Bad Harzburg–Oker: Drei Halte ohne Reisende

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Bad Harzburg–Oker: Drei Halte ohne Reisende

Die Strecke zwischen Bad Harzburg und Oker ist in Betrieb, doch der Haltepunkt Schlewecke, der Bahnhof Harlingerode und der Güterbahnhof Oker Ost haben ihren Platz im Reiseverkehr verloren. Der Beitrag erzählt, wie die Strecke entstand und was aus den drei Halten wurde.

Die Brücken der Strecken nach Oker und Vienenburg über die Radau, 2022.
Die Brücken der Strecken nach Oker und Vienenburg über die Radau, 2022. Foto: GeorgDerReisende, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1912
Eröffnung der Strecke
1976
Schlewecke aufgelassen
1987
Harlingerode ohne Reisezüge
2001
Oker Ost aufgelassen

Lage: Nordrand des Harzes in Niedersachsen, zwischen Bad Harzburg und Oker, sieben Kilometer. Status: Die Strecke ist in Betrieb, die Halte Schlewecke, Harlingerode und Oker Ost sind es nicht. Heute: Für die 2030er Jahre ist ein neuer Haltepunkt Harlingerode vorgesehen.

Die Bahnstrecke Bad Harzburg–Oker ist sieben Kilometer lang, eingleisig und nicht elektrifiziert.

Sie ist in Betrieb und dient dem Personenverkehr zwischen Bad Harzburg und Goslar.

An drei Stellen entlang der Strecke steigen jedoch keine Reisenden mehr ein: in Schlewecke, in Harlingerode und in Oker Ost.

Der Haltepunkt Schlewecke wurde 1976 aufgelassen, der Bahnhof Harlingerode verlor 1987 seinen Reiseverkehr, und der Betriebs- und Güterbahnhof Oker Ost wurde 2001 aufgelassen.

Für Harlingerode und Oker Ost gibt es eigene Beiträge, hier steht vor allem der Haltepunkt Schlewecke im Mittelpunkt.

Alte freie Fotos der Halte sind nicht belegt, die Bilder zeigen die Strecke aus den Jahren seit 2018.

Warum die Strecke gebaut wurde

Um die Jahrhundertwende bestand zwischen Bad Harzburg und Oker eine Lücke in der Ost-West-Verbindung am Harzrand zwischen den Knotenbahnhöfen Goslar und Halberstadt.

Der Güterverkehr lief über die nördlich parallel verlaufenden Strecken, im Personenverkehr war eine Verbindung zwischen Goslar und Halberstadt nur unter Ausschluss von Bad Harzburg und Wernigerode möglich.

Der Bahnhof Vienenburg hatte mit dem wachsenden Verkehr zunehmend Überlastungsprobleme.

Auch das seit 1860 bestehende Sägewerk Klages in Harlingerode wollte einen Bahnanschluss, sein Geschäftsführer Heinrich Klages drängte zur Jahrhundertwende darauf.

Am 31. Dezember 1902 richtete die Herzogliche Kreisdirektion des Landkreises Wolfenbüttel den Wunsch nach einer Strecke Bad Harzburg–Oker an das Eisenbahnkommissariat des Herzogtums Braunschweig.

Am 8. Mai 1906 begannen die Vorbereitungen zum Geländekauf.

Für den Grunderwerb mussten rund 100 Grundstückseigentümer gewonnen werden, vereinbart waren ungefähr 18.000 Mark je Hektar.

Die Pläne lagen 1907 aus und wurden wegen des Widerstands von Klages geändert, der in Harlingerode einen Neubau seines Sägewerks an der Bahn plante.

Der Bau von 1910 bis 1912

Am 15. Juli 1910 wurde der Bau offiziell begonnen.

Grabungen im Harlingeröder Bruch führten zu Wassereinbrüchen und machten umfassende Entwässerungsmaßnahmen nötig.

Ab dem 1. September 1911 war der Arbeitszugbetrieb zugelassen.

