Stimmt es, dass die Bahn zu 100 Prozent mit Ökostrom fährt? Herkunftsnachweise, Bahnstrommix und Diesel erklärt

Bahn-Slam · Stimmt es, dass …?

„Sehr geehrte Fahrgäste, dieser Zug fährt mit 100 Prozent Ökostrom. Der Strom weiß davon nichts.“

Stimmt es, dass die Bahn zu 100 Prozent mit Ökostrom fährt?

→ Stimmt – auf dem Papier. Ökostrom bei der Bahn ist wie Geld auf der Bank: Man bekommt nicht die Scheine zurück, die man eingezahlt hat, aber die Summe stimmt.

Lesezeit: 8 Minuten · Mythen-Check · Energie

Kurz gesagt

Jein. Der Fernverkehr – ICE, IC und EC – fährt seit 2018 rechnerisch zu 100 Prozent mit Ökostrom: Die Bahn kauft so viele Grünstrom-Nachweise, wie ihre Fernzüge verbrauchen, geprüft vom TÜV SÜD. Physikalisch kommt aus der Oberleitung aber immer der Mix des Bahnstromnetzes – und der war 2025 zu 71,5 Prozent erneuerbar. Regional- und Güterzüge fahren mit diesem Mix. Bis 2030 sollen es 80 Prozent sein, bis 2038 alles. Und rund 40 Prozent der Strecken haben gar keine Oberleitung; dort fahren Dieselzüge.

Am Zug klebt ein Aufkleber: „100 % Ökostrom“.

Oben summt die Oberleitung mit 15.000 Volt, und irgendwo in Deutschland dreht sich dafür ein Windrad. Oder eine Turbine im Wasserkraftwerk. Oder eine im Kohlekraftwerk.

Welche davon den ICE bewegt, lässt sich nicht sagen – Strom hat keine Farbe.

Ökostrom bei der Bahn funktioniert wie Geld auf der Bank: Man bekommt nicht dieselben Scheine zurück, die man eingezahlt hat, aber die Summe stimmt.

Ob das reicht, um „100 Prozent“ zu sagen, ist die eigentliche Frage.

Bahnstromleitung zwischen Flörsheim und Bingen
Eine Bahnstromleitung im Rheingau: Das eigene Netz der Bahn transportiert Strom mit 16,7 Hertz zu den Oberleitungen. Foto: Kreuzschnabel, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Stimmt es? Für den Fernverkehr: ja – auf dem Papier

Seit Anfang 2018 sind ICE, IC und EC innerhalb Deutschlands rechnerisch mit 100 Prozent Ökostrom unterwegs.

Das funktioniert über Herkunftsnachweise: Für jede Megawattstunde Grünstrom, die ein Kraftwerk einspeist, stellt das Umweltbundesamt ein Zertifikat aus.

Die Bahn kauft über ihre Tochter DB Energie so viele dieser Nachweise, wie ihre Fernzüge verbrauchen, und lässt sie entwerten – jeder Nachweis zählt nur einmal.

Der TÜV SÜD prüft das jedes Jahr.

Das Geld fließt damit an Erzeuger von Grünstrom, überwiegend an Wasserkraftwerke.

Aus der Oberleitung kommt trotzdem der Strom, der gerade im Netz ist – Sonne, Wind, Wasser, Gas und Kohle, alles gemischt.

Der echte Mix: 71,5 Prozent

Die Bahn betreibt ein eigenes Stromnetz: mehr als 7.900 Kilometer Leitungen mit 16,7 Hertz statt der 50 Hertz aus der Steckdose.

In diesem Netz lag der Anteil erneuerbarer Energien 2025 bei 71,5 Prozent.

2013 waren es rund 35 Prozent, 2019 etwa 60 – der Anteil steigt seit Jahren.

Bis 2030 will die Bahn auf 80 Prozent kommen, spätestens 2038 auf 100.

Regional- und Güterzüge fahren mit diesem Mix, ohne zusätzliche Nachweise; die Bahnhöfe, Werke und Büros werden seit 2025 mit Ökostrom versorgt.

Bahnstrom in Zahlen

100 %

Ökostrom im Fernverkehr

seit 2018, über Herkunftsnachweise, vom TÜV SÜD geprüft

71,5 %

erneuerbar im Bahnstrommix

2025; im Jahr davor waren es 69,8 Prozent

80 %

Ziel 2030

100 Prozent spätestens 2038

7.900 km

Bahnstromnetz

eigenes Hochspannungsnetz mit 16,7 Hertz

≈ 60 %

Strecken mit Oberleitung

der Rest fährt Diesel – etwa nach Sylt und Oberstdorf

1 MWh

pro Herkunftsnachweis

ausgestellt und entwertet über das Umweltbundesamt

Quellen: Deutsche Bahn (nachhaltigkeit.deutschebahn.com), Umweltbundesamt, Verivox. Elektrifizierungsgrad gerundet.

Ist das Greenwashing?

Kritiker sagen: Ein Zertifikat macht kein Kohlekraftwerk grüner.

Wer Nachweise von einem Wasserkraftwerk kauft, das ohnehin läuft, verändert am Strommix nichts – er kauft nur das Etikett.

