Der Bahnhof Oker Ost: Ein Güterbahnhof wird zugeschüttet

Lost Place · Stillgelegte Bahnhöfe

Der Bahnhof Oker Ost: Ein Güterbahnhof wird zugeschüttet

Oker Ost war ein Betriebs- und Güterbahnhof für die Zinkhütte und den Kalksteinbruch bei Harlingerode. 2001 stillgelegt, 2021 abgebaut, und heute füllt man das Gelände auf, nur das Stellwerk ist noch da.

VORHER · 2018

Der Gleispark des Güterbahnhofs Oker Ost im April 2018, mit einer roten Stahlbrücke über den Gleisen.

Der Gleispark des Güterbahnhofs Oker Ost im April 2018, mit einer roten Stahlbrücke über den Gleisen. Foto: Nin-TD, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
NACHHER · 2021

Der frühere Bahnhof im Juni 2021: Der Gleispark ist abgebaut, das mechanische Stellwerk steht noch.

Der frühere Bahnhof im Juni 2021: Der Gleispark ist abgebaut, das mechanische Stellwerk steht noch. Foto: Till-André Diegeler, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Kurz erklärt
1939
Plan für den Betriebsbahnhof
1942
Offizielle Abnahme
2001
Stilllegung
2021
Gleispark abgebaut

Lage: Hochfläche Kaltes Feld bei Harlingerode, Stadt Bad Harzburg, an der Bahnstrecke Bad Harzburg–Oker. Status: Betriebs- und Güterbahnhof, 2001 stillgelegt, Gelände seit Oktober 2021 entwidmet. Heute: Das Gelände gehört einem Industrieunternehmen und ist nicht öffentlich zugänglich.

Dieser Beitrag behandelt einen Bahnhof, den kaum je Reisende nutzten.

Oker Ost war ein Betriebs- und Güterbahnhof an der Strecke Bad Harzburg–Oker, gebaut für die Industrie.

Wir behandeln ihn trotzdem, weil er ein ungewöhnlicher Fall von Stilllegung ist: Der Bahnhof verschwindet nicht durch Verfall, sondern wird abgebaut und aufgefüllt.

Alte Fotos unter freier Lizenz gibt es auf Wikimedia Commons nicht, die ältesten Aufnahmen sind von 2018.

Das erste Bild zeigt den Zustand vor dem Abbau, das zweite danach.

Wo der Bahnhof liegt

Der Bahnhof lag etwa 1,5 Kilometer westlich vom Ortskern von Harlingerode und etwa 1,5 Kilometer nordöstlich vom Ortskern von Oker.

Er steht auf dem Gebiet der Stadt Bad Harzburg im Landkreis Goslar, auf einer Hochfläche östlich des Okertals, die man Kaltes Feld nennt.

Unmittelbar südlich liegt das Gelände des Hüttenwerks Harz.

Den Namen bekam der Bahnhof nach dem Bahnhof Oker im Goslarer Stadtteil Oker.

Entstehung: Gleise für Kalk und Zink

Schon beim Bau der Strecke Bad Harzburg–Oker ab 1909 berücksichtigte man eine Schmalspurbahn vom Kalksteinbruch Langenberg, den damals Adolph Willikens betrieb.

Sie bog aus Richtung Süden ab und verlief parallel südlich der Hauptstrecke bis zum Hang des Rupenklints.

1919 wurde auf der Nordseite die Anschlussbahn der Metall- und Farbwerke Oker aus dem Steinfeld angeschlossen.

Den Plan für den voll ausgebauten Bahnhof stellte der Ingenieur Hans Schmidt aus Hannover am 14. Mai 1938 auf.

Im März 1939 beantragten die Unterharzer Berg- und Hüttenwerke das Genehmigungsverfahren, um das bisherige Anschlussgleis des Kalkwerks zum Betriebsbahnhof für die Zinkhütte Harlingerode umzubauen.

Die Schmalspurstrecke wurde abgerissen und durch einen Neubau in Normalspur ersetzt, und das Kalkwerk bekam einen eigenen Gleisanschluss, der vom Hüttenbetrieb getrennt war.

Am 22. April 1939 genehmigte die Landesregierung des Freistaats Braunschweig den Plan.

Die Anlagen wurden am 18. Juni 1942 von der Landespolizei offiziell abgenommen.

Genehmigt war auch ein 150 Meter langer und 38 Zentimeter hoher Bahnsteig am Gleis 2.

Zumindest bis 1942 wurden diese Anlagen für Reisende aber nicht gebaut.

Etwa 1953 nutzte man den Bahnhof kurzfristig als betriebsinternen Personenbahnhof mit einer Verbindung zum Bahnhof Oker.

Wofür der Bahnhof da war: Zinkhütte und Kalkwerk

Die Zinkhütte Harlingerode entstand ab 1935 als neuer Betrieb der Unterharzer Berg- und Hüttenwerke, um das Zinkkonzentrat aus dem ausgebauten Bergwerk Rammelsberg zu verarbeiten.

Für die Gebäude gewann man die bekannten Industriearchitekten Fritz Schupp und Martin Kremmer.

Am 30. Dezember 1936 wurde im Ofenhaus West das erste Zinkmetall abgestochen.

Den Anschluss an den Güterverkehr stellte im Wesentlichen der neu gebaute Betriebsbahnhof Oker Ost her, dessen Anlage 1942 offiziell genehmigt wurde.

Während des Krieges setzte der Betrieb auch osteuropäische Zwangsarbeiter ein.

Nach 1945 lief die Hütte wieder an, und von 1948 bis 1970 war sie die größte und modernste Zinkhütte Deutschlands.

Zwischen 1958 und 1959 hatte sie mit über 1.000 Beschäftigten ihren höchsten Personalstand.

Der Kalksteinbruch Langenberg, für den das Kalkwerk Oker arbeitet, besteht seit 1871.

Zunächst musste der Kalk mit Pferdegespannen über drei Kilometer zum nächsten Bahnhof gefahren werden, später bekam das Werk einen eigenen Bahnanschluss.

Mit sinkenden Metallpreisen begann in den 1970er Jahren der Niedergang.

Am 30. Juni 1988 wurde die Hütte zusammen mit dem Bergwerk Rammelsberg offiziell eingestellt.

Bis 2000 liefen noch bis zu zehn Öfen als kleine Hütte weiter.

Im Jahr 2020 entstand aus der Insolvenzmasse der Harz-Metall GmbH die Industriepark und Verwertungszentrum Harz GmbH, der das Gelände heute gehört.

So sah es vorher aus: Dreizehn Gleise

Nach dem Bau der Zinkhütte hatte der Bahnhof 13 Gleise, die von Nord nach Süd nummeriert waren.

Gleis 1 schloss den Gleispark etwa 200 Meter westlich des Stellwerks Ozf an das Streckengleis der Strecke nach Bad Harzburg an.

Die Gleise 3 und 4 waren Abholgleise mit einer Länge von 533 Metern.

Die Gleise 5 und 6 dienten als Zustellgleise, die Gleise 7 und 8 als Abstellgleise, die Gleise 9 und 10 als Werksgleise, und das Gleis 11 wurde als Umsetzgleis benutzt.

Der Kalksteinbruch Langenberg hatte zwei Privatgleise, K1 und K2.

Für den Bahnhof sind zwei Stellwerke nachgewiesen.

Das Stellwerk Ozf am Westende des Geländes war ein mechanisches Einheitsstellwerk mit Wechselstromblock und ging 1939 in Betrieb.

Das weiter östlich gelegene Stellwerk Ozo wurde vor 1976 stillgelegt und ist heute restlos abgerissen.

Die technisch nicht gesicherten Bahnübergänge, etwa die Kreuzung mit der heutigen K 70, durften nur mit fünf Kilometern pro Stunde und vorherigem Pfeifen befahren werden.

Die Bahnstrecke beim Kalten Feld in Harlingerode im Februar 2018.
Die Bahnstrecke beim Kalten Feld in Harlingerode im Februar 2018. Foto: Nin-TD, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Niedergang: Die Hütte schließt, der Bahnhof folgt

Die meisten Produktionsgebäude der Zinkhütte Harlingerode wurden stillgelegt.

Die Gleisanschlüsse der Zinkhütte und des Kalksteinbruchs wurden daraufhin abgetrennt.

Zum 27. Oktober 2001 wurde der Bahnhof Oker Ost offiziell stillgelegt, zusammen mit dem Stellwerk Ozf.

Der Gleiskörper südlich der Strecke blieb bis Februar 2021 intakt, war aber von der Strecke getrennt und blieb ungenutzt.

Ruderalvegetation überwuchs ihn nach und nach.

Ein Prellbock am Ostende einer Nebentrasse, Februar 2018. Der stillgelegte Zubringer zur Zinkhütte wurde wegen des Baus einer Brücke von der Haupttrasse getrennt.
Ein Prellbock am Ostende einer Nebentrasse, Februar 2018. Der stillgelegte Zubringer zur Zinkhütte wurde wegen des Baus einer Brücke von der Haupttrasse getrennt. Foto: Nin-TD, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Stillgelegte, stark verzweigte Gleisanlagen an der früheren Zinkhütte Harlingerode, Februar 2018.
Stillgelegte, stark verzweigte Gleisanlagen an der früheren Zinkhütte Harlingerode, Februar 2018. Foto: Nin-TD, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

So sieht es jetzt aus

Zum 1. Oktober 2020 erwarb die Industriepark und Verwertungszentrum Harz GmbH den Gleiskörper südlich der Strecke und weitere Flächen.

Auf dem ungenutzten Bahnhofsgelände plant das Unternehmen auf rund 41.000 Quadratmetern eine Erweiterungsfläche.

Damit verbunden sind die Sanierung der Fläche und die Versiegelung von etwa der Hälfte.

Nach einem Bericht der Goslarschen Zeitung ist der Boden belastet, deshalb kann das Gelände nicht so genutzt werden, wie es ist.

Es soll saniert und auf die Höhe des benachbarten Industriegeländes angehoben werden, auch um die Staubbelastung zu verringern.

Blick vom Zubringergleis 2 auf den Gleispark, 31. Oktober 2020, etwa einen Monat nach dem Erwerb des Geländes.
Blick vom Zubringergleis 2 auf den Gleispark, 31. Oktober 2020, etwa einen Monat nach dem Erwerb des Geländes. Foto: Nin-TD, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Im März 2021 wurden das Gleis und alle Signale, Weichen und weiteren Bahnanlagen bis auf das Stellwerk Ozf abgebaut.

Seit Ende September 2021 wird die Fläche mit Bodenaushub verfüllt.

Am 29. Oktober 2021 erfolgte die vollständige Entwidmung des Bahnhofsgeländes nach dem Allgemeinen Eisenbahngesetz.

Das Gelände im Januar 2021, im Schnee. Im Hintergrund stehen Hallen.
Das Gelände im Januar 2021, im Schnee. Im Hintergrund stehen Hallen. Foto: Till-André Diegeler, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Blick vom Rupenklint auf die Strecke Oker–Bad Harzburg und die Fläche des Bahnhofs, Mai 2021.
Blick vom Rupenklint auf die Strecke Oker–Bad Harzburg und die Fläche des Bahnhofs, Mai 2021. Foto: Till-André Diegeler, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.
Der entwidmete Bahnhof im Juni 2022. Die Rangierfläche dient langfristig als Baugrund für Industrieerweiterungen.
Der entwidmete Bahnhof im Juni 2022. Die Rangierfläche dient langfristig als Baugrund für Industrieerweiterungen. Foto: Till-André Diegeler, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Das Stellwerk Ozf ist nach dem Stand von 2022 baulich erhalten, aber nicht öffentlich zugänglich.

