Berliner und Lübecker Bahnhof in Hamburg: Zwei Kopfbahnhöfe vor dem Hauptbahnhof
Vor 1906 endeten die Züge aus Berlin und aus Lübeck in Hamburg in zwei eigenen Kopfbahnhöfen. Heute stehen auf dem Gelände des Berliner Bahnhofs die Deichtorhallen, und der Lübecker Bahnhof ist ganz verschwunden.


Lage: Hamburg-Altstadt am Deichtorplatz (Berliner Bahnhof) und Hamburg-Hammerbrook an der Spaldingstraße (Lübecker Bahnhof). Status: Berliner Bahnhof seit 1. Mai 1903 geschlossen, Lübecker Bahnhof seit 1906 ohne Betrieb, beide Hochbauten verschwunden. Heute: Auf dem Berliner Bahnhof stehen die Deichtorhallen, im Gleisvorfeld liegt Bahngelände, am Lübecker Bahnhof führt der S-Bahn-Viadukt nach Harburg vorbei.
Bevor 1906 der Hamburger Hauptbahnhof eröffnete, endete jede Fernbahn in einem eigenen Kopfbahnhof am südöstlichen Rand des früheren Stadtwalls.
Zwei dieser Bahnhöfe waren der Berliner Bahnhof und der Lübecker Bahnhof, die nur etwa 600 Meter auseinander lagen.
Beide sind verschwunden, und deshalb wird hier von beiden erzählt.
Der aktive Hauptbahnhof ist nicht Thema, und auch der Hannoversche Bahnhof auf dem Grasbrook, der als Deportationsgedenkstätte weiter besteht, ist ein eigenes Thema.
Vom Berliner Bahnhof gibt es freie Abbildungen aus den Jahren seit 1842, vom Lübecker Bahnhof auf Commons nur ein einziges Foto.
Wo die Bahnhöfe lagen
Der Berliner Bahnhof lag südlich des heutigen Hauptbahnhofs am Deichtorplatz.
Seine Nebenanlagen reichten von der heutigen nördlichen Deichtorhalle bis zum Schleusenkanal, und im Süden lag der Oberhafen.
Der Lübecker Bahnhof stand 1865 etwa 600 Meter weiter östlich an der Spaldingstraße in Hammerbrook.
Sein Empfangsgebäude lag auf der Nordseite der Spaldingstraße zwischen Nagelsweg und Hammerbrookstraße.
Etwa 200 Meter nördlich des Berliner Bahnhofs folgte 1866 der Bahnhof Klosterthor der Hamburg-Altonaer Verbindungsbahn.
Entstehung: Aus der Bergedorfer Bahn wird die Berliner Bahn

Der Berliner Bahnhof hat einen Vorgänger.
Die Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn wurde 1842 eröffnet und war eine der ersten Eisenbahnstrecken in Norddeutschland.
Sie verband den Bergedorfer Bahnhof am Deichtor mit dem alten Bahnhof Bergedorf.
Eine Verbindung nach Lübeck hatte die Hamburger Bürgerschaft eigentlich als wichtigste Strecke angesehen, doch sie hätte durch holsteinisches Gebiet geführt, das der dänische König verwaltete, und Dänemark stellte sich bei den Verhandlungen quer.
Die Strecke plante und vermaß 1838 William Lindley, und die Bahnhofsbauten entwarf Alexis de Chateauneuf.
Weil die Trasse durch den tiefliegenden und oft überfluteten Hammerbrook lief, entwickelte Lindley seinen Plan zur Entwässerung des Geländes durch ein Netz von Kanälen, die bis heute bestehen.
Die Eröffnung war für den 7. Mai 1842 vorgesehen, doch zwei Tage vorher brach der Große Brand von Hamburg aus.
Die Bahn fuhr vor dem festgesetzten Termin, um Feuerspritzen aus Bergedorf heranzuschaffen und Obdachlose kostenlos aus der Stadt zu bringen.
Von der Eröffnung am 17. Mai bis zum 31. August 1842 beförderte sie insgesamt 99.560 Fahrgäste.
Als die Berlin-Hamburger Bahn gebaut wurde, bezog sie die Bergedorfer Strecke ein.
Der Bau begann im Mai 1844, und am 15. Dezember 1846 ging die Gesamtstrecke Berlin–Hamburg in Betrieb, die damals längste Fernbahnstrecke in den deutschen Ländern.
Der Bergedorfer Bahnhof wurde ab 1844 erweitert und hieß nun Berliner Bahnhof.
So sah es vorher aus: Die größte Holzhalle Deutschlands

Das Backsteingebäude mit geputzten Gesimsen erhielt für die Berliner Bahn eine hölzerne Halle von 148 Metern Länge und 23,5 Metern Höhe mit vier Gleisen.
Sie galt damals als bedeutendstes Holzbauwerk in Deutschland.
Zum Vergleich: Die Halle des Dammtorbahnhofs ist bei gleicher Höhe und ebenfalls vier Gleisen nur 112 Meter lang.
Das Empfangsgebäude war in einen Abfahrts- und einen Ankunftsbereich aufgeteilt.
Es gab Gepäckannahme und Gepäckausgabe, Wartesäle für die verschiedenen Wagenklassen und ein Damenzimmer.
Zwei Drehscheiben im Gebäude erlaubten es, Lokomotiven nach dem Abkuppeln zu wenden.