Beim Bau wurden rund 230.000 Kubikmeter Boden bewegt, für Brücken und Durchlässe wurden rund 9.000 Kubikmeter Beton verbaut.

Für die Erdarbeiten kam ein Greifbagger mit rund 100 Pferdestärken zum Einsatz.

Die Strecke wurde für schwere Schnellzüge ausgelegt, und die Brücken und Unterführungen sind breit genug für einen späteren zweigleisigen Ausbau.

Am 7. März 1912 fuhr zur landespolizeilichen Abnahme ein Sonderzug über die Neubaustrecke.

Am 1. Mai 1912 nahm die Preußische Staatsbahn den Betrieb auf.

Mit der Strecke eröffneten der Bahnhof Harlingerode und der Haltepunkt Schlewecke (Harz).

Die Strecke bei Kilometer 34,6 im Juni 2022. Im Hintergrund stehen Langenberg, Harlingerode und der Sudmerberg mit dem Sender Goslar.
Die Strecke bei Kilometer 34,6 im Juni 2022. Im Hintergrund stehen Langenberg, Harlingerode und der Sudmerberg mit dem Sender Goslar. Foto: Till-André Diegeler, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die durchgehende Verbindung von Goslar über Bad Harzburg, Ilsenburg und Wernigerode nach Halberstadt war im Personenverkehr von Anfang an stark gefragt.

In der Anfangszeit erhielt sie den traditionellen Namen Harzhexenbahn.

Im Güterverkehr war die Bedeutung geringer, weil die Steigung größer war als auf der nördlichen Parallelstrecke über Vienenburg und weil die Züge in Bad Harzburg wenden mussten.

Schlewecke: Ein Haltepunkt an der Radau

Der Haltepunkt Schlewecke (Harz) lag bei Streckenkilometer 34,2.

Der Bahnsteig befand sich auf der Südseite, unmittelbar nordwestlich der heutigen Bahnhofstraße.

Er lag an der großen Radaubrücke, die zwischen 1910 und 1912 gebaut wurde.

Eröffnet wurde er am 1. Mai 1912 zusammen mit der Strecke.

Als Empfangsgebäude diente ein Fachwerkhaus, später stand dort nur noch ein Wartehäuschen.

Die Gemeinde Schlewecke wurde am 1. Januar 1963 in die Nachbargemeinde Bündheim eingemeindet, 1972 ging sie in der Stadt Bad Harzburg auf.

Das Kursbuch vom Sommer 1974 sah in Schlewecke noch Halte vor, im Sommer 1976 gab es keinen mehr.

Offiziell aufgelassen wurde der Haltepunkt am 30. Juni 1976.

Zur selben Zeit wurde der Verkehr mit Dampflokomotiven eingestellt.

Einzelne Angaben nennen ein früheres Ende kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, die Fahrplanlage von 1974 spricht dagegen.

1986 erneuerte die Bundesbahn in Schlewecke die Brücken über die Radau und die Bahnhofstraße.

Harlingerode: Der Bahnhof im Wartestand

Der Bahnhof Harlingerode wurde am 1. Mai 1912 eröffnet und am 31. Mai 1987 für Reisende offiziell aufgelassen.

Seit 1982 war er nach umfangreichen Rationalisierungsmaßnahmen nur noch Haltestelle mit angegliedertem Gleisanschluss.

1938 und 1939 schloss das Eisenerzbergwerk Hansa eine Drahtseilbahn zur Erzabfuhr an den Bahnhof an.

Das Bergwerk stellte im August 1960 seinen Betrieb ein.

Der Güterverkehr über den Gleisanschluss in Harlingerode endete 1998 und 1999.

Das Bahnhofsgebäude ist in Privatbesitz.

Für die 2030er Jahre ist der Neubau der Betriebsstation Harlingerode als Haltepunkt vorgesehen.

Ausführlich beschreibt den Bahnhof der Beitrag Der Bahnhof Harlingerode: Ein Halt im Wartestand.

