Ich verstehe nur Bahnhof · Das Wörterbuch · Begriff 047
„Wegen eines Oberleitungsschadens.“
Stromabnehmer
→ Übersetzt: Ein Bügel am Draht. Daran hängt der ganze Zug.
Lesezeit: 5 Minuten · Zug & Technik
Die 30-Sekunden-Antwort
Der Stromabnehmer ist der bewegliche Bügel auf dem Dach. Er drückt eine Schleifleiste aus Kohle von unten gegen den Fahrdraht und holt dort 15.000 Volt ab. Angehoben wird er mit Druckluft, gehalten von Federn. Bei 300 Stundenkilometern bleibt er in Kontakt, weil der Anpressdruck genau geregelt ist. Reißt der Kontakt, steht der Zug sofort.
Auf dem Dach jedes elektrischen Zuges sitzt ein Gestell.
Es sieht zerbrechlich aus, fast wie ein zusammengeklappter Kleiderbügel.
Daran hängt die gesamte Energieversorgung von 400 Tonnen Zug.
Und es berührt den Draht bei Tempo 300 auf wenigen Zentimetern.
Wenn dieser Kontakt abreißt, passiert etwas, das eine ganze Strecke lahmlegt.
Der Fachbegriff dafür klingt harmlos. Die Folgen sind es nicht.

Wie er funktioniert
Der Bügel wird mit Druckluft angehoben und von Federn nach oben gedrückt.
Oben sitzt die Schleifleiste. Sie besteht aus Kohle, nicht aus Metall.
Das ist Absicht. Kohle ist weicher als der Kupferdraht darüber.
So nutzt sich die billige Leiste ab und nicht die teure Oberleitung.
Der Anpressdruck muss genau stimmen.
Zu wenig, und der Kontakt reißt ab. Zu viel, und der Draht wird beschädigt.
Deshalb wird der Druck bei hohem Tempo automatisch nachgeregelt.
Warum der Draht im Zickzack hängt
Das ist der Trick, den fast niemand kennt.
Der Fahrdraht verläuft nicht gerade über der Gleismitte.
Er pendelt seitlich hin und her, in gleichmäßigen Bogen.
Dadurch wandert der Kontaktpunkt über die ganze Breite der Schleifleiste.
Würde er immer an derselben Stelle schleifen, wäre dort nach kurzer Zeit eine Kerbe.
Mehr dazu steht bei der Oberleitung.
Wie so ein Stromabnehmer im Detail gebaut ist, zeigt dieses Video.
Video: „Die geniale Ingenieurskunst hinter Pantografen!“ vom Kanal JAES Company Deutsch.
Wenn der Kontakt abreißt
Jetzt die Auflösung vom Anfang.
Löst sich der Bügel bei voller Fahrt vom Draht, spricht man von einer Entgleisung des Stromabnehmers.
Der Bügel kann sich dann in der Oberleitung verhaken.
Was folgt, ist der gefürchtete Oberleitungsschaden.
Der Draht reißt auf mehreren hundert Metern herunter.
Was dann passiert
STROM SOFORT WEG
Die Strecke wird abgeschaltet. Jeder Zug im Abschnitt bleibt stehen, wo er ist.
REPARATUR IN STUNDEN
Ein Turmwagen muss anrücken und den Draht neu spannen. Das dauert selten unter drei Stunden.
RÄUMUNG DANACH
Die stehen gebliebenen Züge müssen erst abgeschleppt oder geräumt werden.
Deshalb legt ein einziger Schaden oft einen halben Tag lang eine Hauptstrecke still.
Ausgelöst wird das oft von Kleinigkeiten.
Ein vereister Draht, ein Stück Folie im Wind, ein Ast nach dem Sturm.
„Wir haben derzeit keinen Strom auf der Strecke.“
→ Übersetzt: Wir warten auf den Turmwagen. Nehmen Sie sich etwas zu lesen.
Warum manche Züge zwei haben
Viele Loks tragen zwei Bügel auf dem Dach.
Gebraucht wird meist nur einer. Der zweite ist Reserve.
Bei Grenzübergangen kommt ein anderer Grund dazu.
Verschiedene Länder haben verschiedene Drahthöhen und Schleifleistenbreiten.
Eine Lok für mehrere Länder braucht deshalb passende Bügel für jedes System.
Und wo gar kein Draht hängt, hilft auch der beste Bügel nicht. Dort fahren Diesel- oder Akkuzüge.
Warum manchmal Funken fliegen
Bei Nacht sieht man es gut: kurze Blitze zwischen Bügel und Draht.
Das ist ein Lichtbogen und meist harmlos.
Er entsteht, wenn der Kontakt für Sekundenbruchteile abreißt.
Ursache sind Unebenheiten im Draht oder Eis auf der Leitung.
Im Winter passiert das häufiger, deshalb sieht man dann mehr Funken.
Bei starkem Eis fährt die Bahn nachts extra Züge, die den Draht freikratzen.
Der Bügel im Bahnhof
Manche Züge senken ihn ab, wenn sie länger stehen.
Dann versorgt eine Batterie oder ein Landanschluss das Licht.
In Werkstätten ist die Oberleitung oft abgeschaltet.