Die Bahn hält dagegen: Das Geld schafft Nachfrage nach Grünstrom, und ohne Nachweise könnte niemand nachvollziehen, wer wie viel Ökostrom bezahlt hat.

Beide haben recht.

Ehrlicher wird die Sache dort, wo die Bahn Strom direkt bei neuen Wind- und Solarparks bestellt – solche Verträge gibt es, und sie sollen den Anteil bis 2030 auf 80 Prozent heben.

Entscheidend ist am Ende nicht das Etikett, sondern ob neue Anlagen gebaut werden, weil die Bahn zahlt.

Wo die Bahn noch Diesel fährt

Rund 40 Prozent des Streckennetzes haben keine Oberleitung. Dort fahren Dieseltriebwagen – von der Marschbahn nach Sylt bis zur Strecke nach Oberstdorf.

Weil das die weniger befahrenen Strecken sind, laufen trotzdem etwa neun von zehn Zugkilometern elektrisch.

Ersatz sollen Oberleitungen, Akkuzüge und einzelne Wasserstoffzüge bringen – aber langsam, Strecke für Strecke.

Warum die Bahn trotzdem das grünste Verkehrsmittel ist

Selbst mit dem echten Mix von 71,5 Prozent liegt die Bahn weit vor Auto und Flugzeug.

Ein elektrischer Zug bewegt hunderte Menschen mit dem Strom, den ein einzelnes Haus für Wochen bräuchte.

Die Bahn gilt als größter Stromverbraucher Deutschlands – und ist zugleich der Verkehrsträger mit dem kleinsten CO₂-Rucksack pro Fahrgast.

Der Aufkleber „100 % Ökostrom“ ist also keine Lüge – aber eine Abkürzung.

Das Urteil

Stimmt für den Fernverkehr – auf dem Papier. ICE, IC und EC fahren seit 2018 mit Ökostrom, der über Herkunftsnachweise zugerechnet wird.

Physikalisch fährt jeder elektrische Zug mit dem Bahnstrommix: 71,5 Prozent erneuerbar im Jahr 2025, Tendenz steigend.

Und rund 40 Prozent der Strecken haben gar keine Oberleitung. Die Bahn ist grün – aber grüner auf dem Aufkleber als in der Leitung.

Häufige Fragen zum Bahnstrom

Fährt der ICE mit Ökostrom?
Rechnerisch ja, seit 2018 zu 100 Prozent: Die Bahn kauft Herkunftsnachweise für so viel Grünstrom, wie ihre Fernzüge verbrauchen. Physikalisch kommt aus der Oberleitung der Bahnstrommix.
Wie grün ist der Bahnstrommix?
2025 lag der Anteil erneuerbarer Energien bei 71,5 Prozent. 2013 waren es rund 35 Prozent. Ziel sind 80 Prozent bis 2030 und 100 Prozent bis 2038.
Was ist ein Herkunftsnachweis?
Ein Zertifikat des Umweltbundesamts für eine Megawattstunde Grünstrom. Es wird gehandelt, einem Verbrauch zugeordnet und dann entwertet, damit es niemand doppelt nutzt.
Ist das Greenwashing?
Umstritten. Kritiker sagen, Zertifikate ändern nichts am Strommix. Die Bahn sagt, das Geld fördert Grünstrom. Ehrlicher sind direkte Verträge mit neuen Wind- und Solarparks, die es ebenfalls gibt.
Fahren Regionalzüge auch mit Ökostrom?
Sie fahren mit dem Bahnstrommix, also 2025 zu 71,5 Prozent erneuerbar – ohne zusätzliche Nachweise. Bahnhöfe und Werke werden seit 2025 komplett mit Ökostrom versorgt.
Warum hat die Bahn ein eigenes Stromnetz?
Bahnstrom hat 16,7 Hertz statt 50. Deshalb betreibt die Bahn mehr als 7.900 Kilometer eigene Leitungen und Umformerwerke, die den Strom aus dem öffentlichen Netz umwandeln.
Wo fahren noch Dieselzüge?
Auf rund 40 Prozent der Strecken ohne Oberleitung, etwa nach Sylt oder Oberstdorf. Weil das Nebenstrecken sind, laufen trotzdem etwa neun von zehn Zugkilometern elektrisch.
Ist die Bahn trotzdem klimafreundlich?
Ja. Auch mit dem echten Mix liegt sie pro Fahrgast weit vor Auto und Flugzeug – ein Zug bewegt hunderte Menschen mit vergleichsweise wenig Strom.

Quellen

Deutsche Bahn, Nachhaltigkeitsportal: „Wie die Deutsche Bahn beim Bahnstrom auf erneuerbare Energien setzt“ und „Erneuerbare Energien: Wie funktionieren Herkunftsnachweise?“; bahn.de: Ökostrom; Verivox: „Deutsche Bahn Strommix“; Umweltbundesamt: Herkunftsnachweisregister.

Elektrifizierungsgrad und Vergleiche gerundet. Stand: September 2026.

Weiterfahrt

Bahnstromsystem – warum die Bahn 16,7 Hertz braucht

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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