Der Betrieb begann am 15. Dezember 1846.
Der Um- und Neubau des insgesamt 173 Meter langen Gebäudekomplexes, der Gütergleise und des Lokschuppens war aber erst 1857 abgeschlossen.
Die Gleisanlagen mit Güterbahnhof und halbrundem Lokschuppen waren etwa dreimal so lang wie der Bahnhof.

Der Bahnhof besaß zwei hohe Türme, die eine optische Telegraphenverbindung aufnehmen sollten.
Weil kurz darauf der leistungsfähigere elektrische Schreibtelegraph erfunden wurde, blieben sie nur noch schmückendes Beiwerk.
Schon auf dem Stich der Eröffnung von 1842 sind die Türme des Bahnhofs zu erkennen, die später aufgestockt wurden.

Der Lübecker Bahnhof
Die Lübeck-Büchener Eisenbahn musste lange auf eine direkte Strecke nach Hamburg warten, weil die damalige dänische Gebietshoheit Streit machte.
Erst am 1. August 1865 eröffnete sie die direkte Strecke über Wandsbek und Oldesloe, statt wie vorher umständlich über Büchen und die Berlin-Hamburger Bahn zu fahren.
Der Lübecker Bahnhof an der Spaldingstraße bestand von 1864 bis 1906.

Wegen des schlechten Baugrunds wurde das Empfangsgebäude als Fachwerkbau mit Holzverschalung ausgeführt und mit Dachpappe gedeckt.
Die Behandlungsanlagen mit Drehscheibe und Lokschuppen lagen weiter östlich zwischen Hammerbrookstraße und Heidenkampsweg.
Die Gleise verliefen etwa im Zug der heutigen Bahntrasse zwischen Hauptbahnhof und Berliner Tor.
Hinter dem Personenbahnhof bog die Strecke auf Höhe des Nagelswegs nach Süden ab, wo zwischen Sonninstraße und dem damaligen Lübecker Kanal der Lübecker Güterbahnhof lag.
Über die Amsinckstraße war er an die Gleisanlagen der Berliner Bahn angeschlossen, allerdings nur für Güterzüge.
Der Technische Direktor Hermann Textor schloss diesen Güterbahnhof 1902 und verband die Strecke stattdessen mit dem Güterbahnhof des Hannoverschen Bahnhofs in Rothenburgsort.
Diese Verbindung gilt als erstes Teilstück der Güterumgehungsbahn Hamburg.
Unter dem Vorsitzenden Direktor Walther Brecht führte die Gesellschaft einen D-Zug-Verkehr nach Kopenhagen und Stettin ein.
Ab 1888 nahm der Vorortverkehr nach Ahrensburg stark zu, und ein drittes Gleis wurde erwogen, aber nicht gebaut.
Im Jahr 1900 verkaufte der Bahnhof 559.000 Fahrkarten, Wandsbek 224.000, Rahlstedt 204.000 und Ahrensburg 148.000.
Anders als der Berliner Bahnhof lag der Lübecker Bahnhof etwas abseits.
Ab dem 2. November 1880 verband ihn die Pferdebahn Dornbusch–Berliner Bahnhof–Horn mit der Innenstadt, und am 21. Oktober 1887 kam eine zweite Linie hinzu.
Beide wurden im November 1892 über die neue Kaiser-Wilhelm-Straße verlängert und am 13. April 1896 elektrifiziert.
Ab 1900 fuhr alle fünf Minuten eine Straßenbahn vom Lübecker Bahnhof über den Berliner Bahnhof zur inneren Stadt.

Niedergang und Ende
1899 wurden die Verträge zur Schaffung eines zentralen Bahnhofs in Hamburg ratifiziert.
Bis 1906 entstand der Hauptbahnhof nördlich des Bahnhofs Klosterthor und nahm die Strecken der Kopfbahnhöfe auf.
Die Lübeck-Büchener Eisenbahn stellte dafür bei Hasselbrook Gelände zur Verfügung und erhielt dafür ein entgeltliches Mitbenutzungsrecht am neuen Bahnhof.
Wegen der Vorbereitungen für den Hauptbahnhof schloss der Berliner Bahnhof am 1. Mai 1903.
Der Bahnhof wurde abgerissen, und auf dem Gleisvorfeld entstand ein Interimsbahnhof an der Lippeltstraße zwischen Amsinckstraße, dem heutigen Högerdamm, und dem Oberhafen.
Der Hauptbahnhof ging am 6. Dezember 1906 in Betrieb.