Deshalb sieht man dort Züge mit eingeklapptem Bügel.
Und beim Rangieren hilft manchmal eine Diesellok, damit gar kein Draht nötig ist.
Warum er manchmal abgesenkt wird
Manchmal siehst du einen Zug ohne angelegten Bügel rollen.
Das ist kein Defekt.
An manchen Stellen ist die Oberleitung unterbrochen.
Diese Stellen heißen Schutzstrecken.
Dort trennen sich zwei Speiseabschnitte voneinander.
Der Zug rollt mit Schwung hindurch.
Danach nimmt er wieder Strom auf.
Auch vor Werkstatthallen wird abgesenkt.
Dort arbeiten Menschen auf dem Dach.
Und bei starkem Eis wird gelegentlich mit zwei Bügeln gefahren.
Der vordere kratzt dann das Eis vom Draht.
Warum manche Züge zwei Stromabnehmer haben
Es gibt drei Gründe, und alle haben mit Sicherheit zu tun.
Erstens die Reserve. Wird einer beschädigt, kann der Zug mit dem zweiten weiterfahren.
Zweitens verschiedene Bauformen. Ein Mehrsystemzug braucht für jedes Land die passende Schleifleistenbreite.
Drittens die Stromstärke. Bei niedriger Spannung fließt mehr Strom, dann sind zwei Bügel besser als einer.
Im Normalfall ist trotzdem nur einer oben. Zwei gleichzeitig würden den Draht in Schwingung versetzen.
Warum der Bügel manchmal abgesenkt wird
Wenn du unterwegs plötzlich ohne Licht und Klimaanlage dasitzt, steckt oft genau das dahinter.
An bestimmten Stellen gibt es Schutzstrecken. Dort ist die Oberleitung stromlos, etwa an der Grenze zweier Speiseabschnitte.
Der Zug rollt dann mit Schwung hindurch. Die Bordtechnik schaltet für Sekunden ab.
Auch bei einem Schaden an der Oberleitung senkt der Lokführer den Bügel sofort.
Und beim Abstellen im Bahnhof geht er runter, damit niemand am stehenden Zug in Gefahr gerät.
Alle Fragen zum Thema
Wie funktioniert ein Stromabnehmer?
Ein gefederter Bügel drückt von unten gegen den Fahrdraht. Oben sitzen Kohleschleifleisten, die den Strom abnehmen. Die Federung sorgt dafür, dass der Kontakt auch bei Unebenheiten hält.
Warum sind die Schleifleisten aus Kohle?
Weil Kohle weicher ist als Kupfer. So nutzt sich die Leiste ab und nicht der teure Fahrdraht. Die Leisten werden regelmäßig gewechselt.
Warum fliegen manchmal Funken?
Weil der Kontakt kurz abreißt, etwa bei Eis, Wind oder einer Unebenheit im Draht. Kleine Lichtbögen sind normal. Dauerhaftes Funken deutet auf einen Schaden hin.
Was passiert, wenn der Bügel abreißt?
Er verhakt sich oft in der Oberleitung und reißt sie mit. Das ist der klassische Oberleitungsschaden. Deshalb gibt es eine automatische Senkeinrichtung, die den Bügel bei Beschädigung sofort herunterzieht.
Warum drückt der Bügel nach oben und hängt nicht?
Weil der Fahrdraht dadurch immer berührt wird, auch wenn er in der Höhe schwankt. Der Anpressdruck ist genau eingestellt. Zu wenig führt zu Funken, zu viel verschleißt den Draht.
Welcher Bügel wird bei zwei genutzt?
Meist der hintere. Wenn er Schäden am Draht verursacht, trifft es nicht den Bügel dahinter. Bei Mehrsystemzügen entscheidet zusätzlich das Land.
Warum sind Stromabnehmer im Ausland anders?
Weil Fahrdrahthöhe und Wippenbreite je Land unterschiedlich sind. In Deutschland ist die Wippe breiter als in Frankreich. Mehrsystemloks tragen deshalb mehrere Bauformen.
Wie schnell kann ein Stromabnehmer arbeiten?
Bis über dreihundert Stundenkilometer. Bei höherem Tempo wird die Welle im Draht zum Problem. Für sehr schnelle Fahrten gibt es besonders leichte Bauformen.
Warum steht der Zug still, wenn der Bügel unten ist?
Weil ohne Kontakt kein Strom fließt. Elektrische Züge haben keinen nennenswerten Energiespeicher. Nur Akkuzüge können ein Stück ohne Draht weiterfahren.
Der Chefübersetzer sagt
„Ein Kohlestreifen von der Größe eines Lineals versorgt 400 Tonnen Zug mit Strom. Und legt bei Verlust eine ganze Region lahm.“
Das heißt für dich am Gleis
1. Oberleitungsschaden heißt: mehrere Stunden. Plane sofort um, nicht erst nach der dritten Durchsage.
2. Der Zug ist stromlos, aber sicher. Aussteigen ins Gleis ist lebensgefährlich.
3. Bei Sturmwarnung früher fahren. Die meisten Schäden entstehen durch Wind und Eis.
Weiterfahrt
→ Oberleitung – Begriff 011 im Wörterbuch
→ Zugausfall – Begriff 028
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