Stimmt es, dass Züge im Herbst wegen Laub rutschen? Schmierfilm, Sand und Schienenreinigung erklärt

Bahn-Slam · Stimmt es, dass …?

„Sehr geehrte Fahrgäste, wegen Laub auf den Gleisen verzögert sich die Weiterfahrt. Ja, wegen Blättern. Wir erklären das gleich.“

Stimmt es, dass Züge im Herbst wegen Laub rutschen?

→ Stimmt. Ein Blatt unter einem Zugrad wird zu Seife – und eine Schiene mit Seife ist eine Eisbahn aus Stahl.

Lesezeit: 7 Minuten · Mythen-Check · Technik

Kurz gesagt

Ja, das stimmt – und es ist keine Ausrede. Wenn ein Rad mit vielen Tonnen Last über feuchtes Laub rollt, werden die Blätter zu einem harten, schwarzen Film auf der Schiene. Dieser Film ist so glatt wie Seife: Räder drehen beim Anfahren durch und blockieren beim Bremsen. Züge brauchen dann länger zum Anfahren, rutschen über Halte hinaus und fahren vorsichtiger. Dagegen helfen Sand vor den Rädern, Hochdruckwasser auf der Schiene und der Rückschnitt der Bäume – aber ganz weg geht es nie.

Es ist Oktober, sieben Uhr, Nieselregen.

Der Regionalzug fährt an, die Räder heulen kurz auf, der Zug bleibt fast stehen – und kommt dann doch in Fahrt.

Beim nächsten Halt rutscht er zwei Wagenlängen über das Ende des Bahnsteigs hinaus und muss zurücksetzen.

Die Durchsage sagt: „Laub auf den Gleisen.“

Der Satz klingt wie eine Ausrede – er ist keine.

Ein Blatt unter einem Zugrad wird zu Seife, und eine Schiene mit Seife ist eine Eisbahn aus Stahl.

Herbstlaub bedeckt die Schienen
Laub auf den Schienen: Was hier hübsch aussieht, ist für ein Zugrad eine Rutschbahn. Foto: Andrew Bone, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Wie aus Blättern Seife wird

Ein Zugrad drückt mit vielen Tonnen auf eine Kontaktfläche, die kaum größer ist als eine Ein-Euro-Münze.

Fallen Blätter auf die Schiene, werden sie unter diesem Druck zerquetscht – bei Feuchtigkeit entsteht ein dünner, schwarzer, harter Film.

Er besteht aus Pflanzenstoffen, Wasser, Bremsstaub und Rost und haftet so fest, dass man ihn mit einem Lappen nicht wegbekommt.

Auf trockener, sauberer Schiene greift ein Stahlrad gut; auf dem Laubfilm sinkt die Haftung auf einen Bruchteil.

Fachleute sprechen vom Reibwert: Von rund einem Drittel fällt er auf Werte, wie man sie von Eis kennt.

Was dann im Zug passiert

Beim Anfahren drehen die Räder durch wie ein Auto auf Glatteis – die Elektronik nimmt Leistung weg, der Zug kommt nur langsam in Gang.

Beim Bremsen ist es gefährlicher: Die Räder blockieren und gleiten, der Bremsweg wird länger.

Züge rutschen dann über Bahnsteigenden hinaus oder überfahren im schlimmsten Fall ein Signal.

Deshalb bremsen Lokführer im Herbst früher und sanfter – und deshalb dauert alles ein bisschen länger.

Blockierte Räder bekommen außerdem Flachstellen: eine abgeschliffene Fläche am Rad, die man danach bei jeder Umdrehung als Klopfen hört und die in die Werkstatt muss.

Laub und Schiene in Zahlen

≈ 1 Münze

Kontaktfläche

so klein ist die Fläche, auf der ein Rad die Schiene berührt

500 bar

Wasserdruck

mit dem der Reinigungszug „Schrubbi“ der S-Bahn Hamburg die Schiene freispritzt

8 × 20 l

Sand an Bord

so viele Sandbehälter hat eine Straßenbahn in Magdeburg

5–10 s

Sandstoß

so lange bläst Druckluft Sand vor die Räder, wenn sie durchdrehen

Okt–Nov

Laubsaison

die Reinigungszüge fahren bis Ende November

Quellen: S-Bahn Hamburg, Hamburger Hochbahn, Magdeburger Verkehrsbetriebe, Spektrum der Wissenschaft. Reibwerte gerundet.

Sand, Wasser, Säge: Was die Bahn dagegen tut

Das älteste Mittel ist Sand: Züge und Straßenbahnen führen Sandbehälter mit und blasen bei Bedarf Druckluftstöße von fünf bis zehn Sekunden vor die Räder.

Das zweite Mittel ist Wasser: Die S-Bahn Hamburg schickt im Herbst einen umgebauten Zug los, der mit 500 bar Druck den Film von den Schienen spritzt – die Hamburger nennen ihn „Schrubbi“.

