Die Kleinbahn „Jan Reiners“: Von der Bremer Bürgerweide nach Tarmstedt

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Die Kleinbahn „Jan Reiners“: Von der Bremer Bürgerweide nach Tarmstedt

Von 1900 bis in die 1950er Jahre fuhr eine Schmalspurbahn vom Bremer Parkbahnhof durch das Moor nach Tarmstedt. Heute erinnern ein Radweg, eine Denkmallok und einzelne Bahnhofsgebäude an sie.

VORHER · 1904

Der Bahnhof Lilienthal der Kleinbahn im Jahr 1904.

Der Bahnhof Lilienthal der Kleinbahn im Jahr 1904. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
NACHHER · 2006

Der ehemalige Bahnhof Lilienthal, Ansicht von Süden, im Dezember 2006.

Der ehemalige Bahnhof Lilienthal, Ansicht von Süden, im Dezember 2006. Foto: bukk, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1900
Betrieb aufgenommen
1954
Ende Bremen–Falkenberg
1956
Letzte Fahrten, Abbau
1960
Parkbahnhof abgerissen

Lage: Von Bremen Parkbahnhof über Findorff, Horn, Borgfeld und Lilienthal nach Tarmstedt. Status: Stillgelegt und abgebaut, Spurweite 1.000 Millimeter. Heute: Auf der Trasse liegt ein Radweg, in Findorff steht die Denkmallok.

Die Kleinbahn Bremen–Tarmstedt war eine schmalspurige Eisenbahnstrecke zur Erschließung der Moorgebiete nördlich von Bremen.

Sie war von 1900 bis 1956 in Betrieb und hieß im Volksmund „Jan Reiners“.

Ihr Bremer Endbahnhof, der Parkbahnhof, bildet den Kern dieses Beitrags.

Er stand an der Stelle der heutigen Stadthalle, direkt vor dem Bürgerpark.

Auf demselben Gelände stand zuvor der Hamburger Bahnhof, der im Beitrag zu den alten Bremer Bahnhöfen beschrieben ist.

Hier folgen der Parkbahnhof und die Halte entlang der Strecke.

Entstehung: eine Bahn durch das Moor

Die Moorgebiete nördlich von Bremen waren lange ein verkehrsfeindliches Gebiet.

Haupterwerbszweig war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Torfabbau.

Das Brennmaterial kam größtenteils mit kleinen Kähnen über Kanäle nach Bremen.

Für den Weg nach Bremen und zurück brauchte ein Torfbauer zwei bis drei Tage.

Im Oktober 1891 regte der landwirtschaftliche Verein Lilienthal unter seinem Vorsitzenden Johann Reiners erstmals den Bau einer Bahn durch die Moorgebiete an.

Geplant war zunächst eine normalspurige Sekundärbahn von Horn über Lilienthal, Zeven und Harsefeld bis an die Unterelbe.

Die höheren Baukosten einer Vollbahn konnten nicht aufgebracht werden, deshalb wurde die Strecke zu einer Kleinbahn mit 1.000 Millimeter Spurweite umgeplant.

Die Planung wurde schließlich auf den Abschnitt Bremen–Tarmstedt verkürzt.

Ein Lokzug der Kleinbahn um 1905.
Ein Lokzug der Kleinbahn um 1905. Foto: The original uploader was Tom Bombadil 98 at German Wikipedi, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Der Bremer Senat erteilte am 22. Juli 1898 die Genehmigung für den bremischen Teil der Strecke.

Die Lokomotive des Eröffnungszuges trug den Namen des Ideengebers Johann Reiners.

Die Bahn wurde deshalb umgangssprachlich „Jan Reiners“ genannt.

Der Betrieb wurde am 4. Oktober 1900 aufgenommen.

Schon am ersten Sonntag nach der Eröffnung zählte man 4.000 Fahrgäste.

Bremen Parkbahnhof: das Fachwerkgebäude mit Turm

Der Bremer Endbahnhof hieß amtlich Bremen Parkbahnhof.

Er lag auf der Bürgerweide direkt vor dem Bürgerpark, daher der Name.

Er diente ausschließlich dem Personen- und Postverkehr und war mit der Straßenbahn aus der Innenstadt zu erreichen.

Das Empfangsgebäude war ein Fachwerkbau mit einem markanten Türmchen.

Im Obergeschoss wohnte der Betriebsleiter.

Als Gleisanlage war lediglich ein Umfahrgleis vorhanden.

Der Bremer Parkbahnhof der Kleinbahn um 1905.
Der Bremer Parkbahnhof der Kleinbahn um 1905. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Bereits 1916 wurde das Gebäude wegen Baufälligkeit zum Teil verkleidet.

Der Turm musste entfernt werden.

1960 wurde das Gebäude abgerissen.

Legendär waren Fahrten aus dem Umland zum Bremer Freimarkt, denn der Parkbahnhof grenzte direkt an das Festgelände.

Bremen Hemmstraße: der Betriebsmittelpunkt

Von der Stadthalle führte die Strecke entlang der heutigen Hollerallee und Eickedorfer Straße nach Findorff.