Wiese an der Strecke bei Kilometer 35,2, Mai 2024.
Wiese an der Strecke bei Kilometer 35,2, Mai 2024. Foto: User:Nin-TD, CC0 1.0, via Wikimedia Commons.

Oker Ost: Der abgebaute Güterbahnhof

Schon in der Planung der Strecke war ein Schmalspuranschluss für den Kalksteinbruch Langenberg vorgesehen.

Er wurde gebaut und Ende der 1930er Jahre wieder abgerissen.

1919 wurde die Zahnradbahn der Metall- und Farbwerke Oker westlich von Harlingerode angeschlossen.

Sie wurde Anfang der 1950er Jahre außer Betrieb genommen.

Zwischen 1939 und 1942 entstand mit dem Bau der Zinkhütte Harlingerode der Bahnhof Oker Ost.

Er umfasste den Werkverkehr zur Zinkhütte sowie die Gleisanschlüsse für das Kalkwerk und die Metall- und Farbwerke.

1988 wurde die Zinkhütte Harlingerode stillgelegt, danach war der Bahnhof nur noch von sehr untergeordneter Bedeutung.

Am 27. Oktober 2001 wurde Oker Ost als letzte Betriebsstelle zwischen Bad Harzburg und Oker offiziell aufgelassen.

Die Gleisanlagen südlich der Strecke wurden im Frühjahr 2021 abgerissen.

Die Fläche wird in den 2020er Jahren für eine Folgenutzung als Industriegebiet verfüllt.

Mehr dazu steht im Beitrag Der Bahnhof Oker Ost: Ein Güterbahnhof wird zugeschüttet.

Prellbock am Ostende einer Nebentrasse, Februar 2018. Der stillgelegte Zubringer zur Zinkhütte wurde von der Haupttrasse getrennt.
Prellbock am Ostende einer Nebentrasse, Februar 2018. Der stillgelegte Zubringer zur Zinkhütte wurde von der Haupttrasse getrennt. Foto: Nin-TD, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Stillgelegte Nebenstrecken an der Zinkhütte Harlingerode, Februar 2018.
Stillgelegte Nebenstrecken an der Zinkhütte Harlingerode, Februar 2018. Foto: Nin-TD, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Eckertal und Westerode: Die Fortsetzung nach Osten

Östlich von Bad Harzburg setzte sich die Bahn über Eckertal nach Stapelburg und Ilsenburg fort, Westerode liegt an diesem Abschnitt.

In Westerode überbrückt die Strecke Bad Harzburg–Oker die Strecke Braunschweig–Bad Harzburg.

Nach 1945 verlor die Strecke Bad Harzburg–Oker durch die innerdeutsche Grenze ihre Anbindung nach Osten.

Der Betrieb war am 10. April 1945 vorläufig eingestellt worden.

Der Abschnitt zwischen Bad Harzburg und Stapelburg über Eckertal wurde während der Teilung entwidmet und nach der Wiedervereinigung nicht wiederaufgebaut.

Stattdessen wurde eine Neubaustrecke von Vienenburg nach Ilsenburg errichtet.

Die Halte Stapelburg, Eckertal und Westerode behandelt der Beitrag Stapelburg–Bad Harzburg: Der gekappte Abschnitt der Nordharzstrecke.

So sieht es jetzt aus

Um das Jahr 2000 war der Zustand der Strecke schlecht und von starkem Bewuchs geprägt.

Nachdem DB Cargo die beiden letzten Güteranschlüsse nicht mehr bediente, hielten einige Kommunalpolitiker die Strecke für stilllegungsgefährdet.

Eine Einstellung des Verkehrs wurde jedoch nicht durchgeführt.

Im Oktober 2018 wurde der Abschnitt von der Einmündung in die Strecke Goslar–Vienenburg in Oker bis zum Rupenklint westlich von Harlingerode saniert, dabei wurde der Oberbau mit Ausnahme der Schienen ersetzt.