Das dritte Mittel ist die Säge: Die Bahn schneidet entlang der Strecken Bäume und Büsche zurück, damit weniger Laub auf die Gleise fällt.

In Großbritannien und den Niederlanden wird die Schiene zusätzlich mit einem Gel behandelt, das die Haftung erhöht – dort wäre der Sandverbrauch sonst zu hoch.

Und das vierte Mittel ist Übung: Lokführer lernen jedes Jahr aufs Neue, im Herbst früher zu bremsen.

Reinigungszug entfernt Laub von britischen Schienen
Schienenreinigung in Großbritannien: Ein Sonderzug spült und behandelt die Schienenköpfe. Foto: Roger Carvell, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Warum es Laub schwerer macht als Schnee

Schnee lässt sich räumen, Weichen lassen sich heizen – Laub kommt jeden Tag neu und in Mengen, die keiner räumen kann.

Ein einziger Baum am Gleis reicht für hundert Meter Schmierfilm. Bei 33.400 Kilometern Netz ist der Herbst deshalb keine Störung, sondern eine Jahreszeit.

Manche Bahnen fahren im Herbst mit angepassten Fahrzeiten, bremsen früher und halten mehr Reserve vor – man merkt es nur, wenn es nicht reicht.

Nicht nur die Bremse leidet

Der Laubfilm isoliert auch elektrisch.

Viele Strecken erkennen einen Zug daran, dass seine Räder zwei Schienen leitend verbinden – der Gleisstromkreis.

Liegt ein Isolierfilm dazwischen, „verschwindet“ der Zug für die Technik kurz vom Schirm.

Auch Sand kann diese Verbindung stören – deshalb ist das Sanden genau geregelt und keine Frage des Gefühls.

Laub auf einem Straßenbahngleis in Strausberg
Straßenbahngleis in Strausberg im Dezember 2025: Auch die Kleinen kämpfen mit den Blättern. Foto: Lukas Beck, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Das Urteil

Stimmt. Laub macht Schienen glatt wie Eis, weil Zugräder Blätter zu einem harten Schmierfilm pressen.

Züge fahren dann langsamer an, bremsen früher und rutschen manchmal über den Halt hinaus. Das ist Physik, keine Ausrede.

Sand, Hochdruckwasser und Baumschnitt helfen – ganz verhindern lässt sich der Herbst nicht.

Häufige Fragen zu Laub und Schiene

Warum rutschen Züge im Herbst?
Weil Zugräder Blätter unter hohem Druck zu einem harten, glatten Film auf der Schiene pressen. Der Reibwert fällt auf Werte wie bei Eis; Räder drehen durch oder blockieren.
Ist das eine Ausrede der Bahn?
Nein. Der Laubfilm ist ein bekanntes physikalisches Problem, mit dem Bahnen weltweit kämpfen – von der S-Bahn Hamburg bis zur britischen Network Rail.
Was ist ein Reibwert?
Ein Maß dafür, wie gut ein Rad auf der Schiene greift. Trocken liegt er bei etwa einem Drittel, mit Laubfilm sinkt er auf einen Bruchteil davon.
Was hilft dagegen?
Sand vor den Rädern, Hochdruckwasser auf der Schiene, Rückschnitt der Bäume, in manchen Ländern ein Haftgel – und Lokführer, die früher bremsen.
Was ist „Schrubbi“?
Ein umgebauter S-Bahn-Zug in Hamburg, der die Schienen im Herbst mit 500 bar Wasserdruck reinigt. Er fährt bis Ende November.
Was sind Flachstellen?
Abgeschliffene Flächen am Rad, die entstehen, wenn es beim Bremsen blockiert und über die Schiene rutscht. Man hört sie als Klopfen; der Zug muss in die Werkstatt.
Warum werden im Herbst mehr Züge langsamer?
Weil Lokführer früher und sanfter bremsen müssen und Züge langsamer anfahren. Das summiert sich über den Tag zu Verspätungen.
Warum stört Laub auch die Signaltechnik?
Weil der Film die Räder von der Schiene isoliert. Viele Anlagen erkennen Züge über den Stromkreis zwischen den Schienen – ohne Kontakt wird der Zug kurz unsichtbar.

Quellen

S-Bahn Hamburg Magazin: „Was macht Laub auf unseren Schienen?“; Hamburger Hochbahn: „Herausforderung Laub auf den Gleisen und die Wunderwaffe Spritzzug“; Magdeburger Verkehrsbetriebe (Volksstimme); Spektrum der Wissenschaft: „Warum verspätet sich die Bahn durch Laub?“; Deutsche Bahn: Vegetationsmanagement.

Reibwerte sind gerundete Größenordnungen aus der Fachliteratur. Stand: September 2026.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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