Nach der Querung der Hemmstraße lief der Zug in den Bahnhof Bremen Hemmstraße ein.

Er war der Betriebsmittelpunkt der Bahn.

Im Empfangsgebäude war die Bahnverwaltung untergebracht.

Es gab mehrere Abstellgleise, einen Wagenschuppen, eine Werkstatt, eine Wasserstation und Kohlenbansen.

An der Stelle des Bahnhofs steht heute die Denkmallok.

Horn und Lehesterdeich: Haltepunkte am Bürgerpark

Die Kleinbahntrasse begleitete die Hamburger Bahn auf deren nördlicher Seite durch den Bürgerpark.

In Höhe des Bahnübergangs Achterstraße schwenkte sie in einem Bogen von 90 Grad nach Norden.

Dort befand sich bis 1927 der Haltepunkt Bremen-Horn.

Auf Wunsch der Anwohner wurde er dann zur Vorstraße verlegt.

Der Haltepunkt Horn mit Gastwirtschaft im Jahr 1902.
Der Haltepunkt Horn mit Gastwirtschaft im Jahr 1902. Foto: Louis Koch, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Ein ehemaliges Bahnhofsgebäude der Kleinbahn in Bremen-Horn, Ansicht von Westen, im Dezember 2006.
Ein ehemaliges Bahnhofsgebäude der Kleinbahn in Bremen-Horn, Ansicht von Westen, im Dezember 2006. Foto: bukk, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Anschließend wurde die Station Lehesterdeich passiert.

Sie wurde zunächst als Haltepunkt angelegt und diente ab 1912 auch dem Güterverkehr.

Die Bahnhofsgaststätte Lehesterdeich um 1905.
Die Bahnhofsgaststätte Lehesterdeich um 1905. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Die Trasse der Kleinbahn nahe Lehesterdeich, Blick nach Osten, im Dezember 2006.
Die Trasse der Kleinbahn nahe Lehesterdeich, Blick nach Osten, im Dezember 2006. Foto: bukk, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Borgfeld: die Wümmebrücken

Die Bahn strebte nun den Wümmebrücken bei Borgfeld zu.

Die beiden Brücken überspannen das Überschwemmungsgebiet der Wümme.

Auf dem bremenseitigen Wümmedeich ist noch ein Gebäude der Haltestelle Borgfeld erhalten.

Bis zum September 2008 stand noch die „Jan-Reiners-Brücke“ über die Wümme.

Ein Teil der Brücke wich der 2010 fertiggestellten Ortsumgehung Lilienthal.

Von dem abgerissenen Brückenteil wurde ein Bruchstück als Denkmal aufgestellt und mit einer Gedenktafel versehen.

Die Bahnhofsgaststätte am Haltepunkt Borgfeld um 1905.
Die Bahnhofsgaststätte am Haltepunkt Borgfeld um 1905. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Fragment der Jan-Reiners-Brücke über die Wümme bei Lilienthal im August 2010.
Fragment der Jan-Reiners-Brücke über die Wümme bei Lilienthal im August 2010. Foto: Bukk, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Lilienthal: ein aufwendiges Bahnhofsgebäude

In Lilienthal jenseits des Flusses steht noch das aufwendige Bahnhofsgebäude.

Heute ist dort ein Kindergarten untergebracht.

Hier wurde der Wasservorrat der Lokomotiven ergänzt.

Das Foto von 1904 und die Aufnahme von 2006 oben zeigen den Bahnhof Lilienthal vorher und nachher.

Am 1. August 2014 ging eine Verlängerung der Straßenbahnlinie 4 von Borgfeld über Lilienthal bis Falkenberg in Betrieb.

2021 wurde der Radweg in Lilienthal zugunsten eines Neubaus verlegt.

Falkenberg, Worphausen, Wörpedorf-Grasberg, Eickedorf und Tüschendorf

Weitere Stationen auf dem Weg nach Tarmstedt waren Falkenberg, Worphausen, Wörpedorf-Grasberg, Eickedorf und Tüschendorf.

In Wörpedorf-Grasberg und Falkenberg gab es Anlagen für den Güterverkehr, aber keine Empfangsgebäude.

Auf den ländlichen Stationen vor Tarmstedt verkauften Gastwirtschaften die Fahrkarten.

Über Worphausen, Eickedorf und Tüschendorf ist darüber hinaus nichts weiter belegt.

Tarmstedt: der Endpunkt

In Tarmstedt befand sich ein repräsentatives Empfangsgebäude.

1917 wurde Tarmstedt auch durch die Wilstedt-Zeven-Tostedter Eisenbahn erschlossen.

Deren Bahnhof lag östlich des Endbahnhofs der Kleinbahn.

Umsteiger mussten einen 400 Meter langen Fußweg zurücklegen.

1934 wurde die Kleinbahn auf vielfachen Wunsch der Fahrgäste um dieses Stück zum neuen Endbahnhof Tarmstedt Ost verlängert.