Der restliche Abschnitt bis zur Einfädelung in die Strecke Braunschweig–Bad Harzburg wurde im Herbst 2020 saniert, unter anderem mit neuen Schwellen.

Seit der Einstellung des Interregio wird die Strecke nur noch vom Nahverkehr bedient.

Einen direkten Güteranschluss hat sie nicht mehr.

Die Strecke vom Rupenklint bei Harlingerode mit einem RE 10, August 2021.
Die Strecke vom Rupenklint bei Harlingerode mit einem RE 10, August 2021. Foto: Till-André Diegeler, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Ein LINT 41 von Erixx nahe der ehemaligen Zinkhütte Harlingerode, November 2018.
Ein LINT 41 von Erixx nahe der ehemaligen Zinkhütte Harlingerode, November 2018. Foto: Nin-TD, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Die Geschichte in Daten

1902: Am 31. Dezember geht der Wunsch nach einer Strecke Bad Harzburg–Oker an das Eisenbahnkommissariat.

1906: Am 8. Mai beginnen die Vorbereitungen zum Geländekauf.

1910: Am 15. Juli beginnt der Bau.

1911: Ab dem 1. September ist der Arbeitszugbetrieb zugelassen.

1912: Am 7. März findet die Abnahme statt, am 1. Mai wird die Strecke mit Harlingerode und Schlewecke eröffnet.

1945: Am 10. April wird der Betrieb vorläufig eingestellt.

1976: Am 30. Juni wird der Haltepunkt Schlewecke aufgelassen.

1986: Die Bundesbahn erneuert in Schlewecke die Brücken über die Radau und die Bahnhofstraße.

1987: Am 31. Mai wird der Bahnhof Harlingerode für Reisende aufgelassen.

1988: Die Zinkhütte Harlingerode wird stillgelegt.

2001: Am 27. Oktober wird Oker Ost offiziell aufgelassen.

2018: Im Oktober wird der Abschnitt von Oker bis zum Rupenklint saniert.

2020: Im Herbst wird der Rest der Strecke saniert.

2021: Im Frühjahr werden die Gleisanlagen von Oker Ost abgerissen.

Häufige Fragen

Ist die Strecke Bad Harzburg–Oker stillgelegt?
Nein. Die Strecke ist in Betrieb und dient dem Personenverkehr zwischen Bad Harzburg und Goslar. Nur Schlewecke, Harlingerode und Oker Ost haben keinen Reiseverkehr mehr.
Wann wurde der Haltepunkt Schlewecke aufgelassen?
Offiziell am 30. Juni 1976. Das Kursbuch vom Sommer 1976 verzeichnete dort keinen Halt mehr.
Warum wurde die Strecke gebaut?
Zwischen Bad Harzburg und Oker fehlte ein Stück der Verbindung am Harzrand zwischen Goslar und Halberstadt. Der Bahnhof Vienenburg war überlastet, und das Sägewerk Klages in Harlingerode wollte einen Bahnanschluss.
Woher stammt der Name Harzhexenbahn?
Die Verbindung von Goslar über Bad Harzburg nach Halberstadt erhielt ihn in der Anfangszeit. Eine Herleitung des Namens ist nicht belegt.
Wird Harlingerode wieder zum Halt?
Für die 2030er Jahre ist der Neubau der Betriebsstation Harlingerode als Haltepunkt vorgesehen.

Die Strecke blieb bestehen, ihre drei Halte verloren zwischen 1976 und 2001 den Reiseverkehr.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnstrecke Bad Harzburg–Oker · DeWiki: Schlewecke (Bad Harzburg) · Eisenbahn Harzvorland: Strecke Bad Harzburg–Goslar

Alle Fotos stammen von Wikimedia Commons und sind gemeinfrei oder stehen unter einer freien Creative-Commons-Lizenz. Urheber, Lizenz und Quelle stehen direkt am Bild.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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