Der Lübecker Bahnhof wurde zugunsten des Hauptbahnhofs aufgegeben.
Die Lübeck-Büchener Eisenbahn eröffnete für den Vorortverkehr die Stationen Berliner Tor und Hasselbrook.
Der Lübecker Güterbahnhof war schon früher aufgegeben worden, und seine Gleisanschlüsse wurden zum Güterbahnhof Rothenburgsort umgeleitet.
Der Bahnhof Klosterthor wurde ebenfalls ersetzt, und seine Gleisanlagen wurden später zum Bahnpostamt Hühnerposten, in dem heute die Zentralbibliothek der Hamburger Bücherhallen untergebracht ist.
So sieht es jetzt aus
Auf dem Gelände des Berliner Bahnhofs stehen die Deichtorhallen.
Sie wurden von 1911 bis 1914 als Markthallen gebaut und gelten als eines der wenigen erhaltenen Beispiele der Industriearchitektur im Übergang vom Jugendstil zu den Ausdrucksformen des 20. Jahrhunderts.
Die nördliche Halle ist ein dreischiffiger Langbau mit 3.800 Quadratmetern Grundfläche, die südliche ein Zentralbau mit Laterne und 1.800 Quadratmetern.


Die Stadt Hamburg besitzt die Hallen, und die Körber-Stiftung hat sie restauriert.
1989 wurden sie der Deichtorhallen Hamburg GmbH übergeben, und am 9. November 1989 begann das Kunstausstellungsprogramm.
Die südliche Halle wurde 2004 und 2005 zum Haus der Photographie umgebaut.
Die Hallen sind heute ein Ausstellungshaus mit festen Öffnungszeiten.
Das frühere Gleisvorfeld zwischen Banksstraße und Högerdamm ist noch erhalten und dient heute als Abstellanlage.
Dort liegt der Betriebsbahnhof des Hauptbahnhofs, und am südöstlichen Ende steht das Bahnbetriebswerk.
Dieses Bahngelände ist nicht öffentlich zugänglich.

Vom Lübecker Bahnhof ist nichts mehr zu sehen.
An seiner Stelle an der Spaldingstraße führt heute der S-Bahn-Viadukt in Richtung Harburg aus dem Hauptbahnhof heraus.
Bei den Bauarbeiten für diese Strecke wurden Reste der Fundamente freigelegt.
Vorher und nachher auf einen Blick
Früher standen hier eine 148 Meter lange Holzhalle, zwei Telegrafentürme und ein Kopfbahnhof mit eigenem Güterbahnhof und Lokschuppen.
Heute stehen dort zwei Markthallen aus Backstein und Stahl, ein Ausstellungshaus, ein Abstellbahnhof und ein S-Bahn-Viadukt.
Die Geschichte in Daten
1842: Die Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn eröffnet am 17. Mai den Bergedorfer Bahnhof.
1844: Der Bahnhof wird erweitert und heißt künftig Berliner Bahnhof.
15.12.1846: Die Berlin-Hamburger Bahn geht in Betrieb.
1857: Der Um- und Neubau des Berliner Bahnhofs ist abgeschlossen.
1.8.1865: Die Lübeck-Büchener Eisenbahn eröffnet die direkte Strecke nach Lübeck.
1866: Der Bahnhof Klosterthor eröffnet.
1888: Der Vorortverkehr nach Ahrensburg nimmt stark zu.
1902: Der Lübecker Güterbahnhof wird geschlossen.
1.5.1903: Der Berliner Bahnhof schließt, ein Interimsbahnhof entsteht.
6.12.1906: Der Hamburger Hauptbahnhof ersetzt die Kopfbahnhöfe.
1911 bis 1914: Die Deichtorhallen entstehen als Markthallen.
1989: Die Deichtorhallen eröffnen ihr Kunstprogramm.
Häufige Fragen
Wann wurde der Berliner Bahnhof in Hamburg geschlossen?
Wo stand der Berliner Bahnhof?
Wofür waren die zwei Türme am Berliner Bahnhof?
Wo lag der Lübecker Bahnhof?
Gibt es vom Lübecker Bahnhof noch Reste?
Wann wurde der Hamburger Hauptbahnhof eröffnet?
Der Berliner Bahnhof und der Lübecker Bahnhof lagen nur 600 Meter auseinander, und beide sind seit mehr als hundert Jahren verschwunden, während die Gleise zum Hauptbahnhof weiter genutzt werden.
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