Die Kleinbahn „Jan Reiners“: Von der Bremer Bürgerweide nach Tarmstedt
Von 1900 bis in die 1950er Jahre fuhr eine Schmalspurbahn vom Bremer Parkbahnhof durch das Moor nach Tarmstedt. Heute erinnern ein Radweg, eine Denkmallok und einzelne Bahnhofsgebäude an sie.


Lage: Von Bremen Parkbahnhof über Findorff, Horn, Borgfeld und Lilienthal nach Tarmstedt. Status: Stillgelegt und abgebaut, Spurweite 1.000 Millimeter. Heute: Auf der Trasse liegt ein Radweg, in Findorff steht die Denkmallok.
Die Kleinbahn Bremen–Tarmstedt war eine schmalspurige Eisenbahnstrecke zur Erschließung der Moorgebiete nördlich von Bremen.
Sie war von 1900 bis 1956 in Betrieb und hieß im Volksmund „Jan Reiners“.
Ihr Bremer Endbahnhof, der Parkbahnhof, bildet den Kern dieses Beitrags.
Er stand an der Stelle der heutigen Stadthalle, direkt vor dem Bürgerpark.
Auf demselben Gelände stand zuvor der Hamburger Bahnhof, der im Beitrag zu den alten Bremer Bahnhöfen beschrieben ist.
Hier folgen der Parkbahnhof und die Halte entlang der Strecke.
Entstehung: eine Bahn durch das Moor
Die Moorgebiete nördlich von Bremen waren lange ein verkehrsfeindliches Gebiet.
Haupterwerbszweig war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Torfabbau.
Das Brennmaterial kam größtenteils mit kleinen Kähnen über Kanäle nach Bremen.
Für den Weg nach Bremen und zurück brauchte ein Torfbauer zwei bis drei Tage.
Im Oktober 1891 regte der landwirtschaftliche Verein Lilienthal unter seinem Vorsitzenden Johann Reiners erstmals den Bau einer Bahn durch die Moorgebiete an.
Geplant war zunächst eine normalspurige Sekundärbahn von Horn über Lilienthal, Zeven und Harsefeld bis an die Unterelbe.
Die höheren Baukosten einer Vollbahn konnten nicht aufgebracht werden, deshalb wurde die Strecke zu einer Kleinbahn mit 1.000 Millimeter Spurweite umgeplant.
Die Planung wurde schließlich auf den Abschnitt Bremen–Tarmstedt verkürzt.

Der Bremer Senat erteilte am 22. Juli 1898 die Genehmigung für den bremischen Teil der Strecke.
Die Lokomotive des Eröffnungszuges trug den Namen des Ideengebers Johann Reiners.
Die Bahn wurde deshalb umgangssprachlich „Jan Reiners“ genannt.
Der Betrieb wurde am 4. Oktober 1900 aufgenommen.
Schon am ersten Sonntag nach der Eröffnung zählte man 4.000 Fahrgäste.
Bremen Parkbahnhof: das Fachwerkgebäude mit Turm
Der Bremer Endbahnhof hieß amtlich Bremen Parkbahnhof.
Er lag auf der Bürgerweide direkt vor dem Bürgerpark, daher der Name.
Er diente ausschließlich dem Personen- und Postverkehr und war mit der Straßenbahn aus der Innenstadt zu erreichen.
Das Empfangsgebäude war ein Fachwerkbau mit einem markanten Türmchen.
Im Obergeschoss wohnte der Betriebsleiter.
Als Gleisanlage war lediglich ein Umfahrgleis vorhanden.

Bereits 1916 wurde das Gebäude wegen Baufälligkeit zum Teil verkleidet.
Der Turm musste entfernt werden.
1960 wurde das Gebäude abgerissen.
Legendär waren Fahrten aus dem Umland zum Bremer Freimarkt, denn der Parkbahnhof grenzte direkt an das Festgelände.
Bremen Hemmstraße: der Betriebsmittelpunkt
Von der Stadthalle führte die Strecke entlang der heutigen Hollerallee und Eickedorfer Straße nach Findorff.
Nach der Querung der Hemmstraße lief der Zug in den Bahnhof Bremen Hemmstraße ein.
Er war der Betriebsmittelpunkt der Bahn.
Im Empfangsgebäude war die Bahnverwaltung untergebracht.
Es gab mehrere Abstellgleise, einen Wagenschuppen, eine Werkstatt, eine Wasserstation und Kohlenbansen.
An der Stelle des Bahnhofs steht heute die Denkmallok.
Horn und Lehesterdeich: Haltepunkte am Bürgerpark
Die Kleinbahntrasse begleitete die Hamburger Bahn auf deren nördlicher Seite durch den Bürgerpark.
In Höhe des Bahnübergangs Achterstraße schwenkte sie in einem Bogen von 90 Grad nach Norden.
Dort befand sich bis 1927 der Haltepunkt Bremen-Horn.
Auf Wunsch der Anwohner wurde er dann zur Vorstraße verlegt.


Anschließend wurde die Station Lehesterdeich passiert.
Sie wurde zunächst als Haltepunkt angelegt und diente ab 1912 auch dem Güterverkehr.


Borgfeld: die Wümmebrücken
Die Bahn strebte nun den Wümmebrücken bei Borgfeld zu.
Die beiden Brücken überspannen das Überschwemmungsgebiet der Wümme.
Auf dem bremenseitigen Wümmedeich ist noch ein Gebäude der Haltestelle Borgfeld erhalten.
Bis zum September 2008 stand noch die „Jan-Reiners-Brücke“ über die Wümme.
Ein Teil der Brücke wich der 2010 fertiggestellten Ortsumgehung Lilienthal.
Von dem abgerissenen Brückenteil wurde ein Bruchstück als Denkmal aufgestellt und mit einer Gedenktafel versehen.


