-Radweg.

Er wurde im Herbst 2019 eröffnet, Dingelstädt bildet den einen Endpunkt, Frieda in Hessen den anderen.

Die Strecke ist rund 32 Kilometer lang, durchgehend asphaltiert und fast steigungsfrei.

Sie führt durch fünf Tunnel, deren Längen zwischen etwa 155 und 1.530 Metern liegen.

Der längste ist der Küllstedter Tunnel mit 1.530 Metern nahe dem Bahnhof.

Sein Inneres ist fast vollständig dunkel, die Temperatur liegt nach einem Bericht bei 8 bis 10 Grad.

Zwei Kurven am Anfang und am Ende verhindern den Blick auf das jeweils andere Ende, eine automatische Notbeleuchtung ist vorhanden.

Zufahrt zum Küllstedter Tunnel an der Kanonenbahn.
Zufahrt zum Küllstedter Tunnel an der Kanonenbahn. Foto: Tkarcher, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Das Ostportal des Küllstedter Tunnels, 2019.
Das Ostportal des Küllstedter Tunnels, 2019. Foto: ErwinMeier, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Blick in den Küllstedter Tunnel am Ostportal.
Blick in den Küllstedter Tunnel am Ostportal. Foto: Ost Stamm, CC0 1.0, via Wikimedia Commons.

So sieht es jetzt aus

Von den acht Gleisen von 1915 sind nur noch zwei Durchgangsgleise mit den zugehörigen Weichen vorhanden.

Die Bahnhofsgebäude sind privatisiert.

Auf dem Gelände liegen Bahnsteig, Laderampe und Weichen im Gras, dazwischen verläuft der asphaltierte Radweg.

Die Gleise werden nur von den Draisinen befahren.

Wer den Ort sehen will, kommt am besten mit dem Rad oder zu Fuß auf dem Radweg und betritt keine privaten Grundstücke und Gebäude.

Gleise und Gelände am früheren Bahnhof Küllstedt, 2021.
Gleise und Gelände am früheren Bahnhof Küllstedt, 2021. Foto: Kartenlaser, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der ehemalige Bahnhof mit Laderampe, 2021.
Der ehemalige Bahnhof mit Laderampe, 2021. Foto: Kartenlaser, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Eine Weiche in Richtung Dingelstädt am ehemaligen Bahnhof, 2021.
Eine Weiche in Richtung Dingelstädt am ehemaligen Bahnhof, 2021. Foto: Kartenlaser, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der ehemalige Bahnhof mit Brücke über die Luhne, 2021.
Der ehemalige Bahnhof mit Brücke über die Luhne, 2021. Foto: Kartenlaser, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Straßenüberführung über die Kanonenbahn am Küllstedter Bahnhof, 2026.
Straßenüberführung über die Kanonenbahn am Küllstedter Bahnhof, 2026. Foto: Ost Stamm, CC0 1.0, via Wikimedia Commons.

Vorher und nachher: acht Gleise, zwei Gleise

Der Vergleich der beiden Gleispläne am Anfang zeigt, was aus dem Bahnhof geworden ist.

Um 1915 hatte er acht Gleise, zwei Bahnsteige und Ladeeinrichtungen.

Heute sind zwei Gleise mit Weichen übrig, das zweite Streckengleis ist ein Radweg, und die Drehscheibe von damals ist durch eine kleine Wendevorrichtung für Draisinen ersetzt.

Die Geschichte in Daten

1873: Der Bau der Kanonenbahn wird per Gesetz beschlossen.

15. Mai 1880: Die Teilstrecke Eschwege–Silberhausen mit dem Bahnhof Küllstedt wird übergeben.

1906: Zweites Gleis in Richtung Schwebda.

1945: Das Friedaviadukt wird gesprengt.

1969: Der Güterverkehr in Küllstedt wird eingestellt.

31. Dezember 1992: Der Personenverkehr nach Geismar endet.

28. Mai 1994: Letzter Personenverkehr nach Küllstedt, der Bahnhof wird geschlossen.

1996: Der Restabschnitt bis Silberhausen wird eingestellt.

2002: Ein Verein formiert sich zum Erhalt der Strecke.

2006: Die Draisinen nehmen den Betrieb auf.

Herbst 2019: Der Kanonenbahn-Radweg wird eröffnet.

Häufige Fragen

Wann wurde der Bahnhof Küllstedt eröffnet?
Am 15. Mai 1880 mit der Teilstrecke Eschwege–Silberhausen der Kanonenbahn.
Wann wurde der Bahnhof geschlossen?
Der Personenverkehr nach Küllstedt endete am 28. Mai 1994, danach wurde der Bahnhof geschlossen.
Kann man den Bahnhof besuchen?
Das Gelände ist vom Kanonenbahn-Radweg aus zu sehen, die Gebäude sind aber privat und nicht zugänglich.
Fahren hier Züge?
Nein, auf der Strecke verkehren nur Draisinen, die am Bahnhof Küllstedt ihren Wendepunkt haben.
Wie lang ist der Küllstedter Tunnel?
Er ist rund 1.530 Meter lang und der längste der fünf Tunnel am Radweg.

Der Bahnhof Küllstedt erzählt von der militärischen Idee hinter der Kanonenbahn und vom langsamen Ende einer Nebenstrecke.

Dass er heute den Draisinen und Radfahrern dient, hat er dem Einsatz eines Vereins zu verdanken.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnhof Küllstedt · Wikipedia: Küllstedt · Wikipedia (englisch): Leinefelde–Treysa railway · Merian: Der Kanonenbahn-Radweg in Thüringen · Freizeitarena Göttingen/Eichsfeld: Kanonenbahn Lengenfeld (PDF)

Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →