Stimmt es, dass die Bahn zu 100 Prozent mit Ökostrom fährt? Herkunftsnachweise, Bahnstrommix und Diesel erklärt

STIMMT ES, DASS …?

„Nächster Halt: der grüne Strom. Mit einem kleinen Sternchen.“

Stimmt es, dass die Bahn zu 100 Prozent mit Ökostrom fährt? Herkunftsnachweise, Bahnstrommix und Diesel erklärt

→ Kurz gesagt: Für einen Teil ja – für das Ganze noch nicht

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Kurz gesagt

„100 Prozent Ökostrom“ wirbt die Bahn im Fernverkehr. Doch was steckt hinter dieser Zahl? Ein Blick auf Herkunftsnachweise, den tatsächlichen Bahnstrommix und den Diesel, der auf vielen Strecken noch immer läuft – und warum die Antwort ein „Ja, aber“ ist.

U-Bahn-Station St. Pauli in Hamburg
Foto: Jivee Blau, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Die kurze Antwort

Es kommt darauf an, wovon man spricht.

Für den Fernverkehr stimmt die Aussage: Alle ICE und IC fahren rechnerisch mit 100 Prozent Ökostrom.

Für die gesamte Bahn dagegen gilt das noch nicht.

Der Strommix des ganzen Konzerns ist grüner geworden, aber noch nicht vollständig erneuerbar – und ein großer Teil des Netzes fährt sogar noch mit Diesel.

Die Werbung mit den „100 Prozent“ ist also nicht falsch, aber sie erzählt nur einen Ausschnitt.

Wer genauer hinschaut, entdeckt hinter der runden Zahl ein differenzierteres Bild.

Bahnstrom in Zahlen

100 %

im Fernverkehr

ICE und IC, rechnerisch grün

>60 %

Gesamtmix

erneuerbar, Ziel 100 % bis 2038

≈40 %

des Netzes

nicht elektrifiziert – Diesel

Der Fernverkehr wird über Herkunftsnachweise grün gestellt.

Auf nicht elektrifizierten Strecken fahren Diesel-, Akku- und Wasserstoffzüge.

Was „100 Prozent Ökostrom“ wirklich heißt

Hinter der Zahl steckt ein Instrument namens Herkunftsnachweis.

Vereinfacht gesagt kauft die Bahn für die im Fernverkehr verbrauchte Strommenge Zertifikate, die belegen, dass anderswo genau diese Menge aus erneuerbaren Quellen erzeugt wurde.

Rechnerisch fährt der ICE damit vollständig grün.

Das ist ein gängiges und anerkanntes Verfahren, hat aber eine Feinheit: Es bedeutet nicht, dass in der Oberleitung über dem ICE physisch nur Ökostrom fließt.

Strom lässt sich im Netz nicht sortieren.

Die grüne Bilanz entsteht über die Menge und die Nachweise, nicht über einen separaten grünen Draht.

Herkunftsnachweis, kurz erklärt

Für jede erneuerbar erzeugte Strommenge gibt es einen Nachweis.

Wer diese Nachweise kauft, darf seinen Verbrauch als grün ausweisen.

Physisch fließt im Netz weiter der gemischte Strom aller Erzeuger.

Der reale Bahnstrommix

Blickt man auf den gesamten Bahnstrom, nicht nur auf den Fernverkehr, zeigt sich der tatsächliche Stand.

Der Anteil erneuerbarer Energien am Bahnstrommix liegt inzwischen deutlich über der Hälfte und steigt Jahr für Jahr.

Wasserkraft, Windparks und langfristige Ökostromverträge tragen ihn nach oben.

Vollständig grün ist dieser Mix aber noch nicht.

Die Bahn hat sich das Ziel gesetzt, bis 2038 komplett auf erneuerbaren Strom umzustellen.

Bis dahin fließt in den echten Bahnstrom auch noch konventionell erzeugter Strom – der Weg zur echten Hundert-Prozent-Marke ist also noch nicht zu Ende.

Der Diesel im Hintergrund

Und dann ist da noch der blinde Fleck jeder Ökostrom-Debatte: der Diesel.

Rund 40 Prozent des Streckennetzes haben gar keine Oberleitung.

Dort fahren Dieseltriebwagen, für die die Frage nach dem grünen Strom sich schlicht nicht stellt – sie verbrennen fossilen Kraftstoff.

Immerhin ändert sich das: Auf immer mehr dieser Strecken ersetzen Akku- und Wasserstoffzüge die alten Dieselfahrzeuge.

Doch bis der letzte Dieseltriebwagen verschwunden ist, kann von einer rundum grünen Bahn keine Rede sein.

Detail eines Triebwagens der Baureihe 422
Foto: EveryPicture, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ehrlich eingeordnet

Unterm Strich ist die Bahn schon heute das mit Abstand klimafreundlichste motorisierte Verkehrsmittel – auch mit dem Sternchen hinter den „100 Prozent“

Der Fernverkehr fährt rechnerisch grün, der Gesamtmix wird es Schritt für Schritt, und der Diesel weicht nach und nach sauberen Antrieben.

Die ehrliche Antwort lautet deshalb: Die Bahn fährt nicht überall zu 100 Prozent mit Ökostrom, ist dem Ziel aber näher als jeder andere Verkehrsträger – und arbeitet sichtbar darauf hin.

Häufige Fragen

Warum die Bahn trotzdem grün ist

Bei aller Feinheit der Zahlen darf man den Wald vor lauter Bäumen nicht übersehen.

Selbst mit dem heutigen, noch nicht ganz grünen Mix ist die Bahn dem Auto und dem Flugzeug bei der Klimabilanz weit überlegen.

Sie fährt effizient, verteilt ihre Energie auf viele Fahrgäste und wird mit jedem Jahr sauberer.

Der entscheidende Vorteil ist struktureller Natur: Eine elektrische Bahn kann grün werden, ein Verbrennerauto nicht.

Je mehr Ökostrom ins Netz fließt, desto sauberer wird automatisch jede Bahnfahrt – ohne dass am Zug selbst etwas geändert werden müsste.

Was das für Reisende bedeutet

Für Fahrgäste ist die gute Nachricht: Wer mit dem Fernverkehr fährt, reist schon heute rechnerisch mit grünem Strom.

Und wer den Nahverkehr nutzt, trägt dazu bei, dass die Bahn insgesamt gebraucht und ausgebaut wird – der Hebel, an dem der Umstieg auf saubere Antriebe hängt.

Man muss die Werbung mit den „100 Prozent“ also weder für bare Münze nehmen noch als Schwindel abtun.

Sie ist ein ehrlicher Zwischenstand auf einem Weg, den kein anderes Verkehrsmittel so konsequent geht.

Ist die Werbung mit 100 Prozent Ökostrom Etikettenschwindel?
Nein. Sie bezieht sich korrekt auf den Fernverkehr, der über Herkunftsnachweise vollständig grün gestellt ist. Missverständlich wird es nur, wenn man die Aussage auf die gesamte Bahn überträgt.
Warum kann man den grünen Strom nicht direkt zum ICE leiten?
Weil sich Strom im Netz nicht kennzeichnen oder sortieren lässt. Alle Erzeuger speisen in dasselbe Netz ein; die grüne Bilanz entsteht deshalb über Mengen und Nachweise, nicht über einen eigenen Draht.
Wann fährt die ganze Bahn wirklich grün?
Die Deutsche Bahn hat sich das Jahr 2038 als Ziel gesetzt, um ihren gesamten Bahnstrom auf erneuerbare Energien umzustellen. Parallel ersetzen saubere Antriebe den Diesel auf nicht elektrifizierten Strecken.

Weiterfahrt

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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