Lilienthal: ein aufwendiges Bahnhofsgebäude
In Lilienthal jenseits des Flusses steht noch das aufwendige Bahnhofsgebäude.
Heute ist dort ein Kindergarten untergebracht.
Hier wurde der Wasservorrat der Lokomotiven ergänzt.
Das Foto von 1904 und die Aufnahme von 2006 oben zeigen den Bahnhof Lilienthal vorher und nachher.
Am 1. August 2014 ging eine Verlängerung der Straßenbahnlinie 4 von Borgfeld über Lilienthal bis Falkenberg in Betrieb.
2021 wurde der Radweg in Lilienthal zugunsten eines Neubaus verlegt.
Falkenberg, Worphausen, Wörpedorf-Grasberg, Eickedorf und Tüschendorf
Weitere Stationen auf dem Weg nach Tarmstedt waren Falkenberg, Worphausen, Wörpedorf-Grasberg, Eickedorf und Tüschendorf.
In Wörpedorf-Grasberg und Falkenberg gab es Anlagen für den Güterverkehr, aber keine Empfangsgebäude.
Auf den ländlichen Stationen vor Tarmstedt verkauften Gastwirtschaften die Fahrkarten.
Über Worphausen, Eickedorf und Tüschendorf ist darüber hinaus nichts weiter belegt.
Tarmstedt: der Endpunkt
In Tarmstedt befand sich ein repräsentatives Empfangsgebäude.
1917 wurde Tarmstedt auch durch die Wilstedt-Zeven-Tostedter Eisenbahn erschlossen.
Deren Bahnhof lag östlich des Endbahnhofs der Kleinbahn.
Umsteiger mussten einen 400 Meter langen Fußweg zurücklegen.
1934 wurde die Kleinbahn auf vielfachen Wunsch der Fahrgäste um dieses Stück zum neuen Endbahnhof Tarmstedt Ost verlängert.


Das Ende der Kleinbahn
Mit dem wachsenden Autoverkehr und parallelen Buslinien gingen die Einnahmen zurück.
Die Landesregierungen Niedersachsens und Bremens strichen ihre Subventionen im Kalenderjahr 1954 komplett.
Für das Jahr 1950 wurde mit 776.000 Fahrgästen ein Rekord erreicht.
Am 22. Mai 1954 endete der Personenverkehr zwischen Bremen und Falkenberg.
Der Abschied fand mit einem Blasorchester und großer Anteilnahme der Bremer Bevölkerung statt.
Auf dem letzten Teilstück zwischen Falkenberg und Tarmstedt Ost fuhren die Triebwagen noch bis zum 29. Januar 1956.
Bis November 1956 wurde die Strecke vollständig abgebaut.
So sieht es jetzt aus: Radweg und Denkmallok
Auf der Trasse wurde Anfang der 1970er Jahre ein Bahnradweg angelegt.
In Bremen-Findorff steht die 1899 bei Hanomag gebaute Dampflok Nr. 1 als Denkmal.
Sie zog den Eröffnungszug und wurde 1966 dem Bürgerverein Findorff geschenkt.
Er stellte sie an der Ecke Hemmstraße und Fürther Straße im Bereich des ehemaligen Bahnhofs Hemmstraße auf.


Nordwestlich der Lok erinnern zwei Kunstobjekte an die Kleinbahn.
Ein Stapel Schienen liegt wie Mikado-Stäbe übereinander.
Bei einem zweiten Objekt haben sich die Räder von den Achsen gelöst und stecken zum Teil im Erdreich.

Die Geschichte in Daten
1891: Im Oktober regt der landwirtschaftliche Verein Lilienthal den Bahnbau an.
1898: Am 22. Juli erteilt der Bremer Senat die Genehmigung für den bremischen Teil.
1900: Am 4. Oktober wird der Betrieb zwischen Bremen Parkbahnhof und Tarmstedt aufgenommen.
1908: Der Transport von Kalk zum Kalksandsteinwerk in Tarmstedt kommt hinzu.
1916: Das Empfangsgebäude des Parkbahnhofs wird wegen Baufälligkeit teilweise verkleidet, der Turm entfernt.
1917: Tarmstedt wird auch von der Wilstedt-Zeven-Tostedter Eisenbahn erschlossen.
1934: Die Kleinbahn wird bis Tarmstedt Ost verlängert.
1954: Am 22. Mai endet der Personenverkehr zwischen Bremen und Falkenberg.
1956: Am 29. Januar endet der Verkehr nach Tarmstedt Ost, bis November wird die Strecke abgebaut.
1960: Das Empfangsgebäude des Parkbahnhofs wird abgerissen.
2008: Im September steht die Jan-Reiners-Brücke über die Wümme noch.
2014: Am 1. August geht die Straßenbahnlinie 4 bis Falkenberg in Betrieb.
Häufige Fragen
Warum heißt die Bahn „Jan Reiners“?
Wo stand der Bremer Parkbahnhof?
Wann fuhr die Bahn?
Welche Spurweite hatte die Kleinbahn?
Was ist heute noch zu sehen?
Der Parkbahnhof ist abgerissen, die Strecke abgebaut.
Geblieben sind der Radweg, die Lok und einzelne Gebäude entlang der Trasse.
Wikipedia: Kleinbahn Bremen–Tarmstedt · Wikipedia: Bremen Hauptbahnhof · KuLaDig: Kleinbahn Bremen–Tarmstedt
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