Der Bahnhof Tarmstedt um 1905.
Der Bahnhof Tarmstedt um 1905. Foto: Unknown author Unknown author, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Das ehemalige Bahnhofsgebäude in Tarmstedt an der Bahnhofstraße im November 2013.
Das ehemalige Bahnhofsgebäude in Tarmstedt an der Bahnhofstraße im November 2013. Foto: Geogast, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Das Ende der Kleinbahn

Mit dem wachsenden Autoverkehr und parallelen Buslinien gingen die Einnahmen zurück.

Die Landesregierungen Niedersachsens und Bremens strichen ihre Subventionen im Kalenderjahr 1954 komplett.

Für das Jahr 1950 wurde mit 776.000 Fahrgästen ein Rekord erreicht.

Am 22. Mai 1954 endete der Personenverkehr zwischen Bremen und Falkenberg.

Der Abschied fand mit einem Blasorchester und großer Anteilnahme der Bremer Bevölkerung statt.

Auf dem letzten Teilstück zwischen Falkenberg und Tarmstedt Ost fuhren die Triebwagen noch bis zum 29. Januar 1956.

Bis November 1956 wurde die Strecke vollständig abgebaut.

So sieht es jetzt aus: Radweg und Denkmallok

Auf der Trasse wurde Anfang der 1970er Jahre ein Bahnradweg angelegt.

In Bremen-Findorff steht die 1899 bei Hanomag gebaute Dampflok Nr. 1 als Denkmal.

Sie zog den Eröffnungszug und wurde 1966 dem Bürgerverein Findorff geschenkt.

Er stellte sie an der Ecke Hemmstraße und Fürther Straße im Bereich des ehemaligen Bahnhofs Hemmstraße auf.

Die Denkmallok in Bremen-Findorff im Dezember 2006.
Die Denkmallok in Bremen-Findorff im Dezember 2006. Foto: bukk, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Die Denkmallok nach ihrer Sanierung im Juni 2021.
Die Denkmallok nach ihrer Sanierung im Juni 2021. Foto: Salocin, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Nordwestlich der Lok erinnern zwei Kunstobjekte an die Kleinbahn.

Ein Stapel Schienen liegt wie Mikado-Stäbe übereinander.

Bei einem zweiten Objekt haben sich die Räder von den Achsen gelöst und stecken zum Teil im Erdreich.

Ein Denkmal zur früheren Kleinbahn in Bremen im Dezember 2008.
Ein Denkmal zur früheren Kleinbahn in Bremen im Dezember 2008. Foto: Bukk, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Die Geschichte in Daten

1891: Im Oktober regt der landwirtschaftliche Verein Lilienthal den Bahnbau an.

1898: Am 22. Juli erteilt der Bremer Senat die Genehmigung für den bremischen Teil.

1900: Am 4. Oktober wird der Betrieb zwischen Bremen Parkbahnhof und Tarmstedt aufgenommen.

1908: Der Transport von Kalk zum Kalksandsteinwerk in Tarmstedt kommt hinzu.

1916: Das Empfangsgebäude des Parkbahnhofs wird wegen Baufälligkeit teilweise verkleidet, der Turm entfernt.

1917: Tarmstedt wird auch von der Wilstedt-Zeven-Tostedter Eisenbahn erschlossen.

1934: Die Kleinbahn wird bis Tarmstedt Ost verlängert.

1954: Am 22. Mai endet der Personenverkehr zwischen Bremen und Falkenberg.

1956: Am 29. Januar endet der Verkehr nach Tarmstedt Ost, bis November wird die Strecke abgebaut.

1960: Das Empfangsgebäude des Parkbahnhofs wird abgerissen.

2008: Im September steht die Jan-Reiners-Brücke über die Wümme noch.

2014: Am 1. August geht die Straßenbahnlinie 4 bis Falkenberg in Betrieb.

Häufige Fragen

Warum heißt die Bahn „Jan Reiners“?
Die Lokomotive des Eröffnungszuges trug den Namen des Ideengebers Johann Reiners. Daraus wurde der Volksname der Bahn.
Wo stand der Bremer Parkbahnhof?
An der Stelle der heutigen Stadthalle, direkt vor dem Bürgerpark.
Wann fuhr die Bahn?
Der Betrieb wurde am 4. Oktober 1900 aufgenommen. Der Personenverkehr Bremen–Falkenberg endete am 22. Mai 1954, der Rest der Strecke am 29. Januar 1956.
Welche Spurweite hatte die Kleinbahn?
1.000 Millimeter.
Was ist heute noch zu sehen?
Auf der Trasse liegt ein Radweg, in Findorff steht die Denkmallok, und mehrere Bahnhofsgebäude blieben erhalten, etwa in Lilienthal.

Der Parkbahnhof ist abgerissen, die Strecke abgebaut.

Geblieben sind der Radweg, die Lok und einzelne Gebäude entlang der Trasse.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Kleinbahn Bremen–Tarmstedt · Wikipedia: Bremen Hauptbahnhof · KuLaDig: Kleinbahn Bremen–Tarmstedt

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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