Bahn-Slam · Stimmt es, dass …?
„Sehr geehrte Fahrgäste, wegen Laub auf den Gleisen verzögert sich die Weiterfahrt. Ja, wegen Blättern. Wir erklären das gleich.“
Stimmt es, dass Züge im Herbst wegen Laub rutschen?
→ Stimmt. Ein Blatt unter einem Zugrad wird zu Seife – und eine Schiene mit Seife ist eine Eisbahn aus Stahl.
Lesezeit: 7 Minuten · Mythen-Check · Technik
Kurz gesagt
Ja, das stimmt – und es ist keine Ausrede. Wenn ein Rad mit vielen Tonnen Last über feuchtes Laub rollt, werden die Blätter zu einem harten, schwarzen Film auf der Schiene. Dieser Film ist so glatt wie Seife: Räder drehen beim Anfahren durch und blockieren beim Bremsen. Züge brauchen dann länger zum Anfahren, rutschen über Halte hinaus und fahren vorsichtiger. Dagegen helfen Sand vor den Rädern, Hochdruckwasser auf der Schiene und der Rückschnitt der Bäume – aber ganz weg geht es nie.
Es ist Oktober, sieben Uhr, Nieselregen.
Der Regionalzug fährt an, die Räder heulen kurz auf, der Zug bleibt fast stehen – und kommt dann doch in Fahrt.
Beim nächsten Halt rutscht er zwei Wagenlängen über das Ende des Bahnsteigs hinaus und muss zurücksetzen.
Die Durchsage sagt: „Laub auf den Gleisen.“
Der Satz klingt wie eine Ausrede – er ist keine.
Ein Blatt unter einem Zugrad wird zu Seife, und eine Schiene mit Seife ist eine Eisbahn aus Stahl.

Wie aus Blättern Seife wird
Ein Zugrad drückt mit vielen Tonnen auf eine Kontaktfläche, die kaum größer ist als eine Ein-Euro-Münze.
Fallen Blätter auf die Schiene, werden sie unter diesem Druck zerquetscht – bei Feuchtigkeit entsteht ein dünner, schwarzer, harter Film.
Er besteht aus Pflanzenstoffen, Wasser, Bremsstaub und Rost und haftet so fest, dass man ihn mit einem Lappen nicht wegbekommt.
Auf trockener, sauberer Schiene greift ein Stahlrad gut; auf dem Laubfilm sinkt die Haftung auf einen Bruchteil.
Fachleute sprechen vom Reibwert: Von rund einem Drittel fällt er auf Werte, wie man sie von Eis kennt.
Was dann im Zug passiert
Beim Anfahren drehen die Räder durch wie ein Auto auf Glatteis – die Elektronik nimmt Leistung weg, der Zug kommt nur langsam in Gang.
Beim Bremsen ist es gefährlicher: Die Räder blockieren und gleiten, der Bremsweg wird länger.
Züge rutschen dann über Bahnsteigenden hinaus oder überfahren im schlimmsten Fall ein Signal.
Deshalb bremsen Lokführer im Herbst früher und sanfter – und deshalb dauert alles ein bisschen länger.
Blockierte Räder bekommen außerdem Flachstellen: eine abgeschliffene Fläche am Rad, die man danach bei jeder Umdrehung als Klopfen hört und die in die Werkstatt muss.
Laub und Schiene in Zahlen
≈ 1 Münze
Kontaktfläche
so klein ist die Fläche, auf der ein Rad die Schiene berührt
500 bar
Wasserdruck
mit dem der Reinigungszug „Schrubbi“ der S-Bahn Hamburg die Schiene freispritzt
8 × 20 l
Sand an Bord
so viele Sandbehälter hat eine Straßenbahn in Magdeburg
5–10 s
Sandstoß
so lange bläst Druckluft Sand vor die Räder, wenn sie durchdrehen
Okt–Nov
Laubsaison
die Reinigungszüge fahren bis Ende November
Quellen: S-Bahn Hamburg, Hamburger Hochbahn, Magdeburger Verkehrsbetriebe, Spektrum der Wissenschaft. Reibwerte gerundet.
Sand, Wasser, Säge: Was die Bahn dagegen tut
Das älteste Mittel ist Sand: Züge und Straßenbahnen führen Sandbehälter mit und blasen bei Bedarf Druckluftstöße von fünf bis zehn Sekunden vor die Räder.
Das zweite Mittel ist Wasser: Die S-Bahn Hamburg schickt im Herbst einen umgebauten Zug los, der mit 500 bar Druck den Film von den Schienen spritzt – die Hamburger nennen ihn „Schrubbi“.
Das dritte Mittel ist die Säge: Die Bahn schneidet entlang der Strecken Bäume und Büsche zurück, damit weniger Laub auf die Gleise fällt.
In Großbritannien und den Niederlanden wird die Schiene zusätzlich mit einem Gel behandelt, das die Haftung erhöht – dort wäre der Sandverbrauch sonst zu hoch.
Und das vierte Mittel ist Übung: Lokführer lernen jedes Jahr aufs Neue, im Herbst früher zu bremsen.

Warum es Laub schwerer macht als Schnee
Schnee lässt sich räumen, Weichen lassen sich heizen – Laub kommt jeden Tag neu und in Mengen, die keiner räumen kann.
Ein einziger Baum am Gleis reicht für hundert Meter Schmierfilm. Bei 33.400 Kilometern Netz ist der Herbst deshalb keine Störung, sondern eine Jahreszeit.
Manche Bahnen fahren im Herbst mit angepassten Fahrzeiten, bremsen früher und halten mehr Reserve vor – man merkt es nur, wenn es nicht reicht.
Nicht nur die Bremse leidet
Der Laubfilm isoliert auch elektrisch.
Viele Strecken erkennen einen Zug daran, dass seine Räder zwei Schienen leitend verbinden – der Gleisstromkreis.
Liegt ein Isolierfilm dazwischen, „verschwindet“ der Zug für die Technik kurz vom Schirm.
Auch Sand kann diese Verbindung stören – deshalb ist das Sanden genau geregelt und keine Frage des Gefühls.

Das Urteil
Stimmt. Laub macht Schienen glatt wie Eis, weil Zugräder Blätter zu einem harten Schmierfilm pressen.
Züge fahren dann langsamer an, bremsen früher und rutschen manchmal über den Halt hinaus. Das ist Physik, keine Ausrede.
Sand, Hochdruckwasser und Baumschnitt helfen – ganz verhindern lässt sich der Herbst nicht.
Häufige Fragen zu Laub und Schiene
Warum rutschen Züge im Herbst?
Ist das eine Ausrede der Bahn?
Was ist ein Reibwert?
Was hilft dagegen?
Was ist „Schrubbi“?
Was sind Flachstellen?
Warum werden im Herbst mehr Züge langsamer?
Warum stört Laub auch die Signaltechnik?
Quellen
S-Bahn Hamburg Magazin: „Was macht Laub auf unseren Schienen?“; Hamburger Hochbahn: „Herausforderung Laub auf den Gleisen und die Wunderwaffe Spritzzug“; Magdeburger Verkehrsbetriebe (Volksstimme); Spektrum der Wissenschaft: „Warum verspätet sich die Bahn durch Laub?“; Deutsche Bahn: Vegetationsmanagement.
Reibwerte sind gerundete Größenordnungen aus der Fachliteratur. Stand: September 2026.
Weiterfahrt
→ Sandstreuer – das älteste Mittel gegen glatte Schienen
→ Stimmt es, dass Hitze die Gleise verbiegt? – der Sommer-Mythos
→ Folgeverspätung – wie aus fünf Minuten zwei Stunden werden