Vandalismus und Verwitterung haben es stark beschädigt.

Ein Triebwagen der Erixx fährt im November 2018 nahe der ehemaligen Zinkhütte Richtung Bad Harzburg.
Ein Triebwagen der Erixx fährt im November 2018 nahe der ehemaligen Zinkhütte Richtung Bad Harzburg. Foto: Nin-TD, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert.

Vorher und nachher: Aus dem Gleispark wird Baugrund

Auf dem Foto von 2018 sieht man noch den Gleispark mit der roten Stahlbrücke.

Auf dem Foto von 2021 ist der Gleispark verschwunden, und am Rand der freien Fläche stehen nur noch Stellwerk, Stahlbrücke und Streckengleis.

Ein Jahr später ist die Rangierfläche aufgefüllt, und ein Bahnhof mit 13 Gleisen ist nicht mehr zu erkennen.

Das Gelände zeigt, dass ein Lost Place auch durch Aufräumen verschwinden kann.

Die Geschichte in Daten

1909: Bei der Streckenplanung ist eine Schmalspurbahn vom Kalksteinbruch Langenberg vorgesehen.

1919: Die Anschlussbahn der Metall- und Farbwerke Oker wird angeschlossen.

14. Mai 1938: Der Plan für den voll ausgebauten Bahnhof wird aufgestellt.

22. April 1939: Die Landesregierung genehmigt den Betriebsbahnhof.

18. Juni 1942: Offizielle Abnahme der Anlagen.

Um 1953: Kurzzeitig betriebsinterner Personenverkehr zum Bahnhof Oker.

27. Oktober 2001: Der Bahnhof und das Stellwerk Ozf werden stillgelegt.

1. Oktober 2020: Ein Industrieunternehmen erwirbt den Gleiskörper.

März 2021: Gleise, Signale und Weichen werden abgebaut.

29. Oktober 2021: Das Gelände wird entwidmet.

Häufige Fragen

War Oker Ost ein Personenbahnhof?
Nein, es war ein Betriebs- und Güterbahnhof. Nur um 1953 gab es kurzzeitig einen betriebsinternen Personenverkehr zum Bahnhof Oker.
Wofür wurde der Bahnhof gebaut?
Er bediente Teile des Hüttenwerks Harz, die Zinkhütte Harlingerode und den Kalksteinbruch Langenberg.
Wann wurde Oker Ost stillgelegt?
Am 27. Oktober 2001, zusammen mit dem Stellwerk Ozf.
Gibt es den Bahnhof noch?
Nein, die Gleise wurden im März 2021 abgebaut, und das Gelände wird mit Bodenaushub verfüllt. Nur das Stellwerk Ozf steht noch.
Darf man das Gelände betreten?
Nein. Das Gelände gehört einem Industrieunternehmen und ist nicht öffentlich zugänglich. Das Stellwerk ist stark beschädigt.
Fahren auf der Strecke noch Züge?
Ja, die Strecke Bad Harzburg–Oker ist in Betrieb. Der frühere Güterbahnhof ist davon abgetrennt.

Der Bahnhof Oker Ost war ein Arbeitsort, kein Ort für Reisende.

Dass sein Gleispark heute zugeschüttet wird, passt zu seiner Geschichte, denn er war immer ein Teil der Industrie.

Quellen und Bildrechte

Wikipedia: Bahnhof Oker Ost · Wikipedia: Zinkhütte Harlingerode · Wikipedia: Kalksteinbruch Langenberg · Goslarsche Zeitung: Ein ganzer Güterbahnhof wird recycelt · Stellwerke.info: Stellwerk Ozf Oker Ost

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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